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Darauf begab sich die ehrw. Mutter als erste mit viel Ehrfurcht und Liebe zum Jesuskind, kniete nieder und sprach oben genanntes Gebet. Dann gebot sie der Mutter Subpriorin und den anderen Schwestern, das Gleiche zu tun. Als ich an die Reihe kam und mich dem kleinen Altar näherte, da kam es mir vor, daß das göttliche Kindlein einen Pfeil in mein Herz und in meine Seele schoß, der mich mit seiner Liebe entzündete. Ich fühlte mich bereit, in seinem Dienste mit der allergrößten Freude alle Qualen der Welt zu ertragen. Diese fromme Begeisterung dauerte den ganzen Tag und während der folgenden Nacht. Am nächsten Morgen, als wir das Chor verließen, suchte ich unsere ehrw. Mutter auf und sagte ihr: Möge der liebe Gott Euer Ehrwürden den herrlichen Tag vergelten, den Sie uns gestern geschenkt haben. Was mich betrifft, so werde ich ihn niemals in meinem Leben vergessen. Jetzt wundert es mich gar nicht mehr, daß die Heiligen mit so viel Freude litten und selbst ihr Leben für Jesus Christus hingaben. Wenn ich die Wirkungen betrachte, die seine göttliche Majestät in meiner Seele hervorgebracht hat, dann muß ich wohl annehmen, daß das Jesuskind gestern wirklich unter uns geweilt hat! ‘Ja, Es war bei uns, gab sie mir zur Antwort. ,Es war dort ganz genau so wie einst in der Grotte von Bethlehem, und Millionen heiliger Seraphine umgaben Es in tiefer Anbetung. Haben es Euer Lieb denn nicht gesehen?' ,Nein', mußte ich gestehen.
,Was mich betrifft', fügte die Mutter hinzu,
,so habe ich Es sehr gut gesehen, und zwar
Es ist wahr, daß Anna von Jesus nur selten über ihre mystischen
Gnaden gesprochen Im Jahr 1586 sehen wir Anna von Jesus von neuem auf den Landstraßen Kastilliens. Der Weg führte sie nach Madrid, um dort die von Theresia seit langem erwünschte Gründung vorzunehmen. Die Heilige hatte sie zu Lebzeiten nicht mehr verwirklichen können. Jetzt sollte Anna, die «zweite Theresia», ihre Stelle einnehmen. Obwohl sie am Anfang mit Jubel empfangen wurde und es nicht an sichtbarer übernatürlicher Hilfe fehlte, zogen bald schwere Gewitterwolken auf. Zum zweitenmal mußte die Reform einen harten Kampf um die Aufrechterhaltung ihres Geistes und Ideals führen. Das Kreuz erwartete die Mutter Stifterin. Eine kanonische Visitation des Madrider Klosters traf die Bestimmung, Anna für drei Jahre in eine enge Zelle zu «verbannen», ihr jedes aktive und passive Stimmrecht zu nehmen und ihr die tägliche Kommunion zu verbieten. Nach Beendigung dieser Zeit schickte man sie nach Salamanca, das Kloster, wo sie ihre Ordensprofeß abgelegt hatte. Doch schon zwei Jahre später wählten sie die dortigen Nonnen zur Priorin. Inzwischen hatte ihr Gott eine neue, verantwortungsvolle Aufgabe vorbereitet.
Schon wenige Jahre nach dem Tod der hl. Theresia
hatte man sich auf französischer Eines Tages begegnete einer der französischen Herren, die in Spanien wegen der Stiftung Unterhandlungen pflegten, dem frommen Bruder und bat ihn, doch die ganze Angelegenheit dem lieben Gott sehr warm zu empfehlen, was ihm dieser auch versprach. Kurze Zeit darauf bemerkte er dem Herrn de Berulle: «Das Kind Jesu will, daß Sie gute Schwestern (für die Stiftung) bekommen». Diese Worte hatte ihm das Jesulein, dessen wunderbare Statue er immer bei sich trug, zugeraunt und noch hinzugefügt: «Anna von Jesus und Anna vom hl. Bartholomäus seien für dieses Werk von Gott bestimmt», wie man später erfuhr.
Um Herrn de Berulle Mut und Vertrauen einzuflößen,
schrieb er selbst einen vom Feuer «An meine teuerste und in der Seele des Jesuskindes vielgeliebte Schwester Anna von Jesus, die das Kind Jesus auserwählt hat, für die Seelen in Frankreich viel Gutes zu tun... Jesus! - Maria! - Joseph! Gelobt sei das Kind Jesu und seine hl. Mutter Maria! Unsere Mutter Anna von Jesus! Möchte doch das Unternehmen, das Ihnen das Jesuskind anvertrauen will, einen glücklichen Erfolg haben und Sie Ihm dadurch noch mehr dienen! Bedenken Sie, wie viele Klosterfrauen Gott hätte auserwählen können, um Ihm diese Ehre zu verschaffen. Aber keine andere hat Er ausersehen. Nur Ihnen will er diese Gunst erweisen. Zeigen Sie Ihm Ihre Dankbarkeit, indem Sie das Unternehmen vollkommen zu Ende bringen! Das Jesuskind hat sich dafür eine Frau auserwählt, wo selbst mehrere Männer zurückschrecken würden. Welch eine große Tat ist es! Vergessen Sie nicht, Sie sind für Frankreich das, was unsere hl. Mutter Theresia für Spanien gewesen ist! Also, meine Schwester, gehen Sie mutig ans Werk um des Jesuskindes und seiner hl. Mutter willen und um unsere hl. Mutter nachzuahmen...
Bleiben Sie stets der frommen Gebräuche unserer
hl. Mutter, die Ihnen wohlbekannt sind,
Also Mut, meine Schwester! Die Welt schaut auf
Ihr Werk. Die Augen aller Ordens- und
Wenn Sie auch jetzt für vieles sorgen müssen,
so vergessen Sie sich selbst nicht dabei. Bruder Franz vom Kinde Jesus, unwürdig dieses Namens.» Das Jesuskind schien wirklich mit seinem wunderbaren Schutz dafür Sorge zu tragen, daß die Reise gut vonstatten ging. Im Jahr 1604 kamen Anna und fünf spanische Karmelitinnen in Paris an, um das erste Haus der Reform zu gründen. Anna nahm selbst die Leitung in die Hand. Unvergleichlich rasch entstanden neue Niederlassungen in Pontoise und Dijon. Am 30. Dezember 1606 begab sie sich mit zwei Schwestern nach Brüssel. Bevor sie Dijon verließ, schenkte sie der jungen Kommunität einen Stock, den die hl. Theresia bei ihren Reisen bei sich getragen und mittels dessen sich wunderbare Heilungen ereignet hatten und einige hölzerne Statuen des Jesulein, die sie aus Spanien mitgebracht hatte. Eine von ihnen nahmen die Schwestern 1619 zur Gründung des Karmels von Beaune mit, wo sich noch eine zweite Jesuleinstatue befindet, die ebenfalls von den spanischen Gründerinnen stammt. Das Jesuskind aber, das sie von Bruder Franziskus vor vielen Jahren erhalten hatte, nahm sie auf alle Stiftungsreisen mit und folgte damit dem Beispiel der hl. Mutter Theresia.
Es fehlen uns weitere Berichte über ihre Begegnung
mit dem Jesuskind. Aber wir können Der hl. Johannes vom KreuzDie Andacht zum Jesuskind wurde nicht nur von den Karmelitinnen als heiliges Vermächtnis ihrer Mutter und Gründerin übernommen, sie bestand von Anfang an auch unter den Unbeschuhten Karmeliten und zwar mehr oder weniger unabhängig von einen) direkten Einfluß der Heiligen, ein Zeichen, daß es sich um einen typischen Ausdruck karmelitischer Spiritualität handelt. Ähnlich wie die Knospe in ihrer Frische und Anmut in sich die Schönheit des Blütenkelches schließt, bildete das Geheimnis der Kindheit des Herrn für den Karmel das verborgene Gefäß, das in sich bereits das Mysterium des ganzen Christus enthält. Nur der Glaube vermag seinen ganzen Inhalt zu erfassen, und dieser schlichte, kindliche Glaube ist von jeher im theresianischen Karmel zu finden gewesen.
Es kann kein Zweifel bestehen, daß für Johannes
vom Kreuz Christus in) Mittelpunkt des inneren
Lebens stand. «Pater Johannes», bezeugt P. Martin
vom hl. Josef, «war unaufhörlich mit Unserem
Herrn beschäftigt, denn seine Liebe zu Ihm war
übergroß». Mutter Anna vom hl. Albert erhielt
von ihm die einzigartige Zusicherung: «Meine
Tochter, ich trage immer im Innersten meiner
Seele das Geheimnis der heiligsten Dreifaltigkeit
und dort ist es, wo mein Herr Jesus Christus
will, daß ich Sie hinführe.» Das Leben des
Herrn, einschließend seine heiligste Kindheit,
war für ihn ein unerschöpfliches Thema des liebeglühenden
Herzens. Entsprechend dem Geschmack des spanischen 16. Jahrhunderts veranstaltete er Prozessionen durch die Kreuzgänge oder von Zelle zu Zelle, und nicht selten wurden sie von Tamburinen, Geigen, Flöten, Kastagnetten und Schalmeien begleitet. Er wollte, daß ihn die Brüder dabei nachahmten, um sich mit ganzer Seele der Feier der Geburt des Jesuskindes hinzugeben. Einer der ersten Biographen des Heiligen, P. Alfons von der Muttergottes, hat uns ein sprechendes Zeugnis der Weihnachtserwartung und Weihnachtsfeierlichkeiten im Konvent von Granada hinterlassen. Er schreibt, daß der Heilige «diese Nacht immer in einem geistigen Entzücken feierte. Aus dem, was er einmal in Granada tat, als er dort Prior war, kann man schließen, was er sonst bei diesem Anlaß zu tun pflegte. Wenn die Nacht der hl. Geburt herangekommen war, ließ er (eine Statue) der Muttergottes auf eine Trage heben und sie auf den Schultern durch das Kloster tragen, wobei sie von dem Diener Gottes und den ihm folgenden Brüdern begleitet wurde. An den Türen baten sie um Herberge für ihre Herrin, die nahe daran war, ein Kindlein zu gebären, und für ihren Bräutigam, denn beide kamen von der Reise. Als sie an der ersten Tür haltgemacht hatten, sangen sie folgende, vom Heiligen selbst verfaßte Strophe:
«Das göttliche Wort, trägt die Jungfrau im Schoß,
Dieser Vers wurde an einer jeden Tür gesungen. Die Religiosen, die dort verteilt warteten, hatten darauf abweisend zu antworten. Der Heilige erklärte ihnen dann mit den zartesten Worten, wer die Fremden seien, die um Aufnahme baten und sprach von der jungen Frau, die nahe war, ein Kindlein zu gebären, vom schlechten \Vetter, von der späten Stunde. Seine Worte verrieten eine abgrundtiefe Liebe, die die Herzen aller, die ihn hörten, rührten. Auf diese Weise prägte er ihren Seelen dieses Geheimnis ein und zugleich eine große Gottesliebe». Es schien, daß er ihnen wie der Evangelist Johannes das mitteilen wollte, «was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und mit unseren Händen berührt haben vom Wort des Lebens». Johannes vom Kreuz liebte aus ganzem Herzen die Statue des Jesuskindes im Konvent von Granada, und nicht selten sprach er über dieses Kind zu den Unbeschuhten Karmelitinnen, wie uns Maria vom Kreuz, die spätere Stifterin des Klosters von Ubeda, überliefert hat". Sie erzählt außerdem, daß der Heilige einmal im Sprechzimmer das Jesuskind in seine Arme nahm und in ekstatischer Seligkeit mit Ihm zu tanzen begann. Dabei sang er auf die Melodie eines Volksliedes:
«Mein süßes, zartes Jesulein: Wenn Lieb mich
töten soll, so mög' es jetzt geschehen». Aus der Zeit seines Rektorats in Baeza wird berichtet, daß er das göttliche Kindlein und die Jungfrau-Mutter zur Weihnachtszeit besonders verehren wollte. Auch dort führte er feierliche Prozessionen ein, die das hl. Kind zur Weihnachtskrippe trugen, die in der Klosterkirche hergerichtet worden war. Sicher begnügte er sich bei diesen Gelegenheiten nicht nur damit, eines oder mehrere der noch heute überall in Spanien erklingenden «villancicos» zu singen. Sein von Glaube, Liebe und Anbetung durchlichteter Blick war so tief in das Inkarnationsmysterium gedrungen, daß er seinem Empfinden nur durch das Gedicht Ausdruck verleihen konnte. Ein Beweis dafür sind neun eindrucksvolle Romanzen aus seiner Kerkerhaft in Toledo, in denen er die «Geburtsgeschichte Jesu» in ihrer inneren, göttlichen Entwicklung darzulegen versuchte, bis in der letzten Romanze die historische Realität aufbricht:
Vielleicht wird man verwundert fragen, wie eine solch schlichte Frömmigkeit mit der hohen mystischen Theologie des Doktors «de las nadas» zu vereinen ist. Hatte Johannes vom Kreuz nicht immer wieder betont, daß sich die Seele von allen sinnlich wahrnehmbaren Bildern loslösen muß, um der Tätigkeit des reinen Geistes freie Bahn zu lassen? Man darf den Heiligen in diesem Punkt nicht falsch verstehen. Ein sich innerlich Freimachen vom Bild ist nicht mit einem grundsätzlichen Ablehnen des Bildes gleichzusetzen. Darum betont er im Aufstieg zum Berg Karmel, daß er nicht zu jenen «Bilderstürmern» gehöre, «die den Augen der Gläubigen den heiligen und notwendigen Gebrauch und die andächtige Verehrung der Bilder Gottes und der Heiligen entziehen wollen. Im Gegenteil, unsere Doktrin ist von der ihren sehr verschieden, denn wir behaupten durchaus nicht, daß keine Bilder bestehen dürfen und diese nicht verehrt werden sollen... (Doch) wir wollen, daß sich die Gläubigen der gemalten Bilder in der Weise bedienen, daß sie ihnen kein Hindernis bilden, um sich dem lebendig Dargestellten zuzuwenden, und daß sie sich bei ihnen nicht mehr als notwendig aufhalten, um sich zu den Dingen des Geistes zu erheben». Der Heilige hebt damit deutlich hervor, daß die bildliche Darstellung ein Mittel sein soll, um sich Gott zuzuwenden, Ihn zu ehren und zu lieben, weil beim Betrachten des Bildes leicht Gefühle der Andacht in der Seele erwachen können. Es wäre aber falsch, wenn man diese Andacht auf das Bild selbst beziehen würde. Das Entscheidende ist die Weise, wie man das Bild betrachtet.
«Alle Dinge erfüllen ihren Zweck nur, wenn durch
sie Gott besser gekannt und mehr geliebt So wollte Johannes vom Kreuz durch Beispiel und Belehrung den ersten Unbeschuhten Karmeliten dazu helfen, das geheimnisvolle Glück auszukosten, das in das gläubige Herz dringt bei der Betrachtung des Jesuskindes in Bild oder Statue. Sie lernten sich der süßen Erfahrung hinzugeben, daß im Weihnachtsgeschehen alles einfache, schlichte Liebe ist und daß alles von beglückender Armut und wahrer Innigkeit getragen wird. Und sie fühlten, daß vom Bild des Jesuskindes ausgehend sich sanft ein unsagbarer Friede in ihr Inneres senkte, in dem sie immer mehr von der wunderbaren Liebesmacht Gottes umfangen wurden. Nicht umsonst wurde schon sehr bald in den Noviziatshäusern der Brauch eingeführt, an jedem Freitag die Namen-Jesu-Vesper zu beten, um dadurch dem göttlichen Kind kindliche Liebe darzubringen. In der Instructio Novitiorurium heißt es: «Freitags, am vier Uhr nachmittags, vereinigen sich die Brüder in ihrem Oratorium, das besser als gewöhnlich hergerichtet und geschmückt sein soll. Sie beten dort die Vesper des allersüßesten Namens Jesu, wobei der Pater Novizenmeister den Vorsitz führt. Falls er durch eine dringende Verpflichtung verhindert sein sollte, hat er für einen Vertreter zu sorgen. Es ist üblich, daß diese Vesper in geruhsamer Andacht gebetet werde, damit sie ungefähr eine halbe Stunde dauere».
Auf diese Weise sollte den jungen Novizen Gelegenheit
geboten werden, über die Geheimnisse
Auch im Traktat von Pastrana oder dem Traktat
über das innerliche Leben lesen wir: «Im
,Oleum effusum nomen tuum', ruft die Braut im
Hohenlied aus. Das Öl besitzt wahrhaftig Wir möchten hier noch kurz auf P. Hieromymus Gracian von der Muttergottes hinweisen, der ebenfalls im Noviziat von Pastrana ein christozentrisches Fundament erhalten hat, das später im Kontakt mit Theresia von Avila mit eigenen Gedanken und neuen Erfahrungen bereichert und bewußter vertieft wurde. In den schweren Jahren seiner Sklavenschaft in Tunis wurde ihm die Gnade zuteil, die selige Jungfrau mit dem Jesuskind auf den Armen zu sehen und wunderbaren Trost aus dieser Vision zu empfangen. Immer mehr verstand er die Bedeutung der heiligsten Menschheit Christi im übernatürlichen Leben. Als er später seine Erfahrungen in seinem Werk Vida del alma niederlegte, bekennt er sich zu einer Gegenwart Christi in der Seele in allen Stadien des übernatürlichen Aufstiegs, und zwar nicht nur einer Gegenwart seiner Gottheit, sondern ; "viel höher und herrlicher ist die Beschauung der Menschheit (Christi) mit seiner Gottheit verbunden... Diese ist die höchste Kontemplation der Seele, solange sie sich in diesem Leben befindet, und um diese müssen wir uns bemühen.»
Es ließen sich noch andere Beispiele anführen.
Wir wollen aus ihnen aber nur den bereits |
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Jesus, kehre ein, Nimm des kalten Winters Kleid, Damit durch Deine Glut, Setz' die Schneeschmelz ein. Liebe, auf, und eile, Damit Südwind hauche Wärme Und des Winters Strenge Um die Mitternacht zerbreche. Neigt euch, Himmel, jetzt, Damit der Tau herabträufle, |
Und durch Deine Glut, Setz' die Schneeschmelz ein. Göttliche Majestät, um uns zu lieben, Steig herab und biete uns zum Trunke Himmlisch Süßigkeit Und der Flamme leuchtend Licht Verzehre alles Schmachten, Daß durch Deine Glut Setz' die Schneeschmelz ein. |
Um zu verstehen, wie tief Pater Johannes von Jesus Maria im eigenen Herzen vom Geheimnis des Jesuskindes berührt war, muß man den Widerhall seiner Belehrungen und der eigenen Erfahrung im Leben seiner ersten Novizen suchen, in deren Seelen unter seiner Leitung ein wunderbarer Reichtum inneren Begegnens mit dem Jesulein erblühte. So wird von Frater Johannes Paulus vom hl. Michael, der 1601 sein Noviziat in Rom bei P. Johannes begann, erzählt, daß «er eine besondere Andacht zur allerseligsten Jungfrau, zum hochwürdigen Sakrament des Altars und zum Jesuskind kannte und sich sehr sorgfältig auf ihre Festtage... durch langes Gebet und andere erlaubte Abtötungen vorbereitete. Nichts war ihm beschwerlicher, als daß die Pflege des Jesuskindes, dessen Bild im Oratorium unserer Fratres nach löblichem Kongregationsbrauch aufbewahrt wird, einem anderen als ihm aufgetragen wurde. Wenn es ihm aber oblag, dasselbe zu schmücken, dann verrichtete er dieses Amt mit einer so inbrünstigen Liebe und innigen Andacht, daß er jedermann erbaute.»
Nachdem der Geschichtsschreiber ausführlich seine anderen Tugenden dargelegt hat, kommt er auf seine Sterbestunde zu sprechen. «Als er in seinen letzten Zügen lag,... reichte man ihm das Bild des Jesuskindes, das er mit unsäglicher Zärtlichkeit umfing und sich dabei in wunderbaren, inbrünstigen Akten der Liebe und Dankbarkeit ergoß. Dabei bat er Es, ihn aus diesem Elend zu sich nehmen zu wollen. Darüber gab er seinen glückseligen Geist auf und schied zu dem hin, den er allzeit so treu, so eifrig, so inniglich geliebt, gesucht und verlangt hatte. Glücklich in Wahrheit, der also gelebt hat! Noch glücklicher, der also gestorben ist! Am allerglückseligsten, der also, wie wir hoffen, zu der ewigen, nie abnehmenden Seligkeit gekommen ist.»
Wenn auch P. Johannes von Jesus Maria über sein inneres Leben geschwiegen hat, so können wir doch ruhig annehmen, daß eine innig-zarte Frömmigkeit und Andacht zum Jesuskind auch sein Herz erfüllt hat. Seine Werke der mystischen Theologie lassen vermuten, daß ihm mystische Gnaden nicht unbekannt waren. Und warum sollten unter ihnen nicht auch Erleuchtungen im übernatürlichen Erfassen des Inkarnationsmysteriums gewesen sein?
Seine Verehrung des göttlichen Kindes wurde von seinen ersten Novizen in die neugegründeten Ordenshäuser getragen. Ein Bericht aus dem Noviziatsleben in dem 1608 durch P. Angelus von Jesus Maria und P. Caesarius vom hl. Josef gegründeten Konvent in Avignon gibt darüber sprechenden Aufschluß. P. Angelus ist einer der ersten Novizen des Ehrwürdigen in Genua gewesen, wo er 1595, kaum sechzehnjährig, seine Ordensprofeß abgelegt hatte. In Avignon wurde der Brauch eingeführt, daß die Novizen viele Stunden dem inneren Gebet widmeten und diese «entweder vor dem hochwürdigsten Sakrament des Altars oder vor dem Bildnis des allersüßesten Jesuskind zubrachten, also daß sich an einem bestimmten Ort immerzu jemand in dieser heiligen Übung beschäftigt befinde».
Außerdem wurden die Novizen angehalten, «mit Erlaubnis besagten Novizenmeisters die Advent- und Fastenzeit hindurch, so oft sie (nachts) aufwachten, kniend einige Akte des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe und anderer Tugenden zu machen, um sich dadurch für die Geburt und das Leiden unseres Herrn Jesu Christi besser vorzubereiten». Zu den täglichen Übungen der Novizen gehörte, beim ersten Glockenschlag die Arbeit zu unterbrechen und zu den gemeinsamen Übungen zu eilen, wobei sie «jenen Spruch der Heiligen Drei Könige, als diese dem neugeborenen Heiland zueilten, im Herzen und im Mund führen sollten: Dies ist das Zeichen des großen Königs. Laßt uns hingehen und Ihm unser Opfer bringen.»"
Von einem anderen Novizen, P. Alexander vom hl. Franziskus, der später sein ganzes Leben lang Novizenmeister gewesen ist, wird ebenfalls eine kindliche Verehrung des Jesulein berichtet. Schon in der Welt hatte der kleine Lelio das Jesuskind innig geliebt. Einmal geschah es zur Weihnachtszeit, daß ihm seine Mutter einige Quadrini (Münzen) schenkte, damit er sich etwas dafür kaufe. Aber Lelio, der am Tag zuvor in der Kapuzinerkirche eine kunstvolle Krippe gesehen hatte, eilte unverzüglich dorthin, und ohne der Mutter etwas zu sagen, brachte er seine Quadrini dem Jesuskind, das in einer wundervollen Wiege schlief. Dabei flüsterte er andächtig: «Mein süßes Jesulein, ich schenke Dir alles, was ich besitze und was ich Dir geben kann. Gern will ich Dir meine Freuden opfern, jedoch unter der Bedingung, daß Du mir, wenn die Zeit herangekommen ist, dieses Eine mit dem Hundertfachen vergeltest, so wie Du es versprochen hast.»
Als nach langem Warten und Bangen sein Wunsch, Unbeschuhter Karmelit zu werden, in Erfüllung ging, zeichnete er sich durch den besonderen Eifer aus, mit dem er das Fest der Geburt des Herrn begehen wollte. Und dieser Eifer nahm von Jahr zu Jahr zu und zeigte sich in allerhand Liebesausbrüchen. Sein erster Biograph, P. Philipp vom hl. Paulus, erzählt, daß «der Pater in jenen Tagen ganz außer sich geriet und seine Freude überströmte, denn sein Herz konnte sie nicht in sich behalten, so daß sie sich auch nach außen hin verbreiten mußte.» P. Johannes von Jesus Maria gehört in die Reihe der großen Marienverehrer des Ordens. Seine marianische Frömmigkeit führte ihn aber stets zu einer wunderbar tiefen Vereinigung mit dem Menschgewordenen. In einer Würdigung der kostbaren Dokumente, die uns die Instructio Novitiorum bietet, hebt P. Petrus Thomas hervor: «Durch Maria können wir die Wunder der Erlösung betrachten: die uns Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, unser ErIöser und unser Vorbild. Alle Geheimnisse der Erlösung sind in ihr und durch sie erfüllt. Von der Menschwerdung bis zur Geburt, von Nazareth bis Jerusalem, von Kalvaria bis zur Auferstehung, von der Himmelfahrt bis zum Pfingstfest, immer und überall finden wir Maria In und durch Maria können wir Gott und Jesus, unseren Erlöser lieben. Sie ist die „Mutter der schönen Liebe". Ihr Beruf ist es, uns Jesus zu geben, uns Ihm zuzuführen und uns zu helfen, Ihn zu lieben. Deshalb gilt als Grundsatz: Je mehr wir Maria lieben, umso mehr werden wir auch Jesus lieben.»
In dieser Überzeugung hat uns P. Johannes eine
der schönsten Seiten seiner Instructio
Novitiorum geschenkt. Es heißt dort: «Unsere
Brüder sollen nicht glauben, daß es genüge,
die schönste und über alle Himmel erhabene Königin
und besondere Zierde unseres Ordens mit einer
nur gewöhnlichen Andacht zu verehren. Das tun
auch die Weltchristen und selbst die Sünder!
Nein! Sie sollen ihr wie Kinder ergeben sein...
Sie sollen die Herrin der Welt immer im Herzen
tragen und ihr und ihrem göttlichen Sohn alles
Tun und Lassen, alle Gedanken, Worte und Werke,
täglich und wenigstens frühmorgens aufopfern...
Es ist ein heilsamer Rat, daß man, um die
christliche Vollkommenheit zu erlangen und um
alles Böse auszurotten oder zu verhüten, die
Gegenwart der seligsten Jungfrau mit jener unseres
Herrn Jesu Christi verbinde und sie beide zugleich
übe. Sie sollen sie häufig, oder, wenn es
geschehen kann, unaufhörlich im Herzen tragen,
denn jene, die Gott zusammengefügt hat, soll
der Mensch nicht scheiden.»
In Rom hatte P. Johannes das Glück, den ehrw. P. Dominikus von Jesus Maria, gleich ihm ein Spanier, kennen zu lernen. Bald verband beide eine heilige Freundschaft, in der sicher P. Dominikus dem ihm einige Jahre jüngeren P. Johannes seine wunderbare Berufung durch das Jesuskind erzählt hat. Als er, noch ein Jüngling, daran dachte, sich Gott im Karmel zu schenken, war ihm die Muttergottes erschienen und hatte das Jesuskind in seine Arme gelegt, welches ihn ermunterte, sein Vorhaben recht bald auszuführen. Diese Vision bestimmte seinen Eintritt in Zaragossa. Seither lebte in seinem Herzen eine unendlich große Liebe zum Jesulein. Während der hl. Messe kam es mehr als einmal vor, daß er das göttliche Kindlein in der hl. Hostie sah. In einer Weihnachtsnacht, wenige Jahre bevor er nach Italien kam, konnte er krankheitshalber nicht die hl. Messe zelebrieren. Bevor man zur Christmette läutete, ließ er sich in ein Oratorium nahe des Chors tragen, wo P. Franziskus «der Unwürdige» das hl. Opfer darbrachte. Bruder Franziskus vom Kinde Jesu diente ihm. Nach der hl. Wandlung ließ sich zum Erstaunen aller statt der Hostie das Jesuskind auf dem Altar sehen. Bruder Franziskus begann voller Jubel im Oratorium zu tanzen und zu singen:
«Willkommen, Du schönstes Jesulein!
Willkommen, Du süßestes Kindelein.»
Die beiden Patres waren ebenfalls von der Macht der Liebe so ergriffen, daß sie sich selbst vergaßen. Der eine sang im Übermaß der Glückseligkeit am Altar, der andere in seinem Bett, und dies dauerte so lange, bis das Kindlein vor ihren Augen verschwand. Es vergingen 10 Stunden, um die drei Weihnachtsmessen zu feiern und um andere Andachten zum göttlichen Kind zu halten, ohne daß einer der drei Karmeliten sich dieser langen Zeit auch nur im geringsten bewußt geworden wäre."
Johannes von Jesus Maria vollendete seine irdische
Laufbahn in einer von der Gegenwart
Christi durchglühten Umgebung. Er starb am 28.
Mai 1615. In den letzten zehn Jahren seines
Lebens widmete er sich vorwiegend mystischen
und pädagogischen Studien, die ihn zu einem
der größten mystischen Schriftsteller des Ordens
gemacht haben. 1607 entstand sein bedeutendstes
Werk, die Theologia Mystica, und vier Jahre
später die Scuola di orazione e contemplazione,
die er den «geliebten Patres, Brüdern und Schwestern
des theresianischen Karmels» widmete. Christus
hatte ihn von früher Jugend her erfaßt und immer
mehr zu den höchsten Geheimnissen Gottes emporgezogen.
So konnte er in den letzten Jahren seines Wirkens
sagen, daß seine Welt von Christus erfüllt war
und sich sein innerer Aufstieg in der Vereinigung
mit Ihm vollendet hatte.
Man braucht nur das Werk Soliloquia animae fidelis ad Jesum Christum dulcissimum Redemptorem (Gespräch der treuen Seele mit Christus dem süßesten Erlöser) durchzublättern, das er kurz vor seinem Tod verfaßte, um sich ein Bild seiner tiefen Umgestaltung in Christus zu machen. Vielleicht ist es gerade dieses Werk, das am meisten sein inneres Leben offenbart, denn was die einzelnen Seiten ausdrücken, ist nichts anderes als ein Widerhall innersten Erlebens und Empfindens. So gilt ein Wort Guardinis: In ihm vollzog «Christus sein eigenes, gottmenschliches Leben als das von Gott kommende ewige Leben dieses in der Zeit dahingehenden Menschen. Er machte in ihm das Kindsein durch, das Wachstum, die Reife, die Vollendung.»
Am 5. Dez. 1590 hatten sich vier Karmelitinnen in Barcelona eingeschifft. M. Hieronyma vom Hl. Geist, Marcella vom hl. Josef, Maria vom hl. Hieronymus und Hieronyma vom hl. Petrus, alle vier aus Malagon kommend, wo sie der Befehl erreicht hatte, die Gründung in Genua zu unternehmen. In ihrer Gesellschaft reiste eine italienische Dame von hohem Adel, Donna Magdalena Centurioni, verwitwete Spinola, die ebenfalls das Karmelkleid trug. Nach dem Tod ihres erlauchten Gemahls in Madrid hatte sie auf Anraten P. Nikolaus Dorias beschlossen, ihr Vermögen zur Stiftung des ersten reformierten Karmels in Italien zu verwenden. So begleitete sie die Stifterinnen auf der dreimastigen Galeere, deren Heck mit großen Segeltüchern verhängt war, so daß die Nonnen sich ungestört und ungesehen ihren religiösen Übungen hingeben konnten. Am 13. Dezember kamen sie in Genua an, wo sie in verschlossenen Wagen in ihr neues Heim gebracht wurden. «Unverzüglich begaben sie sich ins Chor, und während sie Gott im Schweigen dankten, daß Er sie sicher in dieses Haus geführt hatte, stimmten die Patres in der Kirche das «Te Deum laudamus» (Großer Gott, wir loben Dich) mit Musikbegleitung an. Am Abend wurde die Klausur geschlossen und das gewöhnliche Ordensleben begann.»
Mit den vier spanischen Karmelitinnen, alles echte Töchter der hl. Theresia, war wohl auch eine Statue des Jesulein nach Genua gereist, und wir dürfen vermuten, daß sie bald nicht die einzige blieb.
In einem Bericht, der das 1607 von M. Maria Dorothea von der hl. Anna gestiftete Karmelitinnenkloster in Neapel betrifft, ist die Rede von einem Jesulein, das die Nonnen aus Genua mitgebracht hatten und als ihren eigentlichen Stifter verehrten und bezeichneten. M. Maria Dorothea war eine der ersten Novizinnen in Genua; es ist anzunehmen, daß sie die Andacht zum Jesulein von den spanischen Müttern übernommen hat. Die Historia Generalis erzählt außerdem, daß die Schwestern kleine Jesuleinstatuen in ihren Zellen aufstellten, ein Brauch, der sicher auf die hl. Mutter zurückging. Man braucht nur daran zu denken, daß sie Schwester Anna vom hl. Josef erlaubt hatte, ein Jesuskind in ihrer Zelle zu behalten. M. Hieronyma, die eine der auserlesensten Töchter der hl. Theresia war, hat sicher den jungen genuesischen Novizinnen von diesem frommen Brauch erzählt, der bald freudige Nachahmung fand.
Allerdings verlor sich im Karmel von Neapel dieser Brauch, der dort mit südländischer Begeisterung aufgenommen wurde, bald in allerlei Äußerlichkeiten, die eine allzu menschliche Liebe und Anhänglichkeit zeigten und sogar das Herz mit stolzen Gefühlen erfüllten. Die Nonnen fingen an, die Zeit mit dem Schmücken und Verzieren ihrer Jesulein zu vertändeln, anstatt Es in schlichter Andacht zu grüßen. So mußte das Jesuskind selbst eingreifen und die Schwestern zur Demut ermahnen, um sie daran zu erinnern, daß Ihm kostbar gestickte Deckchen oder zierliche Blumenornamente nicht die vertrauensvolle Hingabe des Herzens und die Nachahmung seiner Tugenden ersetzen konnten.
Es wird überliefert, daß Schwester Baptista vom hl. Josef, die in der Nacht ihr Gebet bei dem aus Genua mitgebrachten Jesulein verrichtete und mit Ihm oft ein herzliches Zwiegespräch führte, eines Tages merkte, daß das Jesuskind eine ganz traurige Miene machte. Was bedeutete das? War sie schuld an dieser Veränderung? Da sah sie, daß das unter seinen Füßen liegende, höchst kostbar gestickte Kissen kohlschwarz geworden war und all seine Schönheit verloren hatte. Voller Bestürzung zeigte sie es ihrer Mutter Priorin, die sich von der Wahrheit des Sachverhaltes überzeugte. Es kam ihr der Gedanke, daß eine solche Arbeit (nämlich ein kunstvoll gesticktes Kissen) den Satzungen widerspreche, und daß diese auch zu anderen Unvollkommenheiten Anlaß gegeben hatte. Kurz entschlossen nahm sie das Kissen weg und verbot jede Arbeit dieser Art. Dadurch sollte ein Beispiel gegeben werden, daß Gott alles mißfällt, was den Satzungen widerspricht.
Nicht weniger bezeichnend ist eine andere Begebenheit
aus dem Karmel von Neapel.
Während der Exerzitien fragte einmal eine Schwester
das Jesulein: «Sag mir, Du mein Geliebter,
wie kann ich Dir am besten dienen? Was
ist in Deinen Augen das wohlgefälligste Werk?»
Unmittelbar darauf hörte sie die Antwort: «Übe
Dich in der Demut!» Diese Ermahnung genügte,
daß sie sich fortan immer einer großen Demut
befleißigte. Stets war sie um die verächtlichsten
Arbeiten bemüht, so daß sie mit dem Apostel
sprechen konnte: «Wir sind Toren um Christi
willen» (1. Kor. 4,10) und: «wenn jemand unter
euch meint, weise zu sein in dieser Welt, so
werde er ein Tor, damit er weise werde. Denn
die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott»
(1. Kor. 3,18-19).
Ein andermal kniete eine Schwester zu Füßen
des Allerheiligsten nieder, um den Herrn
im Sakrament anzubeten. Da sah sie das holdselige
Jesulein. Ihr Herz war darüber so entzückt,
daß sie ausrief: «O mein Allerliebster, was
willst Du, daß ich Dir zuliebe tue?» Da war
es ihr, als ob das Jesulein ihr ganz deutlich
sagte: «Verachte Dich selbst!»
M. Hieronyma war es nur vier Jahre vergönnt,
das neu gegründete Kloster in Genua zu leiten.
Unter ihrem Priorat hatten sich die Nonnen am
7. Febr. 1594 endlich in ihr
«Jesus-Maria-Klösterlein» begeben können. Nur
wenige Monate darauf kam ein Befehl vom General
der spanischen Kongregation, P. Elias vom hl.
Martin, unverzüglich in die Heimat zurückzukehren.
Doch hatten diese Jahre genügt, um den Grundstein
zu einer neuen Generation echter Karmelitinnen
zu legen, denen es bestimmt war, den theresianischen
Geist in alle Welt zu tragen.
Eine der ersten Novizinnen neben der uns bereits
bekannten M. Maria Dorothea war M. Paula
Antonia von der hl. Maria, Gründerin des
Klosters von Avignon (1613), die bereits nach
drei Jahren Ordenslebens zur Novizenmeisterin
ernannt wurde. Unter ihrer mütterlichen Leitung
wuchs eine der größten Karmelitinnen heran,
die bestimmt war, zum erstenmal die Alpen
zu überschreiten, um den Karmel von Wien zu
gründen: M. Paula Maria von Jesus". Bereits
1669 erschien die erste Biographie dieser großen
edlen Frau", die mit ihrem männlichen
Mut und Festigkeit eine zweite Theresia für
Österreich wurde.
Paula Maria war am 6. Okt. 1586 in Neapel geboren. Ihr Vater, Statthalter von Melfi, entstammte dem edlen genuesischen Geschlecht der Centurioni. Zur Erinnerung an den glorreichen Sieg von Lepanto erhielt sie bei der Taufe den Namen Maria Viktoria.
Schon als Kind hatte sie die Muttergottes gesehen, die sie wunderbar beschützt und auf den rechten Weg geleitet hatte, als sie sich bei einer Reise von Melfi nach Neapel von der Reisegesellschaft getrennt und nicht mehr zurückzufinden wußte. Im Alter von 12 Jahren fühlte sie den Ruf zum Ordensstand. Doch Natur und Gnade rangen in ihrer Seele, ohne daß sie den alten Menschen zu überwinden verstand, aber auch ohne durch die Sünde das weiße Taufkleid des neuen Menschen zu beflecken.
Hie und da fühlte sie mächtig das Eingreifen Gottes durch außergewöhnliche Gnaden. Sie sah den Himmel offen und die Engel herabsteigen, die vom ganzen Erdkreis Besitz nahmen, während ihre Seele entrückt war und der heiligsten Jungfrau Gesellschaft leistete. Oder sie erkannte mit übernatürlichem Eindringen in die geheimnisvolle Gnadenführung Gottes, was ihr der Herr als Gott und Mensch mitgeteilt hatte. Dann zog sie wieder ein fast leidenschaftliches Begehren nach der Freiheit und den Vergnügungen des weltlichen Lebens. In ihr waren starke, religiöse Kräfte, die sie mit Begeisterung für hohe Ideale durchglühten. Aber diese Kräfte waren durch Unbeständigkeit, Eitelkeit und ungezügelte Selbstsucht gefesselt, so daß sie die in ihr vorhandene Sehnsucht nach Gott und einem heiligen Leben lange Zeit erstickten.
Um diese Zeit kehrte Stefano Centurioni mit seiner Familie nach Genua zurück, ein Umstand, der für Maria Viktoria von üblen Folgen begleitet war. Der Verkehr mit ihren Verwandten und weltlich gesinnten Menschen untergrub bald die Bescheidenheit und Sittsamkeit des jungen Mädchens, das allzu rasch die guten Vorsätze vergaß und anfing, prunkvolle Kleider zu tragen und in jeder Hinsicht auf ihre Schönheit bedacht zu sein. Dabei wollte sie aber den Entschluß, ins Kloster zu gehen, nicht aufgeben; denn es schien ihrer Ehre verletzlich, als wankelmütig zu gelten. Aus rein menschlichen Beweggründen dachte sie, bei den Augustinerinnen zu St. Sylvester in Genua einzutreten, weil dort bereits zwei ihrer Schwestern, die sie innig liebte, den Schleier genommen hatten.
Aber Gottes Wege sind nicht unsere Wege und seine Gedanken nicht unsere Gedanken. Viktorias Entschluß war nicht von jener heiligen Losschälung begleitet, die ein so ernster Schritt erfordert. Und doch hatte der Herr gerade sie, die bei der Wahl eines Klosters die Liebe zu den Verwandten in die erste Reihe stellte, unter Tausenden auserwählt, nicht nur ihre Familie, sondern auch ihr Vaterland zu verlassen. Das eitle Mädchen, das wie ein Schilfrohr hin- und her schwankte, sollte durch Gottes Gnade zu einer Säule werden für einen der strengsten und von der Welt am meisten losgetrennten Orden der hl. Kirche.
Infolge der allgemeinen Reform des katholischen
Lebens war auch in Genua der schöne
Brauch eingeführt worden, das Allerheiligste
ständig in einer Kirche auszusetzen, wo es vom
gläubigen Volk und den Edlen der Stadt häufig
besucht und angebetet wurde. Einmal fand
die Aussetzung auch in der Kirche der Unbeschuhten
Karmelitinnen statt, und Maria Viktoria begleitete
ihre Mutter dorthin. Doch tat sie es weniger
aus Andacht, als um ihrer Mutter einen Gefallen
zu erweisen. Im übrigen freute sie sich über
die Gelegenheit, ihren Schmuck zur Schau zu
tragen.
Am 2. Mai 1601 empfing sie das Kleid des Karmels.
Neue, furchtbare Stürme erhoben
sich in der Seele der jungen Nonne, nachdem
sich ihr die Pforte des Karmels geöffnet hatte.
Entschieden kämpfte sie gegen den Widerspruch
der Natur und die Angriffe des bösen Feindes.
Alles in ihr schien sich zu empören. Je mehr
Gewalt sie sich antat, umso hartnäckiger durchwühlten
die Regungen der Natur ihr Inneres. In einem
Zustand des Entsetzens und der Todesangst legte
sie ihre Gelübde ab. Erst als sie in Kreuzesform
vor dem Altar lag und ihr Opfer vollbracht hatte,
ließ sich der Herr mit seiner Gnade fühlen.
Christus erschien ihr und wunderbarer Frieden
durchdrang ihre Seele. Sie war wie zu einem
neuen Leben erwacht. Freude und Heiterkeit strahlte
von ihr aus. Sie schien keine Last mehr zu spüren,
sondern alles war in helles Licht gebadet.
Aber bald nach ihrer Gelübdeablegung verlangte
der Herr einen Beweis ihrer Treue. Er
hatte ihr den Pfad des Kreuzes bereitet.
Krankheiten und Leiden aller Art schlichen sich
ein, die sie jedoch mit großer Geduld ertrug.
Ihr Vater hatte sich Gott zum Opfer für die
Gesundheit seiner Tochter angeboten. Tatsächlich
genas Paula Maria, aber ihr Vater wurde derartig
von der Gicht befallen, daß er bis zum Ende
seines Lebens gelähmt blieb.
Voller Freude über die wiedererlangte körperliche
Kraft begann Paula Maria ehrlich nach
der Vollkommenheit zu streben. Doch dürfte ihr
Eifer trotz außergewöhnlicher Gunstbezeugungen
Gottes noch viel Menschliches an sich getragen
haben. Eine übermäßige Sorge für die Erhaltung
ihrer Gesundheit bewirkte, daß bald Nachlässigkeiten
auftraten, deren sie sich wohl bewußt war; aber
sie fand nicht den Mut, sie zu überwinden. So
beschlich sie oft eine gewisse Niedergeschlagenheit
und Trauer über sich selbst. Sie mußte erst
lernen, daß sie nur »in dem, der sie stärken
wollte, alles könne».
Während zehntägiger Exerzitien, die sie mit vielen Stunden des Gebets und unter harten Bußwerken verbrachte, erblickte sie eines Tages mit den Augen des Geistes Christus im Tabernakel, der dort auf sie mit unendlicher Liebe wartete. Er zeigte ihr sein Herz, aus dem ein Strahl hervorbrach, der tief in ihr Herz hinein drang und es in das Seine zog. Sie schien unter der Macht der Gnade zu wanken. Ihre Armseligkeit und Schwäche bäumte sich turmhoch zwischen ihr und Christus. »Um zwei Herzen zu vereinen», flüsterte sie, «bedarf es einer Ähnlichkeit zwischen beiden. Wie kann man aber an eine solche zwischen Dir und mir denken?»
