Absatz 4 DER SCHÖPFER
279 ,,Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" (Gen 1,1). Mit diesen feierlichen Worten beginnt die Heilige Schrift. Das Glaubensbekenntnis übernimmt diese Worte, indem es Gott, den Vater, den Allmächtigen, als den ,,Schöpfer des Himmels und der Erde" bekennt, ,,der die sichtbare und die unsichtbare Welt" geschaffen hat. Wir werden zunächst über den Schöpfer, dann über die Schöpfung und schließlich über den Sündenfall sprechen, von dem Jesus Christus, der Sohn Gottes, uns durch sein Kommen wieder aufgerichtet hat.
280 Die Schöpfung ist ,,der Beginn der Heilsökonomie", ,,der Anfang der Heilsgeschichte" (DCG 51), die in Christus gipfelt. Umgekehrt ist das Christusmysterium die entscheidende Erhellung des Schöpfungsmysteriums; es enthüllt das Ziel, auf das hin Gott ,,im Anfang ... Himmel und Erde" schuf (Gen 1,1). Schon von Anfang an hatte Gott die Herrlichkeit der Neuschöpfung in Christus vor Augen [Vgl. Röm 8,18-23.].
281 Aus diesem Grund beginnen die Lesungen der Osternacht, der Feier der Neuschöpfung in Christus, mit dem Schöpfungsbericht. Desgleichen bildet in der byzantinischen Liturgie der Schöpfungsbericht stets die erste Lesung der Vigilien der Hochfeste des Herrn. Nach dem Zeugnis der frühen Christenheit folgt die Belehrung der Katechumenen über die Taufe dem gleichen Weg von der Schöpfung zur Neuschöpfung [Vgl. Egeria, pereg. 46; Augustinus, catech. 3,5.].
I Die Katechese über die Schöpfung
282 die Katechese über die Schöpfung ist entscheidend wichtig. Sie betrifft ja die Grundlagen des menschlichen und des christlichen Lebens, denn sie formuliert die Antwort des christlichen Glaubens auf die Grundfragen, die sich die Menschen aller Zeiten gestellt haben: ,,Woher kommen wir?", ,,wohin gehen wir?", ,,woher stammen wir?", ,,wozu sind wir da?", ,,woher kommt alles, was da ist, und wohin ist es unterwegs?" Die beiden Fragen, die nach dem Ursprung und die nach dem Ziel, lassen sich nicht voneinander trennen. Sie sind für den Sinn und die Ausrichtung unseres Lebens und Handelns entscheidend.
283 Die Frage nach den Ursprüngen der Welt und des Menschen ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Forschungen, die unsere Kenntnis über das Alter und die Ausmaße des Universums, über das Werden der Lebensformen und das Auftreten des Menschen unerhört bereichert haben. Diese Entdeckungen sollten uns anregen, erst recht die Größe des Schöpfers zu bewundern, ihm für all seine Werke und für die Einsicht und Weisheit zu danken, die er den Gelehrten und Forschern gibt. Mit Salomo können diese sagen: ,,Er verlieh mir untrügliche Kenntnis der Dinge, so daß ich den Aufbau der Welt und das Wirken der Elemente verstehe ..., denn es lehrte mich die Weisheit, die Meisterin aller Dinge" (Weish 7,17.21).
284 Das große Interesse für diese Forschungen wird stark angespornt durch eine Frage anderer Ordnung, die über das eigentliche Feld der Naturwissenschaften hinausgeht. Es handelt sich nicht bloß um die Frage, wann und wie der Kosmos materiell entstanden und der Mensch aufgetreten ist, sondern es geht um den Sinn dieses Werdens:
ob es durch Zufall, durch ein blindes Schicksal, eine namenlose Notwendigkeit bestimmt wird oder aber von einem intelligenten und guten höheren Wesen, das wir Gott nennen. Und wenn die Welt aus der Weisheit und Güte Gottes stammt, warum dann das Übel? Woher kommt es? Wer ist dafür verantwortlich? Und gibt es eine Befreiung von ihm?
