Die Letzten Dinge im Leben der Heiligen
Prof.Dr. Ferdinand Holböck, Salzburg
Zum rechten Verstehen des mir gestellten Themas "Die Letzten Dinge im Leben der Heiligen" beginne ich mit dem Bekenntnis, daß die Heiligen für mich authentische, d. h. echte, zuverlässige und von Gott durch Wunder beglaubigte Glaubenszeugen, u. a. auch für die Wahrheit von den Letzten Dingen, sind: Sie glaubten in ihrem Leben und Sterben an die Letzten Dinge und lebten daraus und starben mit der Gewißheit, daß der Tod für sie das Tor zum eigentlichen Leben in Herrlichkeit des Himmels ist.
Bei den Heiligen war es nicht so wie heute bei einem großen Prozentsatz von Menschen, auch Christen, auch Katholiken, die einem Fortleben nach dem Tod entweder äußerst skeptisch oder sogar total ungläubig gegenüberstehen. Die Heiligen glaubten im Leben und Sterben allen Anfechtungen zum Trotz im Glaubensbekenntnis auch an die letzten Artikel, also an die Aufersteheung des Fleisches und an ein ewiges Leben; sie waren in diesem ihrem Glauben persönlich überzeugt von dem, was sie im Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum kräftig formuliert so ausspachen: "... et e x p e c t o resurrectionem mortuorum et vitam venturi saeculi".
Wenn nun konkret über die Letzten Dinge oder Ereignisse im Leben der Heiligen gesprochen werden soll, so möchte ich mich auf die Feststellung konzentrieren, daß den Heiligen gegenüber dem Heidentum eine radikale gewandelte Sicht des Todes eigen war, und zwar die Sicht des Todes, wie sie unser Herr Jesus Christus in seiner Auferstehung grundgelegt und der Völkerapostel Paulus wohl am klarsten zum Ausdruck gebracht hat, etwa im prägnanten Bekenntnis: "Christus ist für mich das Leben und Sterben Gewinn" (Phil 1, 21). Dieser Satz umreißt eigentlich in äußerster Kürze das Anliegen, das fast in jedem der Briefe des hl. Paulus ausgesprochen wird: Teilnahme an Tod und Auferstehung Christi im Leben und Sterben des Christen und in seinem Fortleben in der Ewigkeit.
Für den hl Paulus bestand seit seiner Bekehrung vor Damaskus der Sinn des Lebens in nichts anderem mehr als nur darin: Christus Jesus vollende an mir und an allen zu Christus Gehörenden und an der ganzen Schöpfung das österliche Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung.
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1 Man vergleiche dazu etwa: Röm 6, 1-12; Kor 5, 14-21;6,9; Gal 2, 20; Eph 2, 1-7; Kol 2, 12; 2 Tim 2,11
Beachten wir, wie er das in Phil 3, 7-11 formuliert hat: "Was mir einst Gewinn war, das habe ich um Christi willen als Verlust erkannt. Ja noch mehr: Ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in Ihm zu sein ... Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinem Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen ... Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt. Das Ziel vor Augen jage ich nach dem Siegespreis, der himmlischen Berufung, die Gott (Vater) uns in Christus Jesus schenkt".
Aus dieser paulinischen Sicht des Todes und dem damit verbundenen Eintauchen in das österliche Geheimnis lebten letztlich eigentlich alle Heiligen.
Es ist ergreifend, an manchen Heiligen ganz besonders beeindruckend feststellen zu können, wie sie an das Mysterium paschale, an dem sie durch die Taufe und die Eucharistie Anteil erhalten hatten, sehr bewußt geglaubt und danach gelebt haben und in welchem sie entsprechend gestorben und hinübergegangen sind zur ewigen Anteilnahme an Christi Erlösertod und seiner Auferstehung.
Es wäre sicher aufschlußreich zu zeigen, was beispielweise die verschiedenen Kirchenlehrer über die Letzten Dinge (Tod, Gericht, Himmel, Hölle) gedacht und geschrieben haben. So war es sicher bereichernd, von Professor Dr. Leo Elders einen ausfürlichen Überblick über das Thema "Leben nach dem Tod in der Lehre des hl. Thomas von Aquin" zu bekommen. Mindestens ebenso wichtig, so scheint mir, wäre zu wissen, wie der hl. Thomas von Aquin aus dem österlichen Geheimnis gelebt und dann gestorben ist: Wie ergreifend ist doch der Bericht über sein unerwartetes Sterben in der Zisterzienserabtei Fossanuova, wie er noch seinen Glauben an die Realpräsenz Christi in der hl. Eucharistie bezeugt und dann das "Mysterium fidei" in aller Demut als Wegzehrung empfangen und dann für immer Anteil bekommen hat an Christi Tod und Auferstehung.
