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römisch-katholisch => Priestertum / Klerus / Vatikan (Hl. Vater) => Thema gestartet von: velvet am 20. Juni 2012, 11:41:20

Titel: Projekt Schadensbegrenzung
Beitrag von: velvet am 20. Juni 2012, 11:41:20
Projekt Schadensbegrenzung

Der Enthüllungsskandal im Vatikan sorgt weiter für Unruhe.

Der Enthüllungsskandal im Vatikan sorgt weiter für Unruhe. Kardinäle versichern dem Papst Zusammenarbeit und Geschlossenheit

Rom - Neben den Ermittlern und Juristen bemühen sich auch der Papst selbst und die Kurienspitze um Schadensbegrenzung und Klarheit im Sachen "Vatileaks". In einer öffentlichen Erklärung hat Benedikt XVI. seinen engsten Mitarbeitern im Enthüllungsskandal sein Vertrauen ausgesprochen - und damit ganz besonders den attackierten Kardinalsstaatssekretär Tarcisio Bertone gemeint. In internen Gesprächen und Kontakten habe er nun Ruhe, Solidarität und Geschlossenheit an der Kurie angemahnt, hört man im Vatikan.

Von daher erklärt sich, dass Bertone in den vergangenen Tagen mehrfach öffentliche Unterstützung gerade von der sogenannten "Alten Garde" an der Kurie bekam. Kardinaldekan Angelo Sodano, protokollarischer Chef des Heiligen Kollegiums und zwischen 1990 und 2006 Leiter des Staatssekretariats, widersprach allen Spekulationen um kuriale Machtkämpfe. Mit seinem Nachfolger Bertone verbinde ihn eine "gute Zusammenarbeit und alte Freundschaft", betonte er in einem Interview der Vatikanzeitung "Osservatore Romano" (Donnerstag).

Kein "Bandenkrieg" an der Kirchenspitze

Auch der frühere vatikanische Innenminister und heutige Ostkirchen-Beauftragte Kardinal Leonardo Sandri, der ebenfalls nicht zu den engsten Freunden Bertones gerechnet wird, versicherte die Geschlossenheit des Kirchensenats und der Kurie um den Papst. Von einem "Bandenkrieg" an der Kirchenspitze könne nicht die Rede sein, sagte er Journalisten. Für beide Kardinäle stand deutlich die Loyalitätsbekundung gegenüber dem Papst im Vordergrund. Zugleich räumten beide ein, dass Meinungsverschiedenheiten legitimerweise auch in den besten Familien vorkommen könnten, ohne Zusammenhalt und Zusammenarbeit zu beeinträchtigen.

Für einiges Rätselraten sorgte unterdessen ein Beitrag des im Vatikan gutvernetzten Online-Pressedienstes "Korazym" (Freitag) über "Die Revolution, die nie stattfand". Kardinal Attilio Nicora, heute Chef der vatikanischen Finanzaufsichtsbehörde AIF und nicht gerade ein Freund Bertones, sei noch unter Johannes Paul II. (1978-2005) mit Überlegungen zu einer Kurienreform betraut gewesen. Sein Plan sah demnach vor, den Verwaltungsapparat zu verschlanken, das Staatssekretariat zu einer diplomatischen Leitungsbehörde herabzustufen und ein aus zehn Kardinälen bestehendes vatikanisches Leitungs- und Koordinationsgremium zu bilden.

Keine Kurienreform

Unter Benedikt XVI. wurde der Plan nicht weiterverfolgt. Der neue Papst besetzte binnen weniger Jahre alle Leitungspositionen neu. Auch nahm er kleine Umstrukturierungen an der Kurie vor - und zog manche auch wieder zurück, etwa die Auflösung des Dialogrates. Das Mammutprojekt einer neuen Kurienreform - die letzte stammt von 1988 - wolle sich Benedikt XVI. aber nicht zumuten, hört man in Rom.

Zudem wäre eine Herabstufung des Staatssekretariats und eine Schwächung von dessen Leiter derzeit ein falsches Signal. Mehrfach hat Benedikt XVI. seinem langjährigen Mitarbeiter Bertone das Vertrauen ausgesprochen - für seine Person wie für seine Arbeit. Am 2. Dezember feiert der norditalienische Theologe seinen 78. Geburtstag. Zu jenem Termin habe Benedikt XVI. den Rücktritt von dessen Vorgänger Sodano angenommen, geben Vatikanisten zu bedenken - und spekulieren auf ein ähnliches Vorgehen gegenüber dem Nachfolger. Durchaus denkbar ist aber auch, dass der Papst seinen Kardinalstaatssekretär über dieses Datum hinaus im Amt behält. Denn über die Annahme eines Rücktrittsbesuchs entscheidet laut Kirchenrecht allein der Papst - "unter Berücksichtigung aller Umstände".

Von Johannes Schidelko