Papst Pius X.:
Enzyklika »Pascendi Dominici gregis«
vom 8. September 1907
über die Lehren der Modernisten
An die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe und anderen Ortsordinarien, die Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl haben.
Ehrwürdige Brüder! Heilsgruß und Apostolischen Segen!
1. Die Herde des Herrn zu weiden ist das Uns durch Gott übertragene Amt, welches von Christus vor allem die Aufgabe zugewiesen erhalten hat, den Schatz des überlieferten heiligen Glaubens auf sorgfältigste Weise zu hüten und profane Neuerungen und Einwendungen der sogenannten Wissenschaft zurückzuweisen. Zu aller Zeit war diese Sorge des Obersten Hirten für das katholische Volk ein notwendiges Anliegen, denn dem Feind des Menschengeschlechtes hat es niemals an Leuten gefehlt, die Verkehrtes reden 1, die mit ihren nichtigen Reden zu Verführern werden 2, oder an betrogenen Betrügern3. Man kann es nicht leugnen, daß in der letzten Zeit die Zahl der Feinde des Kreuzes Christi um eine große Anzahl gewachsen ist. Mit neuen, hinterlistigen Taten versuchen sie die Lebenskraft der Kirche zu brechen und, wenn es ihnen möglich ist, das Reich Christi selbst von Grund auf zu zerstören. Deshalb dürfen Wir nicht länger schweigen, um Unserer heiligsten Aufgabe nicht die Treue zu brechen und um die Milde, welche Wir bisher in der Hoffnung walten ließen, daß man sich eines Besseren besinnen würde, Uns nicht als Pflichtvergessenheit anlasten zu lassen.
2. Wir sind nun gezwungen, Unser Zögern nicht weiter auszudehnen, da die Verfechter dieser Irrtümer bereits nicht mehr nur ausschließlich unter den öffentlichen Feinden zu finden sind. Zu Unserem größten Schmerz und Unserer höchsten Beschämung müssen wir die Worte gebrauchen: Sie lauern bereits im Inneren der Kirche selbst, wörtlich gesprochen, am Busen und im Schoße der Kirche. Sie sind um so gefährlicher, je weniger sie bekannt sind. Ehrwürdige Brüder, Wir sind der Meinung, daß sich viele aus der katholischen Welt der Laien und – noch viel schlimmer – sogar aus den Reihen des Klerus, die sich unter dem Deckmantel der Liebe zur Kirche verstecken, ohne Grundlage einer soliden Philosophie und Theologie, vergiftet durch falsche Lehren, die sie aus dem Munde der Feinde zu hören bekamen, und jede Bescheidenheit beiseite rückend als Reformatoren der Kirche aufspielen. Kühn versammeln sie sich in ihren Reihen, greifen das Heiligste des Werkes Christi an und verschonen dabei nicht einmal die göttliche Person des Erlösers selbst, den sie mit blasphemischer Frechheit zu einem armseligen Menschen herabwürdigen.
3. Diese Leute mögen sich wundern, wenn Wir sie zu den Feinden der Kirche zählen. Über das Innerste ihres Herzens wird nur Gott alleine richten. Wem jedoch ihre Lehren, ihre Redewendungen und ihre Handlungsweisen bekannt sind, der kann sich darüber nicht wundern. Es entspricht absolut der Wahrheit, daß sie schlimmer sind als alle anderen Feinde der Kirche. Wie bereits erwähnt, schmieden sie ihre Pläne, die Kirche ins Verderben zu stürzen, nicht nur außerhalb, sondern auch im Inneren der Kirche. Im Blute der Kirche, in ihrem tiefsten Inneren, hat sich diese Gefahr festgesetzt. Deshalb wird ein Schaden für die Kirche um so sicherer, je genauer sie die Kirche kennen. Dazu kommt noch, daß sie nicht nur an die Äste und Zweige, sondern tief an die Wurzel ihre Hand legen: an den Glauben und an die tiefsten Fasern des Glaubens. Ist aber diese Wurzel des Lebens einmal getroffen, dann werden sie das Gift in dem ganzen Baum verbreiten. An der katholischen Wahrheit werden sie kein Stück unberührt oder unverdreht lassen. Sie kennen viele tausend Arten, um Schaden anzurichten.
Dabei verhalten sie sich äußerst gewandt und schlau. Abwechselnd spielen sie die Rolle des Rationalisten und des Katholiken in einer derart gewandten Weise, daß sie jeden harmlos Denkenden mit Leichtigkeit zu ihrem Irrtum bekehren können. Auch läßt ihre Verwegenheit sie vor keinen Konsequenzen zurückschrecken. Mit frecher Stirn und kaltem Blut drängen sie sogar dazu. Dazu kommt noch ihr äußerst tätiges Leben, ihre ständige, eifrige Beschäftigung mit gelehrten Arbeiten aller Art und oft eine zur Schau getragene Sittenstrenge. Dies alles trägt um so leichter dazu bei, sich in ihnen zu täuschen. Mit ihren Fachstudien sind sie schließlich an einem Punkt angekommen, an dem sie keine Autorität mehr anerkennen und sich keine Beschäftigungen mehr gefallen lassen wollen. Auf diese Weise haben sie ihr eigenes Gewissen getäuscht und möchten das Wahrheitsdrang nennen. In Wirklichkeit handelt es sich dabei nur um Stolz und Hartnäckigkeit. Man sollte dabei fast an jedem Heilmittel zweifeln.
Wir hatten gehofft, daß Wir diese Männer doch noch zur Besinnung bringen könnten. So haben Wir sie zuerst mit väterlicher Milde behandelt, dann mit Strenge; schließlich sahen Wir Uns gezwungen, öffentlich gegen sie einzuschreiten. Euch ist bekannt, ehrwürdige Brüder, daß alle Mühen vergeblich waren. Kaum hatten sie für einen Augenblick den Nacken gebeugt, erhoben sie ihn erneut mit noch größerer Kühnheit. Wenn es sich nur um sie handeln würde, könnte man dies vielleicht durchgehen lassen. Da jedoch der katholische Glaube selbst gefährdet ist, wäre es eine große Sünde, wenn wir noch länger Schweigen würden. Wir müssen reden und ihnen vor der gesamten Kirche die Maske vom Gesicht reißen, die doch ihr wahres Wesen nur halb verhüllt.