285 Von Anfang an standen dem christlichen Glauben in der Frage nach den Ursprüngen Antworten gegenüber, die anders lauteten als die christliche Antwort. In den alten Religionen und Kulturen finden sich zahlreiche Mythen über die Ursprünge der Welt. Gewisse Philosophen sagten, alles sei Gott; die Welt sei Gott oder das Werden der Welt sei das Werden Gottes (Pantheismus). Andere sagten, die Welt sei ein notwendiger Ausfluß Gottes; sie entströme ihm und münde wieder in ihn. Wieder andere behaupteten, es gebe zwei ewige Prinzipien, das Gute und das Böse, das Licht und die Finsternis; diese würden beständig miteinander ringen (Dualismus; Manichäismus). Nach gewissen Auffassungen wäre die Welt (zumindest die materielle Welt) schlecht, eine Verfallserscheinung, und somit zurückzuweisen oder hinter sich zu lassen (Gnosis). Andere geben zwar zu, daß die Welt von Gott geschaffen ist, aber wie von einem Uhrmacher, der sie nach ihrer Herstellung sich selbst überlassen habe (Deismus). Andere schließlich anerkennen keinen höheren Ursprung der Welt, sondern erblicken in ihr bloß das Spiel einer Materie, die schon immer existiert habe (Materialismus). Alle diese Lösungsversuche zeugen davon, daß die Frage nach den Ursprüngen dauernd und überall gestellt wird. Dieses Suchen ist dem Menschen eigen.
286 Gewiß kann schon der menschliche Verstand eine Antwort auf die Frage nach den Ursprüngen finden. Das Dasein eines Schöpfergottes läßt sich dank dem Licht der menschlichen Vernunft aus seinen Werken mit Gewißheit erkennen [Vgl. DS 3026.], wenn auch diese Erkenntnis oft durch Irrtum verdunkelt und entstellt wird. Darum bestärkt und erhellt der Glaube die Vernunft, damit sie diese Wahrheit richtig versteht: ,,Aufgrund des Glaubens erkennen wir, daß die Welt durch Gottes Wort erschaffen worden und daß so aus Unsichtbarem das Sichtbare entstanden ist" (Hebr 11,3).
287 Die Wahrheit von der Schöpfung ist für das ganze menschliche Leben so wichtig, daß Gott in seiner Güte seinem Volk alles offenbaren wollte, was hierüber zu wissen für das Heil bedeutsam ist. Über die jedem Menschen mögliche natürliche Erkenntnis des Schöpfers [Vgl. Apg 17,24-29; Röm 1,19-20.]hinaus hat Gott dem Volk Israel nach und nach das Mysterium der Schöpfung geoffenbart. Er, der die Patriarchen berufen, das von ihm erwählte Volk Israel aus Ägypten herausgeführt, geschaffen und geformt hat [Vgl. Jes 43,1.], offenbart sich als der, dem alle Völker der Erde und die ganze Welt gehören, als der, der ganz allein ,,Himmel und Erde gemacht hat" (Ps 115,15; 124,8; 134,3).
288 Somit läßt sich die Offenbarung der Schöpfung nicht trennen von der Offenbarung und Verwirklichung des Bundes, den Gott, der Einzige, mit seinem Volk geschlossen hat. Die Schöpfung wird geoffenbart als der erste Schritt zu diesem Bund, als das erste, universale Zeugnis der allmächtigen Liebe Gottes [Vgl. Gen 15,5; Jer 33,19-26.]. Die Wahrheit von der Schöpfung kommt auch in der Botschaft der Propheten [Vgl. Jes 44,24.], im Gebet der Psalmen [Vgl. Ps 104.] und der Liturgie sowie in den Weisheitssprüchen [Vgl. Spr 8, 22-31.] des auserwählten Volkes immer stärker zum Ausdruck.
289 Unter allen Aussagen der Heiligen Schrift über die Schöpfung nehmen die drei ersten Kapitel des Buches Genesis einen einzigartigen Platz ein. Literarisch können diese Texte verschiedene Quellen haben. Die inspirierten Autoren haben sie an den Anfang der Schrift gestellt. In ihrer feierlichen Sprache bringen sie so die Wahrheit über die Schöpfung, deren Ursprung und Ziel in Gott, deren Ordnung und Gutsein, über die Berufung des Menschen und schließlich über das Drama der Sünde und über die Hoffnung auf Heil zum Ausdruck. Im Lichte Christi, in der Einheit der Heiligen Schrift und in der lebendigen Überlieferung der Kirche gelesen, bleiben diese Aussagen die Hauptquelle für die Katechese über die Mysterien des ,,Anfangs": Schöpfung, Sündenfall, Heilsverheißung.
(Katechismus)