JOACHIM EMPFÄNGT DEN SEGEN DER BUNDESLADE
Ich sah nun, daß der Engel die Stirne Joachims mit der Spitze seines Daumens und Zeigefingers bezeichnete oder salbte, und daß er ihm einen leuchtenden Bissen zu essen und eine lichte Flüssigkeit aus einem schimmernden Becherchen zu trinken gab, das er mit zwei Fingern faßte. Es war von der Gestalt des Abendmahlkelches, jedoch ohne Fuß. -Diese Speisung erschien mir auch, als gebe er ihm eine kleine lichte Weizenähre und ein Lichtträubchen in den Mund, und ich erkannte, daß hierauf alle sündliche Lust und Unreinheit von Joachim verschwunden sei.
Ich sah hierauf, daß der Engel den Joachim des höchsten Gipfels, der heiligsten Blüte jenes Segens teilhaftig machte, den Gott dem Abraham gegeben und der endlich aus Joseph das Heiligtum der Bundeslade, der Sitz Gottes unter seinem Volke geworden war; er gab dem Joachim diesen Segen, in derselben Weise, wie mir bei anderer Gelegenheit gezeigt ward, daß Abraham durch einen Engel den Segen empfing, nur mit der Abweichung, daß der segnende Engel bei Abraham den Segen aus sich selbst, gleichsam aus seiner Brust, bei Joachim aber aus dem Allerheiligsten zu nehmen schien 17 .
Es war bei der Segnung Abrahams, als setze Gott die Gnade dieses Segens ein und segne den Vater seines künftigen Volkes mit diesem Segen, auf daß die Steine zum Bau seines Tempels aus ihm hervorgehen möchten. - Als Joachim aber den Segen empfing, war es, als nehme der Engel das Heiligtum des Segens aus dem Tabernakel dieses Tempels und übergebe es einem Priester, auf daß das heilige Gefäß aus ihm gebildet werde, in welchem das Wort Fleisch werden solle. - Es ist dieses unaussprechlich, weil es das unverletzte Allerheiligste ist, das durch den Sündenfall im Menschen verletzt worden ist.
17 Die Erzählerin, welche in der Mitteilung ihrer vielfältigen Anschauungen aus dem Alten Testamente oft mit großem Detail von der Bundeslade gesprochen, hat nie gesagt, daß nach der Babylonischen Gefangenschaft im wiederhergestellten Tempel oder später in dem Tempel, den Herodes erneuert, die erste Bundeslade mit ihrem ganzen Inhalte wieder gewesen. Jedoch hat sie wohl erwähnt, daß im Allerheiligsten des Tempels eine erneute Lade gewesen, in welcher noch einige Reste der Heiligtümer der ersten Bundeslade bewahrt werden, von welchen sie manches in Besitz und Verehrung der Essener gekommen sah.
Ich habe seit meiner frühesten Jugend in meinen vielen Betrachtungen aus dem Alten Testament gar oft in die Bundeslade gesehen und habe dabei immer alles wie in einer vollkommenen Kirche, nur ernster und schauerlicher, gefühlt. Ich sah nicht nur die Gesetztafeln gleich dem geschriebenen Worte Gottes darin, sondern auch eine sakramentalische Gegenwart des lebendigen Gottes 18 und es war diese gleichsam wie die Wurzel von Wein und Weizen, von Fleisch und Blut des zukünftigen Opfers der Erlösung. Es war ein Segen, aus dessen Gnade unter gottesfürchtiger Mitwirkung nach dem Gesetz jener Stamm hervor gewachsen, dem endlich die reine Blume entsprossen ist, in welcher das Wort Fleisch, in welcher Gott Mensch geworden, der uns sein Fleisch und Blut, sich selbst mit Menschheit und Gottheit wieder im Neuen Bunde zum Sakrament eingesetzt hat, ohne dessen Genuß wir das ewige Leben nicht haben werden. -Ich habe nie die sakramentalische Gegenwart Gottes in der Bundeslade vermißt, außer wenn sie in der Feinde Hand gefallen war, denn alsdann war das Heiligtum zu dem Hohenpriester oder irgendeinem Propheten gerettet. Mit den Gesetztafeln allein ohne das Heiligtum kam mir die Bundeslade dann vor wie der Tempel der Samaritaner auf dem Garizim oder wie heutzutage eine Kirche, worin statt der von der Hand Gottes geschriebenen Tafeln des Gesetzes nur die von Menschen verstandene Heilige Schrift und nicht das heilige Sakrament ist.