4. Die Modernisten – so werden sie im allgemeinen sehr richtig bezeichnet – gebrauchen den schlauen Kunstgriff, ihre Lehren nicht systematisch und einheitlich, sondern stets nur vereinzelt und ohne Zusammenhang vorzutragen. Dadurch erwecken sie den Anschein des Suchens und Tastens, während sie davon fest und entschieden überzeugt sind. Deshalb ist es gut, ehrwürdige Brüder, diese Lehren zunächst im Überblick darzustellen, um aufzuzeigen, in welchem Zusammenhang sie stehen. Erst danach ist es angebracht, nach dem Grund des Übels zu suchen und die Mittel vorzuschreiben, durch welche das Unheil abgewendet werden kann.
5. Um aber in dieser schwierigen Frage schrittweise vorzugehen, merken Wir an dieser Stelle zunächst an, daß jeder Modernist sozusagen mehrere Rollen in einer Person spielt. Er ist Philosoph, Gläubiger, Theologe, Historiker, Kritiker, Apologet und Reformator. Diese Rollen müssen gut unterschieden werden, wenn man das System richtig verstehen und die Prämissen und Konsequenzen ihrer Lehren durchschauen will.
6. Beginnen wir zunächst mit der Philosophie. Das Fundament der Religionsphilosophie setzen die Modernisten in jene Lehre, die man gemeinhin Agnostizismus nennt. Ihr zufolge ist der menschliche Verstand gänzlich eingeschlossen von den Phänomenen, das heißt: von den Dingen, die in Erscheinung treten, und von derjenigen Gestalt, in welcher sie in Erscheinung treten; deren Grenzen zu überschreiten, habe er weder Recht noch Macht. Darum sei er auch nicht imstande, sich zu Gott erheben, noch dessen Existenz – auf welche Weise auch immer – aus den sichtbaren Dingen zu erkennen. Von hieraus wird argumentiert, daß Gott in keiner Weise unmittelbar Gegenstand der Wissenschaft sein könne; was aber die Geschichte betreffe, so sei Gott keinesfalls als geschichtliches Subjekt zu betrachten. – Dies vorausgesetzt, wird jedermann leicht durchschauen, was dann aus der natürlichen Theologie, was aus den Beweggründen für die Glaubwürdigkeit, was aus der äußeren Offenbarung werden muß. All das nämlich fegen die Modernisten vollständig hinweg und verbannen es zum Intellektualismus, den sie ein lächerliches, vor langer Zeit untergegangenes System nennen. Sie stören sich auch nicht daran, daß die Kirche solche Ungeheuerlichkeiten klar und eindeutig verurteilt hat.
Das Vatikanische Konzil bestimmte: Wenn jemand behauptet, der eine wahre Gott, unser Schöpfer und Herr, könne aus den Geschöpfen durch das Licht der menschlichen Vernunft nicht mit Sicherheit erkannt werden, so sei er im Banne4. Ferner: Wenn jemand behauptet, es sei nicht möglich oder nicht gut, daß der Mensch durch göttliche Offenbarung über Gott und den ihm schuldigen Kult belehrt wird, so sei er im Banne5. Schließlich: Wenn jemand behauptet, die göttliche Offenbarung könne nicht durch äußere Zeichen beglaubigt werden, so daß man deshalb nur durch die eigene Erfahrung oder durch eine besondere Erleuchtung zum Glauben bestimmt werden kann, der sei im Banne6.
Wie nun ein Modernist vom rein negativen Agnostizismus zum wissenschaftlichen und historischen Atheismus gelangt, also zu einer positiven Leugnung, und nicht weiß, ob Gott in die Weltgeschichte eingegriffen hat oder nicht, und mit welchem Recht er nun die Schlußfolgerung ziehen darf, die Geschichte so erklären zu müssen, als ob Gott tatsächlich nicht eingegriffen habe, ist schwer verständlich. Trotzdem steht es für die Modernisten durchaus fest, daß die Wissenschaft und die Geschichte keinen Gott kennen dürfen. In ihrem Bereich gibt es nur Phänomene, die für Gott und göttliche Dinge absolut keinen Platz haben. Daraus wird man bald eindeutig erkennen, was diese bodenlose Doktrin aus der heiligsten Person Christi, aus den Geheimnissen Seines Lebens, Seines Leidens sowie aus Seiner Auferstehung und Seiner Himmelfahrt macht.
7. Der Agnostizismus bildet jedoch nur den negativen Teil der modernistischen Lehre. Der positive Teil wird vitale Immanenz genannt. Der Übergang von einem zum anderen Teil besteht darin, daß sowohl die natürliche als auch die übernatürliche Religion, wie jede andere Tatsache auch, einer Erklärung bedarf. Nachdem man jedoch die natürliche Theologie beseitigt, durch Leugnung der Beweggründe des Glaubens zur Offenbarung den Weg versperrt und selbst jede äußere Offenbarung zu einer Unmöglichkeit gemacht hat, sucht man außerhalb des Menschen vergeblich nach einer Erklärung. Sie muß sich also im Menschen selbst finden. Da die Religion eine Lebensäußerung ist, kann die Erklärung nur im Leben des Menschen liegen. Daher kommt das Prinzip der religiösen Immanenz. Für jedes Lebensphänomen, zu dem nach dem Gesagten auch die Religion zählt, liegt der letzte Grund in einem gewissen Bedürfnis oder Antrieb. Nehmen wir jedoch das Leben im engeren Sinne, dann ist der Beginn eine Bewegung des Herzens, das Gefühl. Gott ist der Gegenstand der Religion. Daher ergibt sich die Schlußfolgerung, daß der Glaube, der den Beginn und die Grundlage einer jeden Religion darstellt, aus einem tiefen, innerlichen Gefühl bestehe, welches im Bedürfnis nach dem Göttlichen seinen Ursprung finde. Dieses Bedürfnis nach dem Göttlichen könne jedoch eigentlich nicht in den Bereich des Bewußten gehören, da es sich nur unter besonders günstigen Bedingungen rege. Vielmehr verbleibe es zunächst unterhalb des Bewußtseins. Der aus der modernen Philosophie hierfür ausgeliehene Ausdruck lautet: im Unterbewußtsein. Dort verberge sich auch seine Wurzel, die wir nicht fassen können.
