Dynamik der Versuchung
Jedem von uns ist die Fähigkeit gegeben zu unterscheiden, was gut und was schlecht ist (Röm 2,15). Dennoch passieren uns immer wieder Dinge, von denen wir nachher einsehen müssen: das war nicht gut, es war böse, was ich getan habe.
Was spielt sich da ab?
Wenn wir genau hinschauen, entdecken wir ein Schema, das immer wieder abläuft. Wenn wir es kennen, können wir es durchbrechen.
Einer jeden Sünde geht immer eine Versuchung voraus. Natürlich stellt sie sich nicht vor uns hin und sagt: Ha, ich bin der böse Geist, ich werde dich jetzt versuchen. Vielmehr erscheint sie uns attraktiv, logisch und als das einzig Richtige:
- Sorge für dich selbst, denn niemand im ganzen Kosmos kümmert sich um dich! Du hast ein Recht darauf!
- Du solltest dir mehr Vergnügen gönnen, dein Leben ist wirklich hart!
- Du musst dich nicht länger unterlegen fühlen; zeig doch endlich, was in dir steckt!
- Jetzt bist du mal am Drücker! Endlich kannst du es denen heimzahlen, die dich verletzt haben; danach geht’s dir besser.
Der Versucher setzt in der Regel bei unseren Verletzungen an, wo wir uns benachteiligt, unterlegen, unverstanden, zu wenig beachtet, nicht erwünscht, alleingelassen, übergangen und von Gott und Menschen enttäuscht fühlen.
Wie neigen dazu, uns darauf zu fixieren, so dass wir nur noch die Verletzung sehen und nicht mehr frei sind, Gottes Liebe zu erkennen. Auf diese Weise sind wir anfällig für die Einflüsterungen und Anklagen des Teufels. Entscheidend ist deshalb, wie ich mit den Wunden aus meiner Geschichte umgehe. Wenn ich mich ihnen stelle und Heilung suche, muss ich nicht mehr aus ihnen heraus reagieren und meine Verletzungen nicht an andere weitergeben. Ungeheiltes und Unerlöstes in mir gebiert Unwahrhaftigkeit, Maßlosigkeit, Süchte, Härte, Machtkampf, übermäßigen Ehrgeiz. Das sind nur einige Fehlformen, um mit den eigenen Verletzungen fertig zu werden, die aber in eine Sackgasse führen.
Der zweite Schritt einer Versuchung hängt davon ab, ob wir auf sie hören oder nicht. Wenn wir sie zurückweisen, haben wir schon fast gewonnen. Sobald wir beginnen zuzuhören - wie Eva - geraten wir auf gefährlichen Boden, auch slippery slope genannt: ein rutschiges Gefälle, auf dem ich jeden Halt verliere, sobald ich einen Fuß darauf setze. Also: nicht zuhören, sondern die Versuchung entschieden zurückweisen und unsere Gedanken der Liebe Gottes zuwenden!
In Mel Gibsons Film "Die Passion" gibt es eine Szene, die anschaulich zeigt, wie das gelingt:
Satan: Glaubst du wirklich, dass ein Mensch die ganze Last der Sünde tragen kann?
Jesus: Behüte mich, oh Herr, ich vertraue auf dich; zu dir nehme ich meine Zuflucht.
Satan: Ich sage dir: Kein Mensch kann allein diese Last tragen. Sie ist viel zu schwer. Der Preis für die Rettung ihrer Seelen ist viel zu hoch... Niemand. Nie. ... Nein. Niemals.
Jesus: Vater, alles ist dir möglich. Wenn es möglich ist, dann lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Aber es geschehe nicht, was ich will, sondern was du willst.
Satan: Wer ist dein Vater? Wer bist du?
Wenn wir erst einmal zugehört haben, beginnt normalerweise ein inneres Erwägen:
- Du weißt, du sollst diese Sahnetorte nicht essen!
- Ja, aber sie sieht so gut aus!
- Denk dran, das ist verboten für dich!
- Aber die Gelegenheit ist einmalig, sie kommt so schnell nicht wieder.
- Deiner Gesundheit tut das aber nicht gut.
- Sei nicht so eng! Ich mach es ja nicht immer, einmal ist keinmal...
Mit dem Verführer diskutieren zu wollen, ist zwecklos, er wird immer siegen, denn er ist ein Meister der Überredungskunst, der Vater der Lüge.
Gewissen und Leidenschaften sind im Widerstreit. Wie oft machen wir das in unserem Alltag durch. Immer wieder kommen wir in Situationen, in denen unser Gewissen uns etwas sagt, unsere momentanen Gefühle und Leidenschaften etwas anderes wollen. Wir kämpfen dagegen an oder wir ergeben uns. Beides hat Folgen.
Der Versuchung zu erliegen, bedeutet in einem fünften Schritt die Zustimmung. Wir sind bereit, das zu tun, was wir eigentlich nicht tun wollten. Nach der Zustimmung kommt der Genuss. Er ist allerdings nur ein scheinbarer, denn auch wenn es uns im Moment zu schmecken scheint - ganz egal, worum es sich handelt - ekeln wir uns danach und verachten uns. Wir merken, dass es uns in Wirklichkeit nicht gut tat und nicht gut war. Auch von Adam und Eva heißt es: Da gingen ihnen die Augen auf und sie schämten sich.