Da öffnete ihr Christus sein liebeglühendes Herz. «Verbirg Dich in dieses Feuer und reinige Dich daselbst.» Und die Liebesglut des Herzens Jesu durchleuchtete wundersam ihr innerstes Wesen. Sie fühlte, wie ihr Herz rein wurde, gleichsam wie ein Gefäß, das man mit einem alkoholischen Getränk auf das Feuer setzt und in dem durch die Hitze des Feuers alles das verdunstet, was nicht geistiger Natur ist. Gott gab ihr zu erkennen, daß Er sie von nun an ganz für sich besitzen wolle. Zum Zeichen dafür solle sie sich nicht mehr Paula Maria vom hl. Josef, sondern Paula Maria von Jesus nennen.
Das Leben dieser auserwählten Karmelitin war ein steter Wechsel von schmerzlichen inneren und äußeren Leiden. Aber Schmach und Verachtung öffneten ihr den Zugang zu den höchsten mystischen Gnaden. Gott ließ sie in den unerschöpflichen Abgrund seiner ewigen Weisheit hineinblicken. Wunderbar enthüllte sich ihr das Mysterium der hlst. Dreifaltigkeit, und sie schaute, wie der dreifaltige Gott in der Einheit der Liebe im Herzen Jesu ruhte.
Je mehr sie von der Gnade berührt wurde, umso mehr suchte sie, sich selbst zu erniedrigen und sich von den kleinsten irdischen Neigungen loszuschälen, was ihr nicht wenig kostete. Dieser Kampf gegen sich selbst war manchmal so heftig, daß sie der Herr sanft ermahnen mußte: «Siehe, ich bin allen alles geworden und habe mich für alle so leicht hingegeben. Du aber hast noch so viele Schwierigkeiten, um mir Dein Nichts zu geben?»
So war Paula Maria unter Krankheiten und Leiden zu immer tieferer, hingebender Liebe zu Christus gelangt. Sein Bild hatte sich wie ein Siegel in ihre Seele gegraben, so wie Er sich ihr geheimnishaft und unfaßlich groß in der Herrlichkeit seiner Auferstehung und Verklärung gezeigt hatte. Aber sie sah Ihn auch in seiner heiligsten Menschheit. Eine alte Handschrift berichtet, daß sie am Feste des hl. Josephs im Jahr 1614 den zwölfjährigen Jesusknaben erblickte «über die Maßen schön. Er umarmte und küßte den hl. Josef mit einer unaussprechlichen Freundlichkeit und Ehrerbietung, um damit anzuzeigen, wie sehr Er ihn liebte und (wie hoch Er) die Ehre und den Dienst schätzte, welcher seinem gemeinten Vater, dem hl. Josef, bewiesen werden.» Gleichzeitig gab ihr der Jesusknabe zu verstehen, «daß Er diejenigen liebe, welche Ihn lieben, und daß Er jene, die Ihm dienten, mit göttlichen Gnaden belohnen werde».
P. Franziskus von der hl. Maria fährt einige
Seiten später in dem gleichen Bericht fort:
«Im Jahr 1614, in der Christnacht, dachte die
ehrw. Mutter innig an das Christkindlein, daß
es also armselig auf dieser Welt verstoßen worden
war und keine Herberge in dem Wirtshaus hat
finden können. Sie bereitete Ihm deshalb ihr
Herz und ihre Seele vor mit einer sonderlichen
Andacht, mit inbrünstiger Liebe und herzlichem
Mitleid. Da Es auf dieser Welt von den Weltlichen
also verworfen wurde, so möge es Ihm doch gefallen,
Wohnung in ihrem Herzen zu nehmen. Alsobald
wurde sie darüber entrückt und sah im Geist
das Christkindlein. Es war über die Maßen schön
und holdselig, lag aber nur auf ein wenig Stroh.
Es kam in ihr Herz und nahm in demselben Wohnung
mit vielen lieblichen Zeichen, daß es Ihm daselbst
wohlgefalle.»
Eines Tages hatte ihr Augustinus, ihr Bruder und späterer Doge von Genua, ein überaus schönes Jesuskind geschenkt, eine wertvolle Holzschnitzerei, die nur den einen Nachteil hatte, daß das Antlitz des hl. Kindes tief herabgesenkt war. Augenscheinlich war die Statue für einen Platz angefertigt, wo man das Jesulein von unten her betrachtete. Paula Maria war darüber ein wenig traurig, «weil sie ihrem Geliebten nicht füglich ins Angesicht sehen, noch von Ihm gesehen werden konnte. Das sagte sie ihrem Bruder, welcher antwortete, daß zu Genua wohl ein Bildschnitzer sein würde, der den Mangel zu verbessern verstehe. Man könne leicht das Häuptlein abnehmen und es nach zurecht gerichtetem Hals wiederum anleimen und dann den Schnitt mit Farbe überstreichen. Bei diesen Worten erschauderte die fromme Jungfrau und erklärte ihrem Bruder: «Gott verzeihe Dir den so grausamen Vorschlag!» Sie trug also das Bild wieder in ihre Zelle. Nach etlichen Tagen legte sie Ihm die Hand unter das Kinn, als wollte sie Ihm das Häuptlein heben und sagte: «Wie wäre es, Du mein allerschönstes Jesulein, wenn Du jetzt Dein Angesicht aufrichtetest, damit es nicht durch Abschneidung Deines Hauptes geschehe?» Kaum hatte sie dieses Wort gesprochen, da hob sie das Haupt bis zur gebührenden Proportion auf, nicht anders als wäre es von weichem Wachs gewesen, und es ist fortan so geblieben.»"
Paula Marias Leben ist eine Kette mystischer
Gnaden gewesen, die sie zur Braut des
Herzens Jesu gemacht haben. In einer ihrer
Visionen kam der Herr zu ihr und nahm ihr Herz,
um es mit dem Seinen zu vereinen. Ein andermal
neigte Er tief sein Haupt über sie, so daß sie
fühlte, wie sein warmes Blut ihre Stirn benetzte.
Mit diesem kostbaren Blut hatte Er überreiche
Genugtuung für ihre Sünden geleistet. An einem
Pfingstfest schaute sie den HI. Geist in Form
einer Taube und hatte eine wunderbare Offenbarung
über das Mysterium des Dreifaltigen Gottes.
Ein andermal fragte sie Christus, die zweite
göttliche Person und den Erlöser der Menschheit:
«Welches Zeichen willst Du noch mehr, daß ich
Dich liebe?» Geheimnisvoll schloß sich in ihrem
Inneren der Ring der Zeiten des Kirchenjahres.
Sie sah das Jesuskind an der Mutterbrust, den
zwölfjährigen Jesus im Tempel und das Jesuskind
mit den Zeichen der Passion. Wie sehr litt sie
beim Anblick der großen Nägel, die die zarten
Händchen und Füße grausam durchbohrt hatten!
Dann kniete sie mit Christus im Garten von Gethsemani,
und erschüttert warf sie sich vor dem entblößten
Herrn am Kreuze zu Boden. Mit einem glühenden
Eisen brannte sie sich den Namen Jesu auf dem
Herzen ein, damit er dort wie ein Siegelabdruck
leuchte.
Mehr als fünfundzwanzig Jahre waren seit ihrer
Ganzhingabe an Christus in der heiligen
Ordensprofeß vergangen. Jetzt war der Tag gekommen,
wo Er sie zu dem großen Opfer ihres Lebens rief,
zu dem Schritt ins Ungewisse, zum Wagnis, ja
zu etwas, das für ihre Zeit ans Ungeheure grenzte.
Die Reise ging gut vonstatten, so daß sie bereits am 2. Nov. in Wien eintrafen. Als Paula Maria die Stadt erblickte, die von nun an der Schauplatz ihres Lebens und Wirkens sein sollte, erbebte ihr Herz in heiliger Freude. Sie dankte Gott, daß sie hier angelangt war, um seinen Willen zu erfüllen, für Ihn zu leiden und für Ihn zu arbeiten. Sie versicherte Ihn, daß sie keinen anderen Wunsch habe, als zur Verbreitung der theresianischen Reform beizutragen. Nur eine Bitte hätte sie: daß man sie mit keiner Würde bekleiden möge. Doch da erschien ihr der Herr und gab ihr zu verstehen, sie solle sich ganz seinem Willen überlassen: »Hier will ich Dich zur Offenbarung meiner Barmherzigkeit haben».
Schon bald hatte Ferdinand II. seine Absicht kundgetan, in seiner Vaterstadt Graz, ein zweites Karmelitinnenkloster zu errichten. Aber Gott rief ihn zu sich, ehe er dieses Vorhaben verwirklichen konnte. Inzwischen hatten sich zahlreiche Postulantinnen gemeldet, so daß die Kaiserinwitwe Eleonora darauf drang, über die von der hl. Theresia in den Konstitutionen festgelegte Zahl aufzunehmen. M. Paula Maria wollte jedoch den Vorschriften der hl. Reformatorin treu bleiben. Darum erinnerte sie die Kaiserin an das von Ferdinand II. gegebene Versprechen. Sein Sohn, Ferdinand III. und Kaiserin Eleonora gingen darauf ein und erklärten sich bereit, für die Neugründung in Graz Sorge zu tragen. Die Ordensoberen gaben ihre Zustimmung und wählten Paula Maria und zwei andere Schwestern aus, das Kloster einzurichten. Als fünf Novizinnen eingekleidet worden waren, bestimmte sie M. Maria Electa zur Priorin und kehrte nach Wien zurück."
Anfang Oktober 1645 wurde sie von einer schweren
Krankheit heimgesucht, die ihr nach
Aussage berühmter Ärzte, die die Kaiserin ihr
schickte, unerträgliche Schmerzen verursachte.
Am 15. Jan. 1646 entschlief sie um 1 Uhr nachts
in den Armen des Herrn. Drei Jahre später
kam die Kaiserin ins Kloster und verlangte,
den Leichnam zu exhumieren. Der Anlaß dazu war
ihre wunderbare Heilung durch die Fürsprache
der Heimgegangenen. Sie war fast vollständig
erblindet, und die Ärzte hatten keine Hilfe
gewußt. Da suchte sie alle ihre Zuflucht bei
der heiligmäßig gestorbenen Karmelitin. Und
tatsächlich hatte sich ihr erneut das Licht
des Tages geöffnet. Als man das Grab öffnete,
wurde der Körper der Verstorbenen
unversehrt gefunden und es entströmte ihm ein
frischer Wohlgeruch. Außerdem schwitzte
er eine Art Öl aus, das in reinen Tüchern aufgefangen
wurde. Noch zahlreiche wunderbare Heilungen
wurden durch ihre Fürbitte von Gott gewährt.
Ihr unverwester Leib ruht jetzt in der Karmelitinnenkirche
von Gmunden in Oberösterreich.
Als Paula Maria noch in Genua war, hatte sie
auf Befehl ihrer Oberen begonnen, ihre reichen
Gnaden und mystischen Erlebnisse aufzuzeichnen.
Aber es waren nicht diese Gnadenprivilegien,
die sie zu einer «Heiligen», die zwar noch nicht
von der Kirche zur Ehre der Altäre erhoben wurde,
gemacht haben. In der demütigen Erfüllung ihrer
Pflichten hatte sie sich zur Vollkommenheit
durchgerungen. Durch ihre Treue im Kleinen und
vor allem durch ihre selbst vergessende Liebe
und Vernichtung des eigenen Ichs war sie zur
Heiligkeit des Lebens gereift. Es ist nicht
zuletzt ihr Verdienst gewesen, daß die Andacht
zum hl. Josef in Wien eingeführt wurde.
Und mit dem hl. Josef hielt auch das Jesuskind
seinen Einzug in die Karmelitinnenkirche.
Es ist anzunehmen, daß von hier aus seine Verehrung
seitens des Hofes und besonders
der Hofdamen ihren Anfang nahm. Das kaiserliche
Paar schenkte den Karmelitinnen ein Bild des
Jesuskindes, und als sich 1656 eine kleine Karawane
zur Stiftung nach Prag auf die Reise begab,
trug es eine ehemalige Hofdame der Kaiserin,
Schwester Euphrasia, mit besonderer Liebe die
ganze Zeit bei sich. Auch eine Statue des Jesuskindes
fehlte nicht bei der Reise. Es war ein Jesulein,
das die Infantin Margareta vom Kreuz der Kaiserin
mit der Bitte geschenkt hatte, es dem Prager
Karmel zu übergeben. So wiederholte sich auf
den Landstraßen der österreichischen Erbländer,
was Theresia und ihre Töchter auf den unermüdlichen
Stiftungsreisen getröstet hatte: Das Jesulein
reiste segnend und liebespendend mit ihnen,
und sie sangen in seiner Gegenwart das unvergängliche
Lied des Karmel vom
«Nichts und vom Alles», das sie in der Schule
des göttlichen Kindes gelernt hatten.
Der Anfang des 17. Jahrhunderts ist durch eine ungeheuer rasche Verbreitung der theresianischen Reform in Italien gekennzeichnet. «Seitdem das erste Kloster der Unbeschuhten Karmelitinnen errichtet worden war», schrieb ein Jahrhundert später ein Karmelit aus Florenz, «verbreitete sich derart der Ruf ihrer Heiligkeit, daß von weither und von allen katholischen Nationen Europas Fragen zur Ausdehnung des Institutes ergingen. Unter allen zeichneten sich besonders die Karmelitinnen von Genua aus, die so zahlreiche und ständige Berufe von jungen, adeligen Mädchen hatten, daß sie mehr als einmal Unterhandlungen zur Gründung eines zweiten Klosters innerhalb ihrer Stadtmauern betrieben, da das erste Jesus-Maria-Kloster nicht allen Bitten zur Aufnahme entsprechen konnte.»
So entstand 1619 durch M. Hieronyma von der hl. Maria, die die erste Novizin in Genua war, ein zweiter Karmel in der ligurischen Hauptstadt. Bald darauf wurde ein Kloster in Savona durch M. Anna Maria von der hl. Theresia errichtet. Schon 1613 hatte M. Maria von Jesus, ebenfalls eine der ersten Karmelitinnen von Genua, in Cremona eine Gründung vorgenommen, und nur sechs Jahre später sehen wir sie in Bologna. Die uns bereits von der Stiftung in Neapel bekannte M. Maria Dorothea verpflanzte 1628 die theresianische Reform nach Sizilien und errichtete einen Karmel in Palermo. Diesen Neugründungen folgten in kurzer Zeit weitere Töchterklöster in Florenz, Rom, Mailand, Parma usw., so daß in fast allen Städten, wo der hohe italienische Adel sich im Umkreis eines Hofes scharte und um die Wiederbelebung seiner zur Zeit der Renaissance verloren gegangenen Ideale und religiösen Werte bemüht war, ein theresianischer Taubenschlag entstand.
Diese Karmelitinnenklöster übten allgemein einen
wohltuenden Einfluß auf das katholische
Leben aus und dienten zur Hebung des sittlichen
Niveau. Es fehlte keineswegs an Berufen
aus den besten Gesellschaftskreisen. Selbst
Prinzessinnen wurden von der geheimnisvollen
Gegenwart Gottes im Karmel angezogen und vollendeten
ihr Leben hinter undurchdringlichen Klausurmauern.
Elenora d'Este wurde zur demütigen Schwester
Maria Franziska vom Hl. Geist und starb
im Ruf der Heiligkeit, nachdem sie den Karmel
in Reggio gegründet hatte. In Parma erstieg
Katharina Farnese als Schwester Theresia
Margarita von der Menschwerdung den Gipfel
der christlichen Vollkommenheit. Ihr erster
Biograph, P. Massimo della Purificazione, bemerkt
am Ende seines Buches, das wenige Jahre nach
ihrem Tod erschien: «Möge (dieses Leben) den
Prinzessinnen, die die Welt verlassen, als Beispiel
dienen. Jene die an Höfen Befehle erteilen,
mögen jetzt im heiligen Claustrum gehorchen
und groß werden, indem sie sich zur Kleinsten
von allen machen. Mögen sie das Kapital einer
genauen Observanz mitbringen und nicht den
Rauch der Welt.»
An der Seite von Fürstentöchtern waren es Gräfinnen
und Baronessen, die sich Gott im
Karmel ganz zum Opfer geben wollten. Noch heute
lebt in Turin das Andenken an die sel. Maria
von den Engeln, und in Florenz scheint in
unvergänglicher Frische Theresia Margarita vom
Herzen Jesu zu blühen, die gleich ihrer kleinen
heiligen Schwester in Lisieux nach wenigen Jahren
irdischen Daseins die Krone des Lebens empfing.
An eine jede dieser Karmelitinnen war der Auftrag
der ewigen Liebe ergangen, für Christus
allein zu leben. Sie hatten durch die mystischen
Werke der hl. Theresia, die oft ihre einzige
geistige Nahrung bildeten, und vor allem durch
die Autobiographie der Heiligen den Weg
zu einer tieferen Beziehung zur heiligsten Menschheit
des Herrn gefunden. Es war Christus, der Gekreuzigte,
aber auch das hl. Kind in der Krippe, das ihre
glühenden Herzen bis in die letzten Fasern erfüllte.
Elenora d'Este war sich ihrer Berufung zur Braut
des Gekreuzigten bewußt: Hatte ihr nicht der
Herr im Inneren zu verstehen gegeben:
Meine wahre Braut bist du, Und da du diese bist,
so will ich
Dich für mich, und Mich für Dich, Jesus Christus,
Sohn Gottes.
Der Gedanke an den Gekreuzigten durchzieht daher
alle ihre Briefe und geistlichen Schriften.
Daneben finden wir aber auch Ausdrücke inniger
Erwartung auf die Geburt des Herrn. Sie wollte,
daß sich ihre Mitschwestern mit großer Sorgfalt
auf das Weihnachtsfest vorbereiteten.
«Rufen Sie oft das hl. Kind an, damit Es
komme», schließt sie einen Brief an M. Maria
Laura vom hl. Josef, Priorin in Reggio, «uud
indem ich Sie seiuem Herzen anvertraue, will
ich dort mit Ihnen vereint bleiben».
Katharina war am 5. Sept. 1637 als Tochter des Herzogs von Parma und Piacenza geboren. Von frühester Jugend an fühlte sie einen verborgenen Zug zur Heiligkeit. Sie las gern erbauliche Bücher und wäre am liebsten Einsiedlerin geworden, wozu sich ihr allerdings keinerlei Möglichkeit bot. Aber Katharina war deswegen durchaus kein stilles und frommes Kind; im Gegenteil! Stolz und Eigensinn bereiteten ihr nicht geringe Schwierigkeiten, in der Tugend voranzuschreiten. Voller Stolz wies sie die Hand des um sie werbenden Herzogs Maximilian zurück. Einen nicht regierenden Fürsten wollte sie nicht heiraten! Aber genau so wenig wollte sie von einer Vermählung mit dem König von England etwas wissen. «Diesen werde ich ganz gewiß ausschlagen», versicherte sie. «Es wäre mir unmöglich, einen Mann zu lieben, der im Kirchenbann ist, und Kinder für die Hölle zu erziehen!»
Oft waren ihr Gedanken an ein Kloster gekommen,
die sie aber immer sogleich von sich
gewiesen hatte. Ja, gegen ihre sonstige Gewohnheit
unterließ sie es absichtlich, das Kreuzzeichen
zu machen, damit Gott ihr mit solchen Gedanken
fern bleibe. Schließlich konnte sie sich aber
dem Wirken der Gnade nicht mehr widersetzen.
Als sie ihren Entschluß zur Ausführung brachte,
gaben ihr mehr als 200 Edelleute der Stadt und
eine unzählige Schar von auswärts das Geleit.
Mit den Worten: «Auf Wiedersehen im Paradies»,
verabschiedete sie sich von der Welt. Dann
warf sie sich nieder und flehte: «Herr, lehre
mich Demut und Unterwürfigkeit, damit ich meinen
Kopf beuge,... alles andere muß vor der Tür
bleiben». Fünftausend Gewehrschüsse verkündeten,
daß sich hinter einer Prinzessin Farnese die
Klausurpforte geschlossen hatte.
Und dann begann sie ihren Weg zu Christus emporzusteigen,
um sich immer mehr der
Kreuzesliebe auszuliefern. Im Inneren erlebte
sie geheimnisvoll die Passion. Doch ihre Natur
schreckte noch vor dem letzten Opfer ihrer Freiheit
zurück. Sie zweifelte, daß ihre Kraft ausreiche,
sich durch das Gelübde, immer das Vollkommenere
zu tun, zu binden. Vor einer Ecce-Homo-Statue
brach ihr letzter Widerstand. «Siehe, meine
Tochter», schien ihr der Dornengekrönte zu sagen,
«wie ich hier gebunden bin, um Dich zu lieben!
Und Du willst, um Deine verderbliche Freiheit
zu genießen, die Fesseln dieses Gelübdes zurückweisen?»
Am 15. Okt. 1672 versprach sie Gott, immer das zu tun, was sie als das Vollkommenere erkenne. «Mit diesen Nägeln gekreuzigt, will ich mit meinem Herrn am Kreuz sterben.» Sie war 46 Jahre alt, als sie am 27. April 1684 ohne Todeskampf und mit einem Lächeln auf den Lippen in die ewige Heimat ging. In ihrer Lebensbeschreibung finden wir einen interessanten Bericht, wie man zu ihrer Zeit den Advent beging und wie stark in ihrem Herzen die Liebe zum Jesuskind glühte, weil sie dieses unmittelbar zum eucharistischen Herrn führte.
Bei ihrem Eintritt in den Karmel hatte sie vom Hof ein Jesulein mitgebracht, das in einem holzgeschnitzten Bettlein unter einem brokatenen Himmel schlief. Zur Adventszeit pflegte man nun im Kloster dieses Kindlein (oder ein anderes) in ein kleines Körbchen zu legen und es von Zelle zu Zelle zu tragen, so daß es eine jede Schwester einen Tag und eine Nacht bei sich behalten konnte. Sie durfte diesen Tag im Stillschweigen verbringen und es wurde ihr erlaubt, die hl. Kommunion zu empfangen. Gleichzeitig erhielt sie eine Gefährtin, die dasselbe Vorrecht genoß. In der Mittagsrekreation wurde durch das Los bestimmt, wer am folgenden Tag die «Ehrendame» des Jesulein sein sollte.
Katharina Farnese, die ein heißes Verlangen nach der hl. Kommunion trug, bemühte sich nun eifrig darum, zur Gefährtin ernannt zu werden. P. Massimo erzählt, daß «sie sich inmitten der Rekreation auf die Knie warf und mit der ihr gewöhnlichen Anmut die Mutter Priorin anflehte, die Gefährtin sein zu dürfen».
«Mutter», sagte sie, «die Ehrendame des hl.
Kindes braucht eine Hofdame.»
Aber die Priorin, die die Rekreation heiter
gestalten und die Nonnen erbauen wollte, bestimmte
eine andere zur Hofdame. Die eifrige Schwester
Theresia Margarita fügte darauf hinzu: «Mutter,
das hl. Kind bedarf auch einer Tafeldeckerin.»
Doch wieder wurde eine andere dazu ernannt. Schwester Theresia verlor deswegen durchaus nicht die Hoffnung und kam zu dem Schluß: «Liebe Mutter, zu diesem hl. Mahl ist auch eine Küchenmagd notwendig.» Und mit diesem Titel, der ihrer demütigen Selbsteinschätzung am meisten entsprach, siegte sie fast immer.
Der Brauch, im Advent das Jesuskind in die Zellen der einzelnen Schwestern zu tragen und der Auserwählten eine Gefährtin zu geben, ist bis heute in vielen italienischen Karmelsklöstern erhalten geblieben. Um den Nonnen zur Vorbereitung auf das Kommen des Herrn zu helfen, ist es gleichzeitig üblich, die von der sel. Maria von den Engeln verfaßten Anmutungen und Gebete zu verwenden, die sicher zu dem Tiefsten und Schönsten gehören, was karmelitische Spiritualität über das Geheimnis der Menschwerdung und der dazu erforderlichen inneren Disposition zu sagen gewußt hat.
Nicht ohne Schwierigkeiten seitens der Familie
gelang es Marianna, in das Karmelitinnenkloster
der hl. Christine in Turin einzutreten. Es blieb
ihr nicht erspart, den Kampf mit der Natur und
dem bösen Feind, der sie stark belästigte, aufzunehmen.
Aber sie kämpfte im Vertrauen auf den Herrn,
der ihr einmal ein großes Kreuz gezeigt hatte:
«Meine Tochter, hast Du den Mut, es zu umfassen?»
Sie glaubte sich mit seiner Hilfe stark genug.
Doch mußte sie einwenden:
«Mein Herr, Du bist aber nicht auf diesem Kreuz?»
Darauf erwiderte ihr der göttliche Erlöser:
«Das ist ein Zeichen, daß Du von nun an meine
fühlbare Gegenwart nicht mehr kosten wirst und
mich nicht anders als auf dem Weg des Glaubens
zu finden vermagst.»
Und doch sehnte sich ihre zarte, gefühlsbetonte
Natur danach, Ihn zu sehen. Einmal, am
22. Aug. 1688, war ihr die Gnade zuteil geworden,
Ihn als Kind in der hl. Hostie zu erblicken,
bevor sie kommunizierte, wo sie ihrem Beichtvater,
P. Lorenz Maria vom hl. Michael schrieb. Ihr
Verlangen, seine Gegenwart beglückend zu spüren,
war danach immer größer geworden. Aber statt
dessen umhüllte sie tiefe Nacht. Diesem
inneren Martyrium, entrangen sich wunderbar
tiefe Gedanken, um sich auf sein Kommen vorzubereiten.
Und sie erwartete Ihn im Geheimnis seiner heiligsten
Kindheit.
Sie war ganz und gar vom Mysterium der Menschwerdung
Christi, durchdrungen. Schon
in ihren Briefen trifft man immer wieder auf
Anspielungen an die Geburt des Herrn in der
Seele.
«Bemühen Sie sich, in Ihrem Inneren eine
heilige Krippe zu bereiten», schrieb sie
wahrscheinlich an die Karmelitinnen von Moncalieri,
«indem Sie sie mit hl. Betrachtungen errichten...»"
Und in einem Fragment eines Briefes heißt es:
«Ich will mein demütiges Gebet dem Jesuskind
in der Grotte zu Bethlehem zu Füßen legen, damit
Es durch das Übermaß seiner Gnade den Mangel
meiner Verpflichtungen ersetze. Möge Es meine
Andacht immer mehr erwärmen, während ich Ihnen
von der Güte des himmlischen Kindes die Fülle
jener Gnaden wünsche, die Sie bereits jetzt
auf Erden glücklich machen und die dereinst
im Himmel Ihre ewige Glückseligkeit sein werden.»
Wie gesagt hatte Maria von den Engeln eine Reihe von Frommen Erwägungen und Anmutungen für die Adventszeit verfaßt, die das warm pulsierende Leben des Karmels widerspiegeln. Als Zeugnisse der vom Glanz der Liebe überschatteten Erfahrung einer Nonne führen sie unsagbar reich, beglückend und umformend in das Mysterium der Menschwerdung hinein.
Sie beginnt mit den Bedingungen, die für das Kommen des Herrn notwendig sind, und nennt an erster Stelle die Reinheit des Herzens. «So sehr gefällt Gott die Reinheit, daß Er, als sich unter Mitwirkung des HI. Geistes das Geheimnis der Menschwerdung erfüllen sollte, von einer jungfräulichen Mutter geboren zu werden verlangte. Jedermann weiß, mit welcher Gnadenfülle und mit welcher vorzüglichen Reinheit Gott den Leib und die Seele Mariens ausstattete, um sie zu einer würdigen Wohnung des Wortes, das in ihrem keuschen Schoß Fleisch werden sollte, vorzubereiten. Wenn wir daher Gott bitten wollen, daß Er geistigerweise auch in unseren Seelen geboren werde, so gibt es kein besseres und geeigneteres Mittel, als nach der Reinheit des Gewissens zu streben, jede Sünde aus dem Herzen zu bannen und es für die Tugend zu öffnen. Wir wollen uns deshalb in diesen heiligen Tagen um die Abtötung unserer Sinne bemühen, um eingezogen zu leben. Das wird uns in Stand setzen, auch die innere Sammlung zu bewahren, damit das heiligste, göttliche Kind in unseren Herzen geboren werde. Wir dürfen nicht zulassen, daß unseren Geist irgendeine Leidenschaft beunruhige. Bei der Geburt Jesu wurde der Friede verkündigt. Das menschgewordene Wort feiert seine Geburt nur in einer Seele, die eine Wiege der Gottinnigkeit und eine Stätte der Tugend ist.»
«Wie groß ist doch Deine Güte, o mein Jesus»,
ruft sie aus! «Obwohl ich Dich so sehr
beleidigt habe, wolltest Du doch den menschlichen
Leib annehmen und alle meine Sünden auf Dich
laden und mir die vollständige Verzeihung erlangen.
Da ich so viele Fehler begangen habe, verdiente
ich, Dich auf dem Thron der Gerechtigkeit als
meinen strengen Richter zu erblicken. Statt
dessen sehe ich Dich im Schoß Mariens als einen
Herrn voller Nachsicht für meine Sünden... O
göttliches Kindlein. Wie wünsche ich, Dich aufs
höchste zu lieben! Äh, könnte ich doch einen
tiefen und wahren Schmerz empfinden über alle
Beleidigungen, die ich Dir zugefügt habe! Würdige
Dich, meinem Herzen eine so innige Reue zu verleihen,
daß ich lieber sterben will als noch einmal
zu sündigen.»
Maria von den Engeln stellt als Beispiel zur Nachahmung den Glauben des hl. Josef vor, der von der Sehnsucht der Patriarchen genährt und von der Liebe der Muttergottes erfüllt sein muß. Sie läßt darum zuerst das Sehnen der alttestamentlichen Hoffnung auf den Messias erklingen:
«Heilige Patriarchen! Mit eurem heißen Flehen vereinige ich meine Tränen und rufe aus der Tiefe meiner Seele mit aller Inbrunst: Öffnet euch, ihr gütigen Himmel! Sendet mir von der Höhe den erfrischenden Tau des Paradieses! Segenspendende Wolken! Regnet mir im goldenen Naß meinen Herrn herab, der der Gerechte ist. Tu dich auf, o Erde! Eile dem Frühling voraus und gib mir den Erlöser! O Berge, träufelt Süßigkeit! O Hügel, Milch und Honig möge euch entquellen, damit auf euren lieblichen Pfaden das Lamm Gottes hernieder steige, um uns sein holdes, unendliches Erbarmen zu bringen. O Sonne der Gerechtigkeit, komm, erleuchte die Finsternis, die meinen Geist umnachtet.»
Unserem heutigen religiösen Empfinden sind derartige Liebesanrufungen durch ihre barocke Weitschweifigkeit fremd geworden. Man muß deshalb versuchen, sie aus der Geistigkeit ihres Zeitalters her zu verstehen. Schließlich ist einem jeden Jahrhundert eine charakteristische Anthropologie des übernatürlichen Lebens eigen. Der barocke Mensch fühlte das Bedürfnis, seine Gedanken in kunstvoll dahin gleitenden, oft kein Ende findenden Sätzen zum Ausdruck zu bringen und sich dem Spiel eines prunkvollen Wortschatzes hinzugeben, der wie der Goldrausch der Ornamente das marmorne Weiß seiner Altäre bedeckt. Aber hinter allem diesen verbirgt sich ein tiefes Eindringen in die Glaubenswahrheiten und ein echtes Bemühen, ihrem Inhalt gemäß zu leben. In diesem Sinn sind die Adventsanmutungen der seligen Maria von den Engeln zu interpretieren. Richtig verstanden enthalten sie viel Schönes, das einen jeden zur religiösen Nachahmung anregen kann. Warum sollte man nicht mit ihr «den lebendigen Glauben und die großmütige Hoffnung des hl. Josef, mit dem er auf die Geburt des menschgewordenen Sohnes harrte», teilen?
«Er wußte, daß der Messias der erwartete Erlöser der Völker sei. Mit welcher Inbrunst und Ehrfurcht redete er mit der seligsten Jungfrau über das unaussprechliche Geheimnis der Menschwerdung des Wortes! Und doch konnte er davon nicht sprechen, ohne Tränen herzinniger Rührung zu vergießen. Mit den Augen des Glaubens und in Ehrfurcht und Anbetung betrachtete er das göttliche Kind, das seine jungfräuliche Braut Maria unter dem Herz barg. Er bekannte Es als das Wort des Vaters, als das Ebenbild seiner Güte, als die Gestalt seines Wesens, als den Abglanz seiner Herrlichkeit.
Immer heißer seufzte er nach der Geburt des Heilandes, der aus Maria geheimnisvolle Strahlen entsandte, die sein Herz mit tausend Gefühlen der Andacht und Liebe durchdrangen. O wie sehr mußte sich bei diesen verborgenen Gunstbezeugungen im Bräutigam Mariens der Wunsch steigern, auch mit leiblichen Augen in das hoheitsvolle Antlitz des Jesuskindes, des Friedensfürsten zu schauen, der die ganze Erde beglücken wollte! Wie ward er im Geiste gedrängt, einen Gott anzubeten, der seine unermeßliche Majestät in Windeln einhüllen wollte und in die Welt kam, um sie zu erlösen und durch seine Geburt allen Menschen das ewige Heil zu bringen!
Noch wärmer und drängender werden die Worte der großen Karmelitin, wenn sie mahnt, Maria zu betrachten, wie sie «vom Engel als Mutter des menschgewordenen Wortes begrüßt wurde und der Gnade entsprach. Mit der Zärtlichkeit einer Mutter war sie für das Heil der Menschen besorgt. Wer vermag es auszudrücken, mit welch glühenden Anmutungen, reichlichen Tränen und unausgesetzten Seufzern sie um die Ankunft des Sohnes Gottes flehte, den sie in ihrem Schoß empfangen hatte! Ganz in das große Geheimnis versunken, das sie in sich barg, sprach sie mit dem hl. Josef von nichts anderem als von Gott, der sie erfüllte, und von ihrer Sehnsucht nach dem Erlöser. Sie seufzte nach der Vollendung der Tage und sah mit höchstem Jubel der Stunde entgegen, an der sie, ein Geschöpf, den Schöpfer auf die Welt bringen sollte. Mit heißem Verlangen harrte sie des Augenblickes seiner Ankunft, wo die in Sklavenketten schmachtende Welt das unermeßliche Glück genießen sollte, ihren Befreier mit so unendlicher Barmherzigkeit auf Erden einziehen zu sehen.
Es war schon seit der Zeit der hl. Theresia
von Avila Gewohnheit des Karmels, sich durch
«Akte» auf das Weihnachtsfest vorzubereiten.
Maria von den Engeln hatte nun diese frommen
Anmutungen für ihre Mitschwestern und geistlichen
Töchter in Turin und in der jungen Stiftung
in Moncalieri verfaßt, um die bereits lieb gewonnene
Gewohnheit mit einem neuen Sinn zu durchdringen
und sie mit neuer Frische zu beleben. Sie wollte,
daß eine jede ihrer Karmelitinnen empfänglicher
für den Lichtstrahl von oben her werde und sich
der Gnade der Gottesgeburt im Herzen immer mehr
erschließe. Jesus war in die Welt gekommen,
um den himmlischen Vater zu verherrlichen. Darum
hielt sie die Schwestern an, sich zu bemühen,
«Ihm in allen Handlungen zu gefallen und seine
Tugend nachzuahmen». Das Schweigen des lebendigen
Wortes im Schoß der Jungfrau sollte sie daran
erinnern, die «Zunge abzutöten» und aufzumerken,
«kein Gott beleidigendes Wort» auszusprechen.
Die Menschwerdung Christi sollte sie lehren,
daß Gott sich nicht die Freuden, sondern das
Leid erwählte. Darum sollten sie seinem Beispiel
folgen und «nicht mehr so nachgiebig gegen sich
selbst und gegen die eigene Bequemlichkeit sein».
Sie sollten von der unendlichen göttlichen Majestät,
die sich nicht scheute, Fleischgestalt anzunehmen,
die Demut lernen. Und die Einsamkeit des Jesuskindes
sollte sie dazu anspornen, «alle überflüssigen
Gespräche und Unterhaltungen zu fliehen».
Nur ein gesunder Wirklichkeitssinn, der nichts mit religiöser Romantik und süßlicher Schwärmerei zu tun hat, konnte diese Zeilen hervorbringen. Die Geburt des Herrn nimmt im Karmel einen zentralen Platz ein. Wenn sich auch zur Advents- und Weihnachtszeit Kripplein und Jesuskindlein in Bildern und Statuen häufen, so sind sie doch nur ein äußeres Symbol für die große Wirklichkeit der Gottesgeburt in jenem unsichtbaren Reich der Seele, das allein vor Gottes Augen offen liegt. Alle äußeren Akte und Gebräuche dienen dem Ziel, die Liebe zu vollenden, mit der die Ankunft des Herrn erwartet werden soll.
Im Karmel von Florenz lebte eine Heilige, Schwester Theresia Margarita vom heiligsten Herzen, die sich zum Zeichen ihrer Liebesbereitschaft eine kleine Wachsstatue einer Karmelitin angefertigt hatte, die auf einen von Kreuzen bedeckten Weg dem Jesuskind entgegeneilte. Sie wollte in dieser Statue ein Bild ihrer Seele sehen, die unentwegt dem Herrn entgegen schritt und mutig den Pfad des Kreuzes einschlug. Mit ihrem eigenen Blut hatte sie den Vorsatz geschrieben: «Jesus, mein Vielgeliebter, ich verspreche Dir, ganz Dein zu sein, und möge dies noch so viel Widerwillen kosten.» Und das versuchte sie zu verwirklichen, indem sie das einzige Motiv ihrer Handlungen in der Liebe sah.
Das erste Weihnachtsfest, das sie im Karmel
verbringen durfte, bedeutete für sie eine
Reihe unvergeßlicher Freuden. Schon der Advent
war im Karmel zu Florenz von einer wundersamen
Vorbereitung auf das Kommen Jesu erfüllt. Wie
erzitterte ihr Herz in heiliger Erwartung, wenn
an jedem Abend eine Schwester, der sogenannte
«Prophet», in einer geistlichen Sentenz der
Sehnsucht der Menschheit nach dem Messias Ausdruck
verlieh, oder wenn an den Adventssonn- tagen
eine andere Schwester, als Hirtin bezeichnet,
einige Gebete zur Muttergottes sprach, die tiefe
Gedanken über das Menschwerdungsgeheimnis enthielten!
Und wie ergriffen war sie, als sie in der Stille
der Weihnachtsnacht durch freudigen Hirtengesang
aufgeweckt und zur Matutin gerufen wurde! Als
in der Hl. Nacht die Weihnachtslieder am Kripplein
erklungen, kannte ihre Seligkeit keine Grenzen,
und ihre silberhelle Stimme jubelte voll innerer
Glückseligkeit, die ihr Herz erfüllte. Hatte
sie nicht mit den anderen Novizinnen das Kripplein
bereitet? Und nun lag das neugeborene Kind da,
und sie durfte Es anbeten und lieben!
«Der Gedanke, daß Gott sich um unserer Liebe willen verdemütigt hatte, bewegte tief ihr Inneres; das zarte Kind auf dem rauhen Stroh übte eine so starke Anziehungskraft auf ihr unschuldiges Herz aus, daß sie oft in glühende Ausrufe unbeschreiblicher Zärtlichkeit ausbrach.» Noch heute zeigt man das Jesulein, das die Heilige so innig geliebt hatte. Es ist eine in Brokat gekleidete Wachsstatue mit goldenen Locken und einer Krone, die auf einer kleinen Matratze ruht. Die Großherzogin Vittoria della Rovere hatte sie einige Jahre nach der Gründung, etwa zwischen 1630-1647, dem Kloster geschenkt.
Die Chronik des Florenzer Karmels erzählt, daß
dieses Jesulein 1717, als Es die Novizin
Schwester Anna Teresa von der hlst. Konversation
glühend gebeten hatte, heilig zu werden, bitter
geweint habe. Auch in späteren Jahren, wenn
der Kirche Gefahr drohte, sahen die Nonnen das
hl. Kind weinen.
Als sie 1918 die Weihnachtsnacht im «Exil» verbrachten,
da die Regierung das Kloster
für Kriegsbeschädigte in Beschlag genommen hatte,
weinte Es ebenfalls, und 1930, während eines
Triduums zu Ehren der hl. Theresia Margarita,
sahen viele Leute Tränen in seinen Äuglein.
Allen sichtbar trocknete sie Msgr. Pierazzoli
mit einem Tüchlein ab.
Wie oft hatte die Heilige in die großen, Erstaunen und Erwartung verratenen Augen dieses Jesulein geschaut! Was mag dieses Kindlein nicht alles der nach hohen Idealen strebenden Novizin gesagt haben! Sicher hatte sie bei Ihm gelernt, nur der Liebe und Hingabe zu leben. Und was hätte sie nicht alles für dieses Kindlein tun wollen!
An einem Weihnachtsfest ließ sich kein Prediger finden, der den Karmelitinnen das Menschwerdungsgeheimnis dargelegt hätte. Theresia Margarita bat daher ihre Mutter Magistra um Erlaubnis, ihren Bruder Franz Xaver, der sich damals im Kollegium Cicognini in Prato befand, zu bitten, ihr eine kleine Weihnachtspredigt zu verfassen. Sie schrieb ihm, daß sie beabsichtige, diese am Weihnachtsabend ihren Mitschwestern vorzulesen. Ihr Bruder war gern bereit, ihr die Gefälligkeit zu erweisen, wofür sie ihm mit zwei selbstgemalten Bildchen dankte. Dann wurde der Kommunität verkündigt, daß man eine Weihnachtspredigt am HI. Abend erwarten dürfe. Sie hatte sich mit ihrem weißen Mantel bekleidet vor dem Kripplein niedergekniet. Nach einem kurzen Gebet begann sie die Predigt vorzulesen.
Es war eine Einladung an ihre Mitschwestern, sich in Gedanken zur Grotte zu begeben, wo die «Güte des Herrn» erschienen war und wo sich das Wort Gottes derart verdemütigt hatte, daß Es unsere menschliche Gestalt annahm und uns in allem gleich wurde. Dann sprach sie von der Muttergottes und ihrem Leid, daß sie dem armen kleinen Körper nur ein wenig Heu bieten konnte und daß sie der großen Kälte, die das Kindlein bitter fühlte, nicht abzuhelfen vermochte. Welch ein Beispiel der Armut, des Opfers, der Losschälung von allem hat uns das Jesuskind gegeben! Und welch ein Vorbild ist Es uns in seiner Demut! Sie war so tief bewegt von diesen Gedanken, daß heiße Tränen sich mit ihrer himmlischen Freude vermischten. Wie tief verstand sie doch ihren Herrn und Heiland zu lieben!
Im Karmel von Florenz befindet sich noch ein zweites barockes Jesulein, das ungefähr um 1721 von der Prinzessin Violente Beatrix von Bayern, der unglücklichen Gemahlin Ferdinand II. de Medici, Großherzog von Toscana, dem Kloster geschenkt wurde. Kindliche Liebe hat Ihm den Namen «il Celeste Fratellino», das himmlische Brüderlein, gegeben. Obwohl die Statue keinen besonderen künstlerischen Wert hat, bietet sie dennoch dem Historiker einen interessanten Beweis, daß sich gerade im Karmel von Florenz die spanische Tradition am reinsten weiterentwickelt hat.
Viele der Advents- und Weihnachtsgebräuche,
wie sie im Zeitalter des Barock im italienischen
Karmel gepflegt wurden, sind bis in unsere Gegenwart
erhalten geblieben. So wie die hl. Theresia Margarita
hat eine jede Karmelitin in Florenz ein Jesulein
in ihrer Zelle,
um ständig an das Mysterium der Gottesgeburt
und den Weg des Kindseins erinnert zu werden.
In Oberitalien und in Rom lebt der Brauch fort,
zur Adventszeit das Jesulein von Zelle zu Zelle
zu tragen, und Ihm durch das Los eine Ehrendame
und eine Gefährtin zu erwählen. Selbst im Internationalen
Kolleg der Unbeschuhten Karmeliten in Rom war
es üblich, daß der P. Rektor während der Novene
einem der jüngsten Studenten, der vor der geöffneten
Zellentür kniend wartet, ein Jesuskind in die
Arme legte. Alle diese Bräuche zeigen die Liebe,
mit der der Karmel für das Geheimnis der Menschwerdung
offen stehen will, um vom göttlichen Kind die
Reinheit und Unschuld zu erlernen.