Sollte jemand fragen, wie dieses Bedürfnis nach dem Göttlichen, welches der Mensch in sich verspüren soll, zur Religion wachse, dann antworten die Modernisten so: Wissenschaft und Geschichte seien, sagen sie, von zwei Grenzen eingeschlossen: von einer äußeren, nämlich der sichtbaren Welt; und von einer inneren, dem Bewußtsein. Wenn eine dieser Grenzen erreicht ist, führe kein Weg mehr weiter, denn jenseits liege das Reich des Unerkennbaren. Angesichts dieses Unerkennbaren, ob es nun außerhalb des Menschen liege und jenseits der sichtbaren Natur oder ob es innerhalb im Unterbewußtsein ruhe, errege das Bedürfnis nach dem Göttlichen in einem schon der Religion zugeneigten Gemüt ein besonderes Gefühl, so wie es der Fideismus will, ohne daß dabei ein Urteil der Vernunft vorausgehe. In diesem Gefühl ist aber die göttliche Realität als sein Gegenstand und ebenso als seine letzte Ursache enthalten. An dieser Stelle tritt der Mensch in Wechselwirkung mit Gott. Dieses Gefühl nennen die Mondernisten den Glauben. Für sie bedeutet dieses Gefühl den Anfang der Religion.
8. Ihre Philosophie – oder besser gesagt: ihr Wahnsinn – ist jedoch an dieser Stelle noch nicht zu Ende. In dem beschriebenen Gefühl finden sie nicht nur den Glauben, sondern bei dem Glauben und in dem so verstandenen Glauben liegt nach ihrer Meinung zugleich auch die Offenbarung. Welches Kriterium wäre für die Offenbarung sonst noch nötig? Soll man es etwa nicht Offenbarung oder den Beginn der Offenbarung nennen, wenn das religiöse Gefühl im Bewußtsein auftaucht? Sollte man nicht sagen, daß sich Gott in diesem religiösen Gefühl selbst offenbart, wenn auch noch nicht klar? Weiter heißt es: Gott ist gleichzeitig Gegenstand und Ursache des Glaubens. In gleicher Weise muß man daher von der Offenbarung sagen, daß sie von Gott handelt und auch von ihm herrührt. Gott ist zugleich der Offenbarende und der Geoffenbarte. Auf diese Weise, ehrwürdige Brüder, kommen die Modernisten zu der absurden Behauptung, jede Religion ist zugleich natürlich und übernatürlich, je nach dem von welchem Standpunkt aus sie betrachtet wird. Aus diesem Grund gebrauchen sie Bewußtsein und Offenbarung im gleichen Sinn. Daher besagt ihr Gesetz, daß das religiöse Bewußtsein die allgemeine Norm darstellt und mit der Offenbarung auf einer Stufe steht. Ihr muß sich alles beugen, selbst die höchste kirchliche Gewalt, ob sie nun Lehren, kultische oder Disziplinarsatzungen aufstellt.
9. Eines muß jedoch bei diesem Werdegang des Glaubens und der Offenbarung, wie ihn sich die Modernisten denken, wohl beachtet werden. Für die historisch-kritischen Konsequenzen, welche sie daraus ziehen, ist dies von höchster Bedeutung. Sie reden von dem Unerkennbaren, das sich jedoch gegenüber dem Glauben nicht rein und losgelöst darbietet. Vielmehr steht es im engsten Zusammenhang mit irgendeinem Phänomen. Auch wenn ein solches in das Gebiet der Wissenschaft oder der Geschichte fällt, so ragt es doch auch wieder über dieses Gebiet hinaus. Dieses Phänomen kann eine Tatsache innerhalb der Natur sein, die jedoch wiederum etwas Geheimnisvolles in sich verbirgt, oder ein Mensch, dessen Charakter, Handlungen oder Worte sich nicht mit den gewöhnlichen Gesetzen der Geschichte in Einklang bringen lassen. Daraus resultiert, daß der Glaube, angeregt von dem Unerkennbaren, das mit dem Phänomen verbunden ist, die Gesamtheit des Phänomens erfaßt und es in gleicher Weise mit seinem eigenen Leben durchdringt. Dieser Hergang führt zu einer doppelten Folge. Zuerst kommt es zu einer Verklärung des Phänomens, indem dieses über seine wirklichen Verhältnisse hinausgehoben wird, um es für die Aufnahme des göttlichen Charakters, welchen der Glaube hineinlegt, geeigneter zu machen. Dann entsteht, wenn man es so ausdrücken darf, eine Art Entstellung des Phänomens, indem es der Glaube aus den Bedingungen des Ortes und der Zeit herauslöst und dem zuschreibt, was ihm eigentlich nicht gehört. Dies geschieht besonders bei Phänomenen, die der Vergangenheit angehören, und in einem höheren Grad, um so älter sie sind. Daraus ergeben sich für die Modernisten zwei Kanones, die in Verbindung mit den bereits aus dem Agnostizismus gewonnenen Erkenntnissen die Grundlage der historischen Kritik bilden.
Ein Beispiel wird Licht in das Dunkel bringen. Nehmen wir die Person Christi. Es heißt, daß die Wissenschaft und die Geschichte in der Person Christi nichts anderes als einen Menschen erblicken kann. Daher ist Kraft des ersten Kanons, wie ihn der Agnostizismus diktiert, aus Seiner Geschichte alles zu streichen, was nach Göttlichem aussieht. Nach dem zweiten Kanon hat der Glaube die Person Christi verklärt. Daher ist alles, was sie über die geschichtlichen Verhältnisse erhebt, in Abzug zu bringen. Nach dem dritten Kanon wurde schließlich die Person Christi auch entstellt. Kurz gesagt bedeutet das, alles was an Seinen Reden und Taten, Seinem Charakter, Seinem Stand, Seiner Erziehung und an dem örtlichen und zeitlichen Milieu nicht stimmt, ist in Abrede zu stellen. Das Schlußverfahren ist zwar sonderbar, stellt jedoch eindeutig die Kritik des Modernisten dar.
