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römisch-katholisch => Fragen und Themen zum katholischen Glauben => Thema gestartet von: amos am 10. März 2012, 10:44:31

Titel: KIRCHE DES OSTENS: DIE NESTORIANER
Beitrag von: amos am 10. März 2012, 10:44:31
KIRCHE DES OSTENS: DIE NESTORIANER

Seine Wurzeln hat das Christentum eigentlich im Nahen Osten. In den ersten Jahrhunderten lagen die Hauptschwerpunkte sowie die größten Kirchen und Klöster in Syrien, Palästina und Mesopotamien. Syrisch war eine der Hauptsprachen der frühen Kirche, eine Sprache, die eng verwandt ist mit dem Aramäischen, das Jesus und seine Jünger sprachen. Prägend für die frühen Jahre des Christentums waren die Debatten um die Natur Christi. Auseinandersetzungen um die Frage, ob Christus nun nur Gott oder nur Mensch sei beziehungsweise wie die beiden Naturen sich in Christus vereint hätten, wurden teilweise auf höchst unchristliche Weise und nicht zuletzt mit roher Gewalt ausgetragen. Das Konzil von Nizäa 325 stellte die Göttlichkeit Christi fest. Aber in welchem Verhältnis standen die Göttlichkeit und die Menschlichkeit Christi?
Die Zwei-Naturen-Lehre, nach der in Christus seine Göttlichkeit und seine Menschlichkeit verbunden und vereinigt waren, wurde schließlich von den katholischen und orthodoxen Kirchen vertreten, die im römischen Reich siegreich waren. Viele Christen des Ostens aber schlossen sich Nestorius, dem Patriarchen von Konstantinopel an. Er akzeptierte die beiden Naturen Christi, hielt aber in der antiochenischen Tradition daran fest, daß diese nicht absolut verbunden waren. Er betonte mehr die Menschlichkeit Christi: Der göttliche Logos habe nicht nur einen Leib, sondern auch menschliche Natur angenommen. So lehnte er auch die Bezeichnung "Gottesmutter" für Maria ab, man solle vielmehr von der "Christusgebärerin" sprechen. Für ihn war es zudem nicht denkbar, daß ein Gott müde werden konnte oder gar Hunger und Durst erlitt. Gegner des Nestorius war Kyrill von Alexandria, der stärker die göttliche Natur Christi betonte.
 Auf dem Konzil in Ephesus (431) setzte Kaiser Theodosius II. den Streitigkeiten ein vorläufiges Ende und nahm Nestorius und Kyrill gefangen. Kyrill konnte entkommen und warb weiterhin für seinen Standpunkt, während Nestorius gefangen und gebannt blieb. Er wurde als Patriarch abgesetzt und schließlich aus dem römischen Reich vertrieben, seine Anhänger wurden verfolgt. Das vierte ökumenische Konzil von Chalkedon im Jahr451 brachte mit der Formel, daß in Christus die beiden Naturen unvermischt und ungetrennt seien, einstweiligen Frieden in die Streitigkeiten. Einige Strömungen wandten sich aber eher dem Monophysitismus zu, der an einer einzigen gottmenschlichen Natur Christi festhielt.

Die Anhänger des Nestorius flohen nach Persien und hatten sich in den ostsyrischen Gebieten angesiedelt. Zum Zentrum wurde Edessa, das heutige Urfa im Südosten der Türkei. Aufgrund intensiver Handelsbeziehungen breitete sich die nestorialische Kirche bis nach China, Indien und in die Mongolei aus.
Dort wandten sich viele Nestorianer von ihrem Glauben ab und bekehrten sich zum Islam, andere bewahrten ihren Glauben in der traditionellen Form. Infolge des Ersten Weltkriegs wurden assyrische Christen stark verfolgt und verstreuten sich bis nach Schweden, Australien, Italien und die USA.

Die Nestorianische Kirche hat nach eigenen Angaben derzeit rund 500 000 Mitglieder, insbesondere im Iran, Irak. Libanon, Syrien und den USA, vereinzelt auch noch in Indien. Den Namen "Nestorianer" weisen die meisten zurück, so wie es römische Katholiken auch von sich weisen würden, "Papisten" genannt zu werden. Sie nennen sich vielmehr "Assyrische Kirche des Ostens". In der Glaubenslehre gibt es keine fundamentalen Unterschiede zur katholischen Kirche. Sie teilen den Glauben an die Trinität und gründen ihre Lehre streng auf die Bibel.

Damit ist die Kirche kein sektierisches Randphänomen, sondern eine normale Erscheinungsweise des Christentums.
Ihre Liturgie verwendet die aramäische und syrische Sprache und wird "ostsyrische Liturgie", "assyrischer Ritus" oder auch "chaldäischer Ritus" genannt. Sakramente sind die Eucharistie, die Taufe, die Priesterschaft, die Vergebung der Sünden und die heilige Salbung. Dem Brot des Abendmahls wird ein Sauerteig beigemischt. Die nestorianischen Kirchen sind wenig geschmückt, wobei dem Kreuz große Verehrung entgegengebracht wird. Nestorius wird als Heiliger verehrt, den Titel "Gottesmutter" für Maria lehnen sie bis heute ab, obwohl sie von ihnen ebenfalls hoch verehrt wird. Sie halten an der apostolischen Sukzession fest. Das Kirchenoberhaupt wird "Patriarch des Ostens" genannt und hat seinen Sitz derzeit in den USA.

Im Jahr 1994 unterzeichneten die Assyrische Kirche des Ostens und die römisch-katholische Kirche eine Erklärung, in der die Legitimität der beiden theologischen Absichten gegenseitig anerkannt wird. Dabei wurde auch eine in zehnjähriger Arbeit vorbereitete Erklärung zur Christologie verabschiedet.
Innerhalb der Nestorianischen Kirche lebt heute ein Teil als unierte Kirche in Gemeinschaft mit dem Papst, man nennt sie die chaldäisch-katholische Kirche, die im 16. Jahrhundert nach der portugiesischen Besetzung in Indien entstand. Die Assyrische Kirche ist Mitglied des Ökumenischen Rates der Kirchen.
Ihre Beziehungen zur römisch-katholischen Kirche sind allerdings bis heute teilweise angespannt, meist wegen innerkirchlicher Auseinandersetzungen. Im Jahr 2007 trafen sich Benedikt XVI. und Patriarch Mar Dinkha IV. zu einem Austausch, um den Dialog der Kirchen weiter voranzubringen.

Marc Witzenbacher

Quelle: MAGNIFICAT
            Verlag Butzon&Bercker Kevelaer