Über die Sünde (Hamartia und Hamartanein)
Sünde erste Lektion von zwei - bezogen auf den griechischen Urtext
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Hamartia ist das gebräuchlichste neutestamentliche Wort für Sünde. Hamartanein ist das gebräuchlichste Verb für sündigen. In den Briefen des Apostels Paulus kommt das Wort „Sünde“ mindestens 60 mal vor und insgesamt im NT 174 mal. Hamartanein bedeutet im profan-griechisch, das Ziel verfehlen, bzw. den Weg verfehlen. Im NT bezeichnet hamartia oft keine bestimmte Tat, sondern einen Zustand, aus dem dann Übertretung des Gesetzes die Folge ist. Paulus schreibt von einer zerstörerischem Kraft, welche die Menschen beherrscht.
1. Das NT lehrt uns über hamartia
Sünde ist universal
Sünde ist nicht wie eine Krankheit, von der manche Menschen befallen und vor der andere verschont werden. Es ist etwas, in das alle Menschen verstrickt sind und dessen jeder einzelne Mensch schuldig wird. Sünde ist kein gelegentlicher Ausbruch, sondern der Zustand aller Menschen.
Römer 3:23
Denn es ist kein hier Unterschied: sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten,
1.Johannes 1:8
So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.
Sünde ist eine Macht, die den Menschen in ihrer Gewalt hat.
Die Wörter, die im griechisch benutzt werden „huph hamartian“, bedeuten wörtlich: „unter der Sünde“. Diese Präposition hupo mit dem Akkusativ , wie hier, bedeutet „in Abhängigkeit von . . . unter der Kontrolle von .“ Ein Kind z. B. ist „unter seinem Vater“, ein Armee steht „unter seinem Kommandeur“, - der Mensch ist „unter der (Herrschaft) der Sünde“.
Römer 3:9-10
Was sagen wir denn nun? Haben wir einen Vorteil? Gar keinen. Denn wir haben droben bewiesen, daß beide, Juden und Griechen, alle unter der Sünde sind, wie denn geschrieben steht: "Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer.
Bestimmte griechische Redewendungen machen dies immer wieder deutlich.
Von der Sünde wird gesagt, daß sie über den Menschen herrscht „basileuein“. (Basileus = gr. König)
Römer 5:21
auf daß, gleichwie die Sünde geherrscht hat zum Tode, also auch herrsche die Gnade durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesum Christum, unsern HERRN.
Die Sünde spielt sich als Herr über den Menschen auf „kyrieuein“
(Kyrios = gr. Herr, bedeutet absolutem „Besitz“, absoluter „Herrschaft“ )
Römer 6:14
Denn die Sünde wird nicht herrschen können über euch, sintemal ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.
Die Sünde nimmt den Menschen gefangen „aichmalotizein“
(Das Wort wird gebraucht für „im Krieg einen Gefangenen machen“)
Römer 7:20+23
So ich aber tue, was ich nicht will, so tue ich dasselbe nicht; sondern die Sünde, die in mir wohnt. ... Ich sehe aber ein ander Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüte und nimmt mich gefangen in der Sünde Gesetz, welches ist in meinen Gliedern.
Die Sünde wohnt in den Menschen „oikein, enoikein“.
Die Sünde wirkt nicht einfach von außen am Menschen, sondern ist in sein innerstes Sein eingedrungen und ganz hat von ihm Besitz ergriffen, so wie ein Feind ein Land in Besitz nimmt.
Römer 7:17,20
So tue ich nun dasselbe nicht, sondern die Sünde, die in mir wohnt. ...
So ich aber tue, was ich nicht will, so tue ich dasselbe nicht; sondern die Sünde, die in mir wohnt.
Das Resultat ist, daß der Mensch ein „Sklaven der Sünde“ wurde „doulos, douleuein“.
Zur Zeit der Niederschrift hatte der Herr über seinen Sklaven absolute Gewalt. Es gab keinen Lebensbereich, keinen Augenblick in dem Leben eines Sklaven, den er für sich persönlich beanspruchen konnte. Er gehörte ganz und gar seinem Herrn. Genauso ist der Mensch Sklave der Sünde.
Johannes 8:34
Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.