14. Das religiöse Gefühl, wie es durch die vitale Immanenz aus den Tiefen des Unterbewußtseins entspringt, ist der Ursprung aller Religionen sowie von allem, was in jeder Religion einmal zu Tage getreten ist, oder was noch zu Tage treten wird. Am Anfang ist dieses Gefühl noch roh und sozusagen formlos. Unter dem Einfluß jenes geheimnisvollen Prinzips, welches ihm das Dasein gegeben hat, entwickelt es sich allmählich im gleichen Schritt mit der Entwicklung des menschlichen Lebens, da es selbst nichts anderes als eine Lebensäußerung ist. Das wäre die Entstehungsgeschichte einer jeden Religion, auch der übernatürlichen, da es sich bei allem nur um die Entfaltung des religiösen Gefühls handelt. Auch der Katholizismus ist davon nicht ausgenommen, da er in gleicher Weise wie alle anderen Religionen behandelt wird. Im Bewußtsein Christi, dessen Genius einzigartig ist, den niemals ein Mensch erreicht hat oder erreichen kann, ist dieser auf keine andere Weise als nur im Prozeß der vitalen Immanenz entstanden. Man ist starr vor Staunen, wenn man diese verwegenen Behauptungen und Blasphemien zu hören bekommt! Trotzdem, ehrwürdige Brüder, wagen es nicht nur Ungläubige, diese Behauptungen in die Welt zu setzen. Tatsächlich bekennen sich dazu in aller Öffentlichkeit auch Katholiken, sogar manche Priester, die mit einem solchen Wahnsinn die Kirche erneuern wollen. Dadurch wird der alte Irrtum übertroffen, wonach die menschliche Natur in einem gewissen Sinn ein Recht auf die übernatürliche Ordnung haben sollte. Vielmehr ist man sehr viel weiter gegangen. Man behauptet, unsere heilige Religion sei, im Menschen Christus und in gleicher Weise auch in uns, aus unserer eigenen Natur und ohne fremde Unterstützung geboren. Es ist nicht möglich, noch gründlicher mit der gesamten übernatürlichen Ordnung aufzuräumen. Das Vatikanische Konzil hatte daher sehr wohl begründet und bestimmt: Wenn jemand behauptet, der Mensch kann von Gott nicht zu einer Erkenntnis oder einer Vollkommenheit erhoben werden, die über die natürliche hinausgeht, sondern er kann und muß selbst in ständigem Fortschritt schließlich zum Besitz des Wahren und Guten gelangen, der sei im Banne7.
15. Bis zu dieser Stelle kann es den Anschein haben, ehrwürdige Brüder, daß für die Vernunft kein Platz mehr übrig geblieben ist. Aber auch die Vernunft hat nach der Lehre der Modernisten am Zustandekommen des Glaubensaktes seinen Anteil. Interessant ist dabei ihre Denkweise. In dem bereits oft erwähnten Gefühl soll sich zwar Gott dem Menschen zeigen, da man jedoch durch das Gefühl alleine zu keiner Erkenntnis gelangt, geschieht dies nur wenig deutlich und präzise, so daß er sich vom glaubenden Subjekt kaum oder gar nicht unterscheiden läßt. Deshalb benötigt das Gefühl eine eigene Durchleuchtung, damit Gott überhaupt eindeutig hervortritt. Das ist nun die Aufgabe der denkenden und analysierenden Vernunft. Mit der Vernunft formt der Mensch seine inneren Lebensphänomene zu Erkenntnisbildern um. Erst danach ist es ihm möglich, dies in Worten auszudrücken. Daher stammt das den Mondernisten geläufige Wort, daß der religiöse Mensch seinen Glauben denken müsse. Zum Gefühl tritt also die Vernunft hinzu, die ihren Blick auf dasselbe richtet, so wie ein Maler daran arbeitet, der die verlöschenden Linien eines Gemäldes mustert, um sie dann wieder klarer hervorheben zu können. In etwa dieser Weise spricht einer der Führer der Modernisten darüber. Die Vernunft arbeite bei dieser Tätigkeit auf doppelte Weise; zuerst in einem natürlichen und spontanen Akt, wobei sie den Gegenstand in einem einfachen, volkstümlichen Satz ausdrücke; sodann aber, reflektiert und gründlicher – oder, wie sie sagen, durch Ausarbeitung des Gedankens –, werde der durchdachte Gegenstand in sekundären Sätzen ausgesprochen, abgeleitet von jenem ersten, einfachen, jedoch ausgefeilter und klarer unterschieden. Wenn diese sekundären Sätze endlich vom höchsten Lehramt der Kirche bestätigt seien, bildeten sie das Dogma.
16. Dadurch gelangt die modernistische Lehre schließlich zu ihrem Hauptbestandteil, zum Ursprung und zum innersten Wesen des Dogmas. Die Entstehung des Dogmas wird in diese ursprünglichen und einfachen Formeln gelegt, welche in etwa für den Glauben notwendig sind, denn um eine wirkliche Offenbarung zu erhalten, muß im Bewußtsein eine eindeutige Erkenntnis Gottes vorhanden sein. Es scheint jedoch, daß sie das eigentliche Dogma in den sekundären Sätzen finden wollen. Um sein Wesen erfassen zu können, muß man zuerst die Frage stellen: Wie verhalten sich die religiösen Formeln gegenüber dem religiösen Gefühl? Die Antwort ist leicht gefunden, wenn man nur festhält, daß derartige Formeln einzig und allein dem Zweck dienen, den Gläubigen zu ermöglichen, sich von seinem Glauben Rechenschaft abzugeben. Sie stehen also in der Mitte zwischen dem Gläubigen und seinem Glauben. Für den Glauben sind sie nur unzulängliche Zeichen für seinen Inhalt, Symbole, wie man sie gewöhnlich nennt. Für den Gläubigen stellen sie allerdings reine Hilfsmittel dar.
