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Allgemeine Diskussionen => Allgemeine Diskussionen => Thema gestartet von: velvet am 04. Juni 2012, 19:22:45
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03.06.2012
Die Auflösung Europas
Jeff Nyquist
Wie schlimm ist die finanzielle Lage in Europa? Griechenland könnte kurz davor stehen, die Euro-Zone zu verlassen. Es gibt jedoch auch Stimmen, die das anders sehen. Die Economic Times of India veröffentlichte ein Interview mit Jean Lemierre, dem Chef-Unterhändler für Privatgläubiger beim Rettungsplan für Griechenland. Laut Lemierre steht für Griechenland zu viel auf dem Spiel und die »Mehrheit der politischen Parteien sprechen sich für den Euro aus«. Andererseits berichtet der Boston Globe, dass Bundesbankpräsident Jens Weidmann die europäischen Zentralbanken vor einer Ausweitung ihres Engagements in Griechenland gewarnt hat, und zwar aufgrund der politischen Unsicherheiten.
Wie groß ist die Gefahr? Für jene, die in der Hoffnung leben und sich an wirtschaftlichen Optimismus klammern, gibt es nichts zu fürchten, außer die Furcht selbst. Aber jene, die den Linksrutsch der europäischen Wirtschaftspolitik verstehen und den damit einhergehenden unvermeidbaren Bankrott erkennen, gibt es keinerlei Unklarheiten. Jedem Euro-Land steht die Insolvenz bevor und Griechenland ist nur der Erste in der Reihe.
Die Optimisten geben sich jedoch tapfer. Sie hören Lemierre’s beruhigende Worte – und diese Worte werden auch unablässig wiederholt. Bloomberg News berichtet, der Euro habe »die schwerste Finanzkrise seit der Weltwirtschaftskrise überstanden ...« Über solche Krisen braucht man sich natürlich keine Sorgen machen, schließlich gehen die Menschen und die Währungen immer gestärkt daraus hervor. Es ist auch nicht weiter tragisch, dass der Euro an Wert verloren hat. Er liegt ja immer noch über dem Dollar, wo er wahrscheinlich auch bleiben wird. Oder gibt es etwa irgendeine ernstzunehmende Autorität, die davor warnt, dass Griechenland eine ganze Reihe weiterer Euro-Austritte nach sich ziehen wird?
Der Wirtschaftswissenschaftler Nouriel Roubini hat einen Sinn für kommende Entwicklungen. Er sagte schon den Crash von 2008 korrekt voraus und jetzt hat er einen Artikel verfasst mit dem Titel Griechenland muss raus aus dem Euro. Laut Roubini ist es lediglich eine Frage der Zeit – »entweder in diesem oder im nächsten Jahr wird Griechenland sehr wahrscheinlich zahlungsunfähig und aus der Euro-Zone aussteigen.« Roubini schreibt, dass die Politik der Sparmaßnahmen und Strukturreformen gescheitert ist, denn damit werde sich die Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands nicht wieder herstellen lassen. Als einziger Ausweg bleibt nur eine saubere Insolvenz und ein Ausstieg aus dem Euro. »Griechenland kann nicht ein Jahrzehnt lang in der Depression bleiben«, so Roubini. »Ebenso würde eine schnelle Deflation der Preise und Löhne, die als ›interne Abwertung‹ bekannt ist, über die nächsten fünf Jahre hinweg zu einer immer tieferen Depression führen.« Was aber wären die Konsequenzen eines Euro-Ausstiegs?
Roubini räumt ein, dass ein Verzicht auf den Euro für Griechenland »traumatisch« würde. Es wäre ein harter Übergang, aber er würde eine schnellere Erholung des Landes zulassen. Roubini verweist auf das Beispiel Argentiniens. Es lässt sich nicht bestreiten, dass die 17 Nationen, aus denen sich die Euro-Zone zusammensetzt, souveräne Staaten sind, und diese Staaten können ihren eigenen Weg wählen. Portugal, Spanien und Italien sind bereits in einer schweren Finanzkrise gefangen. Ob diese Staaten strenge Sparmaßnahmen erdulden werden, nur um den Euro beizubehalten? »Genau wie in einer zum Scheitern verurteilten Ehe«, erklärt Roubini, »ist es besser, Regeln für die unvermeidbare Scheidung zu haben, welche die Trennung für beide Seiten weniger kostspielig macht.«
Wenn wir Roubini’s Analyse folgen, wird es mehr als einen Ausstieg aus dem Euro geben. Die zu erwartende Kette von Ereignissen würde den Wert des Euro wahrscheinlich reduzieren, was für Deutschland nicht akzeptabel wäre. In einer solchen Situation könnte Deutschland die europäische Währung auch komplett aufgeben. Der große soziale Vordenker und Ökonom Max Weber schrieb in Wirtschaft und Gesellschaft, dass radikale Veränderungen im substanziellen Wert des Geldes eine chronische Tendenz hin zur sozialen Revolution erzeugen. Und weiter führte er aus, »zurecht oder zu unrecht können einige hoffen, dass diese Tendenz zur Umwandlung einer Marktwirtschaft in den Sozialismus führt.«
Wir bewegen uns auf eine Situation zu, in der wirtschaftliche Not politische Unruhen und Revolutionen auslösen wird. Wenn dies in Europa geschieht, wird es wahrscheinlich in den Vereinigten Staaten ebenso passieren. Viele Leser werden denken, eine solche Aussage sei weit hergeholt, aber Revolutionen kamen zu allen Zeiten stets im Gefolge wirtschaftlicher Not. Zweifellos wird sich der gegenwärtige wirtschaftliche Zerfall nicht aufhalten lassen. Der Grund hierfür mag in der Dekadenz unserer Zivilisation zu finden sein. Wir selbst sind im Vergleich zu unseren Vorfahren degeneriert. Es deutet alles auf eine bevorstehende Katastrophe hin.
Autoreninfo:
Jeff Nyquist gilt als ausgewiesener Experte der sowjetischen Langzeitstrategie und kommentiert seit vielen Jahren das weltpolitische Geschehen vor dem Hintergrund der fortgesetzten kommunistischen Bedrohung. Er betreibt die Website www.strategiccrisis.com (http://www.strategiccrisis.com), die über das strategische Zusammenspiel der Weltmächte aufklärt und zeigt, dass Russland und China auf eine Weise gegen den Westen arbeiten, die von den westlichen Eliten nicht verstanden wird.