Wir sind der Andacht zum Jesuskindlein im italienischen Karmel im17. und 18. Jh. nachgegangen, wie sie unmittelbar am Beispiel einiger auserwählter Gestalten sichtbar wurde. Doch um ein vollständiges Bild zu gewinnen, müssen wir wenigstens einen flüchtigen Blick auf die Werke zweier typischer Vertreter des Karmelitenordens aus jener Zeit werfen, so weit sich diese unserem Thema zugewendet haben.
Wie bereits am Anfang dieses Abschnittes erwähnt wurde, verfaßte P. Johannes Maria hl. Josef (Centurioni) in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein Werk in sechs Bänden, die Essercitii spirituali, welche er der Serenissima Donna Margherita di Toscana, Madama di Parma, gewidmet hatte. Der zweite Band, der sich mit Übungen zur Vorbereitung auf die Geburt des Herrn im menschlichen Herzen oder mit Übungen um die Gegenwart des Jesuskindes nicht zu verlieren beschäftigt, offenbart eine feine Gabe, in das Geheimnis des Inkarnationsgeschehens einzuführen und es in seiner vollen Schönheit auf das Innenleben einwirken zu lassen. Ungefähr ein Jahrhundert später wurde in Mailand eine Sammlung von Meditationen zu allen Tagen und Festen des Kirchenjahres gedruckt, die ebenfalls aus der Feder eines Karmeliten, P. Johannes Thaddäus vom hl. Johannes Baptista" stammte und bis heute einmalig in ihrer Art geblieben ist.
Als Verfasser zahlreicher theologischer und
aszetischer Schriften gehört P. Johannes Maria
vom hl. Josef in die für das beginnende 17.
Jh. charakteristische religiös-geistige Strömung,
der es um eine praktische Hilfsleistung im übernatürlichen
Leben ging und die das Gebot der Nachfolge Christi
in ihren, für alle erreichbaren Möglichkeiten
herauszustellen versuchte. Schon in diesem soziologischen
Ziel mag zum Teil eine Begründung liegen, warum
er in seinem «Exerzitienbuch», wenn dieser Ausdruck
erlaubt ist, das Kind Jesu und die Nachahmung
seiner Tugenden so eingehend behandelt. Aber
es ist sicher nicht der entscheidende Grund
gewesen. Es scheint uns wahrscheinlicher, daß
er ein inneres Zeugnis zu der ihm über die Belehrungen
des ehrw. Johannes von Jesu Maria zugekommenen
theresianische Tradition ablegen wollte, die
sich zwar zu seiner Zeit in Italien weniger
durch «Dokumente» als durch
«Monumente» ausdrückte, d. h. durch zahlreiche
Statuen des Jesulein und besondere Andachtsformen
und Bräuche in der Weihnachtszeit.
P. Johannes Maria hat in dem inneren Offensein für das Kommen des göttlichen Kindes eine wesentliche Disposition zur Entfaltung des religiösen Lebens und zur Vertiefung der individuellen, christozentrischer Frömmigkeit gesehen. Das wird schon durch einen Vergleich mit den Themen der geistlichen Übungen in den anderen fünf Bänden deutlich. In Vorbereitung auf das Fest der Himmelfahrt Mariens spricht der erste Band von Übungen, die die Seele in der Liebe und Nachahmung der seligsten Jungfrau erneuern sollen. Der dritte Band will eine Anleitung zu Profeßexerzitien geben, der vierte, um sich in der Demut zu vervollkommnen, der fünfte ist für Ordensobere geschrieben und der sechste wurde ausschließlich Übungen zur Erwerbung des Stillschweigens zugedacht.
Charakteristisch für die persönlich gestaltende Begabung dieses Karmeliten ist der äußere Aufbau seiner Exerzitien, der sich in allen sechs Bänden auf gleiche Weise wiederholt. Das Thema wird auf 10 Tage mit jeweils 4 Betrachtungen oder «Stunden» verteilt. So handelt es sich etwa in der ersten Stunde um «Anregungen, die das Herz aufflammen lassen, um das Jesuskind zu empfangen», in der zweiten geht es um die «Früchte, die mit der Ankunft des Jesuskindes verbunden sind», in der dritten wird eine «Erneuerung der Seele» angestrebt und in der vierten sollen alle Bemühungen unter einem bestimmten Patronat ausklingen, sei es des hl. Josef, der sel. Jungfrau, des Hl. Geistes, des Gottessohnes oder des Vatergottes selbst.
In den einzelnen «Stunden» begegnen wir in unzähligen
Variationen der liebenden Sehnsucht
der Seele nach dem Kommen des göttlichen Kindes,
das mit einzigartiger Innigkeit des Gefühls
in der Fülle seiner göttlichen Schönheit, Liebenswürdigkeit,
Güte und Barmherzigkeit geschildert wird. «Du
bist in deiner Schönheit lieblicher als die
Menschenkinder, denn deine Gnade ist ausgegossen
auf deine Lippen.» «Gott hat in diesem Kind
alle seine Güte und Barmherzigkeit zu den Menschen
gezeigt.» «Der Reichtum himmlischer und ewiger
Güter kennt im Kind Jesu keine Grenzen, denn
Es ist die unerschöpfliche Quelle aller Güter.
Wenn das kleine Kind sie austeilt, wird Es deswegen
nicht ärmer. Es besitzt sie immer unzählig
und überströmend.»
Von diesen Gedanken ausgehend, folgert P. Johannes
Maria: Bei seiner Geburt hat Jesus
nun das Verlangen verwirklicht, seinen Reichtum
mitzuteilen. Noch ein kleines Kind, unfähig
zu sprechen und die Seelen anzurufen, ist Er
zu uns herabgestiegen und hat sich an einem
Ort geoffenbart, der allen leicht zugänglich
ist, damit sie seinen Reichtum in sich aufnehmen
und aus ihm Nutzen ziehen können. „Ich habe
mich von denen finden lassen, die mich nicht
gesucht haben» (Rom. 10,20). «Sein Kommen genügt
ein einziges Mal, damit dich das Jesuskind in
einem Augenblick so reich macht, daß du in aller
Ewigkeit nicht mehr zu deiner bisherigen Armut
zurückkehrst.»
P. Johannes Maria fragt: «Mein liebes Kind, weshalb bist Du von so weit hergekommen und was willst Du hier bei uns? Muß man da nicht wie Joseph antworten: „Ich bin gekommen, um meine Brüder zu suchen; sag mir, wo sie ihre Herden weiden"?»
|
«Wer ist dieses Kind? - Ein unendlich großer Gott.»
«Für wen ist Es gekommen?
«Welcher Beweggrund hat Es zu einem solchen
Opfer veranlaßt? |
Um zu einer wahren, hingebenden Liebe zu dem
göttlichen Kindlein anzuregen, schildert
Es uns P. Johannes Maria in verfeinerten Bildern,
die etwas unsagbar Zartes aushauchen.
«Betrachte die alle Maße übersteigende Liebenswürdigkeit
deines Geliebten. Bewundere seine kleinen Äuglein,
die sich kaum dem Lichte geöffnet haben. Wenn
aus ihnen auch nur ein einziger Blick auf dich
fällt, wird er dich mit Trost und himmlischer
Seligkeit erfüllen. Ein Blick dieses Kindes
genügt, um aus einem Verbrecher einen Gerechten
zu machen. Die Süßigkeit seines Blickes
ist derart, daß keiner je seinen Freund mit
so viel Liebe angeschaut hat, wie Jesus, wenn
Er sein Auge auf einem seiner Kinder und Diener
ruhen läßt.
Betrachte sein Antlitz. Es sind so zart, so
fein, so wohlgeformt, so strahlend von dem lieblichen
Lächeln, das auf seinen Purpurlippen spielt,
daß alles an Ihm, selbst sein erstes Weinen,
anbetungswürdig wird.
Gehst du einem jeden dieser Schätze seiner Liebenswürdigkeit nach, so wirst du, voller Entzücken über so viel Anmut, ihnen nicht lange widerstehen können. Du wirst versuchen, Jesus zu lieben, weil Er so unendlich liebenswürdig ist.»
Die zeitliche Geburt Jesu ist nur ein schwacher Abglanz seiner ewigen Geburt im Schoß des dreifaltigen Gottes. «Die verlassene Grotte, in der Er auf Erden erschienen war, bildet nicht seine erste Wohnstätte.» Sein wahrer und unergründbarer Wohnsitz ist in den Flammen der Gottheit verborgen. Dort, in einem für unser Auge unwahrnehmbaren Lichte, geht der Sohn auf dem Weg der Zeugung aus dem Vater hervor als der von Ewigkeit her gedachte Gedanke des Vaters.
... Allein dort, in dem Heiligtum deiner Gedanken, in dem absoluten Schweigen, wirst du das feine Murmeln des ewigen Wortes hören. In jener Atmosphäre des Schweigens wird sich wie in der stillen Nacht von Bethlehem ein großes Licht entzünden und der Gott der Wahrheit wird in deinem Herzen geboren werden.
«Du hast dabei nur eines zu tun, und das ist: dich über dich selbst und über alles Existierende zu diesem höchsten Gut zu erheben. Jesus gegenüber bleibt alles geschaffene und mögliche Sein nur ein reines Nichts. Lasse also das Nichts, um das Alles zu besitzen.»
Nicht weniger tiefe Gedanken erschließen die Meditationen des P. Johannes Thaddäus. Sie beginnen mit der Mahnung, «vom Schlaf aufzustehen, um das göttliche Licht zu empfangen. Die Sonne der Gerechtigkeit ist ihrem Aufgang nahe und will das Herz durchlichten und den Geist entflammen. Gott will... in der Liebe eines zarten und holdseligen Kindleins in dein Herz einziehen und dir das Heil bringen. Lebst du fromm und gerecht, dann wirst du nicht enttäuscht werden in deiner Erwartung der Geburt des Gottessohnes in deinem Herzen. Rorate caeli desuper; et nubes pluant Justum. [Tauet Himmel, Wolken regnet den Gerechten.]
Jeder Atemzug sei dir ein sehnsuchtsvoll einladender Ruf zum himmlischen Kind. Aber um seine Ankunft wirklich von Herzen zu verlangen, muß dein Herz immer bei Ihm sein. Es ist ja das wesenhafte Bild des Vaters, die Fülle der göttlichen Weisheit, und du darfst in deinem Herzen eine solche Weisheit und Majestät geistig geboren empfangen! Wiederhole darum tausendmal am Tag: Regnet ihr Himmel in mein so trockenes Herz einen fruchtbaren Regen. Wünsche und wiederholte Bitten genügen nicht, um Gaben vom Himmel zu erhalten, wenn nicht zugleich alle Hindernisse beseitigt werden, die ihnen entgegenstehen. Überdenke deshalb deine Unvollkommenheiten und suche ihren Ursprung.
Je näher das Weihnachtsfest rückt, umso drängender sollen die Bitten werden, daß Gott mit seinem Kommen unser Inneres tiefer erfasse und in die Innigkeit seiner Liebe tauche. Wieder ist es eine Reihe von Meditationen, die diesem Verlangen Ausdruck verleihen. Am besten wird es sein, wenn sich der Betende «geistig in das Herz Mariens versetzt, um dort mit ihr ganz zart das göttliche Wort einzuladen, als unser Erlöser geboren zu werden». Wenn die Hl. Nacht angebrochen ist, betrachte «die seligste Jungfrau, wie sie in sich eingeht, da sie ihre Stunde nahe weiß. Sie erhebt ihren Geist zu Gott. In tiefe Beschauung versunken, schenkt sie zur Mitternacht auf wunderbare Weise dem Eingeborenen des Vaters das irdische Leben. Unverzüglich kniet sie vor Ihm nieder, küßt demütig seine Füße und betet Ihn als ihren Gott an. Darauf nimmt sie Ihn in die Arme, wickelt Ihn in Windeln und legt Ihn in die Krippe auf's Heu.
Bete auch du das Kind in der Krippe an, das dir als Erlöser und Meister gegeben wurde, wie Isaias sagt: Parvulus natus est nobis, et filius datus est nobis. [Ein Kind ist uns geboren ein Sohn ist uns geschenkt!] Betrachte Jesus, um von Ihm zu lernen, wie du in seiner Liebe wachsen kannst. Wenn du nicht Tag für Tag Fortschritte machst, darfst du nicht glauben, Ihm zu folgen oder Ihn nachzuahmen. Eile darum zum göttlichen Kind und bitte Es voller Schmerz über deine Nachlässigkeiten, deinen Willen mit seinem kostbaren Blut zu stärken.» P. Johannes Thaddäus zeigt nun das Jesuskind, wie Es als Spender aller Gnaden in unser irdisches Dasein eintritt und in den Menschen, «die guten Willens sind», ein neues Verhältnis der Liebe entzündet.
«Am Fest der Beschneidung sollst du dich fragen, ob dir das göttliche Kind einen wirksameren Ausdruck seiner zärtlichen Liebe geben konnte, als jetzt, da Es kaum geboren war? Schau, wie Es dich liebt! Seine Liebe zu dir kostet Es sein Blut. Sie verlangt daher von dir nichts anderes als dein Herz. Dieses erwartet das Jesuskind von dir, doch nicht nur mit liebevollen Worten, sondern mit Beweisen eines wahrhaft Liebenden, der beginnt, Ihm entschlossen seine menschlichen Freuden aufzuopfern.
Du darfst also keine Gelegenheit zurückweisen, sei sie auch noch so schmerzlich für dich, um Jesus seine Liebe zu vergelten. Da Er so große Eile hatte, zu leiden, und schon acht Tage nach seiner Geburt für dein Heil Wunden empfing, so nimm auch du dir vor, es nicht mehr zu verweigern, etwas für Ihn zu erdulden. Wende dich unverzüglich zum Jesuskind und bitte Es um seines kostbaren Blutes willen, deinen Geist zu erleuchten und deinen Willen zu stärken, um mit Ausdauer Verdemütigungen und die gewöhnlichen Leiden auf dich zu nehmen. Sie werden dir ewige Freude und Herrlichkeit bringen.»
Eine besonders feine Art der Beobachtung beweist
P. Johannes Thaddäus, wenn er vom
Einfluß der göttlichen Kindheit auf unser Leben
und dem Beispiel des Jesusknaben spricht. Vor
allem will er zu einer Vervollkommnung in der
Liebe führen, die die Bedingung für einen jeden
Fortschritt im übernatürlichen Leben bildet.
Wenn dann «das Kreuz auf deine Schultern geladen
wird, sei es von liebender oder gleichgültiger
Hand, dann wirst du es immer als vom Herrn kommend
empfangen und aus Liebe zu Ihm leiden, der für
dich unendlich Schwereres ausgestanden hat.
Besonders am Fest der Beschneidung des Jesuskindes,
das mehr als ein jedes andere Kind den Schmerz
des Schnittes gefühlt hat, wirst du lernen,
immer die Erfüllung des göttlichen Willens über
alle anderen Dinge zu stellen, mögen sie dir
auch noch so lieb sein. Der himmlische Vater
will von dir um den Preis einer jeden Selbstgenügsamkeit
geehrt werden.»
Das «Wachsen und Reifen» des Jesuskindes soll
daran erinnern, daß das Wunder der
Gottesgeburt im Herzen sich in einem Geschehen
vollzieht, das in der Stille des Inneren verborgen
bleibt. P. Johannes Thaddäus weiß, daß man bei
Jesus, wenn auch die Schrift sagt, daß «er an
Alter, Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen
zunahm», nicht von einer Entwicklung im Sinn
eines schrittweisen Zunehmens und Wachsens zu
etwas Vollkommenerem hin sprechen kann. Darum
deutet er dieses Wachsen und Reifen des Herrn
in seiner innersten Beziehung zum Vatergott.
Und hier nimmt er den Ausgangspunkt für seine
Meditation, die zu einer «Heiligkeit auffordert,
die ganz im Inneren ist. Um sie mußt du dich
vor allem bemühen. Wie der Sohn Gottes,
der in seinem Äußeren sich nicht von den Ihm
gleichaltrigen Kindern unterschied, sollst auch
du allen äußeren Sonderlichkeiten entfliehen,
die gewöhnlich der Eitelkeit entspringen.
Der Fortschritt Christi vollzog sich erst vor
Gott und dann vor den Menschen. Gib acht, diese
Ordnung nicht umzustellen, indem du versuchst,
zuerst den Geschöpfen und dann dem Schöpfer
zu gefallen.»
Das menschliche Auge wird ein solches Wachsen
im Inneren zunächst kaum erfassen.
Aber Gott, dem nichts verborgen bleibt, sieht
in das Herz und erkennt, wie sich dort das lebendige
Kindsein Jesu eingeprägt hat und zu einem neuen
Dasein führt. Das Leben in Jesus Christus ist
Zunehmen in seiner Gnade und Reifen in seiner
Liebe.
P. Johannes Thaddäus will mit seinen Meditationen, die alles enthalten, was die Spiritualität des italienischen Karmels im 17. und 18. Jahrhundert über die Gottesgeburt im Herzen zu sagen wußte, zu einem befruchtenden Nachdenken und lebendigen Erfassen des Inkarnationsmysteriums anleiten. In innerem Offenstehen für das Eigentliche soll der einzelne es nicht unterlassen, das Jesuskinds unentwegt zu bitten, zu Ihm zu kommen und in Ihm zu walten, damit sich das Leben immer mehr in der Nachfolge des seinigen erfülle.
Er darf überzeugt sein, sagt uns P. Johannes Thaddäus, daß das göttliche Kind nicht auf sich warten läßt, sondern sich bald innerlich bemerkbar machen wird, wenn Es im Glauben und in der Liebe gesucht und um seine Ankunft angefleht wird. Seine Meditationen haben mehr als zwei Jahrhunderte als Betrachtungsanleitung für das geistliche Leben der Karmeliten gedient. Auch heute werden sie durch ihren Reichtum und in ihrer Schönheit wesentlich dazu beitragen können, das Geheimnis der Kindheit so zu verstehen, wie es das Gebet des Karmels durchzieht und in seinem kontemplativen Leben stets neu aufleuchtet.
«Vielleicht ist die Tatsache nicht bekannt genug, daß die ersten 60 Jahre des 17. Jahrhunderts für die Kirche eine Zeitspanne seltener Schönheit und Fruchtbarkeit bedeuten, nicht weniger reich als die großen Bewegungen der mittelalterlichen Christenheit, eine Ära der Verjüngung und der herrlichsten Erneuerung.»
Wenn diese Worte Daniel-Rops vor allem die Initiativen zur Erneuerung des inneren Lebens in Frankreich betreffen, - während zur gleichen Zeit in den deutschen Ländern der dreißigjährige Krieg mit seinen Nachwehen eine völlig andere geistige Situation auslöste -, so bleibt ihnen doch die allgemein gültige Wahrheit eigen, daß die Frömmigkeit des heutigen Menschen noch ständig seine Wurzeln in das Zeitalter von Franz von Sales und Vinzenz von hl. Paul streckt und sich aus seinen großen Traktaten nährt.
Die genialste Leistung des anbrechenden 17.
Jahrhunderts war ohne Zweifel die Gründung
der «französischen Schule» mit seinem
unvergeßlichen Meister Berulle und dessen
Schülern Condren, Olier und Johannes Eudes.
Berulle, den Bossuet «einen wirklich hervorragenden
Menschen» genannt hat, «dessen Würde selbst
der Kardinalspurpur nichts mehr hinzufügen konnte»,
eröffnete den Zugang zu einem theozentrischen
Leben, das auf der Alternative aufbaute:
Der Mensch ist ein Nichts, aber ein Nichts,
das fähig ist, in sich Gott aufzunehmen und
sich anbetend zu Gott zu erheben. Die Erkenntnis
des eigenen Nichts gegenüber dem absoluten Alles
Gottes löst eine Haltung tiefster Ehrfurcht
und Anbetung aus. Aber dieser scheinbar so unendlich
ferne Gott neigt sich liebend über das arme
Nichts, wenn es Ihn um seine Barmherzigkeit
anfleht, wie Olier betont, und wenn es auf seine
Liebe vertraut, wie Johannes Eudes hinzufügt.
In der Mitte steht Christus, der durch seine
Menschwerdung die Menschheit erlöst und
geheiligt hat. Durch Christus betet der Mensch
Gott an, und im Mysterium seiner Inkarnation
findet er die überbrückende Lösung, die den
Abstand zwischen Gott und Mensch verringert.
Darum gibt es für ihn nichts anderes als «sich
mit Unserem Herrn zu bekleiden und nach dem
Beispiel Jesu Christi in sich ein jedes andere
Interesse außer Gott zu vernichten». Dieser
Gedanke durchzieht als Leitmotiv die christozentrischen
Werke Berulles, die Elevations a Jesus sur ses
principaux etats et mystères, seine 1623 gehaltene
Rede; Etat et la grandeur de Jesus und sein
leider unvollendetes Werk: Vie de Jesus. Bei
seinem Tod (1629) waren die wichtigsten Elemente
festgelegt, die die traditionellen Grundsätze
der französischen Schule bestimmen sollten.
Ihre christozentrische Ausrichtung beeinflußte
bald auch die geistlichen Strömungen der
Orden in Frankreich. P. Chardon (1595-1651),
P. Lallemand (1588-1635), P. Surin
(1600-63),
u. a. sind sprechende Zeugen dafür. Zutiefst
in jenes geheimnisvolle Wasser getaucht, das
den Quellen des Erlösers entspringt, wollten
sie durch den Mittler Christus, und zwar durch
den Menschen Christus, der zur Nachfolge aufgefordert
hatte, zu Gott emporsteigen. Sie folgten damit
bewußt den Spuren Berulles, der betont hatte,
daß der Mensch Christus nicht nur der Lehrer,
Wundertäter und Gekreuzigte war, sondern daß
Ihn das Inkarnationsmysterium auch als kleines
Kind gezeigt hat, äußerlich einem jeden anderen
Kinde gleich. Konformität mit Christus heißt
daher nicht nur Christus am Kreuze ähnlich werden,
sondern mit Ihm auch ein Kind des himmlischen
Vaters zu sein und aus dem Beispiel seiner Kindheit
das eigene Leben zu gestalten.
Es war vor allem M. Magdalena vom hl. Josef (1578-1637), auf die Berulle einen starken Einfluß ausübte und die er zur Verehrung der Kindheit Jesu anregte. Sie selbst fühlte seit langem einen inneren Zug, sich ganz der Andacht zum Jesuskind hinzugeben und ihre Mitschwestern dazu zu beeinflussen. «Donnez-vous entierement à la sainte enfance de Notre Seigneur», hatte sie ihnen gesagt.
«Verehren Sie sie [die Kindheit Jesu] aus ganzem Herzen und mit allen Fähigkeiten Ihrer Seele. Die Gnade, Töchter der Jungfrau zu sein, verpflichtet Sie dazu. Es ist ja gerade dieser demütige Stand ihres Sohnes, dem sie ihre göttliche Mutterschaft verdankt, und in diesem Stand hat sie die größte Macht über Ihn.»
Wenn sich auch nicht mit Sicherheit sagen läßt,
ob diese Aufforderung in Abhängigkeit
von Berulle geschah, so bleibt doch bestehen,
daß er bis zum Ende seines Lebens in dieser
Richtung auf sie einzuwirken versuchte. Noch
bei seiner letzten Begegnung mit M. Magdalena
ließ er sich «in eine ernste Unterredung in
dieses Thema ein», wie die Geschichte des ersten
Pariser Karmels überliefert, und «bat sie, an
alle Klöster zu schreiben, um entschieden zu
dieser Andacht zu ermahnen». «La Mere s'en acquitta
tres soigneusement tant pour executer l'ordre
qu'elle en avait receu de luy que pour suivre
l'instinct de la propre grace et le succes en
fut si heureux que l'on vit alors la devotion
de l'enfance s'etablir plus que jamais et dans
un culte et une veneration singuliere en toutes
ses maisons.» - Die Mutter erfüllte sehr sorgfältig
den Befehl, den sie von ihm erhalten hatte,
um dem Impuls ihrer eigenen Gnade zu folgen,
und der Erfolg war so glücklich, daß man dann
sah, wie sich die Andacht zum (Jesus)Kind, mehr
als je zuvor mit einer einzigartigen Verehrung
und Ehrfurcht in all seinen Häusern etablierte.
In dieser Atmosphäre tief empfundenen christozentrischen Lebens der französischen Karmelitinnenklöster hat auch die «kleine Lehre» - wenn dieser Ausdruck erlaubt ist - der sel. Margareta vom hlst. Sakrament im Karmel zu Beaune ihren geistesgeschichtlichen Ausgang gefunden, obwohl sie von einer direkten Beeinflussung völlig unabhängig ist. Ihre Lehre verfolgte nur ein heiliges Ziel: Sie wollte, daß «sich viele Herzen dem hl. Kind zu Füßen werfen. Möchten doch alle Geschöpfe seine höchste Macht anerkennen»!
Margarete von Beaune bat Tag und Nacht das göttliche Kind, ihr doch den Weg zu zeigen, der zu seiner Verehrung in der ganzen Welt beitrüge. Sie verteilte viele Jesuleinbilder, verfaßte ein Rosenkränzlein zu seiner Verehrung, feierte jeden 25. des Monats in besonderer Weise und vergoß in der Hl. Nacht Ströme von Tränen der Freude in zärtlichster Liebe. Viele Stunden verbrachte sie auf den Knien im Gebet, im Winter oft mit bloßen Füßen, notdürftig bekleidet und ohne auf Schlaf und Kälte Rücksicht zu nehmen. Ohne eigene Mittel gelang es ihr auf fast wunderbare Weise eine Kapelle zu Ehren des Jesuskindes erbauen zu lassen. Krankenheilungen und Bekehrungen von Sündern geschahen durch ihre heißen Gebete zum göttlichen Kind. Im Krieg 1636 versprach ihr Gott, die Stadt Beaune und die ganze Provinz Burgund, ja sogar ganz Frankreich zu schützen. Selbst einen Thronerben wollte Er Frankreich schenken.
Äußerlich gesehen ist Margarete von Beaune in
ihrer Frömmigkeit, in deren Zentrum das
Mysterium der Menschwerdung stand, den wesentlichen
Linien dem Geist der französischen Schule gefolgt,
der sie den Primat des theresianischen «alles
aus Liebe zu Jesus tun», hinzufügte. Innerlich
blieb sie jedoch völlig unabhängig. Für die
Geschichte der Verehrung des Jesulein im Karmel
ist sie nicht weniger bedeutend als Theresia
von Lisieux durch ihren «kleinen Weg« der geistigen
Kindschaft. Leben und Lehre dieser kleinen Karmelitin,
die sich organisch in die allgemeine Erneuerungsbewegung
des französischen 17. Jahrhundert einreiht,
vermag
«dem nüchternen Menschen des 20. Jahrhunderts,
der mit der Psychologie des Kindes, das zugleich
Gott ist, nicht zurecht kommt, wieder die unendliche
Liebe Gottes, das große Mysterium, zu offenbaren».»
Sie hat mit ihrem Weg des «christlichen Kindsein»
einen unerschöpflichen Brunnen der Heiligung
und Gnade auf die Menschheit überquellen lassen.
Die auf sie zurückgehende Andacht zum Jesulein
von Beaune hat für den französischen Karmel
eine gleichwertige Bedeutung mit der Andacht
zum Prager Jesulein, wenn sie auch vielen unbekannt
geblieben ist.
Am 25. Juli 1619 verließen sechs Karmelitinnen Dijon, um in einem alten Benediktinerkloster in Beaune einen Karmel zu gründen. Am 7. Februar des gleichen Jahres war in dieser Stadt ein kleines Mädchen geboren, das nur wenige Jahre später dem neuen theresianischen Taubenschlag zur Zierde gereichen sollte: Margarete vom hlst. Sakrament.
Die Eltern, Pierre Parigot und Jeanne Battaille,
waren angesehene und wohlhabende
Bürger, die das Kind schon früh zu einem echt
christlichen Leben anleiteten. Im Alter von
11 Jahren verlor Margarete ihre Mutter, und
ihr geistlicher Onkel, der den Karmelitinnen
das Kloster überlassen hatte, wußte nichts Besseres,
als seine kleine Nichte der Obhut der Schwestern
zu übergeben und ihnen die Erziehung des frommen
Kindes anzuvertrauen. So trat sie mit einer
besonderen Erlaubnis am 24. September in den
Karmel ein und empfing am selben Tag aus der
Hand ihres Onkels die erste hl. Kommunion. Nach
Ordensbrauch gab man ihr einen neuen Namen,
dem man zur Erinnerung an eine wundersame Gnade,
die ihr an diesem Tag zuteil wurde, das Prädikat
«vom heiligsten Sakrament» hinzufügte.
Wenn man das geistige Bild dieser kleinen Karmelitin, die bereits im Alter von 29 Jahren die Erde mit dem Paradies vertauschte, zu zeichnen versucht, so kann es wohl keinen Zweifel geben, daß unter den Schwestern und Brüdern des Ordens, die dem Kindheitsgeheimnis gelebt haben, wohl keine in so auffallender Weise die Züge des göttlichen Kindes widerzustrahlen wußte, wie Margarete von Beaune. Schon zu einer Zeit, wo andere Kinder sich ihren unschuldigen Spielen hingeben, wurde sie von einer wunderbaren, heiligen Begierde angetrieben, die Einfachheit und Demut des Jesuskindes nachzuahmen. In der Schule des göttlichen Kindes, bei dem ihre Gedanken unentwegt weilten, hatte sie früh die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit des Irdischen erkannt und war zu einer Reife gelangt, die nur in einem tiefen Ergriffensein von dem Übernatürlichen eine Erklärung findet.
Von der Zeit ihres Noviziats an fühlte sie mit wunderbarer Klarheit, daß Gott sie mit einer Sendung beauftragt hatte. Sie sollte «die Schätze der göttlichen Kindheit und das schmerzhafte Leiden des Erlösers in der Welt bekannt machen». In ihrer kindlichen Unschuld gestand sie ihrer Novizenmeisterin, daß das göttliche Kind sie unausgesetzt mit den Geheimnissen seiner Geburt und der ersten zwölf Jahre seines Lebens wie mit einer schützenden Mauer umgeben werde. Aus diesem Umkreis dürfe sie sich niemals entfernen. Und Margarete beeilte sich, der Weisung des göttlichen Meisters zu entsprechen. Hatte Er ihr nichts versprochen, sich ihr ganz zu schenken unter der Bedingung, daß sie so klein wie Er in der Krippe werde?
Margarete fand im Karmel von Beaune nicht nur weitgehendes Verständnis für ihre Andacht und Liebe zum Jesuskind, sondern auch ein wohl bereitetes Erdreich, in dem das göttliche Samenkorn sich kräftig entwickeln konnte. Von Dijon hatten die Stifterinnen eine Jesuleinstatue mitgebracht und mit ihr jene zarte Verehrung der Kindheitsgeheimnisse, welche die ehrw. Mutter Anna von Jesus, die Gründerin von Dijon, gelehrt hatte. Dazu kam, daß der Einfluß der Spiritualität des Kardinals Berulle in jeder Hinsicht eine Vertiefung des Geheimnisses der Menschwerdung begünstigte.
Damit ist aber zugleich gesagt, daß die Weise, in der Margarete das Kindheitsmysterium lebte und erlebte, nicht die gleiche ist, wie wir sie von den ersten spanischen Karmelitinnen her kennen. In den ersten Jahren ihres Ordenslebens litt sie unsagbar unter den oft heftigen Angriffen des bösen Feindes. Manchmal schien es, daß das arme Kind mit den «Mächten und Gewalten, den finsteren Weltherrschern und den bösen Geistern in den Himmelshöhen» (Eph. 6,12) zu ringen hatte. Doch alles diente nur dazu, ihre Liebe zu läutern, damit sie ihre einzige Zuflucht bei dem kleinen Jesus nehme.
«Ich will in Dir die Wunder meiner Kindheit
sichtbar machen», hatte Er ihr eines Tages
gesagt und ihre Augen erblickten seine liebliche
Gestalt. Seitdem wurde sie oft durch Erscheinungen
des Jesuskindes begünstigt, die sie von aller
seelischen Pein befreiten und mit unaussprechlicher
Glückseligkeit erfüllten.
«Ich habe Dich erwählt, um durch Dich meine
Kindheit zu ehren und meine Unschuld,
als ich in der Krippe lag... Du sollst die Stimme
sein, die in Deinem Stand, in Deinem Leben die
Größe meiner Kindheit verkündet.» Immer wieder
vernahm sie den geheimnisvollen Auftrag des
göttlichen Kindes. Aber auch unsagbar innige
Worte hörte sie Es in ihrem Inneren flüstern:
«Welche Gnaden sollte ich nicht der Braut
meiner Kindheit erweisen? Ich werde sie immer
liebhaben und ihr nichts verweigern, um das
sie mich bittet... Bitte Du und es wird
Dir gegeben werden, damit Deine Freude vollkommen
werde.»
Margarete wollte, daß die Andacht zum Jesuskind
nicht innerhalb der Mauern ihres Karmels
stehen bleibe, sondern vielmehr ihre Vaterstadt
und die ganze Welt umfasse. Ein erster Anfang
dazu war die Gründung eines frommen Vereins.
1638, in der Weihnachtsnacht, hatte ihr
das göttliche Kind zu verstehen gegeben, daß
Es sich einen Ihm geweihten Ort wünsche, wo
man Es als König anerkenne und verehre. Bereits
am 24. August des folgenden Jahres konnte sie
Ihm eine kleine Kapelle darbieten, wo sie Ihm
unentwegt die vielen Bitten und Anliegen, die
man ihrem Gebet empfahl, zu Füßen legte. Dort
stand eine Statue des Jesulein, das von
seiner heiligsten Mutter in den Armen getragen
wurde. Der eigentliche «Roi de Grace» oder «Roi
de Glorie» [König der Gnade bzw. Glorie],
wie später das Volk die vom Baron de Renty g
eschenkte wundertätige Statue nannte, hielt
seinen Einzug in Beaune im November
1643 und wurde zunächst in einer Nische des
Kreuzgangs aufgestellt, bis sie 1873 von der
Klausur in die Kirche kam.
Dieses Jesulein bleibt eng mit dem Leben der ehrw. Margarete von Beaune verbunden. Baron de Renty hatte von der begnadeten Karmelitin gehört und trug den sehnlichen Wunsch, einmal mit ihr sprechen zu dürfen. Tatsächlich wurde ihm auch dieses Glück der wenigen Bevorzugten zuteil. Nach Paris zurückgekehrt, ließ er eine 58 cm hohe Holzsfigur nach Beaune senden, die ein reizendes Kind darstellt, das in der linken Hand das Zepter hält und auf dem Kopf eine fein gearbeitete Krone trägt. Mit großen, offenen Augen schaut Es freundlich den Besucher an und scheint ihm seine rechte Hand zum Kuß zu reichen. Ein kostbares Samtkleidchen bedeckt den zerbrechlichen Körper. Alles an diesem Kind ist lieblicher Ernst und gütiges Verstehen.
Wenn auch das kurze irdische Leben der ehrw.
Schwester Margarete von Beaune ganz
und gar nach innen gerichtet gewesen und in
äußerster Weltferne dahin geflossen ist, so blieb
es dennoch nicht der Welt verborgen. Schon bald
kamen Priester und Ordensleute, um von ihr Anleitungen
zu einer Nachahmung der Kindheitstugenden zu
empfangen. Eines Tages fragte ein Ordensmann,
was man tun müsse, damit das Jesuskind im eigenen
Herzen lebe und es mit seiner Gegenwart durchforme.
«Man muß in Nachahmung des Jesuskindes und nicht nach der eigenen Natur leben», gab sie ihm zur Antwort, «ohne etwas außer Ihm sehen oder hören zu wollen, gerade so, als ob auf dieser Welt nichts anderes bestünde als Sie und das hl. Kind».
«Und wie gestaltet sich ein solches Alleinsein
mit dem göttlichen Kind?»,
wollte der Besucher
erfahren.
«Es will, daß Sie eine beständige innere und äußere Ausgeglichenheit bewahren, die zur Folge hat, daß Sie sich weder im Glück überheben, noch beim Mißerfolg oder in der Trostlosigkeit verzagen. Sie müssen sich seinen göttlichen Händen ganz überlassen, damit Es über Sie verfügen kann, sei es im Leben oder im Tod, bei Gesundheit oder bei Krankheit, bei Hochschätzung oder bei Verachtung, kurz bei allem, so wie es Ihm gefällt und als ob Sie sein Eigentum wären, das keinen Widerspruch erheben will... Sie müssen Ihm alles übergeben, alles, was Sie sind und was Sie betrifft, in Zeit und in Ewigkeit. Träumen Sie von nichts anderem als von Ihm und von seiner Herrlichkeit.»
«Wenn ich aber einen Fehler begehe, was kann ich dann tun?» «Dann haben Sie sich vor dem Jesuskind zu verdemütigen, sich unverzüglich zu bessern und von neuem anzufangen, das hl. Kind zu lieben, Ihm zu dienen und Es anzubeten, als ob Sie niemals gefallen wären. Es ist weitaus besser, an das Jesuskind und an seine göttlichen Vollkommenheiten zu denken, als an uns selbst, an unsere Fehler und an unser Elend!...»
«Bleiben Sie ein für allemal in den Händen des
Jesulein und denken Sie nicht mehr an
sich; beschäftigen Sie sich mit Ihm und lassen
Sie sich von seiner Liebe erfassen. Sie verlieren
viel zu viel Zeit, wenn Sie an sich und an ihre
Fehler denken!... Das Herz zu Füßen des
hl. Kindes, damit alle Geschöpfe seine höchste
Macht anerkennen und alle Geister von Ihm abhängig
werden. Jene, die noch etwas auf dieser Welt
suchen und sie genießen wollen, werden den Sohn
Gottes nicht finden. Das Jesuskind will ganz
allein in der Herzenseinfalt gesucht werden».
Was Margarete von Beaune, die kleine Karmelitin,
deren Gestalt nicht größer als die eines
zwölfjährigen Kindes war, so anziehend macht,
ist nicht ihr außergewöhnliches Leben, in welchem
sich Ekstasen und Erscheinungen zu folgen schienen,
sondern ihre Botschaft von der geistigen Kindheit,
von der Nachahmung und Umgestaltung in das Jesuskind,
bis zu
«jener Freude, etwas für das hl. Kind zu leiden,
um dadurch mit Ihm vereint zu sein», wie sie
es einmal P. de Bonnefay, dem Superior von Troyes,
erklärte.
Wenige Tage vor ihrem Tod, als das Gespräch auf den Stand der Paradiesesunschuld kam, beklagte sich eine Schwester bei Margarete, daß wir Menschen infolge des Sündenfalls der ersten Menschen eines so reinen Lebens beraubt worden seien. Aber die heiligmäßige Karmelitin dachte anders und zögerte keinen Augenblick, eine sichtbar aus dem Reichtum ihres Innenlebens hervorbrechende Antwort zu geben: «Die hl. Kirche wird vom HI. Geist geführt. In der Osternacht singt sie in der so ergreifenden Liturgie: O felix culpa - o glückliche Schuld. Da sie diese Schuld als glücklich bezeichnet, müssen auch wir die (Erlösungs-)Gnade Unseres Herrn Jesu Christi hoch einschätzen. Auch die kleinste Gnade, die Er uns darbietet, vermag uns die große Gnade der Unschuld zu schenken. Wir haben also keinen Grund, uns zu beklagen. Wir haben den eingeborenen Sohn des ewigen Vaters zu unserem Erlöser. Er versäumt es nicht, uns reich mit seiner Gnade zu beschenken.»
Sie wollte damit sagen, daß das Leben des «neuen Menschen», das langsam durch die umformende Kraft der Gnade die Seele zur Unschuld und Reinheit zurückführt, von Christus ausgeht. Seine Kraft ist es, die wirksam wird im Bemühen der Ihm gehörenden Seele. Und seine Gnade ist es, die ihrem Wollen die Kraft gibt, in Herzensreinheit und Unschuld zu leben. In ihr findet der einzelne das Jesuskind und geht wirklich den Weg der geistigen Kindheit:
«Glückselig jene, die ein reines Herz besitzen, denn in ihnen wohnt der kleine Jesus!» rief sie aus. «Jesus will meiner Schwester diese Gnade erweisen... Darum möge sie nichts mehr betrüben. Sie soll sich in die Liebe des Herzens des kleinen Jesus verlieren.» Unschuld und Reinheit bedeutet ja nichts anderes als «im Herzen einzig die Liebe zum kleinen Jesus zu tragen».
Dies ist die Grundhaltung, um den Weg der geistigen Kindheit einzuschlagen. Er verwirklicht sich in der Demut, im Gehorsam, in der Geduld und Abtötung, in der Liebe zu Gott und zum Nächsten und in der vertrauensvollen Hingabe an das göttliche Kind, um sich so immer mehr von Ihm ergreifen und durchdringen zu lassen.
«Wir sind alle unnütze Knechte», pflegte sie zu sagen. «Wenn das hl. Kind nicht alle unsere Handlungen mit seinem göttlichen Blick begleiten und ihnen seine Hilfe hinzufügen würde, wären sie Gottes unwürdig. Ohne seine Gnade würde ich in eine jede Sünde fallen. Darum muß ich unentwegt um sie bitten und ohne Aufhören für den mir erteilten Schutz danken.» Ihr ganzes kurzes Leben lang flehte sie so mit aller Inbrunst zu Gott um wahre Herzensdemut. Sie wußte, daß sich «Satan in stolzen Seelen eine Festung erbaut... Oh, mein Herr, mach mich deshalb würdig, die Verdemütigung zu ertragen! Oh, heiliges Kind, überhäufe Dein Geschöpf mit Schmähungen... und erlaube mir, Dir in der Verachtung zu folgen.»
Nicht weniger als die Demut suchte Margarete
beim Jesulein den Gehorsam zu erlernen.
«Ich finde den Sohn Gottes nur im Gehorsam»,
stellte sie eines Tages fest. «Es ist das göttliche
Kind, das uns im Gehorsam unterweist, dieser
göttliche Meister, der uns mit seinem Schweigen
lehrt, keine Einwendungen zu erheben und einfach
und klein wie Er zu sein. Nur in dieser Haltung
leben wir im vollständigen Gehorsam.»
Wenn sich Schmerz und Leid auftürmen oder Niedergeschlagenheit das Innere bedrückt, dann - sagt uns die kleine Karmelitin von Beaune - hat man nur «unmittelbar sein Herz dem kleinen Jesuskind zu öffnen, damit Es (komme und) dieses mit göttlicher Kraft und mit seiner Gegenwart erfülle. Wenn das hl. Kind dort zuerst eintritt, zieht der Schmerz vorüber, ohne irgendwelche schädlichen Wirkungen auszuüben. Wenn aber zuerst der Schmerz seinen Einzug hält, dann ist es schwer, ihn wieder fortzuweisen». Im übrigen «genügt es, daß man sich nicht mit dem eigenen Elend abgibt. Was ich leide ist wenig... Ja, alles ist süß, wenn man dem kleinen Jesus begegnet. Er läßt mich mit Geduld leiden und zwar alles das, wozu ich ohne seine Liebe niemals fähig wäre!»
Diese Überzeugung trieb Margarete ständig neu
an, zu vertrauensvoller Hingabe an das
göttliche Kind aufzufordern. Alle sollten an
seine Güte und Liebe glauben und sich seiner
Barmherzigkeit überlassen. «Der kleine Jesus
will, daß Sie zu Ihm wie zu Ihrem Vater, und
zwar zu Ihrem wahren Vater gehen», schrieb
sie einer Mitschwester auf einen Zettel. Als
sie einmal mit einem Ordensmann sprach, gestand
ihr dieser, daß er sich schäme, sich beim Gebet
an die Heiligen zu wenden, weil er sich so vieler
Sünden bewußt sei. Margarete wußte aber einen
unfehlbaren Rat: «Oh, das Jesuskind, das ja
Gott ist, nimmt alle gut auf», sagte sie ihm
lächelnd und forderte ihn auf, all sein Vertrauen
in das göttliche Kind zu setzen. Wo sich aber
eine Seele durch eigene Schuld und Untreue dem
Vertrauen verschloß, zögerte sie keinen Augenblick,
ernsthaft zu ermahnen: «Sie machen es wie jemand,
der die Sonnenstrahlen vom Fenster aus genießen
will und der, wenn sie sichtbar werden, vor
ihnen das Fenster schließt und ihnen den Eintritt
verwehrt.»