17. Es läßt sich also in keiner Weise festlegen, daß sie absolut die Wahrheit enthalten, denn die Symbole sind die Bilder der Wahrheit und müssen sich als solche dem religiösen Gefühl und seiner Beziehung zum Menschen anpassen. Als Hilfsmittel dienen sie den Wegen zur Wahrheit und sind daher ebenfalls dem Menschen und seiner Beziehung zum religiösen Gefühl anzupassen. Gegenstand des religiösen Gefühls ist das Absolute, das unendlich viele Erscheinungsweisen aufweist, und daher bald in vielen verschiedenen Formen hervortreten kann. Ebenso kann sich auch der gläubige Mensch in vielen verschiedenen Lagen befinden. Daher müssen diesem Wechsel auch die Formeln unterliegen, die wir Dogmen nennen, und notwendigerweise ebenso veränderlich sind. Dadurch stehen der inneren Entwicklung des Dogmas sämtliche Türen offen. Sophismen über Sophismen, welche die gesamte Religion vollkommen zugrunde richten!
Die Möglichkeit, besser gesagt, die Notwendigkeit einer Entwicklung und Veränderung des Dogmas, wird von den Modernisten nicht nur hartnäckig behauptet, sondern sie stellt die notwendige Folge ihrer Ansichten dar. Es gehört für sie zu den wichtigsten Lehren, die sich für sie aus dem Prinzip der vitalen Immanenz ergibt. Die religiösen Formeln, wenn sie wirklich religiös sind und kein reines Spiel des Verstandes darstellen, müssen lebendig und vom Leben des religiösen Gefühls selbst beseelt sein. Das soll nicht bedeuten, daß diese Formeln, besonders wenn sie nur einer Vorstellung Ausdruck geben, nach der Maßgabe des religiösen Gefühls erfunden werden müßten. Sowohl der Ursprung, als auch die Anzahl und Art sind nicht wichtig. Vielmehr muß sich diese das religiöse Gefühl lebendig aneignen, wenn es notwendig ist, auch mit einer gewissen Umgestaltung. Mit anderen Worten gesprochen, bereits die Urformel muß vom Herzen angenommen und bestätigt werden.
Auch bei der Ausarbeitung der sekundären Formel muß das Herz die Führung haben. Daher müssen die Formeln, wenn sie lebendig sein wollen, dem Glauben und dem Gläubigen in gleicher Weise angepaßt sein und bleiben. Wenn aus irgendeinem Grund dieses Angepaßtsein aufhören sollte, verlieren sie ihren ursprünglichen Wert und bedürfen der Änderung. Die dogmatischen Formeln sind nur wenig bedeutend und auch sehr kurzlebig. Es ist daher nicht verwunderlich, daß sich der Spott und die Verachtung der Modernisten in reicher Fülle über sie ergießt, während das religiöse Gefühl und das religiöse Leben nach ihrem Dafürhalten alles darstellt. Sie scheuen sich auch nicht davor, der Kirche vorzuwerfen, sie würde auf einer abschüssigen Bahn wandeln, wenn sie zwischen der äußerlichen Bedeutung der Formeln und ihrem religiösen und moralischen Wert keine Unterscheidung kennt, sich jedoch mit vergeblicher Anstrengung an sinnlose Formeln klammert und dabei die Religion zugrunde gehen läßt. Diese blinden Führer haben im Taumel ihrer hochmütigen Arroganz über das Wissen sogar die ewig wahren Begriffe von Wahrheit und Religion verändert. Begründet auf ein neues System und in wilder, zügelloser Jagd nach Neuem vergessen sie, die Wahrheit an der Stelle zu suchen, wo sich ihre sichere Stätte befindet. Die heiligen, apostolischen Überlieferungen werden verachtet und dafür andere, eitle, nichtige und ungewisse Lehren eingesetzt, die von der Kirche nicht gebilligt werden. In ihrer Verblendung vertreten sie die Meinung, daß sie selbst die Wahrheit stützen und halten können8.
14. So viel, ehrwürdige Brüder, über den Modernisten als Philosophen. – Geht man einen Schritt weiter und fragt sie nach dem Unterschied zwischen dem Gläubigen und dem Philosophen, so ist zu beachten, daß der Philosoph zwar die Realität des Göttlichen annimmt, sofern es sich dabei um dasselbe Objekt des Glaubens handelt, diese Realität jedoch ausschließlich im Geiste des Gläubigen als Gegenstand eines Gefühls oder als eine Aussage gelten läßt, aber nicht über den Rahmen der Erscheinungswelt hinausgeht. Den Philosophen interessiert es nicht, ob diese Realität auch außerhalb des Gefühls oder einer solchen Aussage besteht. Für den Modernisten als Gläubigen steht es dagegen sehr wohl fest, daß das Göttliche eine Realität in sich selbst hat und in keiner Weise vom Gläubigen abhängt. Will man wissen, worauf sich diese Behauptung des Gläubigen gründet, so erhält man als Antwort: Auf die eigene Erfahrung. Wenn sie sich durch diese Antwort von den Rationalisten entfernen, so fallen sie damit auf der anderen Seite in den Irrtum der Protestanten und falschen Mystiker. Sie erklären dies folgendermaßen. Im religiösen Gefühl würde eine Art Intuition des Herzens liegen. Damit würde man ohne jede Vermittlung die Realität Gottes selbst erfassen und dadurch zu einer Überzeugung von Gottes Dasein und seinem Wirken innerhalb und außerhalb des Menschen gelangen, wie sie keine Wissenschaft geben kann. Sie nehmen also eine eigentliche Erfahrung an, die besser ist, als alle Erfahrungen, die sich aus der Vernunft begründen. Leugnet einer dieselbe nach dem Vorbild der Rationalisten, dann begründen sie diese Ansicht damit, daß man sich nicht in die rechte moralische Verfassung versetzen will, um die Erfahrung zu machen. Jeder, der diese Erfahrung erlebt hat, wird im eigentlichen und wahren Sinn zum Gläubigen. Von den katholischen Anschauungen ist diese Ansicht weit entfernt. Wie bereits erwähnt, wurden durch das Vatikanische Konzil diese Irrtümer bereits verurteilt. Wie leicht diese Ansichten in Verbindung mit den zuvor erwähnten Irrtümern zum Atheismus führen können, wird an einer späteren Stelle noch aufgezeigt.