18 Man stoße sich nicht an dem Ausdruck „sakramentalische Gegenwart Gottes"; denn daß Gott auf eine geheimnisvolle, sichtbar angekündigte Weise über der Bundeslade gegenwärtig war, bezeugt die Heilige Schrift deutlich. Zwischen jenen Cherubsbildern nämlich, welche auf dem Spruchthrone oder über der Bundeslade standen, zeigte sich, ob immer oder nur zu gewissen Zeiten, ist nicht ausgesprochen, ein Glanz der göttlichen Majestät, den eine Wolke verhüllte. „Sage zu Aaron, deinem Bruder, daß er nicht zu aller Zeit ins Heiligtum eingehe, . .. auf daß er nicht sterbe, denn in einer Wolke will ich erscheinen über dem Spruchthron" (Lev 16,2). Zwischen den zwei Cherubim heraus will Gott mit Moses reden (Ex 25,22). Als die Bundeslade in den neuen salomonischen Tempel getragen war, zog Gott in einer Wolke auf sie ein, daß die Priester nicht mehr innen bleiben konnten, da sprach Salomon: „Der Herr hat gesagt, daß er wohnen wolle in der Wolke" (2 Chr 6,1 und 3 Kg 8,10—13 Diese verhüllte Gegenwart Gottes auf der alten Bundeslade führt im Hebräischen den Namen Schechinah; nach den Anschauungen der Emmerich wäre aber dieser Glanz nur Ausstrahlung vom geheimnisvollen Inhalt der Lade gewesen.
In der Bundeslade Moses', die in der Stiftshütte und im Tempel Salomons gestanden, sah ich dieses Heiligste des Alten Bundes unter der Form zweier sich durchdringenden, kleineren Lichtgestalten innerhalb eines leuchtenden Umfanges; jetzt aber, als der Engel den Joachim dieses Segens teilhaftig machte, sah ich diesen Segen, als gebe der Engel etwas Leuchtendes, gleich einem leuchtenden Pflanzenkeim, von der Form einer leuchtenden Bohne in das vor der Brust geöffnete Gewand Joachims. — Auch bei der Übergabe des Segens an Abraham sah ich die Gnade auf diese Weise zu ihm übergehen und bei ihm in der von Gott bestimmten Wirksamkeit verbleiben, bis er diesen Segen Isaak seinem Erstgeborenen übergab, von welchem er auf Jakob und von diesem durch den Engel auf Joseph und von Joseph und seinem Weibe in einer umfassenderen Bedeutung zur Bundeslade kam. — Ich vernahm, daß der Engel dem Joachim die Bewahrung des Geheimnisses gebot und erkannte daraus die Ursache, warum später Zacharias, der Vater des Täufers, stumm geworden, nachdem er den Segen und die Verheißung der Fruchtbarkeit Elisabeths vom Engel Gabriel am Altar des Rauchopfers empfangen hatte (Lk 1,9—22). — Mir ward eröffnet, daß Joachim in diesem Segen die höchste Frucht und die eigentliche Erfüllung des Segens Abrahams, den Segen zur unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau empfing, welche der Schlange das Haupt zertrat.
Der Engel führte hierauf Joachim wieder in das Heilige hervor und verschwand. Joachim aber sank in Entzückung erstarrt zur Erde. Hier fanden ihn die wieder eintretenden Priester mit von Freude glühendem Antlitz. Sie hoben ihn mit Ehrfurcht auf und brachten ihn hinaus auf einen Stuhl, auf welchem sonst Priester zu sitzen pflegten. Hier wuschen sie ihm das Angesicht, hielten ihm etwas von stärkendem Geruch unter die Nase, gaben ihm zu trinken und taten mit ihm, wie man mit Ohnmächtigen zu tun pflegt. Als Joachim sich erholt hatte, schien er leuchtend, blühend und wie verjüngt.
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