Jeder Gedanke, jede Ermahnung und Aufforderung
in der «kleinen Lehre» der ehrw. Margarete
von Beaune wird so von einer reinen, unbefangenen
und vertrauensvollen Liebe getragen, die dem
Jesuskind entgegeneilen und sich Ihm in froher,
selbstvergessener Zuversicht schenken will,
hoffend und betend, daß Es sich der Seele auf
unlösbare Weise bemächtige und ihr das eigene,
erdgebundene Leben nehme, um es ganz mit seiner
göttlichen Liebe zu erfüllen. Ist sie nicht
selbst diesen Weg gegangen und ist nicht alles,
was sie geschrieben und gelehrt hat, ein Echo
ureigenster Erfahrung? Man braucht nur an die
Gnade zu denken, die ihr am Tag ihrer Gelübdeablegung,
dem 15. Juni 1634, zuteil wurde. Es war der
Tag ihrer mystischen Vermählung mit dem göttlichen
Kind. Christus, «das menschgewordene Wort»,
heißt es in den «Memorialen» von Beaune, «ging
mit ihr noch einen engeren Bund ein (als den
der Ordensprofeß). Er teilte ihr seinen Geist
der Kindheit und des Kleinseins mit und
schenkte ihr -im rein geistigen Erfassen - glühende
Beweise seiner Zärtlichkeit, wie einer Braut,
die Er unendlich liebte. Zum sicheren Unterpfand
seiner göttlichen Liebe steckte Er ihr den
goldenen Ring seiner himmlischen Vermählung
an den Finger und schmückte ihr Haupt mit
der Krone des Lebens, die nichts anderes
als Er selbst ist, und versichert sie, Er würde
in Zeit und Ewigkeit ihr Ruhm sein. Dann bekleidete
Er sie mit einem lichten Gewand, nämlich der
Teilnahme an der Herrlichkeit der Heiligen und
strahlte sein eigenes Leben in ihre Seele.
«Empfange dieses Gewand wie eine Festung der
Reinheit, sagte Er ihr, Du wirst Macht haben
über Seelen, die mit dem entgegen gesetzten Laster
befleckt sind, und die Erde wird eines Tages
die Kraft des Lichtes und der Reinheit, die
ich Dir gegeben habe, erkennen.»
Engel und Heilige
stimmten darauf eine köstliche Musik an und
dankten in einer mit Liebe vereinten Freude
dem Geliebten für die Beweise der Auserwählung,
mit denen Er seine keusche
Braut überschüttete.»
Seit diesem Tag war das Mysterium (Geheimnis) des kindgewordenen Gottes der alleinige Inhalt ihres täglichen Lebens geworden. «Warum sprechen Sie immer vom Jesuskind?», erkundigte sich anläßlich einer Visitation P. de Bonnefoy. «Weil Er (Christus) mich unentwegt an dieses Mysterium denken läßt.» Nach einigen anderen Fragen versprach ihr P. de Bonnefoy, am folgenden Morgen die Messe von der Geburt des Herrn für sie zu lesen und fragte sie, mit welcher Intention er das hl. Opfer begleiten solle. Nach einigem Zögern gab sie ihm zur Antwort: «Da Sie es wünschen, Pater, daß ich Ihnen meine Intention sage, so bitten Sie für mich das hl. Kind, daß ich jeden Augenblick meines Lebens seine Geburt anbete.»
Jeden Augenblick das Mysterium der Geburt des
Herrn anbeten! Ohne Zweifel bildet dieses
hohe Ziel das Zentrum der Spiritualität der
ehrwürdige Karmelitin. Von hier aus ist ihre
Vorstellung der Kindheitsnachahmung zu verstehen.
Von hier aus auch ihre wiederholte Aufforderung,
sich innerlich für die Geburt des Herrn zu bereiten.
Große Einfachheit, Unschuld, Trennung von allem
Irdischen, in sich ein heiliges Leersein schaffen
und vor allem «immer das Jesuskind anschauen
und alle Handlungen den seinen angleichen»,
das ist die notwendige Disposition für die Gottesgeburt
im Herzen und für das Leben in der geistigen
Kindheit. Dann wird schon diese Erde «zum Garten
des Jesuskindes», wie sie einmal sagte.
Mit ihren wegweisenden Worten will sie die Überzeugung erwecken, daß das innere Leben seine Kraft und seine Wurzeln im Inkarnationsgeheimnis und in der Gottesgeburt im Herzen hat. Ähnlich wie die Erlösung der Menschheit bei dem armen und schwachen Jesuskind in der Krippe von Bethlehem ihren Anfang nahm, so beginnt durch die Gottesgeburt im Herzen eine Art «zweite Erlösung», nämlich die Befreiung vom «alten Menschen», von der Anhänglichkeit an die Geschöpfe und der ungeordneten Sorge für das Irdische, und damit ein neues Leben in heiliger Einfachheit, Demut und Unschuld, in Gottverbundenheit und Gottinnigkeit.
Margarete hatte in diesem Sinn gelehrt, daß das Gebot des Herrn: ,Seid vollkommen wie euer Vater im Himmel' sich nicht besser als durch die Nachahmung der Kindheitstugenden verwirklichen kann. «Die Vollkommenheit unseres himmlischen Vaters können wir nicht nachahmen», betonte Margarete mehr als einmal. «Aber wir vermögen das Jesuskind in der Krippe zu betrachten, das sein wahres Abbild ist. Es hat alle seine Vollkommenheiten. Es ist genau so groß, weise und mächtig wie Er. Wir sehen seine heilige und gotterfüllte Menschheit, in der alle Schätze seiner Gottheit ruhen. Doch obwohl der kleine Körper des Jesuskindes alle Vollkommenheiten sein eigen nennt, ist er schwach und untertan. Er läßt alles mit sich geschehen, was man will; er wehrt nichts ab und trägt alle Bedürfnisse seiner Kindheit, ohne ein Wort zu sagen. Jetzt, wo Jesus so klein und uns ähnlich ist, wird es uns leicht sein, Ihn nachzuahmen.»
Die kleine Karmelitin von Beaune hat auf diese Weise in ihrem Leben das evangelische Wort von der Vollkommenheit verwirklicht. Bis zur letzten Stunde hat sie das Jesuskind in der Krippe nachgeahmt. Aber sie sah immer mehr ihre Aufgabe darin, ihre Umwelt in den Kreis des vom göttlichen Kind ausstrahlenden Lichtes einzubeziehen. Geistige Kindheit hatte sie auf den Weg zur Angleichung an den menschgewordenen Gottessohn geführt. Er hatte sie gerufen, sich mit ihr vermählt und sie durch Gnaden und Visionen für dieses Leben in Ihm, in seinem Mysterium, vorbereitet. «Mihi vivere Christus est... in mir lebt wahrhaftig das göttliche Kind», konnte sie seit dem Tag ihrer Ordensprofeß ausrufen. Doch das Jesuskind hatte sie zugleich mit der Sendung betraut, andere Seelen zu einer ähnlichen Transformation in Christus und zu einem Leben im Kindheitsmysterium anzuleiten. Ihre Sendung begann bereits zu ihren Lebzeiten. Sie ist der eigentliche und wertvollste Inhalt dieser wunderbaren Karmelexistenz gewesen, und sie weitet sich bis auf unsere Zeit aus.
Margarete erlebte bereits die Freude, in ihrem Karmel von Beaune dem Jesulein ein zweites Bethlehem bereitet zu sehen. Nach Beendigung einiger Restaurationsarbeiten des Dormitoriums hatten die Nonnen den Wunsch geäußert, es dem göttlichen Kind zu weihen. Jede Schwester hatte ihre Zelle auf das sorgsamste vorbereitet, damit das göttliche Kind dort einziehe. Als nun am Weihnachtstag eine feierliche Prozession zur Einweihung gehalten wurde, sah Margarete, wie das Jesulein in eine jede Zelle trat und sie mit seiner kleinen Hand segnete, während die Schwestern das Magnifikat und die Weihnachtsantiphon: Heute ist Christus geboren, sangen. Und ganz leise vernahm die Seherin die wundersamen Worte:
| «Seit meiner Krippe in Bethlehem habe ich mich an keinem Ort meiner Kindheit so lange aufgehalten wie hier. Ich habe das Geschenk entgegengenommen, das mir alle von ihren Zellen gemacht haben und ich werde mit ihnen hier wohnen und aus ihnen mein Bethlehem machen, das meinem Vater und mir lieb ist.» |
Mehr als dreihundert Jahre sind seither vorüber gezogen. Margaretes geistliche Lehre und vor allem die Statue des Jesulein sind aber in Beaune lebendig und gegenwärtig geblieben. Nicht nur in den Zellen des Karmels hat das Jesuskind Einzug gehalten, sondern in viele Herzen, die der Botschaft seiner kleinen Braut offen standen. Ihr verborgenes Leben ist mit dem Beauner Jesulein in die Geschichte des Karmels eingegangen und weist auf das große, geistige Ziel des Ordens: Klein werden wie jenes Kind in Bethlehem, um im Geist des Kindseins den hohen Gipfel des Berges Karmel zu ersteigen.
Kurz nachdem Margarete vom hlst. Sakrament ihre «Familie du Saint Enfant Jesus» gegründet hatte, erhielt sie vom göttlichen Kind selbst eine Unterweisung, auf welche Art Es am besten in seiner Geburt und in den ersten zwölf Jahren seines Lebens geehrt werden könne. Das Jesuskind bedeutete ihr, man soll den 25. Tag eines jeden Monats zum Gedächtnis seiner Geburt und die Feste seiner hlst. Kindheit von den übrigen Tagen des Jahres durch eigene Andachten unterscheiden. Außerdem wünschte Es sich, daß alle den kleinen Rosenkranz zu seiner Ehre beteten. Aber noch wichtiger war es Ihm, daß sich alle Mitglieder sein verborgenes und demütiges Leben in Nazareth zum Vorbild nähmen.
Die «Familie des Kindes Jesu» fand in Beaune
begeisterte Aufnahme und zählte bald
in der ganzen Provinz eine stattliche Reihe
von Mitgliedern. Sogar am Hof Ludwig XIV. wurde
sie heimisch: seine Mutter Anna von Österreich
gehörte zu ihren treuesten Anhängern. Ihr ist
es zu verdanken, daß die Karmelitinnen von Beaune
die Erlaubnis erhielten, den 25. Tag eines jeden
Monats in ihrer Kapelle feierlich zu begehen.
Um Mitglied zu werden, brauchte man nur seinen
Namen und seine Adresse im Karmel von Beaune
anzugeben. Zahlreiche Ex-Votos in Gold und Silber,
die leider in der Revolution verloren gingen,
und kostbare Stickarbeiten zeugen von der Dankbarkeit
vieler Menschen, über die das Jesulein seine
gütige Hand ausgestreckt hatte.
Im Jahr1661, als die «Familie des Jesuskindes»
durch Papst Alexander VII. ein kanonisch errichteter
Verein wurde, der mit Ablässen versehen war,
verließ der kleine «König der Gnade» zum erstenmal
die Verborgenheit der Klausur. Doch seine öffentliche
Verehrung sollte kaum mehr als ein Jahrhundert
dauern. Die Revolution machte allem ein plötzliches
Ende. Zum Glück gelang es, die Statue bei
Verwandten der damaligen Priorin zu verbergen.
Doch die
«Familie des Kindes Jesu» lebte nur mehr in
der Erinnerung der wenigen überlebenden Karmelitinnen
und einiger treuer Mitglieder fort. Erst als
sich in Frankreich alle Sturmwolken verzogen
hatten, kehrte das Jesulein in den Karmel zurück
und wurde in einem Oratorium im Kreuzgang aufgestellt.
Manchmal geschah es auch, daß Es vorübergehend
den Außenschwestern anvertraut wurde, wenn Besucher
aus Stadt und Umgebung kamen, die Es sehen wollten.
1821 konnte auch die «Familie vom Kinde Jesu»
als Bruderschaft neu errichtet und 1855 von
Pius IX. zur Erzbruderschaft erhoben werden.
Aber die Statue blieb trotz allem noch vielen,
selbst den Stadtbewohnern unbekannt und entbehrte
des ihr schuldigen Kultes. Es fehlte an einem
Apostel, der die Andacht zum Beauner Kind verbreitet
hätte.
So verging fast ein halbes Jahrhundert, bis die göttliche Vorsehung Abbé Chocarne, den Pfarrer von Saint-Nicolas in Beaune, zu dieser Aufgabe erwählte. Abbé Chocarne hatte 1873 eine Pilgerfahrt nach Lourdes unternommen. Als er dort im Halbdunkel der Grotte in andächtiges Gebet versunken kniete, näherte sich ihm ein unbekannter junger Mann, zeigte ihm ein Bildchen des Beauner Jesulein und sprach in heiliger Begeisterung von den vielen Gnaden, die auf Anrufung dieses Jesuskindes geschehen waren. Abbé Chocarne mußte zu seiner Schande gestehen, von all dem nichts zu wissen. Bei seiner Rückkehr nach Beaune galt sein erster Besuch der Priorin des Karmels. Er fand weitestgehende Bestätigung des bereits Gehörten. Gleichzeitig fühlte er aber in sich einen geheimnisvollen Ruf zu einem neuen Apostolat. Er wollte sich mit seinem ganzen priesterlichen Eifer für die Erneuerung der Andacht zum Jesuskind von Beaune einsetzen.
Seine Bemühungen erweckten zunächst in seinen Pfarrkindern einen Strom der Begeisterung. Bald aber sprach die ganze Stadt von ihrem neu entdeckten «König der Gnade». Alle wollten Ihn lieben und verehren. Als das Weihnachtsfest herankam, bedeckte ein Blumenregen den Boden der Kapelle, wo ein kleiner Altar aufgestellt worden war, auf dem das göttliche Kind am 28. Dezember, Tag der Unschuldigen Kinder, der «kleinen Brüder», wie sie Margarete zu nennen liebte, bei der feierlichen Prozession thronen sollte. Die ganze Stadt kam zusammen. Aus Dijon war Bischof Rivet gekommen, um mit eigenen Händen die Statue von der Klausurpforte in die Kapelle zu tragen. Bis zum Fest Maria Lichtmeß sollte von nun an das Jesulein allen Hilfesuchenden, Kranken, Leidenden und Betrübten zugänglich sein, umsie mit seinem himmlischen Trost zu stärken. Seine Überführung in die Kapelle glich einem Triumphzug. Mgr. Rivet beschloß diesen unvergänglichen Tag mit dem bischöflichen Segen und stellte Stadt und Land unter den Schutz des kleinen Königs.
Noch heute ist es Brauch, das Jesulein von Beaune
mit dem von Margarete verfaßten
Rosenkränzlein zu grüßen. Wie sehr Ihm einst
dieses fromme Gebet wohlgefällig war, geht aus
einer alten Chronik des Karmels von Dieppe hervor.
Man hatte der Priorin, M. Franziska von der
Muttergottes, aus Beaune ein Rosenkränzlein
geschickt. Als sie es zum erstenmal zu Ehren
des göttlichen Kindes betete, erblickte sie
das Jesulein in unvergleichlicher Schönheit.
Es gab ihr zu verstehen, wie sehr Es dieses
Gebet erfreue. Gleichzeitig versprach Es ihr,
sie an den Tugenden seiner hl. Kindheit teilnehmen
zu lassen und versicherte sie, daß diese Andacht
einen unvergleichlichen Vorteil für das Heil
der Seelen bedeute.
Vielleicht war es diese Erscheinung, die M.
Franziska anregte, sich in Beaune eine Wachsstatue
des kleinen Königs zu erbitten. Sie ließ Ihm
eine Einsiedelei erbauen, die festlich geschmückt
auf seine Ankunft wartete. Als nun die Schwestern
die Statue in feierlicher Prozession dorthin
trugen und die Litanei vom Kinde Jesu sangen,
erschien das Jesuskind M. Franziska und zeigte
sich äußerst zufrieden über die Ihm erwiesene
Ehre. M. Franziska bat Es, der Kommunität seinen
Segen zu erteilen, und das hl. Kind,
das eine unwahrscheinliche Ähnlichkeit mit der
Wachsstatue aus Beaune aufwies, erhob sein
Händchen und zeichnete ein großes Kreuz über
die vor Ihm knienden Schwestern.
Die Verehrung des Jesulein von Beaune hat sich
in ihrer äußeren Form genau so erhalten,
wie sie von Margarete von Beaune eingeführt
worden war. Sicher entstand sie in einer Zeit,
die weniger von dem Bedürfnis beseelt war, mit
dem zarten Kind, das hilflos, auf menschliche
und mütterliche Sorge angewiesen in den beschützenden
Armen der Mutter schlummert, in liebende Beziehungen
zu treten, sondern vielmehr dem Verlangen lebte,
Gottes Majestät, die sich um des Menschen willen
erniedrigt hat, mit tiefer Ehrfurcht anzubeten.
Im 17. Jh. bestimmte die Frömmigkeit weniger
das Gefühl als die Ehrfurcht vor dem Göttlichen
und unsagbar Großen, das sich vor allem im Geheimnis
der Menschwerdung enthüllt. Aus diesem Geist
ist es auch zu verstehen, daß die Verehrung
des Kindes in der Krippe zur Verehrung
des leidenden Christus am Kreuz führt. Von der
Inkarnation zur Erlösung, von der Kindheit zum
Kreuz. «Wer das Jesuskind wirklich verehrt,
in Ihm den Erlöser der Welt anbetet, kann ja
nicht anders als Ihn auch in seiner Passion
zu verehren. Die großen Verehrer seiner hl.
Kindheit sind uns in dieser Hinsicht leuchtende
Vorbilder. Und zudem, das Jesuskind verehren,
ohne seines Leidens - vom ersten Augenblick
seiner Empfängnis bis zum letzten Seufzer am
Kreuz - zu gedenken, ist ausgeschlossen.»
Dieser Gedanke, der im übrigen auch im Werk des Kard. Berulle seinen festen Platz einnimmt, bricht immer wieder in der kleinen Lehre der ehrw. Margarete vom hlst. Sakrament hervor und ist grundlegend für die Andacht zum Jesulein von Beaune.
Wenn man aber annehmen wollte, daß im französischen Karmel des 17. Jahrhunderts einzig die Andacht zum Jesulein von Beaune existiert habe, so wäre das eine Überschätzung ihrer Ausbreitung. Unabhängig von ihr gab es Karmeliten und Karmelitinnen, die in ihrem inneren Leben tief berührt worden waren vom Geheimnis der Menschwerdung. Es genügt hier auf Franziska von Bona, Karmelitin in Avignon, oder Katharina von Jesus aus dem ersten franz. Karmel in Paris, hinzuweisen. Schon als kleines Mädchen war Franziska das Jesuskind, nicht größer als ein fünfjähriges Knäblein erschienen und hatte ihr wundersam erklärt, mit welcher Ehrfurcht und inneren Teilnahme sie dem hl. Meßopfer folgen solle. Auch lehrte Es sie, welche Gebete sie dabei zu sprechen habe.
Viele Jahre später geschah es an einem Weihnachtsmorgen,
als sie dem neugeborenen
Kindlein ihr Herz zur Wiege angeboten hatte,
daß sie nach der hl. Kommunion vor den Augen
der Nonnen die Ekstase erlitt und ihr Geist
in eine wunderbare Erkenntnis des menschgewordenen
Wortes getaucht wurde. Im Geistesflug «befand
sie sich in einem kleinen Stall, wo sie die
hl. Jungfrau in Anbetung ihres göttlichen Kindleins
schaute. Sie sah, wie sie Es auf ihre Arme nahm
und Es in Gegenwart vieler Engel, die das tiefe
Mysterium und den Beweis der Güte Gottes bewunderten,
in Windeln wickelte. Das Licht, das leuchtender
als die Sonne vom Antlitz Jesu strahlte, erhellte
den Stall und ergoß sich in einem solchen Übermaß
auf die hl. Jungfrau, daß diese in seinem Glanz
weißer als der Schnee erschien. Auch das Gesicht
des hl. Josef, der das Kind anbetete, wurde
ganz licht. Alles vollzog sich im tiefen Schweigen.
Aber dennoch war alles, bis zur kleinsten Einzelheit,
sprechender als jeder menschliche Ausdruck.
Schwester Franziska erkannte, daß dieses Geschehen,
wie tief auch immer die Erniedrigung Gottes
war, der Größe Gottes würdig sei...
Das Herz der Dienerin Gottes war von so überströmendem Trost und von Freude erfüllt, daß es ihr vorkam, das Glück des Himmels könne nicht größer sein. Sie machte zahlreiche Akte der Anbetung, des Lobs und der Dankbarkeit und rief aus: «Oh mein göttlicher Erlöser, Du bist sowohl in der Zeit wie in der Ewigkeit, als Kind wie in Deiner göttlichen Majestät anbetungswürdig. Du wolltest in einem Stall geboren werden, um mich von dem Stand zu befreien, in den mich die Sünde geführt hat. Ich habe Grund genug, mich in Deiner Gegenwart zu verdemütigen und mein Elend in dem Stand zu erkennen, den du aus Liebe zu mir angenommen hast. Ich verberge mich, mein Erlöser, in mein Nichts. Schenke mir die Gnade, aus Deiner hl. Geburt einen Vorteil zu ziehen.»
Eine Woche lang konnte sie gnadenhaft das in
der Vision Erkannte im Geist schauen
und ihm in innerer Sammlung leben.
Im Vergleich zu der schlichten Andacht zum göttlichen Kind, wie wir sie bei Margarete von Beaune gesehen haben, weist Form und Inhalt der Erfahrung des Geheimnisses der Menschwerdung bei Franziska von Bona allerdings nicht geringe Unterschiede auf. Aber gerade diese helfen uns, sowohl das Einmalige und wenig Berührte der christozentrischen Frömmigkeit der kleinen Karmelitin von Beaune wie die Form der auf sie zurückgehenden Andacht zum Beauner Jesulein in seiner ganzen Schönheit zu werten. Obwohl diese nicht aus der spanischen Tradition erwachsen ist, darf sie dennoch als eine typisch karmelitische Andacht bezeichnet werden, die in ihrer Eigenart von der Weite der karmelitischen Spiritualität zeugt, die zur Erreichung des gleichen Ziels und in der äußeren Form seiner Verwirklichung verschiedene Wege kennt, die aber keineswegs ihr harmonisches Ganze stören oder ihm auch nur eine falschklingende Note aufdrücken könnten.
Zu einem ähnlichen Ergebnis führt ein Vergleich mit Sr. Katharina von Jesus, eine «authentische Mystikerin», wie sie die Geschichte des ersten Pariser Karmels nennt, deren Leben von einer großen Liebe zum göttlichen Kind durchglüht war. Katharina de Nicolas wurde 1589 in Bordeaux geboren und hatte im Pariser Karmel Saint-Jacques 1608 das Ordenskleid empfangen. Nur 33 Jahre alt starb sie 1623 im Karmel in der Rue Chapon im Ruf der Heiligkeit.
M. Magdalena, die ihr Leben beschrieben hat, berichtet, daß sie keinen 25. März vorübergehen ließ, ohne bis nach Mitternacht wach zu bleiben, um das göttliche Wort anzubeten, das im Herzen der Nacht in Mariens Schoß Fleisch angenommen hatte. Während ihrer Adventsexerzitien pflegte die junge Karmelitin täglich neun Stunden im inneren Gebet zu verbringen, um dadurch die neun Monate zu verehren, die das Jesuskind in Maria verborgen gelebt hatte. Jede Stunde warf sie sich einmal tief zu Boden und sprach andächtig die Worte: Et Verbum caro factum est - Und das Wort ist Fleisch geworden -, wobei sie sich mit der Anbetung der neun Engelchöre vereinen wollte."
In einem Brief an Kard de Berulle, der ihr geistlicher
Führer war, gesteht sie: «Seit einiger
Zeit scheint es mir, ein Zeichen von Jesus Christus
empfangen zu haben: seine hl. Kindheit, die
sich in mir wie das Siegel eingeprägt hat, das
man auf das Wachs drückt. Genau so weilt das
Bild der Kindheit Jesu in mir.» M. Magdalena
erklärt dazu, daß es «sich um ein besonderes
Wirken Gottes in ihrer Seele handelte», dessen
Ursprung das Kind Jesu war, und daß der Herr
«ihr im Geheimnis seiner heiligsten Kindheit
angehören wollte». Sr Katharina hatte sich ihr
am 27. Juni 1615 geweiht und den Vorsatz gemacht,
ihr nach seinem heiligen Willen zu dienen. Ihr
Entschluß wurde am gleichen Tag durch eine außergewöhnliche
Gnade belohnt.
Voller Bewunderung stand sie vor «der Selbsterniedrigung, vor der Allmacht Gottes, die im Kind unmächtig geworden zu sein schien». Hatte sie nicht in die Hingabe der göttlichen Freiheit auch ihre eigene Freiheit einbeziehen wollen? Sie verlangte, sich ganz tief vor «der unvergleichlichen Selbsterniedrigung Jesu in seiner Kindheit zu neigen». Sie bat deshalb den «kleinen Jesus», in ihrem Herzen eine jede Neigung des Eigenwillens zu vernichten und sie durch seinen göttlichen Willen zu ersetzen, um sie auf diese Weise zu Ihm, «dem Zentrum unseres Seins und dem Leben unseres Lebens zu erheben». Ich möchte meine Gedanken dem Jesuskind schenken und Es statt deren um die Seinen bitten, und ich möchte die Weisheit und alle göttlichen Vollkommenheiten anbeten, die in dieser hl. Kindheit verborgen sind.»
Endlich forderte Katharina in einem Brief eine ungenannt gebliebene Person auf, «der heiligsten Kindheit (Jesu) besondere Ehre zu erweisen und zu wünschen, von ihr jene inneren Fähigkeiten zu empfangen, die vor Gefahren bewahren, und um durch die Entbehrungen, die das hl. Kind ertragen hat, oder besser durch die Liebe, mit der Es sich diese auflud, die Gnade zu erhalten, an ihnen teilzunehmen... und keinen anderen Geschmack zu finden, als die Erkenntnis göttlicher Dinge.»
Es ist nicht schwer, aus diesen Anforderungen und Gedanken zur Verehrung des göttlichen Kindes ein Echo der Belehrung Berulles oder M. Magdalenas vom hl. Joseph herauszuhören. Wenn ein Vergleich mit der ehrw. Margareta von Beaune auch zu manchen Ähnlichkeiten führen könnte, so bleibt doch der Tenor beider Karmelitinnen ein völlig anderer. Das gilt auch dann, wenn Katharina oder M. Magdalena zu ganz schlichten Frömmigkeitsübungen auffordern, wie «die Füßlein, den kleinen Mund, die Augen oder die zarten Glieder des Jesuskindes zu verehren und sich mit den Engeln, den Hirten oder sogar den Sündern zu vereinen, um mit ihnen zum Kripplein zu eilen und das neugeborene Kind anzubeten.
Margareta ist in ihrer Andacht viel ungezwungener,
lebenswärmer und inniger. Dazu kommt, daß im
Karmel zu Beaune das Jesuskind selbst in seinem
wunderwirkenden Bild zur Liebe und Verehrung
aufforderte, während im Pariser Karmel unter
dem Einfluß Berulles oft ein mehr theologisches
Eindringen in das Inkarnationsgeheimnis vorherrschte."
Schon aus diesem Grund kann man auf keinen Fall
von einer Abhängigkeit der Verehrung des Beauner
Jesulein vom Pariser Karmel mit seiner «berulleschen
Spiritualität» sprechen, wenn sich auch die
«kleine Lehre» Margaretens organisch in die
geistigen Strömungen des franz. 17. Jahrhunderts
einreiht.
Nur zwei Jahre nach der Geburt der hl. Theresia von Avila hatte Martin Luther in Wittenberg vollständig mit Papst und Kirche gebrochen. Mit reißender Gewalt, einem Wildbach zu vergleichen, wälzte sich die neue Lehre über Deutschland und verbreitete sich in raschem Lauf über Schweden, Dänemark, Norwegen, die Niederlande und einen großen Teil der Schweiz. Auch in den österreichischen Staaten, in Ungarn und in Frankreich hielt sie Einzug, während England durch den Ehebrecher Heinrich VIII. von der Kirche losgerissen wurde. Selbst Schottland fiel vom wahren Glauben ab.
Hunderttausende, ja Millionen von Menschen wurden der Kirche entzogen. Ein furchtbarer Krieg, in dem die Söhne desselben Volkes sich mit Feuer und Schwert bekämpften, sollte beginnen. Unzählige Opfer wurden gefoltert, andere dem Elend preisgegeben. Kirchen, Burgen, Klöster, Dörfer und Städte wurden eingeäschert, Altäre gestürzt, Bilder und Statuen geschändet oder vernichtet, liturgische Bücher und Gewänder zerrissen oder verbrannt. Unbeschreibliches wurde an Heiligtümern verübt. Man entwendete die Ziborien aus den Tabernakeln, streute die hl. Hostien auf den Boden, um sie mit Füßen zu treten und entehrte die hl. Gefäße durch Verwendung zu profanen Zwecken. Messe und Sakramente wurden abgeschafft, die Verehrung der Muttergottes und der Heiligen untersagt. Selbst Toten in den Gräbern gönnte man keine Ruhe und schändete ihre Leiber. Alle Ehrfurcht vor den hl. Gebeinen der von der Kirche verehrten Toten war verschwunden...
Dazu kam, daß protestantische Fürsten zu
Verrätern an Kaiser und Reich geworden waren.
Sie hatten die Feinde ins Land gerufen, die
in Deutschland und in seinen Nachbarländern
wie die Vandalen hausten. Ruinen verbrannter
Dörfer und Städte, verwüstete Felder und
geplünderte Vorräte zeugten vom Durchzug der
feindlichen Soldaten, die die unglücklichen
Bewohner in einem Übermaß von Elend und Hunger
zurückließen. Pest und eine entsetzliche sittliche
Verwilderung zerstörten das, was noch übrig geblieben
war.
Besonders hart wurde die Hauptstadt Böhmens von den Glaubenskämpfen heimgesucht. Der kalvinistische Kurfürst Friedrich von der Pfalz hatte sich zum König von Böhmen krönen lassen und Kaiser Ferdinand II., der von den protestantischen Fürsten Deutschlands, Schwedens und Frankreichs schwer bedrängt wurde, schwebte in Gefahr, alle Länder zu verlieren, die bereits der Irrlehre anheim gefallen waren. In dieser äußerst schwierigen Lage bat der Kaiser, der mehr auf Gott als auf das Glück der Waffen vertraute, Papst Paul V., er möge ihm den ehrwürdigen Pater Dominikus von Jesus Maria, den dritten Ordensgeneral der Unbeschuhten Karmeliten, von Rom nach Deutschland senden, damit er durch sein Gebet dem katholischen Heer zum Sieg verhelfe.
Paul V. zögerte keinen Augenblick, den ehrw.
Diener Gottes als päpstlichen Legaten «a
latere» zum Kaiser zu schicken. Er wurde wie
ein Gottgesandter in Deutschland und in Österreich
empfangen. Kurz vor dem Auszug der Truppen versäumte
er es nicht, den Herzog Maximilian von Bayern,
Tilly und die übrigen Heerführer mit dem hl.
Skapulier des Karmels zu bekleiden und Tausende
von kleinen Skapulieren an die Soldaten zu verteilen.
Schon am 20. Juli 1620 sagte er den Sieg der
katholischen Truppen über die Andersgläubigen
voraus. Als die Kaiserlichen sich in der Nähe
von Prag befanden, besichtigte er das stark
verwüstete Schloß Strakonitz und fand im unteren
Geschoß einige fromme Bilder, die mit Schmutz
und Kot bedeckt waren. Als er sich anschickte,
eines von ihnen zu reinigen, fand er zu seiner
größten Freude ein liebliches Bild der seligsten
Jungfrau, die vor dem Jesuskindlein kniete.
Ihr zur Seite stand der hl. Josef und im Hintergrund
sah man einige Hirten. Doch nicht weniger groß
war sein Schmerz, als er feststellen mußte,
daß allen Personen, mit Ausnahme des Jesuskindes,
die Augen ausgestochen waren. Dominikus wurde
geoffenbart, daß diese Schandtat durch die Hand
eines wütenden Kalvinisten geschehen war. Inständig
bat er den allmächtigen Gott, Er möge doch die
Feinde seiner heiligsten Mutter zu Schanden
machen und bewirken, daß die Verehrung Mariens
durch dieses Bild sich neu ausbreite und erhöht
werde. Seinerseits machte er das Gelübde, alles
zu tun, um die Freveltat zu sühnen.
Kaum hatte er das Versprechen abgelegt, als er von Gott prophetisch erleuchtet wurde und die Zusicherung des Siegs erhielt. Und in seinem Herzen verstand er, daß durch die Fürsprache der Gottesmutter dieses Bildes viele Wunder und Gnadenzeichen geschehen sollten. Es ist das Bild «Maria vom Siege», das später in Rom hoch verehrt wurde. Während der Schlacht am Weißen Berg hatte es Dominikus sichtbar an seiner Brust befestigt. In der Hand hielt er das Kruzifix und feuerte im Namen Mariens unentwegt die Kaiserlichen zur Standhaftigkeit an, so daß diese wider alles Erwarten den viel stärkeren und in günstiger Stellung verschanzten Feind in die Flucht schlugen. Der Sieg am Weißen Berg vor den Toren Prags am 8. Dez. 1620 entschied die Sache des Kaisers und rettete die böhmischen Länder dem katholischen Glauben. Ferdinand selbst schrieb die unerwartete Wendung dem persönlichen Eingreifen des ehrwürdigen Karmeliten zu und stiftete zum Dank gemeinsam mit Herzog Maximilian von Bayern das erste reformierte Karmelitenkloster auf österreichischem Boden (Wien, 1622), dem einige Jahre später die Gründung von Prag und Graz folgen sollten.
Am 22. Sept. 1624 hatten die ersten Unbeschuhten Karmeliten ihren Einzug in das von Ferdinand II. gestiftete Kloster von Prag gehalten. Es waren zunächst nur zwei aus Spanien gebürtige Patres: P. Josef vom Kreuz und P. Marzellus von der Muttergottes. Der Kaiser und der Stadtrat übergaben ihnen die ehemalige protestantische Dreifaltigkeitskirche mit den anliegenden Gebäuden, deren Namen die Karmeliten in «Unsere Liebe Frau vom Sieg» umänderten.
Die Situation war für die Neuangekommenen äußerst schwierig. Prag war zu jener Zeit zum größten Teil lutheranisch, und die Andersgläubigen, die sich unter dem «Winterkönig» Friedrich von der Pfalz gegen ihren rechtmäßigen Kaiser Ferdinand II. aufgelehnt hatten und durch die Schlacht am Weißen Berg zur Unterwerfung gezwungen worden waren, schauten mit scheelen Augen auf das neue Kloster, dessen Name «Maria vom Siege» sie nur all zu sehr an ihre Niederlage erinnerte. Dazu kam, daß die Patres, der neuen Verhältnisse unkundig, darauf beharrten, daß der Konvent ohne feste Einkünfte bleibe und ganz auf die Almosen guter Wohltäter angewiesen sein sollte. Der Vorschlag Kaiser Ferdinands, dem Konvent sichere Einkünfte zu verschaffen, wurde mit Berufung auf die Ordensvorschriften entschieden abgewiesen.
Trotz seiner Hochachtung für eine so gewissenhafte
Beobachtung der Ordensregeln konnte
sich der Kaiser nicht enthalten, ihnen zu bemerken:
«Meine Väter, das wird schwer gehen, da fast
ganz Prag vom Irrglauben angesteckt ist, und
es hier nur wenige Katholiken gibt, die Eure
Armut durch Almosen beheben können. Nehmen Sie
daher die von uns angebotenen Einkünfte an,
denn einen Ferdinand II. werden Sie nicht immer
haben».
|
P. Johannes Ludwig suchte seine Zuflucht im
Gebet, um der bitteren Armut des Klosters abzuhelfen.
Als ihm anfangs Oktober 1628 die Leitung des
Konventes übergeben worden war, kam eines
Tages Polyxena Fürstin Lobkowitz, eine große
Wohltäterin des Klosters, und schenkte ihm und
den Patres eine Statue des Jesuskindes.
Dabei sagte sie: «Mein Vater, ich übergebe Ihnen hier, was mir am teuersten ist. Verehren Sie dieses Bildnis, und es wird Ihnen an nichts mangeln». |
Alte Quellen und eine Familientradition des
Hauses Lobkowitz berichteten, daß Polyxenas
Mutter, Maria Mantiquez de Lara, geb. Fürstin
Pignatelli, dieses Gnadenbild aus Spanien
mitgebracht und es ihrer Tochter als Hochzeitsgeschenk
vermacht habe. Die Entstehung des Jesulein,
das bereits in Spanien verehrt wurde, ist an
eine reizende Legende gebunden, die wir wenigstens
in großen Zügen wiedergeben möchten.
«Zwischen Cordoba und Sevilla, südlich vom Guadalquivir, stand einmal ein berühmtes Kloster, das aber von den Mauren fast völlig zerstört wurde. Zu den wenigen Überlebenden, die sich in den Ruinen aufhielten, gehörte ein frommer Bruder, der allgemein durch seine Liebe zum Geheimnis der Kindheit Jesu bekannt war. Als er eines Tages eifrig mit dem Kehren beschäftigt war, erschien ihm ein kleines Kind von seltener Anmut und schaute ihm aufmerksam zu.
Du kannst wirklich gut kehren, Bruder Josef', sagte es ihm nach einer Weile. ,Der Boden ist blitzblank. Aber kannst Du auch ein Gegrüßt seist Du Maria beten?' ‘Ja.'
,Oh, so bet' es unverzüglich...'
Bruder Josef stellte den Besen zur Seite, sammelte sich einen Augenblick und sprach dann andächtig, mit gefalteten Händen und gesenkten Augen den Engelsgruß. Als er bei den Worten: Und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes ankam, unterbrach ihn das Kind mit den Worten: ,Das bin ich' und verschwand.
Voller Sehnsucht schaute ihm Bruder Josef nach: ,Oh, kleines Jesuskind, komm, kehr zurück, denn sonst werde ich an dem Verlangen, Dich zu sehen, sterben!' Aber Jesus kam nicht.
Es vergingen Monate und Jahre und das Sehnen des stillen Bruders wurde immer größer. Tag und Nacht dachte er an das Jesulein, das ihm so lieb zugelächelt hatte. Da vernahm er eines Tages eine feine Stimme, die ihm den Auftrag gab, eine Wachsstatue anzufertigen, die in allem der Erscheinung gleichkäme.
Unverzüglich eilte er zu seinem Prior und bat
ihn um das Notwendige zu dem so heiligen
Werk. Während nun seine Hände das weiche Wachs
formten und sein Herz von der Rückkehr des zarten
Kindes träumte, entstand ein Jesulein nach
dem anderen, und ein jedes war schöner als
das Vorhergehende, so daß er immer wieder von
neuem begann.
Und dann wurde das sehnlichst Erwartete Wirklichkeit.
Von einer Schar lieblicher Engel
umgeben trat das hl. Kind in seine Zelle
und schien ihm zu sagen: Ich bin gekommen, damit
Du mich anschaust und Deine Statue mir ganz
gleich werde. In ekstatischer Seligkeit
machte er sich an die Arbeit. Noch einmal modellierten
seine Hände das reine Bienenwachs. Dann ein
prüfender Blick... Das Werk war gelungen. Sein
Jesulein war dem himmlischen Gast zum Verwechseln
ähnlich. Zutiefst bewegt fiel er auf die Knie,
und heiße Dankestränen entströmten seinen Augen.
Dann verbarg er das Haupt in beide Hände: Die
ewige Liebe hatte ihn sanft geküßt, und dieselben
Engel, die das hl. Kind begleitet hatten, trugen
seine Seele mit sich ins Paradies.
In der gleichen Nacht erschien Bruder Josef seinem Prior, der das Jesulein in feierlicher Prozession in die Kirche überführt hatte. ,Diese Statue', sagte er ihm, ,die ich Unwürdiger angefertigt habe, ist nicht für euch bestimmt. Heute in einem Jahr wird euch Donna Isabella Manriquez de Lara besuchen, und ihr werdet sie ihr abtreten. Donna Isabella wird sie dann ihrer Tochter Maria zur Trauung schenken, und sie wird das Jesulein mit sich nach Böhmen forttragen. In der Hauptstadt jenes Reiches wird sie dann als ,Das Jesuskind von Prag' von Völkern und Nationen angerufen werden. Gnade, Frieden und Barmherzigkeit werden sich auf das Land herabsenken, das Es sich zu seiner Wohnstätte erwählt hat, und das Volk jenes Reiches wird sein Volk sein und Es wird sein König heißen.»
Was die Legende berichtet, geschah auch wirklich.
P. Johannes Ludwig bereitete dem
kleinen König einen festlichen Empfang. Er hatte
nämlich gleich bei seinem Amtsantritt, einer
inneren Anregung folgend, dem Novizenmeister
den Auftrag erteilt, eine Statue des Jesuskindes
zu besorgen und diese im Oratorium des Konventes
aufzustellen, damit vor allem die Novizen angeeifert
würden, die heiligste Kindheit Jesu zu verehren
und sich nach dem Vorbilde des menschgewordenen
Gottessohnes in den klösterlichen Tugenden zu
üben. Nun stellten die Patres das neu angekommene
Jesulein im Oratorium auf, trugen Ihm mit kindlichem
Vertrauen die große Not des Hauses vor und flehten
Es inständigst um seine Hilfe an. Sie sollte
ihnen bald zuteil werden.»
Kaiser Ferdinand, den ernste Gedanken und schwere Sorgen um das Zeitgeschehen bedrückten, hatte seine Schützlinge im Prager Karmel aus dem Aug verloren. Jetzt erinnerte er sich wieder an ihre große Not und bestimmte im Jahr 1628, daß den Patres eine monatliche Rate zum Ausbau des Klosters und eine reichliche Zufuhr von Lebensmitteln angewiesen würden. Dazu kam, daß der Weinberg des Klosters zum größten Staunen aller im Jahr 1630 neu aufblühte und nicht weniger als 140 Fäßlein besten Weines lieferte, wobei ein jedes Fäßlein 7 Eimer enthielt. Gottes Güte hatte sichtbar die Andacht zum Jesulein belohnt.
Doch die Verehrung des gnadenreichen Kindes sollte nicht lange währen. Infolge der andauernden Kriegsunruhen sahen sich die Oberen gezwungen, die Novizen, die treuesten Verehrer des Jesulein, nach München zu versetzen. Zur gleichen Zeit hielt Gustav Adolf seinen Einzug in Deutschland. Wohin er auch immer mit seinem siegreichen Heer kam, erfüllte er die Bevölkerung mit Angst und Schrecken und hinterließ rauchende Trümmer und Tausende von Leichen. Deutschland schien für die römisch-katholische Kirche verloren zu sein, denn Gustav Adolf beabsichtigte, ein protestantisches Kaiserreich zu gründen. Während er den Westen eroberte, fiel der Kurfürst von Sachsen mit seiner Armee in Böhmen ein und belagerte am 15. Nov. 1631 Prag. Am 1. Jan. 1632 drangen protestantische Prediger aus Sachsen, die sogenannten Prädikanten, in die Kirche Maria vom Sieg ein und begannen dort ihren Gottesdienst zu halten. Außer dem Subprior und einem Laienbruder waren alle Karmeliten geflohen. Sie vermochten sich nicht der einstürmenden Gewalt zu widersetzen. Die Häretiker plünderten Kirche und Kloster und kerkerten überdies die beiden tapferen Karmeliten ein. Später fand man die Statue des Jesulein mit abgeschlagenen Händchen in einem Winkel unter allerhand Schmutz und Gerümpel.
Seitdem die Andacht zum gnadenreichen Jesuskind, die so viel versprechend begonnen und sich so segensreich gezeigt hatte, fast gänzlich im Konvent aufgehört hatte, schien auch aller Segen Gottes von der Stiftung geschwunden zu sein. Die von Ferdinand II. bestimmte jährliche Unterstützung zur Vollendung des Klosterbaus wurde aufgehoben. Bitteres Elend war im Kloster eingezogen und allerlei Mißgeschick hatte seine Bewohner getroffen. Kein Prior und kein Novizenmeister waren imstande, drei Jahre lang das Amt zu verwalten, denn Beschwerden und Unannehmlichkeiten aller Art veranlaßten sie, ihre Tätigkeit niederzulegen und sich von ihrem Posten zurück zuziehen. Die Patres verlangten in andere Klöster versetzt zu werden. Aber niemand ahnte, warum Gottes Segen so augenscheinlich von ihnen gewichen war.
Im Jahr 1637 - nach siebenjähriger Abwesenheit - kam P. Cyrillus von der Muttergottes, der als Novize das Jesulein so innig verehrt hatte und so oft seine Gnadenhilfe erfahren durfte, auf Befehl der Oberen nach Prag zurück. Kaum daß er in der böhmischen Hauptstadt eingetroffen war, als auch schon wieder die Schweden anrückten und die Stadtmauern belagerten. Brennende Dörfer und Schlösser, die ihren Weg zeichneten, ließen keinen Zweifel über das, was die Bevölkerung erwartete. In dieser allgemein großen Not ermahnte der Prior des Klosters seine Untergebenen, sie möchten durch Gebet und Buße Gottes Zorn besänftigen und das drohende Unheil abwenden.