Zunächst sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß nach dieser Lehre von der Erfahrung, verbunden mit der anderen Lehre des Symbolismus, jede Religion, auch die heidnische, als wahr anzuerkennen ist. Warum sollten diese Erfahrungen nicht auch in jeder beliebigen Religion gemacht werden? Mehr als einer spricht davon, diese Erfahrungen gemacht zu haben. Mit welchem Recht sollte ein Modernist eine Erfahrung als unwahr ablehnen, wenn ein Türke dafür bürgt. Warum sollten nur die Erfahrungen der Katholiken als wahr gelten? Auch die Modernisten handeln nicht auf diese Weise. Die einen deuten es an, die anderen sprechen es offen aus – alle Religionen sind wahr. Offenbar bleibt auch keine andere Ansicht übrig. Aus welchem Grund könnte in ihrem System eine Religion überhaupt falsch sein? Entweder irrt das religöse Gefühl, oder die vom Verstand aufgestellte Formel. Das religiöse Gefühl ist jedoch überall ein- und dasselbe, vielleicht mit der Einschränkung, daß es an der einen oder anderen Stelle etwas weniger vollkommen ist. Für die Wahrheit der Verstandesformel ist es ausreichend, wenn sie dem religiösen Gefühl und dem gläubigen Menschen zusagt, ohne auf die Schärfe seines Verstandes Rücksicht zu nehmen. Der Modernist könnte im Wettkampf der verschiedenen Religionen höchstens ein Argument geltend machen, und zwar, daß der Katholizismus mehr Wahrheit enthält, weil er lebendiger ist. Ferner würde er dem Namen einer christlichen Religion mehr entsprechen, weil er dem ursprünglichen Christentum auf vollkommenere Weise entspricht. Daß sich alle diese Folgerungen aus den vorgelegten Daten wirklich ergeben, kann niemand übersehen. Dagegen ist es sehr verwunderlich, daß es Katholiken und Priester geben kann, die solche Monstrositäten zwar verabscheuen, zumindest nehmen Wir das zu ihren Gunsten an, sich jedoch so verhalten, als würden sie dieselben billigen. Gerade die Verfechter dieser Irrtümer werden von ihnen auf so hohe Weise gerühmt und öffentlich gefeiert, daß man fast zu der Ansicht gelangen kann, die Anerkennung gelte weniger den Männern, die sicher in irgendeinem Teilbereich ihre persönlichen Verdienste haben, als vielmehr den falschen Lehren, die sie offen vertreten und dabei versuchen, diese auf jede Art und Weise unter das Volk zu bringen.
15. Doch diese Lehre von der Erfahrung ist – über das Gesagte hinaus – noch in einer weiteren Hinsicht dem katholischen Glauben vollständig entgegengesetzt: Denn sie wird auch auf die Tradition angewandt, an der die katholische Kirche bisher immer festgehalten hat, und wird dadurch einfach vernichtet. Die Modernisten verstehen unter der Tradition eine Art Mitteilung der ursprünglichen Erfahrung durch die Predigt mittels der Verstandesformel. Außer der repräsentativen Kraft, wie sie sich ausdrücken, soll die Formel auch eine suggestive Wirkung haben. Auf der einen Seite äußert sich diese im Glaubenden selbst, indem sie sein etwa eingeschlafenes religiöses Gefühl aufweckt und die einstmals gemachte Erfahrung wiederbelebt. Sie erstreckt sich jedoch auch auf Personen, die noch nicht glauben. Zuerst ruft sie in ihnen das religiöse Gefühl hervor und bewirkt dadurch ihre erste Erfahrung. Auf diese Weise findet die religiöse Erfahrung eine weite Verbreitung innerhalb der Menschheit, nicht nur durch die Predigt vor den Zeitgenossen, sondern auch ausgedehnt auf spätere Geschlechter, durch Bücher und durch mündliche Überlieferung. Manchmal kann die auf diese Weise mitgeteilte Erfahrung Wurzel fassen und aufleben. Dagegen welkt sie ein anderes Mal sofort dahin und stirbt ab. Lebt sie jedoch auf, so stellt das für den Modernisten einen Beweis ihrer Wahrheit dar. Wahrheit und Leben gehören für sie zusammen. An dieser Stelle erhält die Schlußfolgerung wieder ihre Berechtigung, daß alle Religionen wahr sind, da sie ansonsten nicht leben könnten.
16. Die bisherigen Erörterungen, ehrwürdige Brüder, erlauben uns, ein richtiges Urteil über das Verhältnis von Glauben und Wissen nach der modernistischen Lehre zu fällen. Unter dem Namen des Gewissens gehört für sie auch die Geschichte. Zuerst steht fest, daß der Gegenstand des einen in jeglicher Art außerhalb des Gegenstandes des anderen liegt. Hier herrscht eine scharfe Trennung. Der Glaube befaßt sich ausschließlich mit dem, was die Wissenschaft als zum Unerkennbaren gehörend betrachtet. Die Aufgaben beider sind ganz verschieden. Die Wissenschaft bewegt sich auf dem Gebiet der Phänomene. Für den Glauben bleibt dabei kein Platz. Der Glaube lebt im Göttlichen, wohin keine Wissenschaft dringt. Es ist daher völlig ausgeschlossen, daß es jemals zu einem Konflikt zwischen dem Glauben und der Wissenschaft kommt. Wenn beide in ihren Gebieten bleiben, können sie sich nicht begegnen und daher auch nicht widersprechen. Wenn man einwenden würde, daß es Dinge in der sichtbaren Welt gibt, die auch zum Glauben gehören, zum Beispiel das irdische Leben Christi, so werden sie das leugnen. Gewiß zählt dies zu den Phänomenen. So weit es jedoch mit dem Leben des Glaubens durchdrungen und vom Glauben in der zuvor erwähnten Weise verklärt und entstellt wird, entrückt es der sinnlichen Welt und wird in das Gebiet des Göttlichen erhoben. Auf die Frage, ob Christus wirkliche Wunder gewirkt und zukünftige Dinge vorausgesehen hat, ob er wirklich auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist, hat die agnostische Wissenschaft eine ablehnende, der Glaube jedoch eine zustimmende Antwort bereit, ohne daß deshalb zwischen beiden Streit entstehen würde. Wenn der Philosoph zu Philosophen spricht, sagt er nein, weil er Christus nur nach der historischen Realität betrachtet. Der Gläubige im Umgang mit den Gläubigen sagt ja, weil ihm am Leben Christi liegt, wie es vom Glauben und im Glauben erlebt wird.