Römer 6:17
Gott sei aber gedankt, daß ihr Knechte der Sünde gewesen seid, aber nun gehorsam geworden von Herzen dem Vorbilde der Lehre, welchem ihr ergeben seid.
2. Es gibt einen sehr engen Zusammenhang in den griechischen biblischen Schriften zwischen „Gesetz“ und „Sünde“, „nomos“ und „hamartia“.
Das Gesetz lehrt, was Sünde ist.
Römer 3:20
darum daß kein Fleisch durch des Gesetzes Werke vor ihm gerecht sein kann; denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.
Die Sünde wird Sünde durch das Gesetz
Eine Tat oder Unterlassung ist nicht Sünde, ehe sie nicht als solche durch ein Gesetz zur Sünde erklärt wird. Gäbe es kein Gesetz, könnte der Mensch keiner Übertretung schuldig werden. Es ist wie mit der Straßenverkehrsordnung. Im der ehemaligen Bundesrepublik durfte man auf der Autobahn so schnell fahren wie man konnte oder wollte. Sobald man aber in die ehemalige DDR kam gab es das Gebot nur 100 km/h auf der Autobahn zu fahren. Wer schneller fuhr, hatte das Gesetz übertreten. Der Erlaß der Verordnung hat die Möglichkeit zur Übertretung geschaffen.
Römer 5:13
denn die Sünde war wohl in der Welt bis auf das Gesetz; aber wo kein Gesetz ist, da achtet man der Sünde nicht.
Die Sünde wird durch das Gebot (Gesetz) reizvoll
Noch in einem anderen Sinn entsteht die Sünde durch das Gesetz. Etwas Verbotenes besitzt eine merkwürdige Anziehungskraft. Etwas in der menschlichen Natur läßt das Verbotene besonders anziehend erscheinen. Das bedeutet aber, das das Gesetz zwei wesentliche Mängel hat. Es kann die Sünde zwar kenntlich machen, aber nicht beseitigen. Es ist wie ein Arzt, der eine Krankheit feststellen, sie aber nicht heilen, ja nicht einmal hemmen kann. Zum anderen besteht die seltsame und fatale Tatsache, daß durch das Verbot die Dinge anziehend werden. Hier sehen wir die unentwirrbare Verbindung zwischen hamartia und nomos, Sünde und Gesetz.
Römer 7:8
Da nahm aber die Sünde Ursache am Gebot und erregte in mir allerlei Lust; denn ohne das Gesetz war die Sünde tot.
3. Konsequenzen der Sünde.
Sünde bewirkt eine Verhärtung des Herzens.
Das Wort, das hier für Verhärtung gebraucht wird, ist sklerynein. Skleros kann für einen Stein gebraucht werden, der besonders hart und daher schwer zu bearbeiten ist; man kann es auch für einen König anwenden, der seine Untergebenen unmenschlich und hart behandelt. Sünde verhärtet das Herz. Wir wissen aus Erfahrung, daß der Mensch, wenn er zum erstenmal ein Unrecht begeht, dies mit innerem Widerstreben tut ; zum zweitenmal tut er es viel leichteren Herzens. Falls er in diesem Unrecht fortfährt, denkt er sich schließlich gar nichts mehr dabei. Er hat kein Empfinden mehr für die Sünde; sein Herz ist verhärtet. (Pharao im AT beim Auszug)
Hebräer 3:13
... sondern ermahnet euch selbst alle Tage, solange es "heute" heißt, daß nicht jemand unter euch verstockt werde durch Betrug der Sünde.
Sünde hat den Tod zur Folge
Dies ist in zweifacher Weise wahr. Der Apostel Paulus zeigt, daß der Tod durch die Sünde Adams in die Welt gekommen ist. Die Sünde zerstörte das Leben, das Gott für den Menschen im Sinn hatte. Die Sünde hat aber auch den Tod der Seele im Gefolge. Leiblicher und geistlicher Tod sind, nach Paulus, beide das Resultat der Sünde. Die wirkliche Bedeutung eines Wortes ergründet man am besten, wenn man die anderen Wörter untersucht, in deren Verbindung es am meisten gebraucht wird.
Römer 5:12
Derhalben, wie durch einen Menschen die Sünde ist gekommen in die Welt und der Tod durch die Sünde, und ist also der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, dieweil sie alle gesündigt haben;
Jakobus 1:15
Darnach, wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert sie den Tod.