Mit Christi Tod und Auserstehung hat die eschatologische Endzeit, der "neue Himmel und die neue Erde" schon begonnen: das sichtbare rein geschöpfliche Zeichen dafür ist die mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommene jungfräuliche Gottesmutter Maria, die in diesem an ihr wunderbar erfolgten Ereignis eigentlich gar keine Ausnahme, sondern nur eine Vorausnahme dessen war und ist, was an allen Heiligen geschehen wird.
Fortsetzung folgt.
Die Heiligen glaubten an die Letzten Dinge und lebten aus dem Wissen um sie; sie übten sich immer wieder in das ein, was ein mutiger heiliger Laie, nähmlich Lordkanzler Thomas More (+1535) "Die Kunst des rechten Sterbens" nannte, der dann selbst großartig, ja sogar mit Humor starb.
Die Heiligen standen dem Tod gelassen gegenüber und nannten ihn "Bruder Tod", wie es beispielweise Franziskus von Assisi (+ 3. 10. 1226) in seinem "Sonnengesang" gatan hat: "Sei gelobt, mein Herr, durch unseren Bruder, den leiblichen Tod, dem kein Lebender entrinnt. Unheil aber wird jenen zuteil, die in Todsünde sterben. Doch selig jene, die in Deinem allerheiligsten Willen sich finden, denn der zweite Tod tut ihnen kein Leid mehr an".
Hier klingt neben dem Gedanken an den Tod auch der an das Gericht an. Durch die Sigmatisierung auf dem La Verne Berg war Franziskus zuletzt "ein Abbild des Gekreuzigten", ein "gekreuzigter Mensch", der mit Christus ans Kreuz geschlagen wurde. Denn zu den Wundmalen, die sehr schmerzhaft waren, kamen als weiteres Kreuz sein Augenleiden, durch das er immer mehr erblindete, dann die schwere Erkrankung an Magen und Leber, so daß ihm der Leib und die Füße anschwollen und er öfters Blut erbrach und die Brüder mehr als einmal seinen Tod befürchteten. Dennoch nannte er diese schmerzhaften Krankheiten seine "Schwestern"; und als ein Bruder meinte, Gott möge doch mit Franziskus milder verfahren, erhielt er vom Heiligen die Antwort: "Bruder, würde ich nicht deine Einfalt kennen, so würde ich jede Gemeinschaft mit dir abbrechen, weil du Gottes Fügungen an mir zu tadeln gewagt hast". Dann warf sich Franziskus trotz seiner Schmerzen auf den Boden und rief aus; "Ich danke Dir, mein Herr und Gott, für alle diese Qualen und bitte Dich, mir noch hundertmal schlimmere zu schicken, wenn es Dir gefällt; denn das ist mir das Liebste, wenn Du mich schonungslos heimsuchst: das Bewußtsein, Deinen Willen zu erfüllen, darin liegt für mich ein übergroßer Trost".
Als man Franziskus sagte, nach ärztlichem Ermessen werde er Anfang Oktober sterben, rief er freudig aus: "Sei willkommen, Bruder Tod!" Nachdem er im Angesicht des Todes noch einmal alle seine Brüder gesegnet hatten, ließ er sich noch aus dem Johannes-Evangelium (13, 1 ff.) den Bericht über die Abschiedsworte Jesu vorlesen und feierte mit den Seinen zum letzten Mal Tischgemeinschaft. wobei er jedem einen Bissen Brot reichte. Um dann dem entblößten Gekreuzigten auch im Sterben ganz ähnlich zu werden, ließ er sich entkleidet auf den Boden legen und gab freudig und dankbar seine Seele ihrem Schöpfer zurück.