17. Nun wäre es aber ein großartiger Selbstbetrug, sich – diese Theorien vorausgesetzt – für bevollmächtigt zu halten zu glauben, daß Glaube und Wissenschaft voneinander unabhängig seien. Wer aber nur daraus schließen wollte, daß überhaupt kein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Glauben und der Wissenschaft besteht, befände sich im Irrtum. Für die Wissenschaft hätte er allerdings vollkommen Recht. Anders verhält es sich jedoch mit dem Glauben. Dieser ist nicht nur in einem Bereich, sondern gleich in dreien der Wissenschaft unterworfen. Zuerst kommt in Betracht, daß an jeder religiösen Tatsache, sieht man von der göttlichen Realität und der diesbezüglichen Erfahrung des Gläubigen ab, alles übrige und besonders die religiösen Formeln im Bereich der Phänomene liegen und daher unter die Wissenschaft fallen. Der Gläubige darf sich nicht nach seinem Belieben aus der Welt zurückziehen. Solange er jedoch in dieser Welt weilt, wird er unter keinen Umständen den Gesetzen, der Beobachtung und dem Urteil der Wissenschaft sowie der Geschichte entgehen. Wenn gesagt wird, daß Gott ausschließlich Gegenstand des Glaubens ist, so ist das nur für die Realität Gottes gültig, jedoch nicht für die Idee eines Gottes. Diese gehört in den Bereich der Wissenschaft. Solange sie über die sogenannte Begriffswelt philosophiert, kann sie auch das Absolute und das Ideale erfassen.
Die Philosophie, besser gesagt die Wissenschaft, hat somit das Recht, über die Gottesidee Erkenntnisse anzustellen, sie in ihrer Entwicklung zu regeln und sie zu korrigieren, falls sich etwas Fremdes eingeschlichen hat. Die modernistische Seite stellt daher die Forderung, die religiöse Entwicklung mit der moralischen und der intellektuellen zu verbinden, oder, nach den Worten eines ihrer Wortführer, sie ihnen unterzuordnen. Der Mensch kann einen Zwiespalt in sich selbst nicht ertragen. Selbst der Gläubige fühlt sich mit innerer Notwendigkeit zu einem Ausgleich zwischen Glauben und Wissen gedrängt, um in seine allgemeine wissenschaftliche Weltanschauung keine Dissonanz zu bringen. Damit ist die völlige Unabhängigkeit des Glaubens von der Wissenschaft erwiesen, während der Glaube, trotz Proklamation der Trennung beider, sich doch der Wissenschaft beugen muß. Dem gegenüber, ehrwürdige Brüder, hat Unser glorreicher Vorgänger, Papst Pius IX., betont9: In allem, was die Religion betrifft, hat die Philosophie nicht zu herrschen, sondern zu dienen. Sie hat nicht vorzuschreiben, was man glauben muß, sondern es in vernünftiger Unterwerfung anzunehmen. Es ist nicht die Tiefe der göttlichen Geheimnisse zu ergründen, sondern vielmehr diese in kindlicher Demut zu verehren. Die Modernisten stellen dies allerdings auf den Kopf. Auf sie läßt sich daher anwenden, was Unser Vorgänger, Gregor IX., über einige Theologen seiner Zeit schrieb10: Einige unter Euch sind vom Geist der Eitelkeit aufgebläht und versuchen, durch profane Neuerungen, die von den Vätern gesetzten Schranken zu durchbrechen. Sie wollen den Sinn der Heiligen Schrift … nach den philosophischen Lehren der Vernunft beugen, um mit der Wissenschaft zu prunken, nicht um ihre Hörer zu fördern … . Durch allerlei fremde Lehren in die Irre geführt, machen sie den Kopf zum Schwanz und zwingen die Königin, ihrer Magd zu dienen.
18. Noch deutlicher ist dies zu erkennen, wenn man die Handlungsweise der Modernisten betrachtet, welche in besonders guter Weise zu ihrer Lehre paßt. Ihre Schriften und Reden sind voll von scheinbaren Widersprüchen, so daß man leicht glauben kann, sie würden schwanken und wären ihrer Sache nicht sicher. Dies geschieht jedoch aus voller Überlegung. Es ist der Ausfluß ihrer Anschauungen über die Trennung von Glauben und Wissen. Manche Ausführungen in ihren Büchern könnte ein Katholik vollständig unterschreiben. Wenn man jedoch das Blatt wendet, könnte man glauben, ein Rationalist führt die Feder. Schreiben sie Geschichte, ist von der Gottheit Jesu Christi nicht die Rede. Steigen sie jedoch auf die Kanzel, dann bekennen sie dieselbe ohne Bedenken. Schreiben sie Geschichte, dann gelten für sie Konzilien und Väter gar nichts. Dahingegen werden in der Katechese beide wieder mit Ehrfurcht zitiert. So wollen sie auch die theologische, pastorale Exegese von der wissenschaftlichen, geschichtlichen trennen. Nach dem Prinzip, daß die Wissenschaft vom Glauben durchaus abhängig ist, treten sie in ihrer Philosophie, Geschichte oder Kritik ungescheut in die Fußstapfen Luthers. Prop. 29, verurteilt durch Leo X. in der Bulle „Exsurge Domine“ vom 16. Mai 1520: Wir haben einen Weg gefunden, die Autorität der Konzilien zu vernichten, ihren Verhandlungen frei zu widersprechen, ihre Dekrete zu beurteilen und zuversichtlich alles auszusprechen, was wahr scheint, mag es auch von irgendeinem Konzil gebilligt oder mißbilligt werden. Ihre Verachtung gegen katholische Verordnungen, gegen die heiligen Väter, die ökumenischen Konzilien und das kirchliche Lehramt tragen sie offen zur Schau. Stellt man sie zur Rede, dann nimmt man ihnen die Freiheit. Durch ihre Lehre, der Glaube muß der Wissenschaft unterworfen sein, tadeln sie auf Schritt und Tritt ganz offen die Kirche. Sie behaupten, die Kirche würde sich hartnäckig weigern, ihre Dogmen den Ansichten der Philosophie zu unterwerfen und anzupassen. Nachdem sie mit der alten Theologie aufgeräumt haben, machen sie sich ans Werk, eine neue einzuführen, die ihren philosophischen Träumereien zu willen ist.