4. Begriffe mit denen hamartia im NT verbunden ist.
Hamartia steht im Zusammenhang mit blasphemia
Die Grundbedeutung dieses Wortes ist beleidigen, beschimpfen, lästern. Sünde ist demnach eine Beleidigung Gottes. Es beleidigt Gott, wenn wir seine Gebote verspotten, das eigene Ich an die Stelle zu setzen, die nur ihm gebührt und vor allem, seine Liebe zu kränken.
Matthäus 12:31
Darum sage ich euch: Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben; aber die Lästerung wider den Geist wird den Menschen nicht vergeben.
Hamartia steht in Verbindung mit apate
Apate bedeutet Falschheit, Hinterlist, Betrug. Sünde ist immer falsch, sie verspricht etwas, was sie nicht halten kann. Sünde ist immer eine Lüge. Jeder Mensch, der sündigt, der etwas Verbotenes tut oder etwas Verbotenes nimmt, tut es, weil er meint, dadurch glücklicher zu werden. Die Sünde gaukelt ihm dieses Glück vor. Die Erfahrung lehrt aber, daß eine unrechte Tat, oder unrechter Besitz niemals einen Menschen glücklich gemacht haben im Gegenteil es kommt zum eigentlichen Vergehen noch die beständige Furcht vor der Entdeckung.
Hebräer 3:13
sondern ermahnet euch selbst alle Tage, solange es "heute" heißt, daß nicht jemand unter euch verstockt werde durch Betrug der Sünde.
Hamartia finden wir im Zusammenhang mit epithymia Lust, Begehren
Epithymia ist ein „Verlangen nach verbotenen Vergnügen“. Die Stoiker fügten dieser Begriffsbestimmung hinzu, daß dieses Verlangen „über die Grenzen der Vernunft hinausgeht“. Epithymein ist das Verb, das in der griechischen Übersetzung des 10. Gebotes gebraucht wird, „Laß dich nicht gelüsten“'. Wenn eines Menschen Herz so gereinigt werden könnte, daß es kein Verlangen mehr nach unrechten Dingen hätte, würde der Mensch aufgehört haben zu sündigen.
Jakobus 1:15
Darnach, wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert sie den Tod.
Hamartia wird gleichgestellt mit anomia
Anomia bedeutet Gesetzlosigkeit. Die Sünde gibt dem Menschen das Verlangen ein, genau das zu tun, was ihm beliebt. Anomia weckt im Menschen das Begehren, seine eigenen Wünsche über seine Pflicht gegenüber anderen zu stellen, ja selbst über den Gehorsam Gott gegenüber. Anomia entspringt im Grunde genommen dem Verlangen, sich selbst und nicht Gott zum Mittelpunkt des Lebens zu machen.
1.Johannes 3:4
Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht (Gesetzlosigkeit), und die Sünde ist das Unrecht (Gesetzlosigkeit).
Hamartia ist gleichbedeutend mit adikia Unrecht, Ungerechtigkeit, Verderbtheit
Es ist das Gegenteil von dikaiosyne Gerechtigkeit. Dikaiosyne kann erklärt werden mit Gott und Menschen das geben, was ihnen zukommt. Adikia bedeutet dann das Gott und Menschen gleicherweise Zustehende versagt. Sünde läßt den Menschen sich selbst anbeten und vergißt oder verweigert Gott und den Mitmenschen zu dienen. Der Mensch in der Sünde benimmt sich so, als ob er das wichtigste Wesen im Universum sei.
1.Johannes 5:17
Alle Untugend (Unrecht) ist Sünde; und es ist etliche Sünde nicht zum Tode.
Hamartia steht im Zusammenhang mit prosopolepsia Ansehen der Person
Ansehen der Person kommt durch das Anlegen menschlicher statt göttlicher Maßstäbe an die Welt, das Leben und die Menschen im allgemeinen. Die Sünde akzeptiert die Grundsätze der Welt anstelle der göttlichen Gesetze, sie beurteilt die Dinge so, wie Menschen sie sehen und nicht wie Gott sie sieht.
Jakobus 2:9
... so ihr aber die Person ansehet, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter.