Die Unbefleckte Empfängnis
Als Garcia Moreno von seinen Mördern aus Hass gegen die Religion niedergestochen wurde, leuchtete in seinen Augen ein letztes Lebenszeichen auf und er murmelte: "Gott stirbt nicht!" Herrliche Worte des Glaubens und der Hoffnung. Der Allmächtige ist nicht zu besiegen.
Als aber der Allerhöchste in seinem Schöpfungswerk seine überfließende Liebe zum Ausdruck bringen wollte, scheint er da nicht zwei Niederlagen hintereinander erlitten zu haben?
Er schuf die Engel, um sie an seinen unendlichen Freuden teilhaben zu lassen. Aber ein großer Teil von ihnen zog die Befriedigung des eigenen Stolzes der Seligkeit der göttlichen Liebe vor.
Er schuf unsere Ureltern für ein Glück, das die höchsten Ansprüche des Menschenherzens bei weitem übertraf. Und dennoch entfernten sie sich in undankbarer Weise von ihrem Herrn und Wohltäter.
Gott erschuf ein wunderbares Geschöpf, das den Menschen im Glanz seiner ursprünglichen Unschuld an Schönheit übertreffen sollte, und dessen strahlende Vollkommenheit die der leuchtendsten Engel verblassen lassen würde. Als die Zeit erfüllt war, führte er dieses Meisterwerk seines Verstandes und seiner Liebe gänzlich aus:
Er schuf die Jungfrau Maria.
Es gilt, gut zu verstehen, worin diese einzigartige Bevorzugung bestand.
Die Empfängnis Mariens änderte in keiner Weise die allgemeinen Gesetzlichkeiten, nach denen die Menschen zur Welt kommen. Maria wurde nicht etwa durch die wunderbare Kraft des Heiligen Geistes gebildet, wie dies später mit ihrem göttlichen Sohn geschehen sollte. Sie hatte Vater und Mutter. Gott aber, der Joachim und Anna seit aller Ewigkeit dazu ausersehen hatte, der Himmelskönigin das Leben zu schenken, hatte beiden ein hohes Mass an Heiligkeit geschenkt. Ihre hehre Aufgabe erhebt sie derart über alle anderen Seligen, dass wir ihnen ohne Zweifel eine ganz besondere Verehrung schulden. Nur zu oft vergessen wir dies, und zwar durchaus zu Unrecht, denn diese beiden großen Seelen genießen einen außerordentlichen Einfluss auf das Herz ihrer geliebten Tochter.
Der Vorzug der Unbefleckten Empfängnis besteht in der Befreiung von der verhängnisvollen Erbschaft, die wir von Geburt an mit uns tragen. In dem Augenblick, in dem unserem Körper das Leben zuteil wird, erhält unsere Seele den Tod. Wir werden geboren als Kinder des Zorns: natura filii irae (Eph. 2,3). Während der ganzen Dauer unseres vergänglichen Daseins spüren wir die Folgen der Ursünde auf uns lasten. Wir lassen uns vom Irrtum verführen. Wir verfügen in uns selbst nicht über genügende Kraft, um den Versuchungen zu widerstehen. Unser verderbtes Fleisch wird vom Feuer der Lüsternheit verzehrt. Unsere Herzen werden von Versuchungen zerrissen. Unsere Körper werden von Krankheiten gequält. Schließlich sehen wir mit Angst und Schrecken dem Tod entgegen. Und dann auch noch die höchste Schmach: Die Verwesung zersetzt unseren Leichnam und die Würmer streiten sich um unsere Überreste. Wie lastet der Fluch auf uns, den Gott über adams Sünde geschleudert hat! Wie verständlich klingt der Klageschrei Jobs in seinem Elend: "Vertilgt sei der Tag, an dem ich geboren." Pereat dies in qua natus sum, et nox in qua dictum est: conceptus est homo (Job 3,3)
Tausendmal gebenedeit sei dagegen der Tag, an dem die Himmelskönigin empfangen wurde. In dem feierlichen Augenblick, in dem Gott eine Seele schuf, um sie mit dem kleinen jungfräulichen Körper zu vereinen, ließ er diese vollkommen weiß, strahlend und rein aus seiner mächtigen Hand hervorgehen. Nicht eine Minute, nicht eine Sekunde, ja nicht einmal einen unfinitesimalen Bruchteil einer Sekunde lang war diese kostbare Seele von der Erbschuld befleckt.
So wie Maria von der Erbsünde verschont blieb, so durfte sie logischerweise auch nicht den Folgen der Sünde unterworfen sein.
Betrachtet die Seele der allerseligsten Jungfrau Maria! Keinerlei Beschränkung verringert ihren Verstand - den tiefsten, lebendigsten, aufgeklärtesten, den es je gab, abgesehen natürlich von dem unseres Herrn Jesus Christus. Keinerlei Schwäche schmälert ihren Willen - den stärksten, den inbrünstigsten, den begeistertsten, den es je gab. Keine Selbstsucht verengte ihr das Herz - das weiteste, das großmütigste, das liebevollste, das es je gab.
Der Glanz ihrer Unbefleckten Empfängnis strömt aus ihrem Körper. Die Begehrlichkeit, die uns so großen Schaden zufügt, was in ihr nicht zu spüren. Für Krankheiten war sie unanfällig. Schließlich durfte die Heilige Jungfrau auch nicht, wie die übrige Menschheit, dem Schmerz und dem Tod unterworfen sein. Dennoch wollte Gott, dass sie leiden und sterben sollte, damit sie an sich selbst unsere Drangsale erführe und ihre Barmherzigkeit uns gegenüber noch mütterlicher und mitleidiger würde.
Wir beugen uns hier nur über einen Teil dieses großen Mysteriums. Dem Allerhöchsten war es nicht genug. Maria im Zustand der Gnade zu erschaffen, wie er dies bereits mit den Engeln und unseren Ureltern getan hatte. Er schmückte ihre Seele auch in so hohem Grad mit allen Tugenden aus, dass unser Geist einen derartigen Glanz überhaupt nicht zu fassen vermag. Die Theologen lehren uns, dass die allerseligste Jungfrau Maria in diesem ersten Augenblick nicht nur den höchststehenden Engel, sondern alle Engel und Heiligen zusammen an Vollkommenheit übertraf.
Diese strahlende Schönheit ist derart unvergleichlich, dass sie in der Heiligen Schrift sogar dem Heiligen Geist einen Bewunderungsruf entlockt: "Alles an dir ist schön, meine Schwester, meine Braut, und kein Makel haftet dir an." Tota pulchra es et macula non est in te. (Hl 4,7)
Als Pius IX. das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis verkündete, jubelte der ganze katholische Erdkreis voller Freude. Die Kanonen des Kastells Sant´Angelo, wo damals noch die päpstliche Standarte im hellen Licht Roms wehte, verkündeten der Welt die freudige Botschaft. In allen Ländern brachten die Gläubigen ihre Freude zum Ausdruck; in vielen Städten wurden spontan die Häuser geschmückt und beleuchtet.
Es ist durchaus verständlich, dass das christliche Herz aufjubelt, wenn es sieht, wie die Krone seiner Mutter mit einer weiteren Zierde geschmückt wird. Trägt aber dieses Privileg der allerseligsten Jungfrau auch zum sittlichen Wohlergehen unserer Seele bei? Erhebt es nicht vielmehr Unsere Liebe Frau in Höhen, die sie noch mehr von unserem Elend entfernen müssen?
Wir hätten nur wenig katholischen Sinn, wenn wir nicht gerade in der Unbefleckten Empfängnis Mariens den Grund ihrer fast unendlichen Güte entdeckten.
Jeder Mensch trägt eine angeborene Großzügigkeit in sich, die ihn in gewissen Stunden der bewundernswertesten Hingabe fähig macht. Wer nie auf dem Schlachtfeld stand, wird nie erfahren, zu was für Heldentaten die Seele des Menschen fähig ist. Wie viele junge Männer erboten sich, gefährliche Aufgaben zu übernehmen, nur um auf diese Weise ältere Kameraden zu schonen! Sie wußten sehr wohl, welchen Gefahren sie sich damit aussetzten, und dennoch gingen sie dem Tod mit einem Lächeln auf den Lippen entgegen, denn ihr Opfer sollte einem Vater das Leben bewahren, dem später seine Kinderlein aus der weißen Wiege entgegenlächeln würden.
Leider vereitelten zahlreiche Hindernisse das volle Aufblühen dieser uns angeborenen Großzügigkeit, dieses herrlichen Überrestes unserer ursprünglichen Schönheit. Wir kennen diese Hindernisse aus eigener Erfahrung. Überdeckt oft nicht die schneidende Stimme des Interesses den spontanen Ausruf des Mitleids, wenn sich unser Herz angesichts eines Elends ergriffen zeigt? Hindert uns nicht der Hang zu Wohlstand und Vergnügen daran, dem Leiden des Nächsten Aufmerksamkeit zu schenken? Unsere Selbstsucht lähmt unsere Güte und erdrosselt sie oft sogar vollkommen.
Die Himmelskönigin kennt dieses unser Elend nicht. Keine Selbstsucht könnte in ihr Drang zu Barmherzigkeit und Zärtlichkeit hemmen.
Mehr noch. Als Gott die Seele Mariens schuf, tat er dies in größtmöglicher Anlehnung an seine eigene anbetungswürdige Vollkommenheit. Nun ist Gott aber unendlich gut. Also hat ihn diese Güte veranlasst, uns immer wunderbarere Gnaden zu schenken. Und es war diese Güte, die das fleischgewordene Wort zur höchsten Torheit des Kreuzes veranlasst hat. Wie ihr Sohn trägt auch die allerseligste Jungfrau die Glut der Liebe in ihrem Herzen, und diese Glut hört nie auf, für uns zu brennen. Sie hätte niemals gezögert, tausend- und aber tausendmal ihr Leben für unser Wohl hinzugeben. Wenn ihre Schmerzen auf Golgotha auch nicht den unendlichen Wert der Schmerzen Jesu hatten - schließlich ist sie nur ein Geschöpf -, an Intensität standen sie denen des Heilands nur wenig nach. Es grenzt schon an ein Wunder, dass Maria unter dem Kreuz nicht tot zu Boden sank.
Man könnte sagen, dass uns Maria selbst die Beziehung erklären wollte, die zwischen ihrer jungfräulichen Reinheit und ihrer Güte besteht. Denkt an die wunderbare Grotte (von Lourdes), wo sie am Ufer des Gave den Thron ihrer Barmherzigkeit aufgestellt hat. Die Wunder geschehen dort ohne Unterlass. Was aber hat dort die weiß gekleidete Erscheinung auf Bernardettes Fragen geantwortet? Sie faltete die Hände, über ihr Gesicht ging ein noch strahlenderes Lächeln, und indem sie die Augen zum Himmel erhob, sprach sie mit einem Ausdruck unsagbarer Dankbarkeit: "Ich bin die Unbefleckte Empfängnis". Damit wollte sie uns indirekt sagen: "Danket mit mir dem Allmächtigen, dass er mich vor der Erbsünde bewahrt hat. Nur weil ich die Reinste bin, kann ich für euch auch die Gütigste sein."
Hoffentlich vermögen diese Betrachtungen einen praktischen, unzerstörbaren Glauben an die Güte Mariens in euch zu entfachen. Glaubt fest mit dem heiligen Bernhard, dass ihr eure himmlische Mutter nie umsonst anrufen werdet.
Vertraut ihr die Interessen eurer Seele an. Sie wird euch in der Versuchung stärken. Sie wird euch einen kleinen Funken ihrer Liebe zu Jesus übergeben, und dieser Funke wird in eurer Seele das süße Feuer der göttlichen Liebe entfachen.
Vertraut ihr euer Herzeleiden an. Haben euch Undank und Kälte, die besonders grausam sind, wenn sie von Menschen ausgehen, die wir besonders gern haben, verletzt? Seid ihr zerbrochen an der Trauer, die mit einem Schlag die Freude unseres armen Daseins vernichtet? Sprecht mit Maria über eure Traurigkeit: Sie wird euch trösten, und die Tränen der Trauer werden sich in ein Weinen der Dankbarkeit verwandeln.
Vertraut ihr eure materiellen Sorgen an. Sie wird eure Geschäfte zum Besten wenden, so dass sie euren wahren Interessen dienen.
Schaut in all diesen Schwierigkeiten, in allen Lebenslagen, in jedem Augenblick zum süßen Stern des Meeres auf, ruft Maria an.
Respice stellam, voca Mariam.
(entnommen aus: Die Jungfrau Maria, von P. Thomas de Saint Laurent)