Beides, der Gedanke an den Tod und an das persönliche Gericht, kommt auch im Bericht über das Sterben einer geistlichen Tochter des hl. Franziskus, nämlich der hl. Elisabeth von Thüringen (+17. 11. 1231), in ergreifender Weise zum Ausdrück. Im Lebensabriß dieser Heiligen, von ihrem Seelenführer Konrad von Marburg verfaßt, heißt es: "Als die Zeit Ihres Todes nahte und sie noch gesund war, ich aber von einer ziemlich schweren Krankheit geplagt wurde, fragte ich sie, wie sie nach meinem Tod ihr Leben einrichten wolle. Veranlaßt durch diese Frage sagte sie mir mit aller Bestimmtheit ihren nahen Tod voraus: In einem Gesicht sei ihr der Herr erschienen und habe ihr mit sanfter Stimme zugerufen: `Meine Geliebte, komm in die Wohnungen, die dir von Ewigkeit bereitet sind!`
Am vierten Tag nach diesem meinem Gespräch mit ihr fiel Elisabeth in eine Krankheit. Als sie dann mehr als 12 Tage krank darniedergelegen war, versagte sie - es war am dritten Tag vor ihrem Tod - allen Personen weltlichen Standes den Zutritt zu ihr; auch die Adeligen, die doch häufig gekommen waren, um sie zu besuchen, ließ sie nicht mehr eintreten. Da nun jene fragten, warum sie so ausgeschlossen würden, sagte sie zu denen, die um ihre Krankenlager herum saßen, sie wolle noch nachsinnen über die Strenge des Gerichtes und über ihren allmächtigen Richter. Dann am Sonntag vor der Oktav des Martinifestes (16. November 1231) hörte ich nach der Mette noch ihre Beichte; sie hatte sich dabei aber durchaus nichts anderes vorzuwerfen als das, was sie mir oft schon gebeichtet hatte. Hierauf, um die erste Stunde, empfing sie den leib des Herrn. Dann sprach sie noch viel von dem Besten, was sie in Predigten gehört hatte ... Bald darauf verstummte sie. Süßeste Töne aber wurden ohne alle Bewegung ihrer Lippen und ihrer Kehle vernommen. Und als die Herumsitzenden sie fragten, was denn das sei, fragte sie uns, ob wir nicht auch die singenden Stimmen vernommen hätten. Nun lag sie von der Dämmerung an wie von himmlischer Freude erfüllt und mit Zeichen höchster Ergriffenheit bis zum ersten Hahnenschrei. Schließlich sagte sie: ´Siehe, die Stunde steht bevor, da die Jungfrau geboren hat!` Dann empfahl sie noch alle bei ihr Sitzenden voll Andacht Gott und ging wie im süßesten Schlaf aus diesem Erdenleben. Sie starb am 16. November im 25. Jahr ihres Lebens 7".
Elisabeth hat sich in ihrer Witwenschaft gewissenhaft an die 12 Lebensregeln gehalten, die ihr Beichtvater Magister Konrad von Marburg ihr gegeben hatte.
Die sechste dieser 12 Lebensregeln lautet: "Danke Gott dafür, daß Er dich durch seinen Tod von der Hölle und dem ewigen Tod erlöst hat".
Die elfte dieser 12 Lebensregeln aber heißt: "Denk immer daran, wie kurz des Menschen Leben ist und daß die Jungen so gut wie die alten sterben: Darum strebe immer nach dem e w i g e n L e b e n 8!"
Man könnte jetzt noch lange fortfahren mit Beispielen von Heiligen aus der Neuzeit; vor allem auch aus dem Leben und Sterben jener Heiligen, die Papst Johannes Plaul II. in den 14 Jahren seiner bisherigen Regierung selig- oder heiliggesprochen hat9: Es würde sich vielfach sehr eindrucksvoll zeigen, wie das Leben der Heiligen ein dauerndes Sich-Einüben in den Tod als das Tor zum eigentlichen Leben war, ob sich nun das äußerte in einer dauernden "begnadeten Angst" oder - wie bei vielen Märtyrern - in einem von einer Magnificat-Stimmung getragenen Hinaufstreiten zum Schaffott.
Man war durchdrungen von der tröstlichen Wahrheit, daß "denen die Gott lieben, alles zum Besten gereicht". Die heiligen wußten: "Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn; ob wir leben oder sterben, wir sind des Herrn" (Röm 14,8).
(http://www.pfarrealtlerchenfeld.at/Pictures/al2002/apsis.JPG)
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7 NIGG, W., Elisabeth von Thüringen, Düsseldorf 1963, 65-66
8 NIGG, W., ebd. S. 67-68
9 Ich darf hier auf meine beiden Bände "Die neuen Heiligen der katholische Kirche" (Christiana-Verlag,
Stein am Rhain 1991-1992) verweisen; der 3. Band ist gerade im Druck.