19. Hier bietet sich nun die Gelegenheit, ehrwürdige Brüder, die Modernisten auch in der theologischen Arena zu betrachten, was allerdings nicht gerade ein reines Vergnügen bereitet. In aller Kürze muß es doch geschehen. Es handelt sich um die Versöhnung von Glauben und Wissen, und zwar durch Unterordnung des einen unter das andere. Die modernistische Theologie stützt sich dabei auf dieselben Prinzipien, welche beim Philosophen so großen Erfolg hatten. Er muß sie lediglich den Gläubigen durch das Prinzip der Immanenz und des Symbolismus anpassen. So löst er spielend seine Aufgabe. Der Philosoph sagt ihm: Das Prinzip des Glaubens ist immanent. Der Gläubige fügt hinzu: Dieses Prinzip ist Gott. Der Theologe schließt mit der Folgerung: Also ist Gott im Menschen immanent. Daher die theologische Immanenz. Ferner steht für den Philosophen fest, daß die Vorstellungen des Glaubensobjektes nur symbolisch sind. In der gleichen Weise steht für den Gläubigen fest, daß das Glaubensobjekt Gott ist, wie er in sich ist. Daraus folgert der Theologe: Die Vorstellungen von der Realität Gottes sind symbolisch. Daher der theologische Symbolismus. Dabei handelt es sich um schwerwiegende Irrtümer. Die Konsequenzen werden zeigen, welches Unheil diese beiden Sätze anrichten können. Sprechen wir zuerst vom Symbolismus. Die Symbole sind in bezug auf ihren Gegenstand Symbole. In bezug auf den Gläubigen stellen sie Hilfsmittel dar. Der Gläubige darf sich daher zunächst nicht über Gebühr an die Formel als solche hängen. Er soll sie nur gebrauchen, um zur absoluten Wahrheit zu gelangen. Diese wird von der Formel zum Teil enthüllt, zum Teil jedoch auch verschleiert. Die Formel versucht sie auszudrücken, kann sie aber niemals erreichen. Dann wird daran erinnert, daß der Gläubige solche Formeln nur insoweit gebrauchen soll, als sie ihm helfen, da sie ihm zur Hilfe geboten werden, nicht zur Last. Dabei muß man allerdings, aus Rücksicht auf ihre allgemeine Annahme, den nötigen Respekt vor den Formeln wahren, welche die öffentliche Autorität als geeigneten Ausdruck für das allgemeine Bewußtsein befunden hat, solange wenigstens diese Autorität nichts anderes bestimmt. In welcher Weise die Modernisten von der Immanenz denken, ist schwer anzugeben. Darüber sind sich nicht alle einig. Einige suchen sie darin, daß Gott mit seinem Wirken dem Menschen innerlich nahe ist, näher als der Mensch sich selbst. Wenn man es richtig versteht, ist daran natürlich nichts auszusetzen. Andere finden sie darin, daß sich Gottes Wirken mit dem Wirken der Natur vereinigt, als erste Ursache mit der zweiten. Dadurch wäre die übernatürliche Ordnung tatsächlich aufgehoben. Wieder andere erklären es in der Weise, daß man den Verdacht einer pantheistischen Auffassung nicht unterdrücken kann, der Zusammenhang mit ihren sonstigen Lehren wäre dann jedoch besser.
20. Zu dem Satz von der Immanenz tritt ein weiterer hinzu, welchen man den Satz der göttlichen Permanenz nennen könnte. Den Unterschied könnte man ungefähr mit der eigenen Erfahrung und der durch die Überlieferung weitergegebenen Erfahrung vergleichen. Ein Beispiel, das von der Kirche und den Sakramenten genommen ist, soll dies näher erklären. Es soll nicht angenommen werden, daß die Kirche und die Sakramente von Christus selbst herrühren. Das verbietet der Agnostizismus. Dieser sieht in Christus nur den Menschen, dessen religiöses Bewußtsein sich wie bei den übrigen Menschen erst allmählich gebildet hat. Das verbietet auch das Gesetz der Immanenz, welches sogenannte äußere Applikationen nicht zuläßt. Ferner verbietet es das Gesetz der Entwicklung. Diese erfordert Zeit und eine Reihe sich ablösender Bedingungen, damit sich die Keime entfalten können. Zum Schluß verbietet dies auch die Geschichte, indem sie für einen derartigen Verlauf den tatsächlichen Beweis bringt. Doch ist an einer mittelbaren Stiftung der Kirche und der Sakramente durch Christus festzuhalten. Wie das? Das christliche Gesamtbewußtsein soll bereits gewissermaßen im Bewußtsein Christi enthalten gewesen sein, so wie die Pflanze im Samen. Wie nun die Keime das Leben des Samens ausleben, so hat man sich auch das Leben der gesamten Christenheit als ein Ausleben des Lebens Christi zu denken. Nach dem Glauben ist das Leben Christi göttlich, somit auch das Leben der Christenheit. Wenn dieses Leben daher im Laufe der Zeiten die Kirche und die Sakramente erstehen ließ, so kann man mit vollem Recht ihren Ursprung Christus zuschreiben und ihn göttlich nennen. Auf dieselbe Weise sind ihnen auch die Heilige Schrift und die Dogmen göttlich. Damit ist die modernistische Theologie so ziemlich erschöpft. Ein sehr dürftiger Hausrat, der jedoch mehr als ausreichend ist, wo der Grundsatz vom willigen Gehorsam gegen alle Aussprüche der Wissenschaft gilt. Die Anwendung auf das folgende ist leicht zu vollziehen.