Diesen Teufelskreis hat Paulus mit starken Worten ausgedrückt: Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich aus diesem, dem Tod verfallenen Leib erretten? (Röm 7,24). Mit ihm dürfen wir uns aber auch der Antwort gewiss sein: Durch Jesus Christus, unseren Herrn! Dank sei Gott.
Der Geschmack der Sünde
Die Sünde beginnt mit unseren ungeordneten, nicht mehr zielgerichteten Neigungen. Zunächst werden wir gereizt durch das Verlangen nach etwas, das wir nicht haben sollen. Hier wäre es unsere Pflicht, das falsche Verlangen zurückzuweisen und die Umstände und Gelegenheiten zu meiden, die uns in Versuchung führen.
Was ist, wenn wir stattdessen nachgeben?
Gewöhnlich straft Gott Sünder nicht, indem er Blitze vom Himmel schleudert. Die schlimmste Strafe, die uns trifft, besteht in der Anziehungskraft, die die Sünde auf uns ausübt. Wir bekommen unseren Willen! Wenn wir uns daran gewöhnen, werden wir unvermeidlich Gefangene unseres Eigenwillens. Wir werden abhängig, ja süchtig nach dem, was uns schnelle Befriedigung verspricht und finden alleine nicht mehr heraus. So erging es Edmund in C. S. Lewis' fantastischer Geschichte Narnia, als er die Weiße Hexe trifft:
"Was möchtest du am liebsten essen?", fragte ihn die Königin. "Türkischen Honig, bitte", erwiderte Edmund. Die Königin ließ einen Tropfen aus ihrer Flasche in den Schnee fallen und sogleich erschien dort eine runde Schachtel. Edmund hatte nie so etwas Leckeres gekostet. Während er aß, fragte ihn die Königin aus. Aber er dachte an nichts anderes, als so viel türkischen Honig wie nur möglich in sich hineinzustopfen; doch je mehr er aß, umso gieriger verlangte er danach. Zuletzt sah Edmund enttäuscht in die leere Schachtel. Die Königin wusste genau, was er dachte, aber er ahnte nicht, dass es verzauberter türkischer Honig war und dass jeder, der einmal davon gekostet hatte, mehr und immer mehr davon haben wollte, ja, so lange danach begehrte, bis er starb.
Sobald uns eine Sünde bindet, werden unsere Werte auf den Kopf gestellt. Das Böse wird für uns zum sehnlichsten "Gut", zum dringendsten Verlangen, während das wirklich Gute wie etwas "Böses" vor uns steht, das uns nur von der Befriedigung unseres Verlangens abhalten will.
Aber Gott verlässt uns auch da nicht. Er gibt uns auch jetzt noch die Chance, umzukehren. Nachdem wir nachgegeben und gesündigt haben, arbeitet das Gewissen weiter in uns. Danken wir Gott, dass er uns diese innere Stimme gegeben hat. Es gibt den Weg zurück, indem wir unserem Gewissen folgen. Das ist Reue. Reue bedeutet einzusehen und zu bekennen, dass man den falschen Weg eingeschlagen hat und umzukehren. Wer bereut, hat Zukunft.
Fallen ist menschlich
Es gibt aber auch die Möglichkeit, das Gewissen zu ignorieren. Das führt zu einer inneren Verhärtung. Nicht zuzugeben, dass ich etwas falsch gemacht habe, der Realität gegenüber hart zu werden, letztlich die Wahrheit zu verfälschen, heißt, auf Dauer in einer Lüge zu leben und im Selbstbetrug gefangen zu sein. Das Gewissen wird taub und irgendwann unfähig zur Wahrheit.
Zu sündigen gehört zu unserem Menschsein. Aber wir sind nicht determiniert zur Sünde.
Auch wenn die Versuchungen stark sind in unserem Leben; auch wenn es Gefühle gibt, die uns hin- und herzerren, auch wenn wir Leidenschaften fast nicht kontrollieren können - letztendlich hat jeder die Freiheit, sich zu entscheiden (sofern er seelisch gesund ist), welchen Weg er einschlägt. Damit ist er auch verantwortlich für seine Entscheidungen und sein Tun.
Gottes vorleistungsfreie Liebe ist das größte Geschenk an uns. Er liebt uns als Sünder. Er freut sich natürlich nicht an unserer Sünde, aber er wird deshalb nicht aufhören, uns als sein Kind zu lieben. Im Gegenteil: Jetzt, da es bedürftig ist und die Hilfe besonders braucht, ist er seinem Kind besonders nahe.
Obwohl wir Menschen den Plan Gottes mit unserer Sünde fast zerstört haben, wendet Gott sich nicht von uns ab; ganz im Gegenteil: er sucht uns, geht uns hinterher und tröstet uns.
Gott ist die Liebe. Er hat seine Geschichte mit den Menschen als Liebesgeschichte gedacht. Wir haben aus dieser Liebesgeschichte durch unsere Sünde eine Leidensgeschichte gemacht. Aber Gott ist und bleibt die Liebe. Er hat durch seine Menschwerdung die Leidensgeschichte in Heilsgeschichte verwandelt.
Rudolf Böhm, Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist. Diesen Vortrag hielt er während einer Kommunitätswoche unserer Gemeinschaft im Juni 2009 in Reichelsheim.
Dieser Text ist erschienen in Salzkorn 3/2009 - "Sünde kann tödlich sein" unter der Überschrift "Ein Bisschen Apfel. Was die Sünde aus dem Menschen macht. Betrachtung zu Genesis 1-3", S. 110 - 114.
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