Dies war für P. Cyrillus die beste Gelegenheit, um sein heiß geliebtes Jesulein, das er nach langem Suchen endlich hinter einem Altar voll Staub und Schmutz wieder gefunden hatte, zu Ehren zu bringen. Er bat Pater Prior, das Kindlein an seinem vorigen Platz im Oratorium aufstellen zu dürfen, was ihm auch gern bewilligt wurde. Vertrauensvoll empfahlen Ihm die Ordensbrüder das Wohl des Klosters, der Stadt und des ganzen Landes. Und siehe, das hl. Kind erhörte ihr Gebet. Prag blieb vom Feinde verschont, und ins Kloster kehrten Gottes Segen und mit ihm Ruhe und Frieden zurück.
P. Cyrillus fühlte in seinem Herzen tiefe Dankbarkeit. Immer mehr wollte er sein Jesulein verehren und sich zu seinem Apostel machen. Als er eines Tages wieder in vertrauter Zwiesprache vor Ihm kniete, glaubte er aus seinem Mund die vorwurfsvollen Worte zu hören:
| «Erbarmt euch meiner und ich werde mich euer erbarmen! Gebt mir meine Händchen wieder, die mir die Ungläubigen abgeschlagen haben. Je mehr ihr mich verehrt, desto mehr werde ich euch segnen!» |
Erst jetzt bemerkte der gute Pater, daß dem hl. Kind beide Händchen abgebrochen waren. In seiner Freude hatte er ganz übersehen, daß er sein Jesulein ohne Händchen auf den Altar gestellt hatte. Unverzüglich eilte er zu seinem Prior und zeigte ihm das verstümmelte Kind. Doch als er ihm seine Bitte vortrug, dem Jesulein neue Händchen anfertigen zu lassen, erhielt er eine abweisende Antwort. Die Klosterkasse war leer, und man hatte an dringendere Ausgaben zu denken.
Tief betrübt wandte sich P. Cyrillus an Gott um Hilfe, und diese ließ nicht lange auf sich warten. Ein frommes Mitglied der Skapulierbruderschaft, ein gewisser Herr Mauskönig aus Aussig, war nach Prag gekommen und wollte bei P. Cyrillus beichten. Nachdem er sein Sündenbekenntnis beendigt hatte, sagte er: «Hochwürdiger Pater, ich bin überzeugt, daß mich der liebe Gott nach Prag geführt hat, damit ich mich hier bei meinen Mitbrüdern vom Skapulier Unserer Lieben Frau auf den Tod vorbereite und ihnen Gutes erweise. Ich bitte deshalb Euer Hochwürden, mich Gott zu empfehlen, und sollte ich hier sterben, so mögen die Patres meinen Leichnam in ihrer Gruft bestatten.» Darauf gab er P. Cyrillus hundert Gulden, ein für jene Zeit beträchtliches Geschenk.
Freudestrahlend brachte P. Cyrillus das Almosen
seinem Oberen. Sicher würde er ihm
seine Bitte zur Ausbesserung des Jesulein nicht
abschlagen, denn mehr als einen Gulden brauchte
er wohl kaum, um die Reparaturkosten zu bezahlen.
Aber wider alles Erwarten erhielt er auch jetzt
eine abschlägige Antwort. Traurig kehrte
er zu seinem kleinen Liebling zurück und fand
im Gebet die Kraft zu demütiger Unterwerfung.
Im Oberen vollzog sich aber eine merkwürdige
Wandlung. Pater Vinzenz vom Kreuz hatte
bisher immer in den verschiedenen Konventen,
in denen er als Prior gewirkt hatte, eine segensreiche
Tätigkeit ausgeübt. Als er 1637 das Schifflein
des Prager Karmels steuern sollte, ging zunächst
auch alles gut vonstatten. Nachdem er sich aber
geweigert hatte, die verstümmelte Statue
des Jesulein wiederherstellen zu lassen, schien
aller Segen von ihm gewichen zu sein. Er wurde
melancholisch, behandelte seine Untergebenen
hart und verständnislos, so daß bald eine allgemeine
Unzufriedenheit herrschte und mehrere Patres
sogar um Versetzung in andere Ordenshäuser baten.
So geschah es, daß der kleine König aus dem Oratorium entfernt wurde. P. Cyrillus trug Ihn in seine Zelle, wo er viele Stunden zu seinen Füßen verbrachte und Ihn für das Unverständnis seiner Mitbrüder um Verzeihung und Nachsicht anflehte. Zugleich nahm er sich vor, alles was in seinen Kräften lag zu tun, damit das Jesulein wieder zu Ehren gelange.
Als er einmal kurz vor der Mitternachtsmette
des Festes der Unbefleckten Empfängnis
die Gottesmutter inständig bat, sie möge doch
für eine würdige Unterkunft des Bildes ihres
heiligen Sohnes sorgen, trieb ihn ein innerer
Drang zum Fenster seiner Zelle, die der Kirche
gegenüber lag. Da sah er im lichten Mondschein,
wie sich eine kleine Wolke langsam über das
Chor senkte. Immer mehr nahm sie die Gestalt
einer Jungfrau an, die von vielen Sternen, wie
von einem Rosenkranz umgeben war. Die Jungfrau
breitete ihre Arme über das Chor aus, als wolle
sie den Ort bezeichnen, wo die Statue ihres
göttlichen Kindes von nun an verehrt werden
solle. Diese Erscheinung dauerte etwa eine Viertelstunde,
bis die Glocke zur Mitternachtsmette läutete.
Als P. Cyrillus am anderen Tag Nachschau hielt,
welchen Platz wohl die allerseligste Jungfrau
bestimmt habe, fand er über dem Betchor einen
Raum, den man schon früher als Oratorium einrichten
wollte, ohne aber diese Absicht jemals ausgeführt
zu haben.
Unter der Leitung des neuen Hausoberen, P. Dominikus vom hl. Nikolaus, schien sich das Blatt zu Gunsten des hl. Kindes zu wenden. Kurz nach seinem Amtsantritt versuchte es P. Cyrillus von neuem und trug ihm seine Bitte vor, ihm doch zu erlauben, das verstümmelte Jesulein wiederherstellen zu lassen. P. Dominikus zeigte sich nicht abgeneigt, wies aber auf die leere Kasse des Konventes hin. Schließlich sagte er ihm zum Trost: «Wenn das Jesulein uns seinen Segen gibt, so will ich sein Bild wiederherrichten lassen.»
Vertrauensvoll flehte P. Cyrillus zu seinem kleinen König. Da wurde er plötzlich in die Kirche gerufen: Am Marienaltar erwartete ihn eine Dame, die ihm ein Almosen übergab und dann, ohne ein Wort hinzuzufügen, verschwand. Wer war diese Unbekannte? Alle Nachforschung zeigte sich ergebnislos, so daß der gute Pater fest glaubte, seine Wohltäterin sei die Muttergottes selbst gewesen.
Überglücklich brachte er seinem Prior das Almosen
und mahnte ihn an sein Versprechen.
Tatsächlich erhielt er auch die Erlaubnis zur
Reparatur, aber nur unter der Bedingung, daß
die Kosten nicht mehr als einen halben Gulden
betragen dürften.
Ein Laienbruder wurde beauftragt, das Jesulein zu einem geschickten Meister zu bringen. Doch er kam unverrichteter Dinge zurück. Ein halber Gulden war viel zu wenig. Der Meister wollte für seine Arbeit einen ganzen Gulden haben.
Wieder einmal nahm P. Cyrillus seine Zuflucht zum Gebet. Und da hörte er eine leise Stimme, die ihm zuzuflüstern schien: «Stelle mich in die Sakristei, neben die Tür, und es wird jemand kommen, der sich meiner erbarmt.» Er ließ sich das nicht zweimal sagen. Kaum war eine Stunde vergangen, als auch wirklich ein Herr kam, der das verstümmelte Bild sah und sich anbot, das hl. Kind auf eigene Kosten wiederherstellen zu lassen.
Der fremde Herr hieß Daniel Wolf. Er war früher
kaiserlicher Generalkommissar gewesen
und hatte in guten Verhältnissen gelebt. Jetzt
aber befand er sich in großer Not, so daß er
seine Gläubiger nicht zahlen konnte. Dazu kam,
daß er seit einiger Zeit mit seiner Frau ständig
Streit hatte und schon an Scheidung dachte.
Als er nun die Jesulein-Statue mit sich nach
Hause brachte, fand er ein Schreiben der kaiserlichen
Kammer vor, das ihm für früher geleistete Dienste
3000 Gulden bewilligte. Mehr als einmal hatte
er diese Summe angefordert, ohne aber jemals
eine Antwort zu erhalten. Auch der Streit mit
seiner Frau hörte auf, und die Ehegatten lebten
von nun an im besten Einvernehmen.
Er nahm sie also wieder mit sich fort. Zu Hause
angelangt, wartete auf ihn ein Beamter,
der ihm die versprochenen 3000 Gulden auszahlen
wollte. Am nächsten Morgen brachte Daniel Wolf
das Jesuskind zu einem geschickten Kunsttischler
in der Nachbarschaft. Er bestellte gleichzeitig
einen wertvollen Schrein aus Glaswänden, damit
die Statue in Zukunft besser geschützt sei,
und kaufte außerdem noch vier Leuchter und einige
Blumenvasen. Für alles zusammen sollte er 25
Gulden zahlen, was eine beträchtliche Überforderung
war. Dieser war nämlich Protestant, und er hatte
mit dem ihm helfenden Schlosser, der ebenfalls
Lutheraner war, ausgemacht, den «dummen Papisten»,
wie er seinen Auftraggeber verächtlich nannte,
fest übers Ohr zu hauen, wobei sich beide in
gotteslästerlichen Schmähungen über das «papistische
Götzenbild» ergingen.
Daniel Wolf zahlte die verlangte Summe, ohne ein Wort des Widerspruchs zu erheben. Die beiden Lästerer wurden aber innerhalb von drei Tagen von der damals in Prag wütenden Pest hinweggerafft. Kurz darauf sollte Daniel Wolf den besonderen Schutz des göttlichen Kindes spüren. Er hatte seine 3.000 Gulden mit einigen Wertgegenständen in einen gut verschlossenen Kasten gelegt. Eines nachts schlichen sich Diebe in sein Haus, die den Kasten fanden und ihn mit sich fortschleppten. Aber noch bevor sie das Haus verlassen hatten, wurden sie plötzlich durch ein starkes Geräusch so sehr erschreckt, daß sie alles stehen ließen und eiligst die Flucht ergriffen. So belohnte das Prager Jesulein die Großzügigkeit jenes Mannes, der sich seiner Statue erbarmt hatte.
Inzwischen hatte sich der Ruf des wundertätigen Kindes in der Stadt und Umgebung verbreitet. Die sterbenskranke Baronin Kolowrat war zum Leben zurückgekehrt, als man ihr das Jesulein zum Kuß gebracht hatte. P. Cyrillus schlug deshalb der Kommunität vor, die Statue der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und sie in der Kirche zur allgemeinen Verehrung aufzustellen. Sein Vorschlag fand die Zustimmung der Patres und so konnte man den kleinen König im Advent 1639 zum erstenmal über dem Altar der allerseligsten Jungfrau erblicken. Zu den vielen Verehrern, die dem hl. Kind ihre Sorgen und Wünsche anvertrauten, gehörte eine reiche Dame, deren Name taktvoll in der Chronik verschwiegen bleibt, weil sie wohl eine Wohltäterin des Klosters war. Sie hatte sich so sehr in das Jesuskind verliebt, daß sie Es um jeden Preis bei sich haben wollte. So geschah es, daß sie eines Tages zu einer stillen Mittagsstunde, als niemand in der Kirche war, ihren beiden Kammerzofen befahl, zum Altar hinaufzusteigen und das Jesulein heimlich mitzunehmen.
Als P. Cyrillus kurz darauf den Verlust bemerkte, erfüllte ihn von neuem tiefer Schmerz. Alles Suchen und Nachforschen erwies sich als vergeblich. Sein geliebtes Kind war verschwunden. Wo sollte er nur seine Spur entdecken?... Und siehe da, plötzlich hörte er eine tröstende Stimme, die ihm leise zuraunte: «Bleib ruhig! In kurzer Zeit wird das Jesulein wieder gefunden sein und das Sakrileg entsprechend bestraft werden.» Und so geschah es auch.
Wieder einmal hatte der schwarze Tod seine Geißel
über Prag geschwungen, und die
beiden Kammerzofen gehörten zu seinen ersten
Opfern. P. Cyrillus war zu ihnen gerufen worden,
um ihre letzte Beicht zu hören. Die eine Zofe
bekannte voller Reue ihre begangene Missetat
und wurde auch wieder gesund. Die andere dagegen
verweigerte die Sakramente und starb unter entsetzlichen
Qualen. Die Dame erkrankte an einem schweren
Gichtleiden und verlor all ihren Besitz.
P. Cyrillus brachte aber sein Jesuskind ins
Kloster zurück und sorgte dafür, daß Es von
nun an ständig bewacht würde.
Die vielen Gebetserhörungen und allerhand Ereignisse hatten die Patres zur Überzeugung gebracht, man müsse dem Kind eine eigne Kapelle errichten. Ein Wohltäter hatte dem Kloster 3000 Gulden vermacht und gebeten, einen Altar zu Ehren der heiligsten Dreifaltigkeit in der Kirche bauen zu lassen. Es wurde daher beschlossen, über diesem Altar eine Wandnische einzulassen, in der man die wundertätige Statue zur öffentlichen Verehrung aussetzen konnte. Damit war wohl ein weiterer Schritt getan, aber es fehlte immer noch eine eigene Kapelle für das Jesuskind.
Wieder einmal kam die göttliche Vorsehung zu
Hilfe. Eines Tages, es war im Jahr 1642,
wurde P. Cyrillus zum Baron von Lobkowitz gerufen,
der ebenfalls der Kommunität viel Gutes getan
hatte. Bei seinem Besuch fragte ihn die Baronin,
ob er nicht irgendeinen Wunsch für sein Jesulein
habe und fügte hinzu: «Ich möchte so gern etwas
für das hl. Kind tun». P. Cyrillus fühlte, daß
der Augenblick gekommen war, um für seinen Liebling
eine Kapelle zu erbitten. Der Baron war von
dem Gedanken begeistert. Noch im selben Jahr
begannen die Arbeiten an dem von der Muttergottes
bezeichneten Platz, und am 14. Januar 1644,
am Fest des heiligsten Namens Jesu, feierte
P. Prior die erste hl. Messe im «Eremitorium
Dulcis Pueri Jesu», wie die neue Kapelle getauft
wurde. Am 3. Mai 1648 wurde sie durch Kardinal
Ernst Adalbert von Harrach, Erzbischof von Prag,
feierlich eingeweiht. Gleichzeitig erteilte
der Oberhirte eine allgemeine Erlaubnis, in
der «heiligen Einsiedelei des Jesuskindes» das
Meßopfer darzubringen.
Der Kult des Gnadenbildes hatte damit seine offizielle Bestätigung durch die Kirche erhalten. Mit allen Sorgen und Nöten eilten die Prager Bürger zu ihrem kleinen Wundertäter, der niemand ungetröstet fortgehen ließ. Selbst die schwedischen Eroberer, die am 26. Juli 1648 in die böhmische Hauptstadt eingedrungen waren, konnten sich dem Eindruck dieser Andacht nicht ganz entziehen. Sie hatten im Kloster 160 Verwundete untergebracht, und keiner von ihnen wagte es, das Gnadenbild zu verspotten. Im Gegenteil, sie empfanden eine uneingestandene Ehrfurcht und waren von der Verehrung so vieler Menschen, die das göttliche Kind vertrauensvoll in ihrem Elend anflehten, zutiefst beeindruckt.
Selbst der Generalleutnant und spätere schwedische König Karl Gustav stattete bei einer Besichtigung des Karmelitenspitals der wundertätigen Statue einen Besuch ab. Obwohl er Protestant war, hatte ihn der Anblick der Gnadenstatue so ergriffen, daß er dem göttlichen Kind 30 Dukaten opferte und Ihm zu Liebe versprach, das Kloster bei der nächsten Möglichkeit von der Einquartierung zu befreien.
Im Jahr 1651 kam der Ordensgeneral der Unbeschuhten
Karmeliten, P. Franziskus vom
heiligsten Sakrament, zu einer kanonischen Visitation
nach Prag. Er hatte bereits in den österreichischen
Konventen viel von den Wundertaten des Jesulein
gehört und wollte nun von P. Cyrillus und den
anderen Patres alle Einzelheiten erfahren. Er
war von den Erzählungen tief bewegt. Am
26. Juli ließ er ein später berühmt gewordenes,
offizielles Schreiben ausfertigen, das die
volle Approbation der Jesuleinverehrung seitens
des Ordens enthielt und außerdem alle gegenwärtigen
und zukünftigen Patres aufforderte, die für
das Kind bestimmten Almosen ausschließlich zu
diesem Zweck zu verwenden. Dieses Dokument wurde
mit Siegeln versehen in der Gnadenkapelle aufgehängt.
Was sich P. Cyrillus seit langer Zeit erwünscht und erträumt hatte, war nun endlich Wirklichkeit geworden. In der langen Wartezeit war er immer tiefer in das Geheimnis der Kindheit Jesu hineingereift, das sich ihm so wunderbar in der in alle Menschenherzen dringenden Liebesfülle Gottes geoffenbart hatte. Wie oft hatte ihm die Statue des Jesuskindes nicht gesagt, wie unendlich liebenswürdig Gott in der Kleinheit eines Kindes ist, das sich alle Herzen erobert! Wenn jetzt sein Blick den von schimmernder Pracht umgebenen kleinen König traf, konnte er da nicht aus ganzer Seele begreifen, welchen unbeschreiblichen Reichtum Gottes Liebe in sich birgt, die sich um der Menschen willen so tief erniedrigt hatte?...
P. Cyrillus hatte seine Mission auf Erden noch nicht beendet. Im Namen seines Jesulein sollte er Ungläubige bekehren, Teufel austreiben und sogar sterbenskranke Menschen wieder gesund machen. Die Chronik ist hier überreich an Berichten, alles Ereignisse, die dazu beitrugen, den Ruhm des kleinen Jesuskindes zu verbreiten.
Die unermüdliche Arbeit dieses eifrigen Karmeliten
hatte allmählich ihre Spur in seiner
an sich kräftigen Konstitution hinterlassen.
Die Stunde seiner Reise in die ewige Heimat
hatte geschlagen. Durch eine Erkältung war er
gezwungen, seine Zelle nicht mehr zu verlassen.
Dazu kam ein hartnäckiger Katarrh, der seinem
Leben am 4. Februar 1675 ein Ende bereitete.
Von seinen Mitbrüdern umgeben und mit den hl.
Sakramenten versehen, erwartete er ruhig das
Kommen seines Jesulein. Er war 85 Jahre alt.
Die Geschichte des Prager Jesulein ist mit dem Tod seines treuesten Dieners durchaus nicht beendet. Fast hundert Jahre herrschte Es mit seinem milden Zepter und eroberte sich immer mehr die Herzen der Menschen. Schon zu Lebzeiten P. Cyrillus hatte Es sich in Pater Bonaventura von der hl. Maria Magdalena einen anderen Apostel erwählt, der mit viel Klugheit und Taktgefühl den Schaden wieder gut zu machen verstand, den sein Vorgänger, P. Michael von den Engeln, angerichtet hatte. Es kam ihm die glückliche Idee, ein zweites Prager Jesulein für die Pfarrkirche von Solnitz anfertigen zu lassen, wodurch der erste Schritt zur Verbreitung des Jesuleinkultes außerhalb der böhmischen Hauptstadt getan war.
Von ganz besonderer Bedeutung für die Entwicklung
und Propagation des Prager Jesuleinkultes ist
das Wirken zweier österreichischer Karmeliten
gewesen. Unter P. Emmerich vom hl. Stephan
und P. Ildephons von der Opferung Mariens
begann das hl. Kind seinen Triumphzug durch
die europäischen Länder und hielt in allen Karmelitenklöstern
seinen Einzug. P. Emmerich setzte zunächst sein
schriftstellerisches Talent in den Dienst des
Prager Kindes. Alles, was er nur über seine
Geschichte auftreiben konnte, stellte er in
einem Buch zusammen, das
1737 in Prag unter dem Titel «Pragerisches Groß
und Klein» erschien. Nur wenige Jahre
später wurde es in tschechischer und dann in
italienischer Übersetzung herausgegeben und
ist bis heute eine der wichtigsten Quellen für
die Prager-Jesulein-Forschung geblieben.
Als ihm 1736 die Leitung des Prager Konventes anvertraut worden war, hatte er den Patres vorgeschlagen, das Namen-Jesu-Fest besonders feierlich zu begehen und sich durch eine eigene Novene dafür vorzubereiten. Gleichzeitig hatte er bestimmt, daß am Mittwoch und Freitag ein Hochamt am tallembergschen Altar gefeiert werde, das nicht selten mit Orchestermusik begleitet wurde. Auf diese Weise wurde die Karmelitenkirche in Prag mit ihrem Gnadenbild ein Nationalheiligtum, in dem Tausende von Notleidenden und Bedrängten Zuflucht suchten.
Um die wunderbare Geschichte des hl. Kindes allen zugänglich zu machen, hatte er an der Pforte dreißig Bilder aufhängen lassen, die die berühmtesten Gnaden und Wundertaten des Jesuskindes darstellten. Außerdem versuchte er, die von allen Seiten eintreffenden Bitten um Bilder vom Prager Jesulein zu befriedigen, so daß in kurzer Zeit in allen österreichischen Karmelitenklöstern ein Prager Jesulein thronte.
Zur gleichen Zeit suchte P. Ildephons von der Opferung Mariens, der 1737 zum General der Unbeschuhten Karmeliten gewählt worden war, das Wohl des ganzen Ordens unter den Schutz des kleinen Wundertäters zu stellen. Wo er es nur immer konnte, sei es in Unterredungen, bei Besuchen oder in Briefen, immer war er darauf bedacht, das Prager Kind bekannt zu machen und von Ihm kleine Bilder oder Statuen zu verteilen. Seine Initiative wurde überall gut aufgenommen, ein Beweis, daß «die Verehrung des Prager Jesulein nur ein Ausläufer dieser im Karmel schon bestehenden Verehrung war»".
P. Ildephons konnte den wunderbaren Schutz des
hl. Kindes bei einer stürmischen Überfahrt
von Palermo nach Milazzo erfahren. Er schreibt
darüber in einem Brief an P. Emmerich, mit dem
ihn eine herzliche Freundschaft verband. «Kaum
hatten wir die Seefahrt begonnen, als die entfesselten
Wellen das Schiff gegen die Felsen schleuderten.
Ich rief im selben Augenblick mein Jesulein
aus Prag um Hilfe an und konnte mich und meine
Gefährten auf ein Felskliff retten... Und
da ereignete sich ein einzigartiger Fall: Ich
hatte in meinem Gepäck ein sehr wertvolles
Missale, das ich für die Kapelle des Prager
Jesulein bestimmt hatte. Es wurde mir von
den Religiosen in Palermo geschenkt... Im Augenblick
des Schiffbruchs war es nur in ein gewöhnliches
Papier gewickelt, und der Koffer, in den ich
es gepackt hatte, blieb lange Zeit ein Spiel
der Wellen des Meeres. Als ich nun den besagten
Koffer öffnete,
fand ich natürlich alle sich darin befindenden
Gegenstände völlig durchnäßt. Nur das Missale, das schöne Meßbuch,
das ich dem Prager Jesulein bringen wollte,
war
trocken und unversehrt geblieben.
Nicht einmal das Papier, in das es eingewickelt
war, war naß geworden.»
Als P. Ildephons nach Beendigung seines Generalates
als General Visitator nach Österreich
zurückkehrte, stellte er fest, daß der tallembergsche
Altar viel zu klein war für die ungeheure Menschenmenge,
die sich oft zu Füßen des Jesulein scharte.
Er sorgte deshalb dafür, daß inmitten der Kirche,
rechts von der Kanzel, ein prächtiger Altar
errichtet werde, der es allen ermöglichte,
das hl. Kind ungehindert zu sehen.
Am 13. Jan. 1741 erfolgte die feierliche Übertragung.
P. Ildephons ließ sich nicht nehmen,
das Kind mit eigenen Händen auf seinen neuen
Thron zu stellen und den kostbaren Glasschrein
zu schließen, der eigens angefertigt worden
war. Mit einer unvergeßlich gebliebenen Predigt
schloß er den Festtag ab. Wenn er noch manchmal
vor dem Jesulein die hl. Messe zelebrierte,
benützte er das schöne Missale, das ihm in Sizilien
geschenkt worden war. Auf der ersten Seite stand
von seiner Hand geschrieben: «Ex-Voto, das wir,
P. Ildephons a Praesentatione, Praepositus Generalis
Ordini B.M.V. de Monte Carmelo, unserem kleinen,
liebreichen Jesulein dargebracht haben. Annus
1739.
1742 zog sich P. Ildephons ganz nach Prag zurück. Als Prior des Konventes war er unentwegt bedacht, die Ehre des kleinen Königs zu mehren. Er versäumte es daher nicht, die Kaiserin Maria Theresia, die in Prag zur Königin von Böhmen gekrönt wurde, zu einem Besuch des Jesulein einzuladen. Die erlauchte Herrscherin kam auch wirklich und schenkte Ihm ein kostbares Kleidchen und einen Mantel aus grünem Samt, den sie mit eigenen Händen genäht und gestickt hatte.
Als 1744 die preußischen Truppen vor der böhmischen
Hauptstadt standen, wandte sich
die Stadtobrigkeit an P. Ildephons mit der Bitte,
eine Prozession mit dem Gnadenkind zu halten,
damit Prag vor dem Schlimmsten bewahrt bliebe.
Es kam auch tatsächlich ohne Angriff zu einer
Kapitulation. Doch die preußischen Soldaten
drangen in die Stadt und wählten sich die
Klöster zu Kasernen. Auch der Karmelitenkonvent
blieb nicht verschont. Glücklicherweise dauerte
die Besetzung nur wenige Monate. Die Pest war
im preußischen Heer ausgebrochen, und König
Friedrich II. gab Befehl zum Rückzug der Truppen.
Nachdem die alles in Brand steckenden Truppen
endlich die Stadt verlassen hatten, eilten die
befreiten Prager zum Thron ihres kleinen Wundertäters.
Mit nie gesehener Festlichkeit wurde eine
Dankesnovene abgehalten, bei der selbst die
Königin von Polen zu sehen war.
Bis zum 3. Juli 1784, als die Maßnahmen des Josephinismus auch den Prager Konvent ereilten und der Verehrung des Prager Jesulein ein Ende bereiten wollten, war das hl. Kind eines der beliebtesten und bekanntesten Gnadenbilder. Nach der Vertreibung der Patres wurde die Kirche dem Malteserritter P. Johannes Raimond, übergeben, während das Konventgebäude in ein Gymnasium umgewandelt und der Besitz des Klosters als Staatseigentum erklärt wurde. Alles Übrige, einschließlich der kostbaren Ex-Votos, wurde auf öffentlichem Markt versteigert oder vernichtet. Die Jesulein-Statue wagte aber niemand anzutasten, denn der Kaiser fürchtete eine allgemeine Empörung.
Solange P. Johannes Raimond die Kirche verwaltete,
blieb die traditionelle Verehrung
erhalten. Er selbst suchte in seinen Predigten
aufzufordern, auch weiterhin hoffend und vertrauend
das Jesulein anzuflehen. Nach seinem Tod (1808)
geriet die Kirche aber langsam in Verfall. Niemand
hatte mehr für das hl. Kind Interesse, und die
einst so begeisterte Prager Bevölkerung schien
es ganz vergessen zu haben.
Während die Bemühungen der Karmeliten um Wiederbelebung
des Prager Jesulein-Kultes
infolge eines hartnäckigen Widerstandes von
Seiten der Malteserritter, die ihnen ihre einstige
Kirche nicht zurückgeben wollten, keinerlei
Erfolg hatte, gelang es dem Prager Erzbischof
Kardinal Karl Kaspar, die Prager Bevölkerung
von neuem und in gewissem Sinn die ganze Welt
für das wundertätige Kind noch einmal zu begeistern.
Er selbst hatte in Rom als Theologiestudent
die schmerzvolle Feststellung machen müssen,
daß man das Jesulein überall und nur nicht in
seiner eigentlichen Heimat kannte. «Oh, in dieser
Stadt - in Prag - befindet sich das Heiligtum
des wunderbaren Jesulein», hatte ein Mitseminarist
bemerkt und hinzugefügt: «Nicht wahr, man hat
es dort sehr lieb?» Zu seiner tiefsten Beschämung
mußte Kaspar sich eingestehen, daß... er es
nicht einmal kannte!
Zum Erzbischof von Prag ernannt, machte er es
sich zur hl. Pflicht, die Wichtigkeit der
Jesulein-Verehrung zu betonen und vor allem
auf die Bedeutung des «Kleinen Wegs» des geistigen
Kindseins nach dem Beispiel des göttlichen Kindes
im innerlichen Leben hinzuweisen. Seine Aufsätze
«Od Prazskeho Jezulatka» (Über das Prager Jesulein)
fanden selbst im Ausland gute Aufnahme. Seiner
Initiative ist es zu verdanken, daß 1935 der
kath. National-Kongreß in der Kirche Unserer
Lieben Frau vom Sieg stattfand und als Thema
«Die Funktion des hl. Kindes im "restaurare
omnia in Christus" wählte. Bei dieser Gelegenheit
wurden drei Pontifikalämter vor dem Schrein
des Jesuskindes gefeiert.
Von besonderer Bedeutung ist es, daß der Kardinal im folgenden Jahr, als in Spanien die Revolution tobte, die Bevölkerung um Gebetsnovenen zu Füßen des wundertätigen Kindes bat, damit die Heimat des kleinen Königs vom Kommunismus befreit würde. Zum Dank dafür wurde er in Spanien «El Cardinal del Nino de Praga», der Kardinal vom Prager Jesulein genannt; diesen Titel hatte er mit Recht verdient.
Als sein Nachfolger, Kard Joseph Beran, 1945 vom Konzentrationslager in Dachau heimkehrte, war sein erster Gedanke, eine hl. Messe am Jesulein-Altar zu feiern. Zum Dank für seine Befreiung änderte er den Titel der Karmeliterkirche in Unsere Liebe Frau vom Prager Jesulein. Seit 1948, dem Beginn der kommunistischen Herrschaft, die Kard. Beran mit anderen Bischöfen und Priestern internierte, ist es wieder still um das hl. Kind geworden. Aber es fehlt in Prag nicht an Gläubigen, die in ihren Leiden und Sorgen bei Ihm Zuflucht suchen. Umso mehr wird das Prager Jesulein heute in aller Welt verehrt.
In der Kapelle des Flugplatzes von New York
grüßt seine Statue die Neuankömmlinge.
In Arenzano [bei Genua] in Italien
wurde dem kleinen Wundertäter eine eigene Basilika errichtet.
In vielen Kirchen und Kapellen kann man heute
das Gnadenbild sehen" und sich in die Bruderschaft
des Prager Jesuskindes einschreiben lassen."
Wenn auch der Kult des Prager Jesulein seinem
Ursprung, Wesen und seiner Bedeutung
zufolge ein Ausdruck der böhmischen Gegenreformation
ist, deren Schicksal und innere Schichtung er
treu widerspiegelt, so ist er deswegen nicht
«unzeitgemäß» und deshalb abzulehnen. Vielleicht
lächeln wir heute über die Barockfrömmigkeit
und die strahlenden Schätze religiöser Kunst,
die uns diese Zeit in reicher Fülle hinterlassen
hat, die uns wie die Ausstattung zu einem längst
vergessenen geistlichen Schauspiel anmuten.
Und doch verbirgt sich hinter ihnen eine erschütternde
Aufrichtigkeit, die uns die Seele der damaligen
Menschheit im Ringen mit dem Fürsten dieser
Welt erschließt.
Die Entwicklung der Jesuskindverehrung ist in das Zeitgeschehen einzureihen und aus diesem zu verstehen. Mit dem Auftreten der böhmischen Bilderstürmer (1619) setzte gerade in diesem Land auf katholischer Seite eine gesteigerte Verehrung der Andachtsbilder ein. Das gläubige Volk fühlte sich tief verletzt durch die vielfache Schändung ihrer heiligsten Werte und bäumte sich in mächtiger Abwehr auf. Als eine natürliche Reaktion auf die bilderfeindlichen Tendenzen der Reformation erwachte in ihm ein gesteigertes Bedürfnis nach äußerem Ausdruck seiner Frömmigkeit, nach einem Festhalten seiner religiösen Symbole, nach rauschenden geistlichen Festen und goldglänzenden Heiligtümern und Gnadenbildern. Ein Zeichen des gesunden Erwachens der beleidigten Lebenskräfte ist in der Verehrung des Prager Jesulein zu finden, in der die Menschen der Gegenreformation dem göttlichen Erlöser in Kindsgestalt ihre ganze Liebe entgegenbringen wollten.
Es entsprach besonders der Gemütsverfassung
des Barockmenschen, Gott und den Mysterien
Christi im Geheimnis der Kindheit des Herrn
zu begegnen. Er jubelte sein stolzes Gloria
über die neu gewonnenen Herrlichkeiten des vorher
altklug geleugneten Glaubens immer wieder in
die Welt hinaus. Es war Weihnachtsstimmung im
Herzen dieser Epoche. Gott war gleichsam noch
einmal auf diese Welt gekommen, und man wollte
mit Ihm das Antlitz der Erde erneuern. Die sinnige
Bewegtheit der bildenden Künste, wie die frische
Heiterkeit der klassischen Tonsätze sind auf
anderem Gebiet Ausdruck derselben Grundstimmung.
Aber mitten in dieser Freude zitterte das Entsetzen.
Der Riß war doch schon da...
Der Mensch wehrte sich jener Tage mit seiner letzten Kraft. Darum wirkt auch manches Gebet jener Zeit so dringlich, so flehentlich bettelnd..., als ob es sagen wollte: «Liebes Gotteskinderl, bleib da». So ist die Frömmigkeit des Barock und mit ihr die Andacht zum Jesuskind von erschütternder Aufrichtigkeit.
Ist das Ideal und die Seelenstimmung des heutigen Menschen wesentlich davon verschieden? Auch für uns wurde das Wort vom Kindsein gesprochen; auch uns mahnt das Jesulein, zu Kindern des himmlischen Vaters zu werden. Darum zeigt uns das Prager Kind den Weg, den ein jeder von uns einschlagen muß, und seine Andacht reiht sich organisch in die geistliche Linie unseres Jahrhunderts ein.
Gegner des Prager Jesulein-Kultes hat es bereits
im 17. Jh. gegeben, wo man in pietistischen
Kreisen glaubte, derartige Erfindungen und «kindische
Neuigkeiten» kritisieren zu müssen. Sie hätten
nichts mit einer wahren Frömmigkeit zu tun und
bedeuteten für vernünftig denkende Menschen
lediglich einen unwürdigen und lächerlichen
Zeitvertreib. Selbst innerhalb des Karmelitenordens
fehlte es nicht an Stimmen, die in seinem Kult
etwas Neues und Ungewohntes für die Spiritualität
des Karmels zu sehen glaubten und daher fürchteten,
damit der Tradition
zu widersprechen. Daß derartige Äußerungen einzig
der Unkenntnis entsprangen, braucht hier nicht
wiederholt zu werden. Die Geschichte hat gezeigt,
daß alle gegenteiligen Auffassungen in kurzer
Zeit zum Schweigen gezwungen waren und daß sich
die Jesulein-Verehrung trotzdem entfaltet hat.
Die Andacht zu dem kleinen Prager Wundertäter ist für alle von Anfang an «ein Weg zum wahren, lebendigen Jesuskind im Tabernakel gewesen. Zeugnis davon geben die vielen hl. Messen, die am Gnadenaltar gelesen wurden». Besonders in Spanien blüht die Andacht zum göttlichen Kind, wo in jeden der zahlreichen Karmelitenkonvente eine Bruderschaft vom Prager Jesulein besteht. Jeden Monat findet an einem Sonntag eine besondere Andacht mit Prozession in der Kirche statt, wobei die Statue des göttlichen Kindes von Knaben getragen wird und woran zahlreiche Kinder, Fähnchen und Blumen tragend, teilnehmen. Wenn heute in jenen Ländern, in denen die Treue zum katholischen Glauben sich nicht in gleicher Frische bewahren konnte, die Jesuskindverehrung weniger spürbar ist, so erklärt sich das nicht nur aus den verschiedenen Temperamenten und Charakteranlagen, sondern vor allem aus dem Zeitgeist, der verlernt hat, ein Kind vor Gott zu sein. Um die ganze, tiefe Bedeutung der Verehrung des Prager-Jesulein zu verstehen, muß man erst lernen, schlicht und einfach wie das göttliche Kind zu werden. Das ist aber zugleich die Botschaft des Karmels an die Welt. Wo sie in offene Herzen dringen kann, da vermag auch das Prager Jesulein und damit ein Stück echtester karmelitischer Spiritualität in das Innerste der Menschen zu dringen.
[Nach
der Wende sah die Kirche schlecht aus. Inzwischen
ist sie renoviert und italienische Karmeliten
aus Genua betreuen die Kirche. Sie liegt unterhalb
der Prager Burg nicht weit
von der berühmten Karlsbrücke.]
Wenn man die geistigen Linien der Spiritualität des deutschen Barockzeitalters verfolgt, wird man zwei Entwicklungsstufen unterscheiden müssen.
Das 17. Jh. war sowohl von einer bewußten Aufnahme der Frömmigkeitsformen des Mittelalters wie einer nicht zu leugnenden Vorliebe für das Visionäre und Außergewöhnliche beseelt. Man hat daher auch seine geistigen Tendenzen und ihre einzelnen Erscheinungsformen im Bereich der Kirche als Neumystik bezeichnet, ein Titel, der zu Recht besteht, wenn man von der spekulativen Mystik absieht und die Mystik in ihrer charakteristischsten Ausprägung als Liebesmystik im bernhardinischen Sinn faßt.
Liebessehnsucht und das Verlangen nach Vereinigung
mit Christus und Gott durchzieht als immer wieder
aufklingendes Grundmotiv die religiösen Dichtungen
Friedrich von Spee’s (1591-1635), Jacob
Baldes (1604-1668) oder Johann Schefflers (1624-1677).
«Wie kan ich deiner so lang entrathen? / Wie
kan ich jmmer rasten / und ruhen bisz ich dich
vmfange?
/ bisz du mich in dich verzehrest, bisz ich
lauter dein / vnnd du pur lauter mein in ewigkeit
bleiben müssest?» schreibt Friedrich von Spee
in seinem 1649 in Köln gedruckten «Güldenem
Tugendbuch», während der gleiche Gedanke seine
«Trutznachtigall» wie eine Liebesklage durchzieht:
«Ach wan doch Jesu liebster mein, / wan wirst
dich mein erbarmen: / wan wider zu mir kehren
ein, / wan fassen mich in armen?...»
Mit dem aufstrebenden 18. Jahrhundert war eine Wendung eingetreten. Rationalismus und philosophische Spekulation waren auch ins religiöse Gebiet eingedrungen und hatten bewirkt, daß das reine Erlebnis einer persönlichen Gottbegegnung seine Frische und Ursprünglichkeit verlor. Trotz allem beherrschte aber weiterhin in katholischen Kreisen ein nicht geringer Hang zur Erbauung und zum mystischen Phänomen den geistigen Horizont. Es ist daher leicht verständlich, daß Schriften wie die «Täglichen Geschichten von denkwürdigen Begebenheiten, welche sich sonderlich an einem jeden Tag des ganzen Jahres mit der hl. Jungfrau und Theresia de Jesu zugetragen haben», die 1718 in Wien von dem Jesuiten P. Marckhovitsch verfaßt wurden, einen guten Erfolg hatten, und daß man auch sonst das Leben und die Werke der hl. Theresia mit großem Interesse begrüßte.
In diesem geistigen Klima haben wir die Andacht zum Jesuskind im deutschen Karmel zu suchen. Die gefühlsbetonte Stimmung, die durch die zarte Lyrik Spees aufgerufen worden war, begünstigte das Verständnis und damit die Möglichkeiten ihrer Entfaltung. Dazu kam, daß diese Andacht dem deutschen Menschen durchaus nicht etwas Wesensfremdes bedeutete, wie Volksgebräuche und mittelalterliches Schrifttum beweisen. Vielleicht behauptet man nicht zu viel, wenn man in ihr einen Ausdruck typisch deutschen Gemütes sieht, das im übrigen die Geburt des Herrn mit anmutigen Legenden umgeben wollte.
Als daher am Anfang des 17. Jahrhunderts unbeschuhte Karmeliten und Karmelitinnen die Alpen überschritten, konnten sie voraussetzen, daß der Jesulein-Verehrung in der neuen Heimat nichts im Wege stehen würde. Es war zunächst der kleine König von Prag, der im süd-ostdeutschen Sprachraum mit lebhafter Begeisterung aufgenommen wurde, und es ist interessant, daß es bald auch außerhalb des Karmels nachgeahmt wurde. Zu seinen Füßen hatte M. Maria Anna Josepha Lindmayr unzählige Stunden vertrautester Zweieinsamkeit verbracht. Es wird wohl dieses Jesuskind gewesen sein, das sie zur mystischen Vermählung rief.
Das Prager Jesulein ist aber nicht die einzige
Statue des hl. Kindes im südostdeutschen
Sprachraum geblieben. In der Karmelitenkirche
von Wien-Döbling trifft man noch heute, gegenüber
dem Gnadenaltar Unserer Lieben Frau mit dem
geneigten Haupt, im rechten Seitenschiff auf
das sogenannte Mannersdorfer Jesulein.
Es ist dem Prager Jesulein ähnlich. Die Chronik
der österreichischen Provinz erzählt, daß Es
1740 in der Einsiedelei von Mannersdorf am Leithagebirge
aufgestellt wurde. Dort soll Es, als der Provinzial
P. Alexander von Jesus Maria auf Visitationsreise
verweilte, den vor Ihm knienden Pater gesegnet
und dabei folgende Worte gesprochen haben:
Ich werde diesen Ort immer beschirmen.
Als der Klostersturm die Aufhebung der Einsiedelei
forderte, wurde das Jesulein nach Wien gebracht.
Zuerst fand Es in der Leopoldstadt liebende
Aufnahme. Nach Erbauung der neuen Karmelitenkirche
in Döbling wurde Es dahin überführt.
Leider ist Es fast vergessen worden, obwohl
Es einst Wunder bewirkt hat, wie die 1748
erfolgte Heilung des gelähmten Karl Edtinger.
Welches Jesulein wurde nun in den westdeutschen Karmeliterklöstern verehrt? Wir müssen die Frage unbeantwortet lassen. Nur einige Vermutungen weisen auf Statuen, die das Brüsseler Jesulein nachzuahmen suchten. Dem Prager Jesulein blieb lange der Eingang verschlossen. Erst in der Gegenwart finden wir seine Statuen in den von Köln aus gegründeten Karmelklöstern. Wir haben auch keinerlei Berichte über das innige Liebesverhältnis auserwählter Karmeliten oder Karmelitinnen, wie wir es von anderen Ländern her gewohnt sind. Obwohl das Leben der ehrw. M. Isabella vom Hl. Geist in das Licht einer großen Christusliebe und Verehrung des göttlichen Kindes getaucht ist, so wissen wir nichts von außergewöhnlichen Gnaden. Umso mehr Material ist uns aber überliefert, das von dem heiligen Verlangen spricht, durch getreue Nachahmung der Kindheitstugenden den inneren Anruf des Jesuleins im Herzen laut aufhallen zu lassen. Der Tag des Karmeliten sollte sich mit dem schlichten Leben in Bethlehem verschmelzen, damit ein jeder von dem wunderbaren, umformenden Blick getroffen werde, der vom menschgewordenen Gottessohn ausging und ihn der Gebundenheit seines Selbst entreißen wollte. Mit seiner Gegenwart sollte das Jesuskind dazu beitragen, daß alle Handlungen, auch die gewöhnlichsten und bescheidensten täglichen Beschäftigungen, eine tiefe Liebe zu Ihm ausstrahlten. Das hl. Kind war damit für das religiöse Leben des deutschen Karmels wahrhaft «der Weg, die Wahrheit und das Leben».
Es ist interessant, daß man in den Westdeutschen Ländern von Anfang an den Zugang zum Mysterium der Kindheit Jesu im Mysterium selbst suchte, ohne der Berührung mit dem sichtbar Dargestellten eine wesentliche Bedeutung zuzumessen. Das soll nicht heißen, daß der Karmel Deutschlands die Jesuleinstatuen gering schätzte oder ihnen mit weniger Verehrung begegnete, als es in den romanischen Ländern der Fall war. Nur sein Verhältnis zum Bild des göttlichen Kindes war ein anderes geworden.
Man könnte es aufgelockerter und unabhängiger bezeichnen, da sich der Sinn des bildlich Dargestellten gewandelt hatte. Daraus folgte, daß man sich wenig um Anfertigung eigener Statuen sorgte. Umso mehr begegnen wir aber den Spuren tief gefühlten Andacht und bereitwilligen Lauschens auf die Belehrung des göttlichen Kindes.
Im 19. Jahrhundert war es wieder eine Karmelitin, Schwester Teresia von Jesus, geborene Gräfin Sofie Stolberg-Stolberg, die unentwegt seine Verehrung förderte und zu einem Leben nach seinem Beispiel anregte und im 20. Jh. stellte sich Edith Stein von neuem in die Tradition des theresianischen Karmels. Ihr kleines «Weihnachtsmysterium» bildet ein sprechendes Bindeglied im Rahmen karmelitischer Christussuche und Christusliebe.
Das Leben der M. Maria Anna Josepha von Jesus, geb. Lindmayr, schreitet über alle Schranken menschlichen Seins hinaus in ein völliges Sich-verlieren in Christus, das die unaussprechliche Gnade der Vereinigung mit dem himmlischen Bräutigam nicht weniger erfüllend ausströmt, als es im mystischen Leben der seraphischen Heiligen des Karmels der Fall gewesen ist. Beide waren von einer Christusliebe durchglüht, die alle Grenzen menschlicher Liebe bei weitem überstieg, und beide lebten ihr eigentliches Leben tief verborgen im Mysterium Christi, das sie unmittelbar zum dreifaltigen Gott führte.
Maria Anna Lindmayr hatte ihre geistliche Vermählung am Vorabend des Festes Mariä Geburt gefeiert, «An diesem Abend», so berichtet sie selbst, «war ich bis nach Mitternacht im Chor. Während ich betete, erschien mir die Muttergottes mit dem Jesuskind. Ganz nahe hielt sie mir das göttliche Kindlein hin, das nach mir verlangte und mir zu erkennen gab, daß Es sich mit mir vermählen wolle. In seinen Händen hielt Es den Ring. Ich war über dieses Gesicht nicht wenig erschrocken. Aber es stand nicht in meiner Gewalt, die Gnade abzuweisen, denn Christus ist Herr über meine Seele und über meinen Leib. So mußte ich die Vermählung geschehen lassen...», und Maria Anna vermählte sich mit dem göttlichen Kind unauflöslich, in höchster Seligkeit und Liebe.
Sie hatte am 23. Sept. 1657 in München das Licht der Welt erblickt. Lange Zeit war sie Terziarin des Karmeliterordens. Erst1712, als das Dreifaltigkeitskloster in München gegründet wurde, konnte sie als Unbeschuhte Karmelitin im zweiten Orden eingekleidet werden. Dort starb sie am 6. Dez. 1726 «nicht an einer Krankheit, sondern aus Übermaß der Liebe», wie sie einen Tag vorher ihren Mitschwestern gestanden hatte.
Schon als kleines Kind wurde Maria Anna auf dem Weg des Außergewöhnlichen geführt. Erscheinungen und wunderbare Ansprachen, sowie ein inneres Erspüren der Nähe der Armen Seelen begannen bald ihre kleine Welt zu erfüllen. Später wurde den ihr von Gott geschenkten Visionen die Prophetengabe hinzugefügt. Der Kapuziner Albert von Rosenheim versichert eidlich, daß sie ihm nicht weniger als sieben Ereignisse seines zukünftigen Lebens vorausgesagt habe. Ihre Frömmigkeit stand ganz in der Linie der dem barocken Empfinden eigenen religiösen Spannungen, die sich in ihr zum Bewußtsein einer von Gott erhaltenen Aufgabe steigerten.
Man hatte sie die «Retterin Bayerns in schwerer Zeit» genannt. Am 8. Juli 1704 verbürgte sie sich anläßlich einer Vision der HIst. Dreifaltigkeit für die Stadt München, die sich der Plünderung und Zerstörung durch die feindliche Armee ausgesetzt sah. Ihr Gebet und Opfer wurde erhört und München blieb verschont. Die Stadt erfüllte ihrerseits das Gelübde und erbaute die Dreifaltigkeitskirche.
In den Jahren, die Maria Anna in der Welt verbrachte,
zeichnete sie sich durch eine opferbereite
Nächstenliebe und großen Seeleneifer aus. Sie
wurde von hoch und niedrig als Zuflucht der
Betrübten, Trösterin der Bedrängten und himmlische
Ratgeberin in zweifelhaften Fällen aufgesucht
und geehrt. Allenthalben pflegte man sie die
«fromme Jungfrau» zu nennen. Sie ermahnte alle
jene, die zu ihr kamen, eifrigst um göttliches
Licht zu beten, in dem sie Gott und ihre Fehler
erkennen würden. Ihre Aussprüche, Ermahnungen
und Worte über göttliche Dinge hinterließen
einen solchen Nachdruck in den Herzen der Zuhörer,
daß niemand zweifeln konnte, aus ihr rede der
Geist Gottes.
Maria Anna war Mystikerin. Wenn sie am Sonntag das Geheimnis der Hlst. Dreifaltigkeit betrachtete, fühlte sie in sich die unmittelbare Nähe Gottes, aber zugleich den unermeßbaren Abstand zwischen Mensch und Gott. Eine ihrer Visionen zeugt von dem leidvollen Überwinden der Dimensionen der Nähe und des gleichzeitigen Abstandes Gottes, was in ihr eine tiefe Erkenntnis ihres Nichtsseins auslöst. «Mir wurde gezeigt», schreibt sie, «wer Gott gegenüber den Menschen ist. Ich erkannte, wie Christus in seiner heiligsten Menschheit den himmlischen Vater verehrte, wie Er sich vor Ihm verdemütigte, wie Er zu Ihm betete, wie Er wachte und fastete, wie Er den Vater über alles hochschätzte und nur bestrebt war, seinen hl. Willen zu erfüllen. Ich erkannte auch, daß niemand dem himmlischen Vater größere Ehre erwiesen hat als Christus, und daß sich niemand mehr vor Ihm verdemütigt hat, als Jesus Christus, sein menschgewordener Sohn...
Diese Vision, in der Gott zu ihr gesprochen hatte, ist charakteristisch für die innere Grundhaltung der zukünftigen Karmelitin. Sie fühlte sich Gott ganz eigen, aber gleichzeitig wußte sie um ihr Nichts, das sie den Weg der Kleinen und Demütigen einschlagen ließ. Hatte ihr Christus nicht eines Tages gesagt: «Ich will, daß du leidest, ohne es zu verraten, daß du lebest wie ein Kind und liebest wie ein Seraph?»
Im Leiden erlebte sie das Einssein göttlichen
und menschlichen Seins. Im Kindsein erklomm
sie den steilen Pfad zu unauflöslicher Vereinigung,
der von den Flammen seraphischer Liebe gezeichnet
war. So suchte Maria Anna Kraft und Stärke beim
göttlichen Meister in Gestalt eines Kindes.
In der Karmelitenkirche von München gab
es einen herrlichen Altar mit einem Prager Jesulein,
das Polyxena Lobkowitz den Patres geschickt
hatte. Es war eine getreue Reproduktion des
kleinen Königs von Prag. Unzählige Gläubige
scharten sich zu seinen Füßen im vertrauensvollen
Gebet, und es fehlte auch nicht an außergewöhnlichen
Gnaden und Krankenheilungen, so daß das Münchener
Kindl seit 1697 als «wunderbar» bezeichnet wurde.
Hier war es, wo Maria Anna in vertrauter Zwiesprache
mit dem menschgewordenen Gottessohn
verweilte. Wir wissen, daß sie Andachten zu
Ehren der neun Monate hielt, in denen Maria
Christus, das Licht, das in die Welt gekommen
ist, um die Menschen zu erleuchten, unter ihrem
Herzen getragen hat. Wir sehen sie vierzig Tage
zu Ehren des Jesuskindleins im Stall von Bethlehem
fasten, und einmal wurde ihr die armselige Grotte
gezeigt, die Jesus in den ersten Monaten seiner
Kindheit bewohnt hatte. Erscheinungen der Muttergottes
mit dem göttlichen Kind im Arm waren durchaus
nicht selten, und sicher hat sie das hl. Kind
wunderbar in das Geheimnis seiner Demut und
Liebe eingeführt.
Maria Anna war 1691 in der Karmelitenkirche Terziarin geworden. Man darf annehmen, daß sie in vielen Stunden das himmlische Kind gebeten hat, treu in ihrem Vorsatz zu bleiben, so gut als es ihr nur möglich war, die Karmelregel in der Welt zu halten. Am 25. April 1709 feierte sie ihr mystisches Verlöbnis mit Christus, der ihr einen einfachen Ring an den kleinen Finger der rechten Hand steckte. «Ich verspreche dir meine Liebe und Treue auf ewig. Du bist jetzt ganz mein und ich bin Dein. Du bist zwar meiner Liebe unwürdig, aber ich habe mein Auge auf Dich in meiner Gnade und Liebe gerichtet.»
Als sie die Schwelle des Karmels überschritten
hatte, steigerte sich der christozentrische
Zug ihres Innenlebens. In Erinnerung an den
23. Okt. 1714 schreibt sie: «Es hat sich
mir heute Christus im Chor als ein kleines Kind
gezeigt. Nur ein wenig von mir entfernt
hat Er seine allerheiligsten Arme gegen mich
ausgestreckt, um mich zu umfassen und sich mit
mir zu vereinigen. Dabei richtete Er seine göttlichen
Augen auf mein Herz, wodurch Er mir zu erkennen
geben wollte, daß Er sich noch nicht ganz mit
meiner Seele vereinigen könne, weil ich Ihm
noch sehr unähnlich und mein Herz nicht nach
seinem Herzen war.
Darauf erklärte Er mir den Grund für diese Verschiedenheit.
Ich war noch nicht klein genug,
noch kein Kind, und ich hatte es noch nicht
gelernt, Ihm so nachzufolgen, wie Er es gelehrt
hatte (Mt. 18,3 und 19,4).
Ich habe seine Unterweisung wohl verstanden, meine Fehler erkannt und mir vorgenommen, mich zu bessern. Ich will darauf achten, in der (Nachfolge seiner) Kindheit zu wirken, meinen eigenen Willen und mein Urteil, an dem ich noch gar stark hänge, zu verleugnen, so wie mich Christus gar oft ermahnt hat. Es wurde mir klar, daß es nicht genügt, einfach zu sagen: ich vereinige mich mit Christus, und auch nicht: ich möchte mich mit Christus vereinigen, sondern die Hauptsache besteht darin, daß Christus sich mit uns vereinen kann. Ich muß also derart sein, daß meine Tugenden den Eigenschaften Christi gleichförmig sind. Seine Demut kann sich nicht mit meiner Hoffart vereinigen, und seine Geduld nicht mit meiner Ungeduld...»
So waren die ersten Jahre ihres Karmellebens
mit dem ernsten Bemühen ausgefüllt, vor
Gott ein Kind zu werden, gleich dem göttlichen
Kinde, das sich im Jahr 1716, als sie zur Priorin
des Klosters gewählt worden war, mit ihr vermählte.
Mit inniger Liebe und in glühender Andacht suchte
sie ihrem kleinen Bräutigam zu gefallen, und
das Jesulein offenbarte ihr mehr als einmal,
wie sehr Gott die Verehrung seiner Kindheit
angenehm sei. An einem Tag im Advent
1718 hatte sie eine Vision, in der eine Person
zu ihr kam und ihr ein Schächtelchen mit Geld
als Schadenersatz für einen zerbrochenen Gegenstand
brachte. «Als ich es aufmachte», berichtet sie,
«fand ich anstatt des Geldes eine kleine Wiege
mit einem allerliebsten Kindlein darin. Sehr
verwundert darüber bat ich Gott, mir die Bedeutung
dieses Bildes zu erschließen.
| Ich erfuhr alsbald vom Herrn, daß man durch die Verehrung der Kindheit Jesu alle Sündenschuld beim himmlischen Vater abtragen könne. Mithin solle ich mir die heiligste Menschwerdung recht tief in das Herz einprägen.» |
Oft wurde Maria Anna durch die Nachstellungen des bösen Feindes belästigt. Sie suchte dann beim heiligsten Namen Jesu Hilfe, den sie immer mit tiefer Ehrfurcht auszusprechen pflegte. Ganz besonders liebte sie es, das Namen-Jesu-Fest feierlich zu begehen, wozu sie wohl schon durch die Novenen und äußerlichen Feierlichkeiten in der Karmelitenkirche angeregt wurde. Eine große Gnade wurde ihr an einem Freitag nach dem Namen-Jesu-Fest geschenkt. Gleich der hl.Theresiavon Avilasahsie, wie sich ihr «ein Engel in himmlisch-schönem Kleid, einen Pfeil in der Hand haltend näherte und denselben in ihr Herz schoß» Später vertraute sie ihrem Beichtvater an: «Ich verspürte einen großen Schmerz am Herzen,... der mir stets ein Antrieb zur göttlichen Liebe blieb, dann seit jener Zeit hat mich die Liebe Gottes nicht mehr ruhen lassen und große Wirkungen in mir hervorgebracht.»
Wenn auch Maria Anna Josepha Lindmayr nicht
durch ihre Verehrung Gottes in Kindsgestalt
in die Geschichte des Karmels eingegangen ist,
sondern man eher auf ihre Verdienste am politisch-religiösen
Leben ihrer Zeit hinweist (die Rettung München
vor der Zerstörung) und ihres geheimnisvollen
Umgangs mit den armen Seelen im Fegfeuer gedenkt,
so schließt das nicht aus, daß sie eine der
wenigen Vertreterinnen der Verehrung zum Jesulein
in Deutschland ist, und daß sie wahrhaftig durch
die Nachahmung der Kindheitstugenden den Gipfel
christlicher Vollkommenheit und die Vereinigung
mit Gott erreicht hat.
Maria Anna war es dabei nicht so sehr um Vorstellung und Verwirklichung der Gottesgeburt im Herzen zu tun, als um die Verwirklichung der Gotteskindschaft, um durch sie zur Vereinigung mit Christus aufzusteigen. Es ist schwer zu sagen, wie weit ihre Andacht zum Jesuskind in einer Übernahme theresianischen Erbgutes gründet und wie weit sie auf eigenes, mystisches Erleben zurückzuführen ist. Aber sicher hat sie das Geschaute und geistig Erlebte durch ein gewolltes Eindringen in das Kindheitsmysterium weiterzubilden versucht und sich damit in den Rahmen der theresianischen Spiritualität gestellt, um sich von ihr durchformen zu lassen, wozu sie das ihr charakteristische antithetische Bewußtsein ihres Nichts gegenüber dem Alles in Gott anregte. Das Jesuskind hat ihr den Zugang zum höchsten Glück der Vermählung mit Christus geöffnet. Ist es nicht bezeichnend, daß gerade sie, der es verwehrt blieb, in jungen Jahren den Schleier zu nehmen, als reife Frau auf göttliche Mahnung hin zum Kind werden mußte und durch das Kindsein zur letzten Entfaltung ihrer Persönlichkeit gelangte?
Trotz der Unruhen des Dreißigjährigen Krieges rollte 1637 ein verschlossener Wagen über die holprigen Landstraßen Flanderns gen Osten. Das Ziel war Köln, wo nicht unweit der alten Basilika St. Severin, die der Volksmund den «Dom des Südens» genannt hat, ein theresianischer Taubenschlag entstehen sollte. Die Stifterinnen, M. Theresia von Jesus aus Brüssel und M. Isabella vom Hl. Geist aus Antwerpen, waren gekommen, um endlich den langgehegten Wunsch der sel. Anna vom hl. Bartholomäus zu verwirklichen, die in prophetischer Schau die Stiftung in der alten Stadt am Rhein bereits vorausgesehen hatte: «Die Stiftung der Klosterfrauen Barfüßigen Karmelitinnen zu Cöllen wird eine glorwürdige Fundation sein». Der Tod hatte Anna vom hl. Bartholomäus an ihrem Vorhaben gehindert. So war es zehn Jahre später ihren Töchtern vergönnt, die theresianische Reform nach Deutschland zu verpflanzen.
Am 12. Januar 1630 legte Isabella ihre Ordensprofeß ab. Am folgenden Tag fand das Schleierfest statt. Bei dieser Feierlichkeit ließ man sie den weißen Mantel der verstorbenen Stifterin tragen, um so anzudeuten, sie solle zur Erbin ihrer Tugenden werden. Nur wenige Jahre später wurde ihr bereits die Aufgabe übertragen, mit Maria Theresia von Jesus zur Gründung des ersten reformierten Klosters nach Deutschland zu reisen.
Am 30. Oktober begaben sich die beiden Nonnen nach Köln, wo Maria Isabella mit ihrem außerordentlichen Organisationstalent und ihrem feinen Kunstsinn persönlich den Bau des Klosters leitete und Vorbereitungen für die Errichtung der Kirche traf. Selten hat es wohl eine Karmelitin gegeben, die eine ihr gleiche architektonische Begabung besaß. Diese ermöglichte es ihr, mit gewisser «Sachkenntnis» die Bauarbeiten zu überwachen und mit konkreten Anordnungen und praktischem Rat tatkräftig einzugreifen.
Ein altes Manuskript, das nach ihrem Tod von
einer ihrer Töchter verfaßt wurde, gibt uns
reichen Aufschluß über ihr gottverbundenes und
fruchtbares Leben. Aus ihm erfahren wir, wie
sie lange Jahre der Klostergemeinde als liebende
Mutter und treue Fürsorgerin vorstand. In ihm
lesen wir von ihrer großen Liebe und Verehrung
des Gnadenbildes Unserer Lieben
Frau vom Frieden, das über Maria de' Medici
den Karmelitinnen zugekommen war. Maria de'
Medici hatte die Statue der Muttergottes mit
dem Jesuskind aus dem Holz einer wundersamen
Eiche schnitzen lassen, die in Scherpenheuvel
bei Brüssel stand und mit einem Marienbild geschmückt
war. Als der Baum unter der Last der Jahre zusammenzustürzen
drohte, war das «heilige Holz» in die Schatzkammer
des Kardinal-Infanten gebracht worden. Während
ihres Aufenthaltes in Brabant hatte sie es dort
erhalten und einem geschickten Meister übergeben,
der es in eine große und mehrere kleine Marienstatuen
verwandelte. In dem gleichen Manuskript finden
sich aber auch einige Gedichte, die ein lebendiges
Zeugnis ihrer innigen Liebe zum Jesuskind bilden.
Sie sind zum Teil in spanischer und zum Teil
in französischer Sprache verfaßt und verraten
ein tiefes Einfühlen in das Wunder der Hl. Nacht.
Obwohl sie in ihrer Art recht verschieden sind,
so bleibt ihnen doch immer die gleiche Bitte
um Vervollkommnung in der Tugend eigen. Und
gerade diese Bitte ist charakteristisch für
den Zeitgeist und für den Wandel, den die Andacht
zum Jesuskind im deutschen Karmel vollzieht.
Ihr «Villancico para el dia de la Navidad» (Weihnachtslied
für den Tag der Geburt des Herrn) plätschert
schlicht und einfach wie ein echtes Volkslied
dahin. In seinem ungezwungenen, kindlichen Reim
erinnert es an die zahlreichen Villancicos ihrer
fernen spanischen Heimat:
«Dieses Gotteskind ist gut.
Laßt uns seine Güte nachahmen,
Und das Weihnachtsfest wird froh sein.
In der
zweiten Strophe heißt es dann:
«Dieses Kind ist demütig,
Laßt uns seine Demut nachahmen:
Und das Weihnachtsfest wird froh sein.»
Und so werden in sieben Strophen die Tugenden
des hl. Kindes besungen, seine Sanftmut, Heiligkeit,
Großmut, Milde und Armut, und gleichzeitig erklingt
die Mahnung zur Nachahmung, um ein wahrhaft
freudiges Weihnachtsfest zu feiern.
Ein anderes Gedicht, das an Jesus, den König der Herrlichkeit gerichtet ist, - und sicher hatte sie dabei den kleinen König von Brüssel vor Augen - bringt in ähnlicher, aber weitaus gemessener Reihenfolge fast die gleichen Bitten:
O süßer Jesus, König der Herrlichkeit, Du Quelle
aller Tugenden,
Damit wir dir gefallen können,
Uns allen gib, so bitt' ich Dich,
Die wahre Liebe Und völlige Selbstentblößung!
Inständig bitt' ich Dich Für diese Kommunität,
Um echten Ordensgeist Und gut fundierte Vollkommenheit,
Die wahre Liebe gib uns Und völlige Selbstentblößung.»
Dann fleht sie den kleinen König der Gnade an, ihre Klostergemeinde durch «pünktlichen Gehorsam und vollkommene Demut» zu «beständigem Gebet in seiner Gegenwart» anzuleiten, ihr «den großen Reichtum eines wahren Geistes der Armut» zu schenken und jeder einzelnen durch «vollkommene Abtötung die Kraft zu verleihen, ihre Leidenschaften zu beherrschen»,
«Damit wir so bereitet, Den Hl. Geist empfangen,
Und uns, gestärkt in seiner Kraft, Nur mehr
in Ihm bewegen.
Gib wahre Liebe uns Und völlige
Selbstentblößung.»
Auch M. Isabella gehört zu jenen Karmelitinnen, die in der Schule Christi zur vollkommenen Gottesliebe herangereift sind. Wie stark sie Christus, das ewige Wort, im Inneren berührt hat, zeigt eine ihrer Visionen der «Herzbücher». Während das geistige Auge ein Herz schaut, das inmitten einer Wolke ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch betrachtet, schreibt ihre Feder: «Siehe, allhie wird der Seele gezeigt die Person des ewigen Wortes in seiner göttlichen Eigenschaft, welche da ist die ewige Weisheit, so aus dem Mund des Allerhöchsten ausgegangen; es ist das Wort des Vaters, in welchem vollkommentlich ausgesprochen wird die göttliche Natur, samt allen ihren Großheiten und Eigentümlichkeiten. So ist also dieses göttliche Wort wahrhaftig das verschlossene Buch, darin alle Geheimnisse des göttlichen Wesens verzeichnet sind. O selig, wer das Wort aus diesem Buch anhöret und von diesem Brunn der Weisheit ersättigt wird. »
M. Isabella hatte in den ersten Jahren ihres
Ordenslebens in Antwerpen verschiedene
fromme Bräuche in Vorbereitung auf das Weihnachtsfest
kennen gelernt, die sie im Kölner Karmel treu
weiterführen wollte. Am ersten Adventssonntag,
am Tag der Erwartung Mariens (18. Dez.) und
am Weihnachtstag herrschte die Gewohnheit, kleine
Zettel zu ziehen, die eine bestimmte Tugendübung
zu Ehren des göttlichen Kindes oder einen Segenswunsch
des Jesulein enthielten. Ein solcher Zettel
aus dem Jahr 1637, der sich heute im Archiv
des Karmel in Echt befindet, sagt z. B.: Der
kleine Jesus schenkt Ihnen einen liebenden Blick,
mit dem er Ihr liebendes Herz segnen will und
bewirken möchte, daß Sie immer mit ihm vereinigt
leben.
Wir können uns sehr leicht eine Vorstellung machen, welcher Art die Zettel für den ersten Adventssonntag waren, da im Karmel von Lüttich-Potay bis heute die gleiche Übung aufrechterhalten geblieben ist. Es heißt dort: Advent des Herrn. Denk daran, warum Er kommt. Und dann folgt eine Reihe je verschiedener Anmutungen anstatt des «warum Er kommt». Man liest z. B.: Denk' daran, mit welchem Gehorsam Er kommt, oder mit welcher Unterwerfung. Auf den Zetteln für den 18. Dezember erfolgt das Spiel in umgekehrter Reihenfolge. Eine jede Tugend wird in Beziehung zum Jesuskind gesetzt: Der Glaube wird Es anbeten, die Hoffnung wird Es finden, die Geduld wird Es besitzen, usw.
Es sind alles rührend einfache Übungen, die
vom liebenden Suchen des Karmels nach
einer Antwort auf seine Sehnsucht zur Vereinigung
mit Christus zeugen. Die einzelne Karmelitin
hatte sich bewußt dem Mysterium Verehrung zugewandt,
weil sie überzeugt war, so am leichtesten die
Möglichkeit des Verbleibens in den von Christus
vorgezeichneten Tugenden während des täglichen
Lebens zu finden. In Antwerpen und Lüttich ist
es noch heute Brauch, jeden Monat vom 16.
bis 25. eine Novene zu Ehren des Jesuskindes
abzuhalten. Welch anderem Zweck dient sie,
als im Herzen eine ständige Adventsstimmung
aufrechtzuerhalten?
Damit beginnt bereits am Ende des 17. Jahrhunderts
sich eine Form des karmelitischen
Lebens anzubahnen, die später als der «kleine
Weg» bezeichnet worden ist. Nicht mehr so sehr
das Außergewöhnliche und Wunderbare des Jesuskindes
und seiner Statuen war es, das den deutschen
Karmel erfüllte. Er wollte vielmehr durch Nachahmung
der Kindestugenden des Herrn zu einer neuen
inneren Haltung heranwachsen, die ihn eine Art
Lebensnorm bedeutete. Ihre Ausgestaltung blieb
aber erst dem 19. Jahrhundert und vor allem
der großen Heiligen der modernen Zeit, der kleinen
hl. Theresia von Lisieux, vorbehalten.
«Weihnacht im Karmel! Man könnte auch sagen: Himmel auf Erden! Edith feierte sie zum erstenmal mit, diese selige Nacht, die einzige im ganzen Jahr, wo im Karmel das Stillschweigen aufgehoben ist, wo es in allen Gängen und Räumen, auf allen Treppen und Stiegen musiziert und jubiliert, in allen Ecken und Winkeln die Kripplein aufgebaut sind, eins schöner und lieblicher als das andere. Diese Hl. Nacht, wo man statt mit der schnarrenden Ratsche mit silbernen Glöcklein und Engelsliedern geweckt wird, daß man wirklich meint, auf den Fluren Bethlehems geschlafen zu haben und nun eilt, schneller als die Hirten, ins Präparatorium zu kommen. Da stehen schon die Schwestern in weißen Mänteln und warten darauf, daß die Glocken zum drittenmal läuten und das Zeichen gegeben wird zum Einzug in das lichterstrahlende Chor.
Was im Chor der Schwestern symbolhaft angedeutet
wurde, soll nun Wirklichkeit werden. Das Christkind
kommt auf die Welt. Es kommt herab auf den Altar.
Es kommt herein in die Krippe unseres Herzens.
Ave Jesus! Der Priester erteilt den Weihnachtssegen
mit dem hochwürdigsten Gut. Die Leviten verlassen
den Altar. Die zweite und dritte Messe folgen.
Jetzt darf das Volk zu Wort kommen und die alten
trauten Weisen anstimmen... Nach dem letzten
Amen leert sich die Kirche.
Nun regt es sich wieder im Schwesternchor. Die
Laudes beginnen im hohen Sangeston. Die Bräute
des Herrn können es an der Krippe nicht mehr
erwarten, bis die erhabene Liturgie beendet
ist und sie in ihrer deutschen Muttersprache
die Liebe ihrer Herzen aussingen können. Flöten
und Lauten bilden die Begleitung. Wer denkt
an Schlaf? Wer an Erquickung des Leibes? Bis
zuletzt die ehrwürdige Mutter mit der Aufforderung:
«Ihr Kinderlein kommet...» das Zeichen zum Aufbruch
gibt»".
Diese tiefergreifenden Weihnachtsbräuche, die im letzten ja nur dem Ziel des Karmels, das Leben Christus immer gleichförmiger zu gestalten, dienen, hatten einen tiefen Eindruck auf Sr. Teresia Benedicta a Cruce, wie Edith Stein mit ihrem Ordensnamen hieß, hinterlassen. Einige Jahre später schrieb sie: «Das innere Leben ist die tiefste und reinste Quelle des Glückes für die ihre Karmelitin. Aber die hl. Mutter hat ihre Töchter noch mit anderen Freuden beschenkt. Ihre Liebe zum Heiland war Liebe zum Gottmenschen, und sie hat die Andacht zur heiligsten Menschheit in den mannigfachsten Formen ausgebaut und im Karmel heimisch gemacht. Nirgends kann die Hl. Nacht und die ganze Weihnachtszeit schöner und freudenreicher begangen werden.»
Wie ein gewaltiger Spiegel hatte das äußere Symbol der Weihnacht, seine mannigfache Gestaltung in alten Formen und Bräuchen, das Licht des inneren Geschehens des Inkarnationsmysteriums in ihre Seele zurückgeworfen und sich in ihr immer mehr in Wort und Bild gedrängt: Das Kind in der Krippe hatte sich ihr als der eigentliche König der Welt enthüllt. So regte sie ein Bild des Prager Jesulein an, den Gedanken der Weltherrschaft des hl. Kindes zu formulieren.
«Gestern kam mir vor dem Bildchen des Prager Jesulein auf einmal der Gedanke», schreibt sie in einem Brief, «daß es ja den kaiserlichen Krönungsstaat trägt und sicherlich nicht zufällig gerade in Prag mit seiner Wirksamkeit zum Vorschein gekommen ist. Prag ist ja doch Jahrhunderte hindurch der Sitz der alten deutschen bzw. römischen Kaiser gewesen und macht einen so majestätischen Eindruck, daß sich keine andere Stadt, die ich kenne, damit messen kann, auch Paris und Wien nicht. Das Jesulein kam gerade, als es mit der politischen Kaiserherrlichkeit in Prag zu Ende ging. Ist es nicht der «heimliche Kaiser», der einmal aller Not ein Ende machen soll? Er hat ja doch die Zügel in der Hand, wenn auch die Menschen zu regieren meinen.»
Gott hatte Edith Stein ein befruchtendes Eindringen
und gnadenhaftes Erkennen des
Inkarnationsmysterium geschenkt. In einem
Vortrag, den sie 1930, also vor ihrem Eintritt
in den Karmel, verfaßte und «Weihnachtsgeheimnis»
nannte, wird das leise Vibrieren ihrer vor der
Geburt Christi zutiefst erfaßten Seele offenbar
und verbirgt sich das demütige Bekenntnis eines
vom göttlichen Kind empfangenden und erwählten
Menschen. Sie kannte die Werke der hl. Theresia
von Avila und war von ihrer christozentrischen
Mystik innerlich stark berührt. Doch läßt sich
wohl kaum von hier aus ein Einfluß suchen. Es
war vielmehr die Erfüllung der Messiashoffnung
des Alten Bundes, die ihr in der Menschwerdung
Christi entgegen leuchtete. Das «Jerusalem,
frohlocke mit großer Freude, denn Dein Heiland
kommt zu Dir!» war ihr beglückende Wirklichkeit geworden. Und von der Geburt des Gottessohnes
ging sie zur Gotteskindschaft über.
Sie beginnt mit dem Antagonismus von Licht und Dunkel oder von Gut und Böse. «Wo ist der Friede auf Erden? Friede auf Erden denen, die guten Willens sind. Aber nicht alle sind guten Willens. Darum mußte der Sohn des Ewigen Vaters aus der Herrlichkeit des Himmels herabsteigen, weil das Geheimnis der Bosheit die Erde in Nacht gehüllt hatte. Finsternis bedeckte die Erde und Er kam als Licht, das in der Finsternis leuchtet, aber die Finsternis hat Ihn nicht begriffen. Die Ihn aufnahmen, denen brachte Er das Licht und den Frieden; den Frieden mit dem Vater im Himmel, den Frieden mit allen, die gleich ihnen Kinder des Lichtes und Kinder des Vaters im Himmel sind, und den tiefen inneren Herzensfrieden; aber nicht den Frieden mit den Kindern der Finsternis. Ihnen bringt der Friedensfürst nicht den Frieden, sondern das Schwert. Ihnen ist Er der Stein des Anstoßes, gegen den sie anrennen und an dem sie zerschellen. Das ist eine schwere und ernste Wahrheit, die wir uns durch den poetischen Zauber des Kindes in der Krippe nicht verdecken lassen dürfen. Das Geheimnis der Menschwerdung und das Geheimnis der Bosheit gehören eng zusammen. Gegen das Licht, das vom Himmel herabgekommen ist, sticht die Nacht der Sünde um so schwärzer und unheimlicher ab.
Das Kind in der Krippe streckt die Händchen aus und Sein Lächeln scheint schon zu sagen, was später die Lippen des Mannes gesprochen haben: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Und die Seinem Ruf folgen, die armen Hirten, denen auf den Fluren von Bethlehem der Lichtglanz des Himmels und die Stimme des Engels die frohe Botschaft verkündeten, und die darauf treuherzig ihr: ,Laßt uns nach Bethlehem gehen sprachen und sich auf den Weg machten; die Könige, die aus fernem Morgenland im gleichen schlichten Glauben dem wunderbaren Stern folgten, ihnen floß von den Kinderhänden der Tau der Gnade zu und sie ,freuten sich mit großer Freude'. Diese Hände geben und fordern zugleich: ihr Weisen, legt eure Weisheit nieder, und werdet einfältig wie die Kinder; ihr Könige, gebt eure Kronen und eure Schätze und beugt euch in Demut vor dem König der Könige; nehmt ohne Zögern Mühe und Leiden und Beschwerden auf euch, die Sein Dienst erfordert. Ihr Kinder, die ihr noch nichts freiwillig geben könnt, euch nehmen die Kinderhände euer zartes Leben, ehe es noch recht begonnen hat: es kann nicht besser angewendet werden, als aufgeopfert zu werden für den Herrn des Lebens. ,Folge mir nach', so sprachen die Kinderhände...
| Vor dem Kind in der Krippe scheiden sich die Geister. |
Er ist der König der Könige und der Herr über Leben und Tod. Er spricht Sein ,Folge mir', und wer nicht für Ihn ist, ist wider Ihn. Er spricht es auch für uns und stellt uns vor die Entscheidung zwischen Licht und Finsternis.»
In der Nachfolge des göttlichen Kindes sieht
Edith Stein den Weg zum «Einssein mit Gott»
und zum «Einssein in Gott» in der Einheit des
mystischen Leibes.
«Legen wir unsere Hände in die Hände des göttlichen Kindes, sprechen wir unser ,Ja' zu Seinem ,Folge mir', dann sind wir Sein, und der Weg ist frei, daß Sein göttliches Leben auf uns übergehen kann.
Das ist der Anfang des ewigen Lebens in uns. Es ist noch nicht seliges Gottschauen im Glorienlicht; es ist noch Dunkel des Glaubens, aber es ist nicht mehr von dieser Welt, es ist schon Stehen im Gottesreich... Das göttliche Leben, das in der Seele entzündet wird, ist das Licht, das in die Finsternis gekommen ist, das Wunder der Hl. Nacht. Wer es in sich trägt, der versteht, wenn davon gesprochen wird. Für die anderen aber ist alles, was man darüber sagen kann, ein unverständliches Stammeln. Das ganze Johannes-Evangelium ist ein solches Stammeln von dem ewigen Licht, das Liebe und Leben ist. Gott in uns und wir in Ihm, das ist unser Anteil am Gottesreich, zu dem die Menschwerdung den Grund gelegt hat.»
Gotteskindschaft ist für sie «das ganze Christusleben durchleben», das in Bethlehem beginnt und auf Golgotha endet. Gott ist ja Mensch geworden, «um uns aufs neue teilhaben zu lassen an Seinem Leben». «Nun ist das göttliche Kind zum Lehrer geworden und hat uns gesagt, was wir tun sollen. Um ein ganzes Menschenleben mit göttlichem Leben zu durchdringen, genügt es nicht, einmal im Jahr vor der Krippe zu knien und sich von dem Zauber der Hl. Nacht gefangen nehmen zu lassen. Dazu muß man das ganze Leben lang in täglichem Verkehr mit Gott stehen, auf die Worte hören, die Er gesprochen hat und die uns überliefert sind, und diese Worte befolgen.
«Das Wort ist Fleisch geworden.» Das ist Wahrheit
geworden im Stall zu Bethlehem. Aber
es hat sich noch erfüllt in einer anderen Form.
«Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt,
der hat das ewige Leben.» Der Heiland, der weiß,
daß wir Menschen sind und Menschen bleiben,
kommt unserer Menschheit auf wahrhaft göttliche
Weise zu Hilfe. Wie der irdische
Leib des täglichen
Brotes bedarf, so verlangt auch das göttliche
Leben in uns nach dauernder Ernährung.
«Dieses ist das lebendige Brot, das vom Himmel
herabgekommen ist.» Wer es wahrhaft zu seinem
täglichen Brot macht, in dem vollzieht sich
täglich das Weihnachtsgeheimnis, die Menschwerdung
des Wortes.»
Menschwerdung Christi, Eucharistie und Erlösung
am Kreuz. Auf dieser Linie bewegt
sich das Leben des Gotteskindes. «Die Opferhandlung
prägt uns immer wieder das Zentralgeheimnis
unseres Glaubens ein, den Angelpunkt der Weltgeschichte,
das Geheimnis der Menschwerdung und Erlösung...
Die Mysterien des Christentums sind ein unteilbares
Ganzes. Wenn man sich in eines vertieft,
wird man zu allen anderen hingeführt. So führt
der Weg von Bethlehem unaufhaltsam nach Golgotha,
von der Krippe zum Kreuz.
Als die heiligste Jungfrau das Kind zum Tempel
hintrug, da ward ihr geweissagt, daß ihre
Seele ein Schwert durchdringen werde, daß dieses
Kind gesetzt sei zum Fall und zur Auferstehung
vieler, zum Zeichen, dem man widersprechen würde.
Es ist die Ankündigung des Leidens, des Kampfes
zwischen Licht und Finsternis, der sich schon
an der Krippe zeigte!
In manchen Jahren fallen Lichtmeß und Septuagesima [früher Beginn der Vorfastenzeit] fast zusammen, die Feier der Menschwerdung und die Vorbereitung auf die Passion. In der Nacht der Sünde strahlt der Stern von Bethlehem auf. Auf den Lichtglanz, der von der Krippe ausgeht, fällt der Schatten des Kreuzes. Das Licht erlischt im Dunkel des Karfreitags, aber es steigt strahlender auf als Gnadensonne am Auferstehungsmorgen. Durch Kreuz und Leiden zur Herrlichkeit der Auferstehung ist der Weg des fleischgewordenen Gottessohnes. Mit dem Menschensohn durch Leiden und Tod zur Herrlichkeit der Auferstehung zu gelangen, ist der Weg für jeden von uns, für die ganze Menschheit.»
Schwester Teresia Benedicta war diesen Weg gegangen. Eines ihrer letzten Worte aus dem Konzentrationslager in Westerbork war:
«Das liebe Jesuskind ist auch hier unter uns.» Begleitete sie geheimnisvoll seine Gegenwart auf der letzten Reise nach Osten, Gott entgegen? Wir wissen es nicht. Aber vielleicht dürfen wir es annehmen. Hatte nicht auch ihr Leben von Bethlehem nach Golgotha geführt und war nicht auch ihr Licht in der Todesnacht des Karfreitags verloschen, sehnsüchtig bangend nach dem Glockenschlag des Auferstehungsmorgens?
So reiht sich Edith Stein in die Schar «heiliger»
Männer und Frauen des Karmels, denen sich im
Geheimnis des Weihnachtslichtes Gottes weltüberwindende
Liebe offenbarte. Nicht durch Erscheinungen
oder wundersame Worte enthüllte sich ihr Gott
in Menschengestalt als zartes Kind in der Krippe,
aber in Gnadengaben, die das Innere erfaßten
und ihr Denken in den Bereich des Übernatürlichen
stellten. Und in schlichter Demut und glaubender
Hingabe beugte auch sie sich mit den Hirten
vor dem göttlichen Kind, um sich wie Theresia
von Avila
«in den Dienst der Liebe zu begeben». Sie wurde
1999 heiliggesprochen.
Naturgemäß wirkte sich die allgemeine Restauration auch auf das geistliche Leben und seine Ideale aus und so ging es gerade im reformierten Karmel um eine bewußte Wiederbelebung seiner theresianischen Spiritualität. Wenn auch die Formen barocker Frömmigkeit verschwunden blieben und ein gesunder Realismus das religiöse Leben des Ordens zu bestimmen begann, so hieß das für den Karmel durchaus nicht, auf die Innigkeit seines Empfindens und auf den Willen, sich in der Einsamkeit und inneren Einkehr mit dem Geliebten zu vereinen, verzichten zu müssen. Im Gegenteil, unabhängig von allen in andere Richtung fließenden geistigen Strömungen lebte im Karmel die Liebesmystik in ungetrübter Frische fort und brachte Blüten reinster Christusliebe hervor, die sich nicht zuletzt im Geheimnis der Kindheit des Herrn konzentriert haben.
Die Reihe jener Gestalten des französischen Karmels im 19. Jahrhundert, die das Erlösungswerk des zum Kind gewordenen Gottes bis in die letzten Fasern ihres Seins erspürten, wird durch P. Augustin-Maria vom hlst. Sakrament eröffnet, der als Künstler und Komponist unter seinem weltlichen Namen Hermann Cohen bekannt ist. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts bezauberte der «melancholische Putzi», wie ihn George Sand getauft hatte, als Lieblingsschüler des großen Franz Liszt das Pariser Publikum. Nach seiner Bekehrung von einem glaubenslosen und lockeren Künstlerleben, - er stammte aus einer jüdischen Familie, die in Hamburg ansässig war -, zog ihn die Gnade mit unwiderstehlicher Kraft zum Karmel. Und er, der selbst schon als ein Kind durch sein geniales Pianospiel die Welt zu seinen Füßen sah, kniete jetzt, nicht mehr als 15 Jahre später, als dreißigjähriger Mann und kleiner Novize vor einem Jesuskind in Broussay, in dem ersten, 1839 durch einen spanischen Pater in Frankreich wiederhergestellten männlichen Karmel.
«Verkoste nur einmal die Andacht zum Jesuskind», lesen wir in einem seiner Briefe an den Grafen Cuers, vom 30. Dez. 1849. «Sie bringt Glück und entreißt die Seele allen irdischen Gedanken. Unser Noviziat steht unter dem Schutz des Jesuskindes. Während des Adventes besucht eine kleine Statue des Jesuskindes täglich einen der Novizen und bleibt während vierundzwanzig Stunden in dessen Zelle. Jeder errichtet ihm ein Altärchen und bereitet sich so auf das Weihnachtsfest vor. Das Jesuskindlein wird Dir Glück bringen, wenn Du Ihm eine besondere Andacht weihest. Es ist reizend! Ich habe Ihm auch ein Weihnachtslied komponiert, das am Abend, in den außergewöhnlichen Rekreationen dieser Festzeit, gesungen wird.»
Was sein Herz aufjubeln machte, das formte sich
in ihm zu Lied und Ton. Sein
«Weihnachtscanticum», das er für diese erste
Hl. Nacht im Karmel komponierte, verrät die
unaussprechliche Tiefe inneren Erlebens, die
seine feinfühlende Künstlernatur mit glühender
Liebe durchbebte. Sein Antlitz strahlte vor
Freude, wenn er den Namen des Jesuskindes nennen
hörte, berichtet sein Novizenmeister. Er war
ein Tor der Liebe Jesu geworden. Und er wollte
auf alle, die ihm nahestanden, diese Torheit
der Liebe ausdehnen. «Ich wünsche, daß das Jesuskind
Sie so sehr in Liebe entbrennen lasse, daß Ihr
Herz zu Asche werde», schrieb er an Schwester
Maria Pauline de Fougerais.
«Dieses liebenswürdige Kind hat uns in Wahrheit den Kopf verdreht; wir sind ganz närrisch mit Ihm geworden! Es ist ein kleiner, geschickter, listiger Jäger, der uns in seinen Netzen gefangen und uns das Herz gestohlen hat. Möge Er es niemals mehr zurückgeben!... Seien wir närrisch mit dem Jesuskind! Ist Es nicht um unseretwillen zum Toren geworden? Tun auch wir ein Gleiches!» Nicht weniger als zu P. Augustin hatte der Stall von Bethlehem mit seinem tiefen Schweigen und wunderbaren Geheimnissen unermeßlicher Liebe des menschgewordenen Gottes zu Schwester Maria vom hl. Petrus gesprochen. Von ihr führt ein direkter Weg zur kleinen Heiligen von Lisieux, die ein Kind Gottes sein wollte und als Kind Gottes gelebt hat, um der Welt die Botschaft vom Kindsein in einmaliger Schönheit zu vermitteln. Nicht zuletzt, um noch eine der vielen Karmelitinnen zu nennen, die nach Theresia vom Kinde Jesu den kleinen Weg geistiger Kindschaft eingeschlagen haben, war das Weihnachtsmysterium mit seinem wunderbaren Licht in Schwester Marie-Aimee von Jesus aufgeleuchtet und hatte mit seinen Strahlen ihr Inneres in gnadenhaftem Erkennen durchzittert. Sie wollte das große Angebot Gottes verkünden: Die Ihn aber aufnahmen, denen gab Er die Macht, Kinder Gottes zu werden.
Nachdem die sel. Mutter Anna vom hl. Bartholomäus am 14. Jan. 1605 den Karmel von Pontoise gegründet hatte, kehrte sie im September des gleichen Jahres wieder nach Paris zurück, wo sie zweieinhalb Jahre lang dem ersten Karmel als Priorin vorstand. Von dort aus lenkte sie 1608 ihre Schritte nach Tours, wo sie bis zum Jahr 1611, als man sie nach Flandern rief, als Priorin blieb.
Am 18. Mai 1608, also kaum vier Jahre nach der Gründung des ersten theresianischen Taubenschlags in Paris, hielten die Nonnen in dem neuen Klösterlein ihren Einzug, und am selben Tag, es war der Sonntag nach Christi Himmelfahrt, wurde das allerheiligste Sakrament in die Kapelle getragen. M. Anna vom hl. Bartholomäus bat den Herrn, Er möge über dieses Haus, über die Schwestern und über alle, die dieses Kloster bewohnen würden, seinen himmlischen Segen ausgießen. «Dieser anbetungswürdige Meister», sagte sie darauf, «versicherte mir ganz fest, daß Er meine Bitte erhören würde». Die Geschichte des Karmels von Tours sollte zeigen, daß es wahrhaft niemals an einem besonderen göttlichen Beistand gefehlt hat.
Von Anfang an ging von der Neugründung ein solcher
Ruf von Heiligkeit aus, daß viele
junge Mädchen aus den höchsten Ständen und aus
weiter Ferne um die Gunst baten, aufgenommen
zu werden. Als M. Anna vom hl. Bartholomäus
Tours verließ, gab sie den Schwestern ihren
weißen Mantel und mit diesem, wie einst Elias
seinem Schüler Elisäus, gewiß auch etwas von
ihrem Geist, denn die Karmelitinnen von Tours
zeichneten sich immer durch eine unverbrüchliche
Treue im Gehorsam und durch ein sorgfältiges
Bemühen aus, den Geist der hl. Theresia von
Avila rein und unversehrt zu bewahren.
Trotz der verheerenden Wirkungen des Jansenismus, der überall in Frankreich die katholische Frömmigkeit bedrohte, hat der Karmel von Tours stets einen unverfälschten Glauben bewahrt und die Bestimmung der hl. Kirche in demütiger Unterwerfung angenommen. Auch die Revolution vermochte den Glaubensmut der neunzehn Profeßschwestern nicht zu schwächen. Nicht eine einzige zeigte sich ihres Berufes unwürdig. Allen Herausforderungen der Beamten zuwider beriefen sie sich auf Gott und ihre Ordensgelübde. Als diese feststellen mußten, daß ihre Drohungen und Schmähungen erfolglos blieben, vertrieben sie die Nonnen aus ihrem Kloster, um sie bald darauf zu verhaften und ins Gefängnis zu bringen, wo sie achtzehn Monate lang Unbeschreibliches erlitten. Als sich die Gewitterwolken der Revolution verzogen hatten, konnten sie wieder ihr Klosterleben aufnehmen. Aber erst 1822, also nach 24 Jahren, gelangten sie in den Besitz ihres alten Klostergebäudes, dessen Kirche 6 Jahre als Vorratsraum gedient hatte. Zum Glück war der Hochaltar mit seinem Gemälde, das das Geheimnis der Menschwerdung darstellte, unter dessen Titel der Karmel von Tours errichtet worden war, erhalten geblieben. Die allerseligste Jungfrau hatte über das ihrem Namen geweihte Gebäude sichtbar gewacht.
Als Schwester Maria vom hl. Petrus, Perrine (Petronella) Eluère, im Karmel von Tours eintrat, waren erst siebzehn Jahre verflossen, seitdem die Kommunität nach der Revolution in ihr Kloster zurückgekehrt war. Noch lebten unter ihnen die Erinnerungen an die Tugendbeispiele der Schwestern, und einige der alten Mütter konnten durch ihre Erzählungen von den Schreckensjahren mithelfen, daß der gute, alte Karmelgeist sich frisch und unangetastet erhielt und fortgepflanzt wurde.
Schwester Maria vom hl. Petrus war am 4. Okt. 1816 in der Rennes in der Bretagne geboren. Ihre Eltern, die einer gut katholischen Arbeiterfamilie angehörten, waren Christen vom «alten Schlag» und sorgten für eine gute Erziehung. In den zwei Jahren, in denen sie eine Schule besuchte, lernte sie ein wenig lesen und schreiben. Aber trotz guter natürlicher Anlagen kam sie nicht über den gewöhnlichen Bildungsgrad ihrer Zeit hinaus. Von zwei Tanten wurde sie ein wenig in weiblichen Handarbeiten unterwiesen, denn im Alter von zwölf Jahren war ihre Mutter gestorben. Sie flehte damals die allerseligste Jungfrau an, ihr fortan Mutter zu sein, wie sie es im Leben der hl. Theresia von Avila gehört oder gelesen hatte. Ihr kindliches Gebet blieb nicht unerhört. Ihr ganzes Leben lang durfte sie sich eines besonderen Schutzes Mariens erfreuen.
Maria vom hl. Petrus dachte schon als junges
Mädchen, sich Gott in einem Orden zu schenken.
Aber es mußten erst Jahre der Prüfungszeit vergehen,
in denen sie zu Füßen des Allerheiligsten um
Kraft rang und in der Liebe zum Herzen Jesu
reifte, zu dessen Verehrung sie ihre Umgebung
unentwegt anspornte, bis sich ihr am 13.
Nov. 1839 die Klausurpforte des Karmels von
Tours öffnete. Sie war überzeugt, daß der
hl. Martin, Bischof von Tours, ihr diese Gnade
erfleht hatte.
Bald erkannte sie, zu welchem Zweck sie Gott
in den Karmel gerufen hatte. Nicht nur um
ihrer Selbstheiligung willen hatte Er ihr die
Wege zum Eintritt geebnet, sondern damit sie
seine Ehre verteidige und für die Bedürfnisse
der hl. Kirche und das Heil der Seelen sich
hinopfere. «Eines Tages (nach der hl. Kommunion)
zeigte Er mir eine Menge Seelen, die in die
Hölle stürzten. Er äußerte den Wunsch, ich
möge mich Ihm ganz schenken und Ihm alles überlassen,
was ich mir an Verdiensten in meinem neuen Stande
erwerben könne, um damit seine Absichten zu
erfüllen. Er versicherte mir, daß Er für meine
Interessen Sorge trage und mir von seinen eigenen
Verdiensten mitteilen wolle... Ich hatte große
Lust, mich Ihm gleich ganz zum Opfer zu bringen.
Doch wollte ich diesen Akt nicht unmittelbar
vornehmen, sei es, daß ich darin dem Rat meines
göttlichen Meisters folgte oder weil ich fürchtete,
gegen den Gehorsam zu fehlen, und so unterbreitete
ich ihn erst unserer ehrwürdigen Mutter...
Da unsere ehrwürdige Mutter noch nicht wußte,
wie mich der Herr führte, schenkte sie
der Mitteilung einer Postulantin nicht viel
Glauben und verweigerte mir die Erlaubnis. Der
Herr begnügte sich einstweilen mit meinem guten
Willen. In der Folge gab Er mir aber öfters
ein, die gleiche Bitte erneut an meine Vorgesetzten
zu richten. Erst als ich die Erlaubnis erhalten hatte,
teilte Er mir das Werk der Sühne vollständig
mit.»
Maria vom hl. Petrus hat diesen ersten Anruf Gottes immer als Grundlage ihres Sühnewerkes betrachtet.
Das Leben dieser kleinen Karmelitin war durch einen starken Willen zur Hingabe und Läuterung gezeichnet, ein Wille, der von der Liebe zu Christus durchglüht wurde und danach verlangte, sich dem ihr immer mehr offenbarenden Licht bereitzustellen. Der Weg der Novizin begann bei dem Geheimnis des göttlichen Kindes. Und als sie am Ende ihres Lebens die Höhen des mystischen Ergriffenseins von Gott erklommen hatte, schaute sie wiederum die Geheimnisse göttlicher Liebe im Mysterium der Menschwerdung.
Dank der Aufzeichnungen ihres inneren Aufstiegs,
die sie trotz größtem Widerwillen im
Gehorsam und «mit Hilfe des Jesuskindes» machte,
wissen wir, daß sie bereits im Noviziat
«das Jesuskind und die hl. Familie fand, die
sie über alles liebte» und sich mächtig zu einer
inneren Verehrung des göttlichen Kindes hingezogen
fühlte. «Als ich im Karmel als Neuling, wie
ein kleines Kind, aufwuchs, regte mich der Herr
in ganz besonderer Weise zur Verehrung seiner
hl. Kindheit an. Er gab mir zu verstehen,
was ich zu seiner Ehre in diesem Stand tun könne.
So wurde mir für alle Tage des Monats eine bestimmte
Übung vorgeschrieben, die ich mit größter Freude
und mit Nutzen für meine Seele auch ausführte.
Ich betrachtete mich als die kleine Magd der
Hl. Familie. Und ich verlangte sehnlichst, das
Gewand der Muttergottes, das Kleid des Karmels
zu tragen.»
Am 21. Mai 1840 empfing sie in unbeschreiblicher
Seligkeit den weißen Schleier der Novizin.
«An diesem Tag», fährt sie in ihrem Bericht
fort, «weihte ich mich ganz und gar der HI.
Familie». Und sie bat inständigst um die
Gnade, sich «in Wahrheit rühmen zu können, ihre
Magd zu sein».
Seit dieser Ganzhingabe beseelte sie einzig
die Absicht, in allem, was sie tat, der Hl.
Familie
in Nazareth zu dienen. Der Gedanke des Dienens
vermehrte in ihr das Bewußtsein jener Unwürdigkeit,
die nur durch das Wirken göttlicher Gnade die
Tiefe der Seele ausfüllen kann. Sie fühlte sich
aber auch als empfangende Magd, die Gott ihre
Dankbarkeit zu Füßen legen wollte. Darum hatte
sie den Wunsch, das Eselein des Jesuskindes
zu werden. Wenn der königliche Prophet sich
vor Gott als Lasttier betrachtet hatte, so dürfte
sie sich wohl mit Recht diesen Namen zulegen.
Und wenn der Sohn Gottes aus Liebe zu uns so
arm geworden war, daß Er bei seinem feierlichen
Einzug in Jerusalem seine Jünger ausschickte,
um ein so geringes Lasttier zu suchen, so wäre
es ihr wohl erlaubt, sich Ihm in Zukunft für
diesen Dienst anzubieten. «O mein Erlöser, ich
möchte jetzt, da Du im Himmel bist, daß Du auf
Erden ein Eselein Dein eigen nennst, das zu
Deinem Dienst bereitsteht und Dir angehört,
und das Du nach Deinem Belieben auf allen Wegen
herumführen kannst.»
Entzückendes Spiel unschuldiger Liebe! Theresia
von Lisieux wollte der Ball des kleinen
Jesus sein, den Er nehmen oder wegwerfen konnte,
wie es Ihm gefiel. Maria vom hl. Petrus wollte
das geduldige Lasttier sein, das Ihn auf seinen
Reisen trug oder das göttliche Kindlein erwärmte.
Doch ihre Mutter Priorin wollte ihr nicht die Erlaubnis zu dieser Hingabe erteilen. Wohl war sie bereit, dem Jesulein den Esel zu «leihen», aber nicht, ihn ganz «abzutreten». So blieb Maria vom hl. Petrus nichts anderes übrig, als sich dem Herrn durch die Vermittlung Mariens und des hl. Josef als «geliehener Esel» vorzustellen. Diese Einfalt gefiel ohne Zweifel dem hl. Kind, denn Es begann sie geheimnisvoll in den Bereich des Wirkens von oben hineinzuziehen. Sie fühlte sich wunderbar von seiner Gnade erfaßt, so daß sie ihre Seele als den Stall von Bethlehem betrachtete, wo sie das göttliche Kind mit der allerseligsten Jungfrau und seinem Nährvater anbetete. Dort, in ihrem verborgensten Heiligtum, schenkte sie sich Ihm ganz als seine kleine Magd. Und das göttliche Kind leitete sie an, Es an jedem Tag des Monats durch eine Tugendübung zu verehren.
Doch schon in dieser Zeit begann sie erschreckend
den Pesthauch Satans zu spüren.
«Als er sah, wie ich damit beschäftigt war,
die Erniedrigung des menschlichen Wortes zu
verehren, ergrimmte er darüber voller Neid.
Eines Tages hatte ich eine Handlung verrichtet,
die ihm sichtbar mißfiel. Er wollte sich dafür
rächen. Als ich am Abend im Bett lag und einzuschlafen
versuchte, spürte ich plötzlich über meinem
Kopf ein dickes Tier, das mich zu ersticken
drohte. Ich dachte sogleich, daß es der Teufel
wäre. Seine Krallen durchwühlten meinen Kopf
und ich rief mit aller Kraft die allerseligste
Jungfrau um Hilfe an. Als ich ihren Namen
aussprach, ergriff er die Flucht. In einem Dankgebet
sang ich die anbetungswürdigen, Hölle so furchtbaren
Worte: «Et Verbum Caro Factum Est - [Und das
Wort ist Fleisch geworden]»... Obgleich ich
den Teufel nicht mit den Augen des Leibes gesehen
hatte, so spürte ich innerlich doch recht wohl,
daß dies kein Traum gewesen war. Satan wollte
ohne Zweifel das Eselein des göttlichen Kindes
ersticken. Aber die allerseligste Jungfrau war
ihm zu Hilfe geeilt.»
Die Andacht zum göttlichen
Kind blieb Schwester Maria vom hl. Petrus bis
zum letzten Augenblick ihres irdischen Daseins
teuer. Um Es nicht aus dem Auge zu verlieren,
hatte sie sich, so gut sie es vermochte, zwei
kleine Statuen in sinniger Weise angefertigt.
Die eine nannte sie ihren «Kleinen König», die
andere ihren «Armen König». Eine dieser beiden
Statuen trug sie immer bei sich, und noch auf
ihrem Sterbebett wußte sie die Gnaden des «Kleinen
Königs» treuherzig mit ihrer frommen und dankbaren
Liebe gegen die Wohltäter des Klosters
zu verbinden.
Der Ordensbrauch verlangte, daß Maria vom hl. Petrus sich dreimal im Kapitel vorstellen mußte, um zu den hl. Gelübden zugelassen zu werden. «Da kam ich auf den Gedanken», erzählt sie ein wenig schelmisch, «jedesmal eine kleine Frömmigkeitsübung zu verrichten, um desto sicherer zum Ziel zu gelangen und das göttliche Kind als himmlischen Bräutigam zu bekommen». Dabei wandte sie sich an den himmlischen Vater, an die Muttergottes und an den hl. Josef. Ihr sehnliches Verlangen wurde auch wirklich erhört. Am 8. Juni 1841 legte sie ihre Gelübde ab. Die Entscheidung unauflöslicher Hingabe war besiegelt. Hatte sie ihr Opfer nicht dem des Herrn vereint, der um uns von der Sünde loszukaufen, alles dem Vater hingeben wollte?
Für Maria vom hl. Petrus hatte eine neue Phase
ihres inneren Lebens begonnen. Nicht
mehr der eigene Wille, sondern einzig das Wollen
des göttlichen Kindes sollte von nun an ihre
Handlungen bestimmen. Trotz des Amtes der Windnerin,
das leicht Ursache zu Zerstreuungen sein kann,
beschloß sie ganz nach innen gerichtet zu leben.
Sie bat deshalb, eine Statue des göttlichen
Kindes nahe bei der Winde aufstellen zu dürfen,
um ständig an seine göttliche Gegenwart erinnert
zu werden. Als «ich das hl. Kind in unserem
Pförtnerhäuschen hatte, war ich einfach überglücklich»,
lesen wir in ihren Aufzeichnungen.
«Alle kleinen Arbeiten opferte ich Ihm auf, und als Gegenleistung flehte ich Es um Seelen an. Trotz meiner Unwürdigkeit verlieh mir das göttliche Kind alle die zu meinem Amte notwendigen Gnaden, so daß nichts mein inneres Leben hinderte und mich auch nichts abhielt, so wie früher während des Gebetes mit Gott vereint zu bleiben. Während des Tages arbeitete ich für das Heil der Schäflein des göttlichen Kindes, und beim Gebet vergalt Es mir hundertfach meine Mühe. Manchmal, wenn ich seine Nähe fühlte, ließ ich meine Arbeit einen Augenblick ruhen, um Ihm in größerer Sammlung zuzuhören. Doch dann glaubte ich, dazu die Erlaubnis erhalten zu müssen und ich bat die ehrwürdige Mutter darum. In ihrer mütterlichen Liebe zu meiner Seele, die nichts unterlassen wollte, um mich in der Tugend zu üben, verbot sie mir jedoch, mich bei diesen inneren Gnadenwirkungen aufzuhalten und fügte hinzu: Nur wenn Du ganz zerstreut bist, erlaube ich Dir, Dich ein wenig zu sammeln.»
Dieses mütterliche Verbot war aber keineswegs
ein Hindernis für Gott, sie immer mächtiger
mit seinem Geist zu durchdringen und sie drängender
die Bitten des Herrn fühlen zu lassen, sich
Ihm im Akt vollkommener Hingabe auszuliefern,
so wie Er es von ihr kurz nach ihrem Eintritt
in den Karmel gefordert hatte.
Er offenbarte ihr, was seinem Herzen am meisten mißfiel und seinen gerechten Zorn herausforderte. Wie sehr verlangte Er nach Sühne! Sie sollte sein göttliches Herz durch Akte und Gebete, die Er ihr selbst eingab, trösten.
Im August 1843 hörte sie Ihn bitterlich klagen: »Überall wird mein Name entheiligt. Selbst die Kinder lästern Gott! Viel tiefer und schmerzlicher verwundet mein göttliches Herz diese verabscheuungswürdige Sünde als ein jedes andere Verbrechen. Der Gotteslästerer flucht mir ins Antlitz. Er übt offene Feindschaft gegen mich. Er macht mein Werk der Erlösung zunichte und spricht sich selbst das Urteil der Verwerfung und ewigen Verdammnis. Die Gotteslästerung ist ein giftiger Pfeil, der immerdar in meinem Herzen haftet. Ich will dir daher einen goldenen Pfeil geben, mit dem Du Wunden der Liebe schlagen sollst, die jene Wunden heilen, die die Bosheit der Sünder (meinem Herzen) geschlagen hat». Und sie sah, wie aus dem Herzen Jesu, das der goldene Pfeil des Gebetes getroffen hatte, Ströme der Gnade zur Bekehrung der Sünder hervorquollen. Unentwegt wollte ihr Herz daher wie dieser goldene Pfeil erklingen:
| «Es sei immerdar gelobt, gesegnet, angebetet und verherrlicht der allerheiligste, anbetungswürdige, und unaussprechliche Name Gottes, im Himmel, auf Erden und unter der Erde, von allen Geschöpfen, die aus Gottes Hand hervorgegangen sind und durch das allerheiligste Herz unseres Herrn Jesus Christus im hochheiligen Sakrament des Altares. Amen!» |
Der Herr gab ihr zu verstehen, daß sie zu jeder Stunde des Tages den goldenen Pfeil des Gebetes zur Sühne der Gotteslästerungen abschießen solle. Dann erfuhr sie die Gnade häufiger göttlicher Mitteilungen, in denen sie mit dem furchtbar ernsten Werk der Sühneleistung für die Gotteslästerungen beauftragt wurde. Sie war auserwählt, die Sühneandacht unter ihren Schwestern und auch in der Welt zu verbreiten. Am 24. November hörte sie die Worte des Herrn: Bis jetzt habe ich dir die Absichten meines göttlichen Herzens nur teilweise geoffenbart. Heute sollst du sie ganz erfahren. Die Erde ist von Missetat überflutet. Der Frevel wider die drei ersten Gebote Gottes hat meinen Vater erzürnt. Lästerungen des allerheiligsten Namens Gottes und die Entheiligung des Sonntags machen das Maß der Verbrechen zum Überfließen voll. Die Sünden sind bis zum Thron Gottes emporgestiegen und fordern seinen ganzen Zorn heraus, der sich über die schuldbeladene Menschheit ergießen wird, wenn sie seiner Gerechtigkeit nicht Sühne leistet. Niemals war das Maß der Sünden so voll. Darum wünsche ich, daß ein kirchlich gutgeheißener und wohlgeordneter Verein gebildet werde, der den Namen meines Vaters ehren will.» Und am Schluß schien der Herr ihr in unbeschreiblicher Zärtlichkeit zu sagen: «An wen sollte ich mich denn wenden, als an eine Karmelitin, deren Lebensaufgabe darin bestehen muß, immerfort meinen Namen zu verherrlichen», wobei Er darauf hinwies, daß Er durch dieses Sühnewerk Barmherzigkeit an den Sündern üben werde.
Am Weihnachtsfest 1843 legte Maria vom hl. Petrus das langersehnte Gelübde in die Hände der allerseligsten Jungfrau, sich dem Herrn rückhaltlos zur Erfüllung seiner Absichten hinzugeben und bat sie, die Mutter aller Gnaden, es dem neugeborenen Kindlein in Bethlehem aufzuopfern.
«O heiliges und liebenswürdiges Jesuskind. Der
heißersehnte Tag ist endlich angebrochen
und ich kann mich Dir, ohne gegen den Gehorsam
zu fehlen, in aller Freiheit ganz schenken.
Verfüge du frei über meine Seele, damit Deine
Absichten verwirklicht werden. Zwar bin ich
sehr unwürdig, Dir dieses Geschenk anzubieten,
doch es scheint mir, daß Du, o göttliches Kind,
es wünschest, und so reinige mein Opfer mit
den Tränen Deiner Kindheit und durch Dein kostbares
Blut. Zu Deinen Füßen, vor der Krippe, in dieser
denkwürdigen Nacht Deiner gnadenreichen Geburt,
o mein göttlicher Bräutigam, schenke ich mich
Dir nun ganz in völliger Freiheit... Gib, daß
ich von nun an, vereint mit Dir, mich mit dem
beschäftige, was den Dienst Deines himmlischen
Vaters betrifft, für die Ehre seines heiligsten
Namens.
O heiligstes Kind, Gott und Mensch zugleich, ich verzichte auf alles, was ich bin und schenke mich dir ganz zu eigen. Mache mit mir und in mir, was Dir gefällt, zur Verwirklichung Deiner Absichten. Ich bin Dein Eigentum, nimm mich ganz zu eigen. Ja, mein göttliches Kind, aus ganzem Herzen, aus Liebe zu Dir, entäußere ich mich für immer von allem. Bekleide Du mich in Deiner großen Barmherzigkeit mit dem Gewand Deiner Verdienste, damit ich am Tage des Gerichtes den Segen Deines himmlischen Vaters empfange.»
Neue Mitteilungen des Herrn erfüllten die folgenden Jahre. Er verlangte nicht nur einen gewöhnlichen Sühneverein, sondern eine Erzbruderschaft, die den Mittelpunkt ähnlicher Bruderschaften in den verschiedenen Diözesen Frankreichs bilden sollte. Er machte ihr Mut, selbst mit dem Erzbischof darüber zu sprechen. Doch dieser gab ihr wenig Hoffnung, da er viele Schwierigkeiten voraussah.
Um so inständiger wurde das Drängen des Herrn.
Er ließ sie die abgrundtiefe Wahrheit
verstehen, daß wir bei der Anbetung des heiligsten
Altarssakramentes unsere Huldigungen gleichsamdemhier
«sichtbaren» heiligsten Herzen Jesu zuwenden,
dessen unendliche Erbarmungen aus dem Sakrament
der Liebe quellen. In ganz ähnlicher Weise soll
uns beim Sühnewerk der Anblick des heiligsten
Antlitzes Abbild, Widerstrahl und sichtbarer
Ausdruck des leidenden und gelästerten Gottmenschen
sein und zu heiligem Liebeseifer anfachen.
Durch die Kraft seines verehrungswürdigen
Antlitzes, das wir dem Vater entgegenhalten,
sind wir imstande, seinen gerechten Zorn zu
besänftigen und die Bekehrung der Ruchlosen
und Gotteslästerer zu erwirken.
Gleich Veronika empfing sie die Gnade, daß der
Herr ihr sein heiligstes Antlitz zeigte:
«Ich gebe Dir mein göttliches Antlitz, damit
Du es durch Deine Huldigungen abtrocknest und
durch den Duft Deines Lobes verherrlichst.
Je mehr ihr Sorge tragen werdet, mein durch
die Gotteslästerer
verunstaltetes Antlitz wieder in seiner vollen
Schönheit herzustellen, umso mehr werde auch
ich für das eurige, das durch die Sünde entstellt
ist, Sorge tragen.
Ich werde ihm mein Bild aufdrücken und ihm jene
Schönheit wiedergeben, die es einst in der hl.
Taufe erhielt. Überlasse Dich ganz meinen Händen
und sei bereit, alles, was zur Wiederherstellung
dieses Bildes erforderlich ist, zu erdulden.»
Am 16. Juli 1847, am Fest Unserer Lieben Frau
vom Berg Karmel, wurde das Sühnewerk
kanonisch errichtet. Wie der Herr vorausgesagt
hatte, war es die Gottesmutter, durch deren
Vermittlung sich die Wege geebnet hatten. Die
Bestätigung erfolgte durch ein päpstliches Breve
vom 27. Juli des gleichen Jahres, und drei Tage
später erhob ein zweites Breve die Sühnebruderschaft
zur Erzbruderschaft. Es war ein Werk, das den
Bedürfnissen der Zeit entsprach. Hatte nicht
kurz zuvor die Muttergottes in La Salette
bittere Tränen geweint und Sühne gefordert?
Unvergleichlich rasch verbreitete sich die
Erzbruderschaft in der katholischen Welt, so
daß sie im gewissen Sinn die Quelle aller Sühnewerke
unserer Zeit wurde.
«erinnere Dich daran, daß Du meine Mutter bist und ich die kleine Schwester des Jesuskindes». Und Maria gab ihr zu erkennen, daß sie die «Tugenden seiner Kindheit nachahmen müsse». «Als ich mich einmal ein wenig davon entfernt hatte», gesteht sie. «verlor ich für acht Tage die Gegenwart der allerseligsten Jungfrau und des göttlichen Kindes. Aber dann habe ich mich vor Gott verdemütigt und an mein tiefes Elend gedacht. Er senkte ein lebhaftes Gefühl der Reue in mein Herz, und ich habe meine begangenen Sünden bitter beweint... Dann fand ich das Jesuskind an der Brust seiner heiligsten Mutter wieder.»
Einen Monat lang verbrachte sie in Vereinigung
mit den Engeln zu, um sich ungetrübt
der Betrachtung dieses lieblichen Geheimnisses
hinzugeben, das einen hl. Bernhard von
Clairvaux und einen Fulbert, den hl. Bischof
von Chartres, so wunderbar tief berührt hatte.
«Aus Gehorsam gegen seinen himmlischen Vater
liegt das Ewige Wort des Vaters schweigend an
der Brust seiner Mutter. Um des Vaters unbeschränkte
Macht anzuerkennen, ist Es sein kleines, hilfloses
Kind geworden, das sich von einer Milch nährt,
die sich bald in sein kostbares Blut verwandeln
und für das Heil der Welt vergossen werden wird.»
Maria vom hl. Petrus sieht in der Milch, die
die Nahrung der ersten Kindheit des Herrn ausmachte,
ein Sinnbild der Gnade und Barmherzigkeit, die
von der Mutter aller Gnaden
ausströmt.
Eines Tages, als sie die hl. Kommunion empfangen hatte, ermahnte sie das göttliche Kind, für die unreinen Seelen zu beten. «Ich habe Dich bereitet und rein gemacht. Jetzt gehe hin und suche mir die Seelen, damit ich über sie herrsche.» Das Jesuskind wollte von ihr, daß sie durch Nachahmung der Tugenden seiner heiligsten Kindheit und in seiner Gnade den Teufel des Hochmuts und der Unreinheit bekämpfe. Sie hatte zutiefst verstanden, daß das Geheimnis der Kindheit des Herrn, «so unbekannt es auch in der Welt sein mag, unsagbar groß, wunderbar und unaussprechlich ist. Seine Tiefe wird nur vom Jesuskind und von seiner lieben Mutter, der allerseligsten Jungfrau, ergründet werden... Ja, göttliches Kind, Du bist unserer Ehrerbietung und Anbetung genau so würdig, wenn Du an der Brust Deiner jungfräulichen Mutter (schlummerst), wie Du es im Schoß Deines ewigen Vaters bist. Du bist Gott in alle Ewigkeit und wirst es immer sein.»
Nicht nur zum Nutzen ihres eigenen religiösen Lebens war Maria vom hl. Petrus zur Teilnahme am lieblichen Geheimnis der Kindheit Jesu berufen. Wie ihre früheren übernatürlichen Erkenntnisse und Erfahrungen, so waren auch diese für das Wohl der ganzen Kirche bestimmt. Der himmlische Vater drohte der lästernden Welt mit Strafgerichten. Da trat zwischen Ihn und die Schuldbeladenen Maria, die Mutter der Barmherzigkeit. In La Salette hatte sie über die Verirrungen ihrer Kinder viele stille Tränen geweint. Die Stunde, um ihre gnadenspendenden Hände zu öffnen, war noch nicht gekommen. Jetzt aber, nachdem ein Anfang zur Sühneleistung gemacht worden war, erschien sie in Milde und Heiterkeit. Ihre Hände breiteten sich weit aus, um Fürbitte einzulegen und um die Menschheit zu segnen. Ein erquickender Gnadenstrom entquoll ihrer mütterlichen Brust.
«Der Herr hält mich immer dazu an, Ihn als Kindlein an der Brust seiner Mutter anzubeten. Dort erteilt Er mir wunderbare Belehrungen über die Mutterschaft der allerseligsten Jungfrau und ihre Beziehung zu den Menschen, die Er ihr zu Kindern gegeben hatte, als sie auf dem Kalvarienberg unter dem Kreuze stand... O Geheimnis der Güte und Liebe! Kaum daß Er uns unter den schrecklichsten Schmerzen am Kreuze geboren hatte, als Er uns alle als seine Kinder in die Arme Mariens legte, damit sie uns nähre und für das ewige Leben erziehe... Maria ist jener wunderbare Kanal, durch den seine unendlichen Verdienste der hl. Kirche, seiner Braut, zufließen.»
Immer neue Aspekte erschließen sich ihr im Kindheitsmysterium
Jesu. Sie versteht, daß
«der Mensch, solange er auf Erden weilt, sich
im Zustand der Kindheit befindet. Erst im
Himmel erreicht er das volle Mannesalter.
Er soll deshalb ohne Unterlaß wie ein kleines
Kind bei seiner Mutter Zuflucht nehmen.»
War es ihr nicht vorgekommen, daß der Herr ihr
eines Tages zugeflüstert hatte: «Ich will, daß
Du ganz klein seiest, aber daß Du ein großes
Herz besitzest»? Sie war wirklich ganz klein
vor Gott geworden. Darum erwählte Er sie, sich
in beglückenden Erkenntnissen anbetend über
«das ewige Wort in arme Windeln gewickelt» zu
neigen, das «im tiefen Schweigen ruht. Alle
die unendlichen Vollkommenheiten des lebendigen
Gottes sind unter der Hülle der Menschheit verborgen.
Der Allmächtige scheint in Ohnmacht versetzt
zu sein. Seine Größe so klein! O, welche Ehre
hat das Jesuskind seinem himmlischen Vater in
diesem Zustand der Armut und Erniedrigung erwiesen!...Welch'
glänzende Taten hätte Es vollziehen können schon
bei seinem Eintritt in die Welt. Es hat sie
sich versagt, um dem Vater zu gehorchen und
um uns ein Beispiel tiefer Demut zu geben.»
Niemals hat das göttliche Kind eine vertrauensvolle
Bitte abgewiesen. Auch Maria vom
hl. Petrus machte die gleiche Erfahrung:
«Eines Tages erkannte ich durch göttliche Erleuchtung, daß der himmlische Vater mir alles gewähren wird, wonach ich verlange, wenn ich Ihn im Namen des Jesuskindes an der Brust seiner Mutter darum bitten werde.»
Und wieder bricht es im Übermaß inneren Erkennens aus ihrer Seele: «O unaussprechliches Geheimnis! Derjenige, der ewig im Schoß des Vaters ruht, ist zugleich im Schoß einer demütigen Jungfrau zugegen. Auf diesem königlichen Lager, von Rosen und Lilien umgeben, bete ich Dich an, heiligstes Jesuskind. Meine Seele empfindet eine unsagbare Freude, wenn sie Dich in diesem goldenen Hause, das die ewige Weisheit gebaut hat, so wohl geborgen sieht.» «Da erwartet Dich das menschliche Geschlecht. Seit viertausend Jahren seufzte die ganze Natur nach Deiner glückseligen Geburt... Oh göttlicher Jesus, verlasse den jungfräulichen Kerker, in dem die Liebe Dich gefangen hält. Gib, daß ich Dich als kleines Kind umarmen kann...»
Unter verschiedenen Bildern und in immer neuen Wendungen kehrt Maria vom hl. Petrus stets auf das gleiche Thema zurück. Sie hatte gnadenhaft erkannt, daß das Muttersein Mariens sich als unerschöpfliche Quelle der Barmherzigkeit und Liebe auf alle Menschen erstreckt. Das Jesuskind, dem sie als demütige Magd gedient hatte und das sie manchmal ihren «kleinen Bruder» nannte, hatte ihr den Zugang zu diesem marianischen Geheimnis eröffnet, das zu dem Zartesten gehört, was Maria und ihr göttliches Kind betrifft. Ihre Liebe zum Jesuskind ließ sie jedoch niemals den Sühnegedanken vergessen. «Ich opfere Es dem himmlischen Vater in diesem Zustand der Schwäche und Erniedrigung auf, um Ihn in würdiger Weise zu verherrlichen», heißt es in ihren Aufzeichnungen.
Am letzten Weihnachtsfest, das sie auf Erden verlebte, beendet sie ihren Bericht mit einem Gebet zu ihrem kleinen Bräutigam: «O allerheiligstes und liebenswürdigstes Jesuskind! Ich danke Dir, daß Du mir geholfen hast, diesen kleinen Bericht zu Deiner Ehre und zur Ehre Deiner göttlichen Mutter zu verfassen. An diesem denkwürdigen Tag Deiner gnadenreichen Geburt lege ich ihn Dir zu Füßen und bitte Dich demütig, abermals von meiner Seele Besitz zu ergreifen. Ich will bis zum Ende meines Lebens Deine kleine Hirtin sein, die Deine Schafe hütet, und Deine kleine Magd, die Dir, wie Deine hl. Mutter dient. Ja, o göttliches Kind, himmlischer Bräutigam meiner Seele, ich verzichte auf alles, was ich bin und schenke mich Dir ganz. Verfüge Du über mich. Amen!»
Die letzte Mitteilung aus der Feder der kleinen Karmelitin aus Tours trägt das Datum 12. April 1848. Es sind ein paar schlichte Worte, die sie an ihre Mutter Priorin gerichtet hat. «Seit einigen Tagen habe ich mich von neuem in die Betrachtung der heiligsten Kindheit des menschgewordenen Wortes versenkt. Sie wissen, daß meine Seele sich diesem Geheimnis ganz hingegeben hat. Von Zeit zu Zeit führt mich Unser Herr zur Betrachtung der anderen Geheimnisse seines heiligsten Lebens. Aber der Stall von Bethlehem bleibt immer für mich ein Zentrum der Freude.
Am letzten Sonntag hat mir Unser Herr zu erkennen gegeben, daß sich viele gute Menschen mit der Betrachtung der Verdemütigungen seines Leidens beschäftigen, aber nur sehr wenige mit den Erniedrigungen seiner heiligsten Kindheit. Er möchte, daß ich mich ihr ganz hingebe, um durch seine Demut, seine Armut in der Krippe (...) den Geist des Hochmuts, des Ehrgeizes und der Unabhängigkeit zu bekämpfen. Auf diese Weise glaube ich, daß dem ewigen Vater das Antlitz des kleinen Jesus, um unserer Sünden willen mit Tränen bedeckt und in der Krippe verlassen, nicht weniger wohlgefällig sein wird als das Antlitz Jesu, mit Blut überströmt und am Kreuz verlassen. So opfere ich dieses göttliche Kind dem ewigen Vater auf...»
Eine Lungentuberkulose hatte Maria vom hl. Petrus
Schritt für Schritt ihren Kalvarienberg
ersteigen lassen. Am 7. Juli begann die letzte
Agonie. Am folgenden Morgen fragte sie ihre
Priorin: «Wann ist es soweit?» «Bald, noch einige
Augenblicke, mein Kind», war die Antwort. Bis
zum letzten Augenblick blieb sie bei Bewußtsein.
Gegen Mittag schloß sie ihre Augen für immer.
Sie war 31 Jahre alt, von denen sie nur
acht im Karmel verbracht hatte.
Sie hatte ihre Mission auf Erden vollendet. Das Werk der Sühneleistung war errichtet. Der Gedanke, durch die Verehrung des heiligsten Antlitzes Jesu die Gotteslästerungen wieder gutzumachen, hatte Verständnis gefunden und sollte auf die folgenden Jahrzehnte nachhaltig einwirken. Das Antlitz des Herrn fand sie aber nicht nur im Veronikabild. Es strahlte ihr in gleicher Weise im Stall zu Bethlehem entgegen, wenn sie die Tränen des Jesuskindes trocknen wollte, die über sein zartes Gesichtlein herab rannen. Von hier aus erklärt sich die innere Beziehung ihrer Andacht zur hl. Kindheit des Herrn. Gleichzeitig verwoben sie feine Fäden in den Schleier, der wundersam das mütterliche Verhältnis Mariens zum göttlichen Kind verbirgt. Nur die Unschuld eines reinen Herzens konnte unter diesen unsagbar zarten Harfenklängen vibrieren.
Damit hat der Weg der geistlichen Kindheit, den Theresia von Lisieux der Welt verkünden sollte, bereits im Leben Schwester Marias vom hl. Petrus eine vollständige Verwirklichung gefunden und wurde auch, wenigstens in seinen großen Linien, in den Berichten ihres inneren Lebens, dargelegt. Unsere Gegenwart kann in ihren Aufzeichnungen, in dem, was sie «Mitteilungen oder Erkenntnisse» nennt, vieles entdecken, was das Verständnis des Mysteriums der Kindheit Jesu befruchtend bereichern wird.
Im Noviziat des Karmels von Poitiers steht eine Statue des Jesuskindes aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, die so schwer ist, daß eine Person allein sie wohl kaum zwei Schritte zu tragen vermag. Eines Abends, spät nach der Mette, als sich die Schwestern bereits zur Ruhe begeben hatten, schritt M. Theresia von Jesus, die vor kurzem zur Priorin erwählt worden war, lautlos den langen Korridor zu dem entfernt gelegenen Noviziat entlang, bis sie bei der Jesuleinstatue angekommen war. Durch besondere Umstände war sie gezwungen, einer zarten und weniger gesunden Schwester eine Zelle anzuweisen, in der diese den Härten des Klimas ausgesetzt war. Das tat ihrem mitfühlenden Mutterherzen weh. Um der Schwester nun über die ersten Schwierigkeiten hinwegzuhelfen, war sie ins Noviziat geschlichen, um das schöne Jesulein in ihre Zelle zu tragen. Sie nahm alle ihre Kräfte zusammen, um sich die heilige Last aufzubürden. Und siehe da, «Liebe vermag alles!», wie Paulus sagt.
Sie erklomm die steile Stiege, und voll innerster Freude stellte sie das hl. Kind auf das kleine Zellentischlein, damit Es die neue Bewohnerin am folgenden Morgen begrüße. Zu seinen Füßen legte sie ein Brieflein, in dem sie geschrieben hatte: «Heiliges Kind Jesu, segne Du meine liebe Tochter, segne ihre Freuden und Leiden, die sie an diesem Orte haben wird. Wenn sie die Kälte fühlt, dann gib Du ihr die Gnade, daran zu denken, daß Du in der Nacht vom 24. zum 25. Dezember für sie so viel Kälte erduldet hast und vermehre ihre Liebe durch die Deine. Wenn sie unter der Hitze leidet, weil Deine Sonnenglut auf sie scheint, dann erinnere sie daran, daß Du für sie die Last des Tages und Deiner Reisen getragen hast.»
Obwohl Xaveria sich mit ihrem lebendigen und liebenswürdigen Wesen überall Freunde erwarb, hatte sie dennoch mit ihrem Charakter zu kämpfen, der allerhand Launen und Eigensinn unterworfen war. Sie hatte es ihrer älteren Schwester Franziska zu verdanken, daß sie lernte, ihre Fehler ernsthaft zu bessern. Allerhand innere Leiden und körperliche Schmerzen, die sie mit großer Geduld ertrug, so daß ihre Umgebung kaum etwas davon ahnte, ließen sie zum Ordensberuf heranreifen. Dreißigtägige Exerzitien und der Tod ihrer Schwester Franziska brachten die Entscheidung. Am 21. August 1862 erhielt sie den weißen Schleier der Novizin im Karmel von Poitiers.
Der Einfluß ihrer neuen Umgebung trug wesentlich
dazu bei, daß ihre Liebe und Andacht
zum göttlichen Kind immer inniger wurde. Am
Weihnachtsfest wurde sie auserwählt, den Weiheakt
des Noviziates an das hl. Kind in der Krippe
zu vollziehen. Kindlich schlicht, aber mit großer
Andacht sprach sie die Hingabeformel in ihrem
und ihrer Gefährtinnen Namen. Seither verließ
sie Jesus in der Krippe nie mehr. Wenn sie sich
von Bethlehem entfernte, so war es nur, um mit
Jesus den Kalvarienberg zu ersteigen. In den
stillen Stunden, in denen sie vor dem Tabernakel
kniete, fand sie zugleich das Kindlein von Bethlehem
und den Mann der Schmerzen.
Eine besondere Freude bereiteten ihr die kleinen sonntäglichen Feste, die die Novizinnen dem Jesulein veranstalteten. Dann war sie es, die einen von ihr selbst verfaßten Weiheakt vorbetete. Sie wollte die Züge des Jesuskindleins fest in sich einprägen. Aber sie wußte, daß sie nur durch das umgestaltende Wirken der Gnade sein wahres «Abbild» werden konnte. Und so bekämpfte sie unermüdlich ihre lebhafte italienische Natur, die sich nicht leicht an den französischen Ernst gewöhnen konnte und auf zahlreiche Schwierigkeiten stieß.
Am Tag ihres Schleierfestes schrieb sie: «Ich
glaube, daß das Leben einer wahren Karmelitin
nicht nur ein Leben der Vereinigung mit Jesus
ist, sondern in einer Umgestaltung in Ihn besteht.
Das Ziel des Karmels bedeutet, Opfer der
Liebe zu bringen und selbst zum Opfer zu werden.
Solange sich eine Karmelitin damit begnügt,
mit Jesus vereint zu bleiben, wird sie vielleicht
viele Akte des Opfers vollbringen. Aber erst,
wenn sie in Jesus umgestaltet sein wird, vermag
sie wirklich Opfer zu werden und Tag und Nacht
und zu jeder Stunde ihr ganzes Wesen Gott
als Hostie zur Sühne und Danksagung darzubringen.»
Diesen Vorsatz suchte sie bei den jährlichen
Exerzitien, die sie in Gegenwart des göttlichen
Kindes machte, zu vertiefen.
Sie fühlte sich geheimnishaft zu der «Verborgenheit
der göttlichen Kindheit» hingezogen
und versuchte, im Glauben und in der Liebe in
die innersten, unbekannten Empfindungen der
Seele des Jesuskindes einzudringen und sich
stillschweigend mit ihnen zu vereinen. Den ganzen
Tag dachte sie an die ungekannte und verkannte
Liebe Jesu, und ihr Herz schlug in tiefer Dankbarkeit,
wenn sie Ihn der allerheiligsten Dreifaltigkeit
für die Seelen aufopferte. Oft konnte sie sich
nicht darüber hinwegtrösten, Ihn so wenig geehrt
und geliebt zu sehen. Nur das Wohlgefallen,
das Gott an der Anbetung und der so vollkommenen
Liebe des Jesuskindes hatte, half ihr darüber
hinweg und erfreute sie, da ja dieses Wohlgefallen
für Jesus unendliche Freude und Dank bedeutete.
Ihre Vorsätze am Schluß der Exerzitien zeigen, wie weise ihr Beichtvater gehandelt hatte, als er sie aufforderte, in den Tagen der Einsamkeit und der Gnade Licht in der Betrachtung und in der Liebe zum Jesuskind zu suchen. Sie nahm sich vor, in einer geistigen Armut zu leben, die bereitwillig einen jeden inneren Zustand annehmen will, in den Gott eine Seele versetzt. Sie wollte immer zufrieden sein, auch dann, wenn sie nichts verstehen und nichts sehen würde, oder wenn sie die Geschöpfe vergessen und der Schöpfer sie selbst wie ein Ding behandeln würde, von dem man nicht weiß, was man mit ihm anfangen soll. Dann öffnete sie ihr Inneres dem Wort des Apostels: «Die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes ist erschienen.» Inständig verlangte sie, daß in ihr diese Güte wie ein Widerschein des Kindes Jesu aufleuchte, und um dafür bereit zu sein, versprach sie Gott, sanft, liebevoll und zärtlich gegen ihre Mitschwestern, einfältig und offen gegen ihre Oberen zu sein.
Selten gründet das göttliche Kind sein Reich in einer Seele, ohne in ihr das Zepter seines Kreuzes aufzurichten. M. Theresia sollte es nur zu bald spüren. Krankheit und lange dauernde Rekonvaleszenz zwangen sie zu Ausnahmen, die ihrer Natur schwer fielen. Dann erfolgte der fast plötzliche Tod ihres Vaters. Man erwählte sie zur Subpriorin und einige Jahre später zur Priorin, was ihr durchaus nicht leicht war.
Ein Brief aus jener Zeit erschließt ihre innere
Verfassung: «Ich schaue unseren Erlöser
auf den Armen Mariens, in kindliches Schweigen
gehüllt, noch fast ohne Bewegung. Aber schon
weiß Er vollkommene Akte der Liebe, der Anbetung
und des Lobes hervorzubringen. Ich denke an
den Schatz von Verdiensten, die dieses kleine
Kind für die Seelen erworben und angehäuft hat.
Sie waren Ihm von Anfang an immer gegenwärtig
und werden es auch immer sein.»
Wenige Zeilen später fügt sie in einem fast mystischen Eindringen hinzu: «Es ist wunderschön, wenn man betrachtet, wie das innige Leben Jesu mit seinem Vater, und der Blick des Vaters und des Sohnes einer ewigen Kommunion gleicht. Der Sohn verlangt immer, sich seinem Vater hinzugeben, und der Vater will immer empfangen, was Ihm der Sohn gibt. Diese Vereinigung, dieser göttliche Kuß, dieses Eingehen des Sohnes in den Schoß seines Vaters bedeutet etwas so Unaussprechliches, Heiliges und Großes, daß man es nur anbeten kann und danach hungert, es anzubeten. Opfern wir es als Vorbereitung und als Danksagung auf! Es bringt der Seele tiefe Gnaden der Sammlung, des inneren Lebens und der Vereinigung mit Ihm.»
In einem Brief vom 25. Juni 1867 lesen wir:
«Heute Morgen haben wir das Andenken an
die Menschwerdung und Geburt Jesu begangen.
In der Weise, in der Jesus in unsere Natur eingehen
wollte und in der Er Besitz von seiner heiligsten
Menschheit genommen hat, in dieser Weise der
Vereinigung habe ich ein Vorbild dessen gesehen,
was eine Seele für Ihn sein muß, die Er sich
zu seiner Braut erwählt hat. Oh, wie sehr verlange
ich, Ihm, diesem kleinen Jesus, eine Braut mehr
zu geben...»
Im Jahr 1868 wurde es M. Theresia klar, daß es ihre Aufgabe sein sollte, für die Heiligung priesterlicher Seelen zu leiden und zu beten. In langen Jahren hatte sie Gott langsam für diesen Beruf vorbereitet. In einer Betrachtung über die Menschwerdung verstand sie gnadenhaft, daß eine der edelsten und größten Gestalten, unter denen der Messias vorausverkündigt wurde, die des Priesters war. Auch Maria hatte Ihn als ewigen Priester erwartet, der durch die Darbringung des neuen Opfers das Opfer des Alten Bundes ablösen sollte. Als sie Ihn in ihrem jungfräulichen Schoß empfing, erkannte sie, daß ein Priester in ihr wohne. Und in der Seele der begnadeten Karmelitin leuchtete wunderbar das Bild der jungfräulichen Mutter auf, die das Priestertum Jesu anbetete und an ihm mitwirkte.
Erstaunt fragte sie nach dem Sinn der geheimnisvollen
Schau. Betend fand sie die Antwort:
«Ich habe erkannt, daß Maria während der Passion
Christi fortwährend gefleht hat, das göttliche
Wort, das sie vom Himmel herabgezogen hatte,
möge jetzt offenbar und von den Menschen,
zu deren Erlösung Es gekommen war, aufgenommen
werden. In diesem Sinn stand sie Jesus als Gehilfin
zur Seite... Sie löschte ihren Durst am selben
Kelch und mit Ihm zusammen. Ich bin weit entfernt
davon, zu glauben, daß sie in jenen Tagen der
Bitterkeit unter der Last des Leidens ohnmächtig
und schwach geworden sei. Vielmehr fühle ich,
daß sie ihren Kelch geliebt und mit Freude getrunken
hat... Wie für Jesus, so war der Kelch der Passion
auch für Maria ein erwählter Kelch, ein mit
Leiden, aber auch mit Freuden berauschender
Kelch.» In Erinnerung ihrer Schau drängt es
sich ihr dankbar auf die Lippen: «Ich wage zu
sagen, daß Maria den Jungfrauen die Gnade
bewirkt, hat, durch ihre Vereinigung, Hilfe
und
Hingabe den Priestern
einen nützlichen Dienst zu erweisen.»
Zur Zeit, als die Kirche das erste Vatikanische
Konzil zusammengerufen hatte, war M.
Theresia Priorin. Sie litt unsagbar unter den
äußeren Ereignissen, die nach der Unfehlbarkeitserklärung
des Papstes die Kirche bedrohten. In Rom waren
die Piemontesen eingedrungen und hatten dem
Hl. Vater den Kichenstaat geraubt. Das Kaiserreich
war gefallen und Frankreich wurde die Beute
der doppelten Geißel des Krieges und der Revolution.
Das furchtbare Sakrileg, das ihre Landsleute
begangen hatten, die Gefahr, in der Pius IX.
ständig schwebte, die Leiden der Kirche, die
Übel Frankreichs, das ihr ein zweites Vaterland
geworden war, all das durchbohrte ihr Herz wie
ein Schwert.
Äußere und innere Leiden hatten die Gesundheit
der guten Mutter zerrüttet. Die Hostie
war zum letzten Opfer bereit. Von Tag zu Tag
nahm ihre Schwäche zu, ohne daß dem erschöpften
Körper die Schmerzen erspart blieben. Wie ein
kleines Kind war sie hilflos auf die anderen
angewiesen, und geduldig, ohne eine Klage zu
erheben, wie das hl. Kind im Tempel bei seiner
Beschneidung, ließ sie alles geschehen. Sie
starb am 6. Okt. 1871, Gott dankend, als Kind
der heiligen katholischen Kirche geboren zu
sein und gelebt zu haben.
Es hat etwas Beglückendes an sich, in stillen Stunden die «Geschichte einer Seele» in ihrer letzten, ursprünglichen Fassung der «Manuscrits autobiographiques» in die Hand zu nehmen und den eigenartigen Zauber dieser schlichten Hefte mit den charakteristischen Schriftzügen der kleinen Heiligen auf sich wirken zu lassen. Wunderbarer Friede, Gottesnähe und Trost dringt in die Seele, wenn man vor sich das Bild der kleinen Theresia sieht, die ihr ganzes Leben nichts anderes tun wollte, als Jesus lieben und für Jesus existieren. «Nichts wollte sie Ihm verweigern, selbst dann nicht, wenn sie sich traurig und allein auf dieser Erde fühlte. Sie wußte ja, daß Er trotz allen - in ihr bleiben würde.» Darum verlangte sie danach, ganz und ohne jede Bedingung sein eigen zu sein, wie ein Ball, den der kleine Jesus zum Spiel in die Hand nimmt.
Gerade dieser Gedanke hielt ihre Vorstellungskraft
während ihrer Romreise gefesselt.
Am 14. Nov. 1887 schrieb sie an ihre Schwestern
Maria vom hlst. Herzen und Pauline, voller Hoffnung,
daß ihr der Hl. Vater die gewünschte Erlaubnis
zum Eintritt in den Karmel im Alter von 15 Jahren
erteilte: «Es muß der kleine Jesus sein, der
alles bereitet, damit sein kleine Ball nun dorthin
rolle, wo Er ihn haben will.» Sechs Tage später,
als sie am Morgen des 20. Nov. Leo XIII. ihre
Bitte vorgetragen hatte und eine bittere Enttäuschung
erfahren mußte, klagte sie Pauline: «Ich bin
der kleine Ball des Jesuskindes. Wenn Er sein
Spielzeug zerbrechen will, so ist Er frei, es
zu tun. Ja, ich will alles, was Er will...»
Dies schreibt sie auch im 6. Kapitel ihrer «Geschichte
einer Seele»:
«Seit jener Zeit hatte ich mich dem Jesuskind als sein Spielzeug angeboten. Ich hatte Ihm gesagt, Es möge mich nicht wie ein kostbares Ding behandeln, das man nur sehen darf, ohne es anzurühren, sondern wie einen kleinen Ball ohne Wert, den die Kinder zu Boden werfen, mit den Füßen stoßen, durchbohren, in einem Winkel liegenlassen - ebensogut, wie Es mich an sein Herz drücken könne, wenn es Ihm gefalle. Mit einem Wort, ich wollte nur dem Jesuskind Freude machen und mich seinen kindlichen Einfällen überlassen. Nun hatte Es mein Gebet gehört. In Rom durchbohrte Es sein kleines Spielzeug; Es wollte zweifellos sehen, was darin sei, und von seiner Entdeckung befriedigt, ließ Es seinen kleinen Ball fallen und schlief ein...
Du begreifst, liebe Mutter, wie es dem kleinen Ball zumute war, da er sich am Boden liegen sah. Dennoch hörte er nicht auf, auch wider alle Hoffnung zu hoffen.»
Theresia fühlte sich als Spielzeug des Jesuskindes, «le petit jouet de Jesus», wie sie es Leonie in einem Brief vom 28. April 1895 gesteht: «Aber ich bin jetzt glücklich, es zu sein, nur habe ich gedacht, daß das göttliche Kind genügend andere Seelen habe, die - reich an hohen Tugenden - sich als seine Spielzeuge bezeichnen. Ich habe daher gedacht, daß sie seine schönen Spielzeuge wären und daß meine Seele nur ein kleines Spielzeug ohne Wert sei. Um mich zu trösten, habe ich mir gesagt, daß die Kinder oft mehr Freude an den kleinen Spielzeugen haben, die sie wegwerfen oder in die Hand nehmen, zerbrechen oder mit Küssen bedecken können, als an den anderen von größerem Wert, die sie kaum zu berühren wagen. Darauf habe ich mich gefreut, arm zu sein. Ich habe mir gewünscht, es jeden Tag mehr zu werden, damit Jesus jeden Tag größere Freude gewinne, mit mir zu spielen...»
Die kleine Heilige war zutiefst überzeugt, daß
das Kleinsein und Nichts-Besitzen die liebenden
Arme des Jesuskindes öffnet. «Man ist umso fähiger,
Jesus zu lieben, sein Opfer der Liebe
zu sein, je armseliger und schwächer man ist...
Halten wir uns von allem fern, was glänzt!
Lieben wir unsere Kleinheit.»
Unter den wenigen, aber entscheidenden und grundlegenden
Wahrheiten, die im Leben
Theresias immer wieder in neuen Wendungen und
Ausdrücken auftauchen, muß an erster Stelle
der Gedanke der Kindheitstugenden und damit
die Nachahmung des Jesuskindes genannt werden.
Sie wollte klein sein, wie das Jesuskind, das
sie zärtlichst liebte. Als sie noch ein junges
Mädchen war, hatte es ihr eine besondere Freude
bereitet, den beiden Töchterchen einer armen
Familienmutter, die sie ein wenig betreute,
«vom ewigen Lohn (zu erzählen), den das Jesuskind
guten Kindern geben wird. Die Ältere, deren
Geist zu reifen begann, sah mich mit dem Ausdruck
lebhafter Freude an und stellte allerliebste
Fragen über das Jesuskind und den schönen Himmel.»"
Wir können uns leicht vorstellen, mit welcher
Begeisterung Theresia von dem göttlichen Kind
gesprochen hat, das um der Menschen willen im
armen Stall von Bethlehem geboren wurde.
Bei ihrem Eintritt in den Karmel am 9. April 1888 gab man ihr den Namen Theresia vom Kinde Jesu, und das geschah sicher nicht ohne göttliche Voraussicht, denn die ser Name trug das Symbol ihres Wesens und ihrer Sendung in sich. Im Kreuzgang fand sie eine Statue des Jesulein, die sie mit viel Liebe und Treue mit Blumen schmückte. Am Tag ihrer Einkleidung schien ihr das göttliche Kind ein ganz besonderes Lächeln zu schenken: «Als ich wieder die Klausurschwelle überschritt», erzählt sie selbst, «fiel mein Blick zuerst auf die hübsche Statue meines Jesuskindes, das mich zwischen Blumen und Kerzen anlächelte.»" Wie viele Stunden vertrauter Zwiesprache hat Theresia zu Füßen dieses hl. Kindes verbracht! Und hatte sie nicht bei Ihm ihren «kleinen Weg» gefunden?
Jahre später, als man ihr während ihrer letzten
Krankheit eine Rose brachte, sah sie in
ihr das Symbol ihres Herzens, das sie dem göttlichen
Kind schenken wollte:
Der Rose Blätter, die
als Kind ich streute wohl in den Wind,
sie sind mein Herz: das opferte sich heute Dir,
göttlich Kind.
Auf den Altären blühn in tausend
Farben viele Rosen Dir -
ich träum' von jenen, die entblättert starben:
zum Gleichnis mir.
Für Dich, mein liebster Jesus, werd' ich sterben
- welch schönes Los! -
entblättert noch um Deine
Liebe werben und lächeln bloß.»
Theresia hatte die Vollkommenheit in der Schule des Jesuskindes gelernt. «Die Vollkommenheit erscheint mir als etwas Einfaches: ich sehe, es genügt, sein Nichts zu erkennen und sich wie ein Kind in die Arme des lieben Gottes hinzugehen. Die schönen Bücher, die ich nicht verstehen, geschweige denn in die Tat umsetzen kann, lasse ich gerne den großen Seelen, den erhabenen Geistern, und freue mich, klein zu sein, da ja den Kindern und denen, die ihnen gleich sind, das himmlische Gastmahl vorbehalten ist.» (Mt 19,14)."
| «Klein sein, heißt sein Nichts erkennen und alles vom lieben Gott erwarten, so wie ein kleines Kind alles von seinem Vater erwartet.» |
Für das Kleinsein gibt es für sie ein sprechendes Vorbild: Nazareth, «das Königreich der Kindheit Jesu» und die Hl. Familie in ihrem demütigen und bescheidenen Leben. Die Heilige zeigt uns das Jesuskind, das Maria und Josef untertan war. «Wie einfach ist das!», ruft sie aus und zieht daraus den Schluß, daß auch «das wirkliche Leben Mariens in Nazareth und später ganz gewöhnlich gewesen sein muß».
«Ich weiß, in Nazareth, o Jungfrau voll der
Gnaden,
lebst du ganz arm und schlicht und ohne Wunsch
dahin;
nicht von verzückten Schauern, Wundern
fremd beladen,
erglänzt dein Leben, auserwählte
Königin!
Der Kleinen Zahl, von keiner Schätzung zu erreichen,
hebt frei den Blick zu dir und braucht zu fürchten
nicht:
denn auf bescheidenem Weg, o Mutter ohnegleichen,
gingst ja auch du vor ihnen zu des Himmels Licht.»
Dieses schlichte, einfache Leben, das Maria und Josef in Nazareth an der Seite des Jesuskindes führten, kann ein jeder nachahmen, der den von Theresia vorgezeichneten «KleinenWeg» einschlägt. «Fürchte dich nicht», tröstet die Heilige, «je ärmer du bist, desto mehr wird Jesus dich lieben». Und sie ermahnt, «nie auf eigene Kraft zu bauen, die doch nur Schwäche ist. Ich versuche, mich gar nicht mehr mit mir selbst zu befassen. Was Jesus in mir zu wirken geruht, das überlasse ich Ihm ohne Vorbehalt.»"
Das Geschehen der Menschwerdung Gottes, «der
durch das Wirken des HI. Geistes
Mensch und Sohn Mariens wurde», hatte nachhaltig
auf Theresia eingewirkt. Hatte sie nicht am
8. September 1890, als sie ihre ewige Profeß
ablegte, ihre mystische «Hochzeit mit dem Verbum,
dem Sohn Gottes» feiern wollen? Im Archiv von
Lisieux wird ein kostbares Autogramm der kleinen
Heiligen aufbewahrt, das von großer Bedeutung
für das Zentrum ihres Innenlebens ist und «eine
Art Synthese ihrer geistigen Aspirationen bildet»."
Es handelt sich um vier Gebete, die sie auf
einen Karton, rund herum um ein Bildchen des
zwölfjährigen Jesusknaben, geschrieben hatte,
um es Schwester Maria von der hlst. Dreifaltigkeit
zu schenken, die am 16. Juni 1894 in den Karmel
von Lisieux eingetreten war. Die vier Gebetlein
lauten:
«Alles, um was ihr meinen Vater in meinem
Namen bitten werdet,
das wird Er euch geben...»
«Ewiger Vater, Dein eingeborener Sohn, das Süße
Jesuskind, gehört mir...»
«Ich bin Jesus von Theresia» (Worte des Jesulein
an die hl. Theresia von Avila).
«O göttliches Kind! Mein einziger Schatz...»Auf
der Rückseite des gleichen Kartons zitiert sie
die Worte des Herrn an Schwester Maria vom hl.
Petrus." Bekannt ist auch das kleine Bildchen
eines lilienpflückenden Jesusknaben. Auf eine
der herab gefallenen Lilien hatte sie ihren Namen
geschrieben, auf die andere den von Celine.
In einer Ecke des Bildes bemerkte sie, daß es
eine Erinnerung an die Weihnachtsnacht 1895
sei."
Mehr als einmal griff Theresia zur Feder, um das Jesuskind in Versen und Prosa zu begrüßen. Für den 25. Dez. 1894 hatte sie ein kleines religiöses Schauspiel verfaßt, so wie es in den Karmelklöstern anläßlich einiger Feste üblich ist. Es trug den Titel: Die Engel an der Krippe Jesu. Hauptperson war das göttliche Kind. Die anderen Rollen wurden auf fünf Engel verteilt: Der Schutzengel des Jesuskindes, die Engel des hlst. Antlitzes, der Auferstehung, der Eucharistie und des letzten Gerichtes. Im folgenden Jahr kam am Weihnachtstag Le petit Mendiant de Noel, der kleine göttliche Bettler, in die Rekreation der Schwestern zur Aufführung. Ein Engel trug ein Jesuskind im Arm und bot ein Körbchen mit Zetteln dar; eine jede Schwester zog einen; dann sang der Engel dessen Inhalt vor. Es sind kleine geistige Liebesgaben an das Kind von Bethlehem, das am Schluß durch den Mund des Engels jeder einzelnen dankt:
Das göttlich' Kind, Es dankt euch! entzückt,
ob euer Gaben!
Mit euren Namen wird Es sie, in sein Buch des
Lebens schreiben.
Am Namenstag von Mutter Agnes, dem 21. Jan. 1896, gelangte «Die Flucht nach Ägypten» zur Aufführung. Die erste Szene stellt das kleine Haus in Nazareth dar. Maria befindet sich allein in der Werkstätte des hl. Josef und ist mit einer Näharbeit beschäftigt. Auf ihrem Schoß hält sie ihr göttliches Kind. Die zweite Szene zeigt eine Räuberhöhle. Zuerst finden wir dort nur die Hl. Familie, dann werden legendäre Personen hinzu gelassen: Der Räuberhauptmann, seine Frau, sein Sohn usw.
Für das Weihnachtsfest 1896 dichtete Theresia «Das Vogelhaus des Jesuskindes:
Jesus, unser
kleiner Bruder, für uns verließest Du den schönen
Himmel,
doch, göttliches Kind, Du weißt es gut,
Dein Vogelhaus ist der Karmel.»
Im Dezember des gleichen Jahres verfaßte sie für eine kranke Mitschwester, wahrscheinlich für Maria vom hl. Josef, ein kleines Gedicht «An das Jesuskind». Wenn auch diese Dichtungen vom literarischen Standpunkt aus gesehen keinen besonderen Wert haben, so sind sie doch zur Dokumentation ihrer Liebe zum göttlichen Kind wichtig. Es ist interessant, daß sie in ihnen mit einer gewissen Vorliebe vom «Verbum» spricht. In dem Gedicht: «Jesus, rappelle-toi», dessen erste Strophen vom Inkarnationsmysterium handeln, kommt der Ausdruck «göttliches Wort» und «ewiges Wort» vor: «Verbe Dieu, souviens-toi de ce mystère etrange...», und «Tu fus errant, toi, le Verbe eternel!» In ihrer Dichtung: Die Engel an der Krippe ist die Rede vom «Verbe-Dieu» und vom «Verbe adorable», und so ließen sich noch andere Beispiele nennen.
Es ist daher zu verstehen, daß die Liebe der kleinen Heiligen zu ihrem kleinen Jesus, der gekommen war, um die Welt zu retten, ihrer Umgebung nicht verborgen blieb. Vielleicht hat sich gerade im Karmel von Lisieux diese kindlich einfache Liebe Theresiens im inneren Leben der ihr dort nachfolgenden Karmelitinnen erhalten. Mutter Maria Angela vom Kinde Jesu, Mutter Isabella vom hlst. Herzen, Mutter Theresia von der Eucharistie und selbst Mutter Agnes von Jesus sind dafür Beispiele.
Mutter Maria Angela erzählt von einer Postulantin, die während der Prozession vom 5. August zu Ehren des Jesuskindes plötzlich von einem Hustenanfall und heftigen Halsschmerzen gepeinigt wurde. Sie bat daher das Jesulein, Es möge bewirken, daß man sie nicht vom Karmel wegschicke. Sie hatte sich selbst zum Opfer angeboten: «Der kleine Jesus braucht Opfer, und wie bin ich Ihm dankbar, daß Er mich erwählt hat», schrieb sie später. Tatsächlich hatte das Jesuskind sie zum Opfer angenommen.
Während ihrer letzten Krankheit betrachtete
sie oft ein Bild des Jesulein in der Krippe.
«Dort liegt Es», wiederholte sie mehr als einmal,
«und das gibt mir die Kraft, still zu liegen»!
Man hatte in der Kommunität einen Gebetssturm
zum Prager Jesulein um ihre Genesung entfacht.
«Seine Statue in natürlicher Größe war auf das
schönste hergerichtet. Mit ihr begannen wir
unsere Prozession», berichtet die Chronistin
des Karmels von Lisieux, «und sangen die Namen-Jesu-Litanei.
In der Zelle der Kranken angekommen, wurde das
göttliche Kind auf einen kleinen Altar gestellt.
Mit tränenerstickter Stimme sangen wir unsere
Flehrufe. Dann boten wir unserer lieben Mutter
ein Körbchen mit Rosenblättern dar, die sie
mit fast erstorbener Hand dem göttlichen Kind
zu Füßen streute. Mit leiser Stimme fragten
wir, ob wohl ein Wunder geschehen sei. «Nein!»...
antwortete sie mit einem zarten Lächeln.
Wir ließen sie eine Stunde lang allein. Wie groß war unser Erstaunen, als wir sie bei unserer Rückkehr auf den Knien fanden, die gefalteten Hände und den Kopf auf die Füße des Jesuskindes gelehnt. «Meine Mutter», sagte sie, die Augen voller Tränen, «ich habe Es inständigst gebeten, mich wieder gesund zu machen, weil es die Kommunität so sehr wünscht.»
Die gleiche demütig-vertrauende Liebe zum Jesulein
offenbart ein Weihnachtsbrief der M. Agnes,
wenn auch die Form eine andere ist. Am 20. Dez.
1918 schrieb sie: «Dies ist der Augenblick,
in sanfter Freude des Wortes der Engel an die
Hirten von Bethlehem zu gedenken:
«Friede auf Erden den Menschen guten Willens.»
Was aber kann ein solcher Friede für uns sein?
Die gegenwärtigen Ereignisse könnten uns täuschen
über den wahren Sinn des Friedens, den die Geburt
Jesu der Welt gebracht hat... Und doch haben
die Engel nicht gelogen, als sie über der Wiege
des Jesuskindes den Frieden verkündeten. Der
göttliche Friede ist also unser, wenn wir guten
Willen haben, wenn wir einfältig sind wie die
Hirten, sanft und demütig wie Jesus...
Das kleine Jesuskind, das wir in der Krippe wiedersehen werden, ist gekommen, um auch seinerseits zu kämpfen, und von seinem ersten Tag an bringt Es uns zugleich den Frieden und das Schwert. Dieser Friedensfürst ist zur selben Zeit der starke und mächtige Gott der Schlachten, auf dessen Schultern die Herrschaft ruht, die nichts anderes ist als die Standarte des Kreuzes. Laßt uns kämpfen in ihrem Schatten, und vergessen wir nicht, daß unter ihr durch das Blut Jesu der ewige Friede unterzeichnet wurde.»"
Als im Jahr 1863 in Frankreich Renans «Vie de Jesus» erschien, brach in allen katholischen Kreisen ein wahrer Sturm der Empörung los. Renan hatte in seinem Buch die Gottheit des Herrn geleugnet. Er hatte Jesus Christus als einen genialen Menschen, aber als einen bloßen Menschen dargestellt und an Ihm das allzu Menschliche in fast lächerlicher Weise betont. Die Antwort der Kirche war eine öffentliche Aufforderung zur Sühne, und in erster Linie war den Klöstern die Aufgabe zugefallen, mit ihrem Gebet und Opfer Genugtuung zu leisten.
Besonders tief hatte der allgemeine Schmerz eine Karmelitin in Paris, Schwester Marie-Aimee von Jesus, verwundet. Von Christus erwählt, die Geheimnisse seiner Liebe und Gnade tiefer und durchdringender zu begreifen, um durch sie immer mehr in seine Nähe getragen zu werden, litt sie unsagbar unter dem Geschehenen. Als sie zum erstenmal von Renans gotteslästerlichem Werk erfuhr, hatte sie die Feder in ihr eigenes Blut getaucht und die Worte des Johannes-Evangeliums:
«Im Anfang war das Wort und das Wort war bei
Gott, und Gott war das Wort» gezeichnet.
Dann hatte sie einen langen Blick auf die Menschheit
des Sohnes Gottes geworfen und in ihr die Offenbarung
der Fülle seiner Gottheit betrachtet. Eine eigenartige
Unruhe bemächtigte sich ihrer dabei. Der Gedanke,
Genugtuung zu leisten, durchzuckte sie wie ein
glühender Funke. Erneut griff sie zur Feder,
und fast ohne zu wissen, was sie tat, füllte
sich Seite um Seite. «Ach, wenn man mir erlauben
würde zu schreiben, wie würde ich jenen Unglücklichen
beschämen« rief sie bei ihrer nächsten Begegnung
mit P. Gamard, ihrem Beichtvater, aus."
Die Erlaubnis ließ nicht auf sich warten, und von geheimnisvoller Kraft getragen, die ihr ein Wissen schenkte, das sich jeder menschlichen Belehrung entzieht, entstanden zunächst vier Bände: N. S. Jesus-Christ etudie dans le Saint Evangile mit dem Untertitel: Sa vie dans l’ame fidele, die später auf sechs Bände erweitert wurden. Der erste Band, in dem deutlich die apologetische Note hervortritt, ist dem menschgewordenen Wort gewidmet. Von den Worten des Johannesprologs ausgehend hält sie fest, daß dieses Wort «Anfang ohne Anfang» war und in sich «Ewiges Sein vom Ewigen Sein» trägt. Daher kann das Wort, das Menschengestalt angenommen hat, keineswegs ein bloßer Mensch gewesen sein.
Im zweiten Band wird das verborgene Leben unseres Herrn von Bethlehem bis Nazareth behandelt. Er beginnt mit der zeitlichen Geburt Jesu Christi. «Wer ist dieses kleine Kind? Wer ist dieser Sohn? - Dieses kleine Kind ist der Erstgeborene, von dem der Vater, als Er Ihn in die Welt einführte, gesagt hat, daß Ihn die Engel anbeten würden.» Jetzt «ruht Er in einem Stall, liegt auf Stroh, da Gott die Himmel herabgesenkt hat und auf die Erde niedergestiegen ist (Ps. 17,11), um den sündigen Menschen zu retten. Darum eilt herbei, ihr Mächte des Himmels, um mit uns diesen Gott, das menschgewordene Wort, anzubeten.»
Die zeitliche Geburt des Herrn wird Ausgangspunkt
zur geistigen Geburt Jesu in der Seele:
«Jesus naht spirituell in sie,... eine kostbare,
unvergleichlich zarte Gnade», für die sich der
einzelne durch Überwindung des eigenen Ichs
und seiner egozentrischen Tendenzen vorbereiten
muß. Aber eine solche «neue Gegenwart Jesu in
der Seele erfordert keineswegs neue Entscheidungen
und bedarf auch keiner neuen Frömmigkeitsübungen,
sondern sie verlangt einzig ein Wachsamsein
in der Liebe, durch das Jesus Christus langsam
seine Braut umwandeln und ihr jeden Tag etwas
mehr von seinem göttlichen Bild zu geben vermag».
Dieses «Wachen in der Liebe» ist das Entscheidende,
damit Jesus im Herzen geboren werde und dort
sein Leben fortsetze.
Doch andere Fragen beschäftigen zunächst unsere Karmelitin: «Wer ist dieses Kind in der Krippe? Was hat Es der Welt zu verkünden?»
«Was am meisten am Jesuskind in der Krippe aufleuchtet und was Es dem menschlichen Geschlecht gebracht hat, das ist der Friede. In der Krippe ist alles von Frieden und Ruhe umgeben. Darum ist Es gerade dort der Friedensfürst. Wenn der Mensch das göttliche Kind dort betrachtet, dann wird etwas vom himmlischen Lächeln Gottes in Kindesgestalt in seiner Lebensführung, in seinen Unterhaltungen und in seinem Handeln sichtbar werden: er wird den Frieden um sich verbreiten.»
Beim Betrachten des Jesuskindes in der armseligen
Krippe von Bethlehem, inmitten des
Schweigens der Nacht, erschließen sich Schwester
Marie-Aimee wunderbar die Geheimnisse Gottes.
Sie sieht das Kind, wie Es «seine kleinen Hände
über seine Brust gekreuzt hat und seinen Blick
gen Himmel richtet. Unsere Augen bemerken nur
seine Kleinheit, Armut und Entblößung, aber
der Glaube zeigt uns dieses kleine Kind in unvergleichlicher
Herrlichkeit, in einer Herrlichkeit, von der
der hl. Johannes sagt, ,daß sie jene des eingeborenen
Sohnes des Vaters ist, voll von Gnade und Wahrheit'
(Joh. 1,14). Und was macht das Jesuskind?
Es betet! Es betrachtet!
Das Wort, welches unentwegt in Ihm weilt, setzt seine ewige Betrachtung des einen Gottes in drei Personen fort. Infolge der hypostatischen Union sieht seine menschliche Seele Gott, ohne aus sich selbst herauszugehen, und zwar sieht sie Ihn infolge dieses einzigartigen Privilegiums so, wie Er ist. Diese Seele wundert sich darüber, daß sie sich in einem Stall, in einer Krippe und auf Stroh befindet. Und das Herz des menschgewordenen Wortes versinkt in einen Abgrund der Zärtlichkeit und Liebe angesichts einer so großen Majestät, die sich so wunderbar herab gelassen hat. Der eingeborene Sohn des lebendigen Gottes stillt seinen Durst an den Quellen des Lebens, dort, im Schoß des Vaters, im Kuß des Hl. Geistes. Seine Seele kann und wird sich niemals auch nur einen Augenblick von dieser Schau (object) abwenden können, denn unvergleichlich mächtig ist die Anziehungskraft, die ihr bei dieser Beschauung mitgeteilt wird, einzigartig leuchtend das Licht, in welchem sie sieht, und unendlich glühend die Flamme, die in ihr brennt.
In Anbetracht eines derartigen Schweigens, eines solchen Lobens und Anbetens des menschgeworden Wortes auf Stroh, vermag das Geschöpf nichts anderes zu tun als sich niederzuwerfen und mit Ihm vereint zu schweigen, zu loben und anzubeten: O Jesus von Bethlehem! Du bist der Kleinste der Einsiedler, aber der Größte aller Beschaulichen. Du bist mein Vorbild, mein Meister und das Buch meines Lebens.»
Ein Blick auf das Kind in Bethlehem, auf seine
Beschneidung, auf seine Flucht nach Ägypten,
auf seine ersten Jahre in der Fremde, auf sein
verborgenes Leben in Nazareth! Wie viele Tugenden
vermag der einzelne von diesem göttlichen Vorbild
zu erlernen! Vor allem die Einfachheit, Demut,
Bescheidenheit und das Kleinsein vor Gott. «Wie
glücklich ist derjenige zu nennen, der ganz
einfach den Weg des geistigen Kindsein einschlägt,
für den Jesus Christus von Nazareth das vollkommene
Beispiel ist, und wer, ohne zu sich selbst zurückzukehren,
geradewegs seinem Ziel zuschreitet und dabei
auf die Güte Gottes vertraut. Nichts wird sich
seinem Weg entgegenstellen, denn die Liebe führt
ihn und hilft ihn, über Hochmut und Leidenschaften
zu triumphieren, die so viele auf dem Weg der
Vollkommenheit anhalten.»
Was ihn auf diesem Weg lenkt, das ist die barmherzige
Liebe Gottes in uns, die zu demütiger
Selbsterkenntnis und Ergebung in den Willen
des Herrn hilft. Wenn es dann geschehen sollte,
daß «die Seele fällt, so verwundere sie sich
nicht darüber, sondern versuche so bald als
möglich wieder aufzustehen und Gott zu danken,
daß sie nicht tiefer gefallen ist». Nur möge
sie ein Blick auf Gottes Barmherzigkeit daran
erinnern, sich bei ähnlicher Gelegenheit besser
in acht zu nehmen, damit sich nicht Ähnliches
wiederhole. «Sollte sie den Fehler jedoch in
der Öffentlichkeit begangen haben, so sei sie
deswegen nicht bestürzt, sondern sie verdemütige
sich und bemühe sich, ihr Unrecht großmütig
und zugleich ganz einfach einzugestehen.»
Das
wird ihr keine besonderen Schwierigkeiten bereiten,
denn «sie hat ja die Demut in der Schule des
hl. Kindes Jesus gelernt, das gegenüber den
Menschen so sehr auf seine
eigene Herrlichkeit vergessen hat. Und sie verlangt
ja danach, Ihm zu gleichen.»"
An anderer Stelle befaßt sich Schwester Marie-Aimee eingehend mit der Demut des göttlichen Kindes. Sie zeigt Es uns, wie Es demütig in der Werkstätte des hl. Josef arbeitet, ohne sich auch nur die geringste Mühe zu ersparen, und wie Es in vollkommener kindlicher Liebe Maria und Josef dient, um uns allen ein Beispiel wahrer Demut zu geben. Demütig erträgt es «Kälte, Hitze, Sonne und Schnee, und sieht in allem einen Ausdruck des Willens seines himmlischen Vaters». In seinen Reden und im Verkehr mit den anderen Menschen bleibt Es bescheiden im Hintergrund, erduldet schweigend Verdemütigungen, ungerechte Einschätzung und gleichgültige Behandlung. «Voilà l'humilte du Christ, notre Sauveur!»", ruft Marie-Aimee aus. Dort steht dieses Kind, wartend und bittend, daß wir Menschen endlich unseren Hochmut ablegen und wie Es ein demütiges Kind werden.
Vom Jesuskind kann ein jeder das Geheimnis der Heiligkeit erlernen, das für Schwester Marie-Aimee in jener Gefügigkeit besteht, sich in allem und zu jeder Zeit vom Hl. Geist lenken zu lassen. «Wenn ich mich dem Jesuskind nähere, wenn ich sehe, wie Es je nach den Anordnungen Marias oder Josefs forteilt oder zurückkommt oder handelt, dann verstehe ich durch einen Lichtstrahl von oben, daß seine äußere Gefügigkeit den Geschöpfen gegenüber nichts anderes als ein Abbild seiner inneren Gefügigkeit gegenüber dem Hl. Geist ist, und ich habe keinerlei Zweifel, daß dies alles um unsertwillen geschieht.
Wenn ich so in das Innere meines Jesus herabblicke,
in sein heiligstes Herz hinein, und
wenn ich seine glühenden Eifer für die Herrlichkeit
Gottes und das Heil der Menschen erkenne, dann
finde ich Ihn, der jeden Augenblick unterwürfig
und geduldig dem Willen seines Vaters folgt,
und ich sage mir: Ich habe das Geheimnis
der Heiligkeit gefunden.»
Schwester Marie-Aimee beschränkt die Nachahmung
des göttlichen Kindes nicht nur auf
sein Tugendleben. Sie verlangt noch mehr. Auch
die Empfindungen und Regungen seines Innenlebens,
seine Schmerzen, Freuden und seine natürlich-kindliche
Liebe zu Maria und Josef sollen dem einzelnen
ein Vorbild werden, um alles gleich dem Jesuskind
zu heiligen und es in den Bereich des Übernatürlichen
zu erheben. «Jesus Christus ist uns in allem
ähnlich geworden», schreibt sie, «und so hat
Er seit seinem Eingang in die Welt durch alle
Phasen der Kindheit und durch alle Verdemütigungen
seines Alters gehen wollen. Wie wir hat auch
Christus gelitten, geweint, seine Freuden gehabt
und jenen, die seine Kinderjahre mit ehrfürchtiger
Sorge umgaben, den zarten Trost seines liebenden
Herzens erwiesen. Aber alle Handlungen des Christkindes
tragen bereits das Siegel göttlicher Größe,
denn sie sind immer die Handlungen eines Gottmenschen!
Jesus leidet und weint! Ein jedes Leid, das Er erträgt, eine jede Träne, die Er vergießt, ist auf Grund seiner Person ein unvergleichlich großes und göttliches Werk, denn Er ist der Sohn Gottes, und es ist es auch infolge der Liebe, die das Motiv seines Schmerzes und der Tränen seiner Augen ausmacht. Und warum vergießt Jesus Christus Tränen? Jesus weint, weil Gott beleidigt wird und der Mensch verloren geht: das ist das Mysterium eines weinenden Gottes...
Aber das Christkind hat auch seine Freuden gehabt.
Natürliche Freuden, die mit seinem
unschuldigen Alter gegeben sind. Es freute sich
über die beseelte und unbeseelte Schöpfung,
die Ihn mit ihrem lieblichen Anblick, mit ihrer
Schönheit und mit ihrem Duft umgaben. Es freute
sich über die Zärtlichkeiten Marias und Josefs,
die sein Herz über die Undankbarkeit der Menschen
hinwegtrösteten. Es kannte geistige Freuden,
die durch die Wirkungen seiner Annäherung an
einfache und ehrliche Seelen entstanden, oder
Freuden, wenn Es den Reichtum der tätigen Gnade
erkannte, die, wenn es sein Wille war, bis in
die letzte Tiefe der Herzen drang, und nicht
zuletzt erfüllten seine Seele göttliche Freuden,
die an seiner ganzen Person aufstrahlten,
Und wie konnten diese Freuden des anbetungswürdigen
Kindes äußerlich in Erscheinung
treten? War es dem HI. Geist zuzuschreiben,
daß sich auf seinen Lippen jenes selige Lächeln
bildete, das man nur auf dem Antlitz Gottes
zu erkennen vermag? Oder ließ Es sein Herz in
einem Freudenausbruch überquellen, das seine
Empfindungen verriet? Es ist uns erlaubt, das
anzunehmen und das strahlende Gesicht des kleinen
Jesuskindes anzuschauen...
Wenn das Christkind seine Freuden kannte, so
wollen wir nicht schweigend jene übergehen,
die Es Maria und Josef bereitete... Es ist unvergleichlich
süß, im Glauben das hl. Kind Jesus in den Armen
seiner Mutter zu betrachten, einen Blick des
Wohlgefallens auf sie zu werfen, sich mit ihr
über sein Lächeln und über seine Worte zu erfreuen
und zu sehen, wie Es seine kleine Hände um den
Hals dieser unvergleichlichen Mutter schlingt,
sich eng an sie schmiegt, sie tröstet und ihr
Beweise seiner Liebe gibt!...
Und ist es nicht weniger rührend, Josef zu betrachten, der nach einem mühsamen Tag, den er ohne Jesus verbracht hat, sich demütig seiner göttlichen Majestät nähert und von seinen Händen tausend Zärtlichkeiten empfängt, oder zu sehen, wie Jesus ihm den Kuß des Kindes aufdrückt, seinen Schweiß trocknet und vielleicht auch seine Tränen...?» So «menschlich» schildert Schwester Marie-Aimee das göttliche Kind, und doch zugleich so göttlich in seiner Menschlichkeit. Zeigt das nicht alles, daß es etwas wahrhaft Großes um das Kleinsein ist? Und daß sich unter dem Kleid der Demut und der Erniedrigung etwas unaussprechlich Erhabenes verbirgt?
Noch manches ließe sich über ihre Kindheitsgedanken hinzufügen. Es würde uns jedoch über die Grenzen dieses Buches hinausführen. Wir glauben, daß das Gesagte genügt, um eine lebendige Vorstellung von demtiefen Durchdrungensein dieser Karmelitin vom Kindheitsmysterium zu erwecken. Sie hat mit dem Jesuskind gelebt, gelitten und geliebt. Sein Denken und Handeln prägte sich wunderbar in ihrer Seele ab und umgab sie mit dem Licht der Unschuld und der kindlichen Reinheit. Am Schluß des zweiten Bandes ihres Werkes hat sie ein kleines Gebet an das göttliche Kind verfaßt, das ihre innere Haltung getreu wieder spiegelt. Sie schreibt dort:
«O heiligstes Kind Jesus! Laß mich Dir voller Beschämung und Liebe zugleich meine Dankbarkeit zu Füßen legen! Du hast für mich tausendmal mehr getan als die zärtlichste Mutter für ihr kleines Kind tut! Du hast mein Gewissen herangebildet, Du hast mir die schlechten Neigungen meiner Natur gezeigt und an ihrer Stelle die heiligen Neigungen Deiner Seele gesät. Du hast mir die Notwendigkeit der Abtötung und der Abhängigkeit in allen Formen enthüllt! Du hast mich die Vergänglichkeit der Dinge dieser Welt begreifen lassen und mich in die Schönheiten der Einsamkeit hineinschauen lassen, in jene süßen Freuden des Friedens, der Einfachheit und der Armut! Ich liebe nicht nur die Reinheit des Körpers und der Sinne, sondern weit mehr jene des Herzens und des Geistes.
Dank Deiner göttlichen Unterweisungen trage ich kein anderes Verlangen als Schweigen und Gebet. Nicht um der Süßigkeit, die man dabei kostet, sondern um Dich zu ehren, zu loben und zu benedeien. Du hast mich alles gelehrt und mir gezeigt, wie ich alles heiligen kann. Indem Du mir Deine Mutter und Dich selbst geschenkt hast, wußtest Du mich mit Gaben zu überschütten und ließest mich an Deiner Seite wachsen und groß werden. Es ist wahr, ich bin Dir nicht mehr gleichaltrig. Ich schaue nur noch aus der Ferne auf die glückseligen Gärten eines mystischen Edens, wo die reine Seele mit ihrem Gott lebt, auf jenen glücklichen Stand der ursprünglichen Einfachheit und Unschuld! Aber, dank Dir, göttliches Kind, bin ich wenigstens auf dem Weg, der dorthin führt... Oh, verlasse mich nicht, Du, der gesagt hat, wenn eine Mutter ihr Kind verlassen sollte, so verlasse ich ihn niemals!»
Wenn wir eine Begegnung mit Karmeliten und Karmelitinnen suchen, die durch ihre Verehrung des göttlichen Kindes in die Geschichte des französischen Karmels eingegangen sind und die, getragen vom Offensein für das Geheimnis der Kindheit des Herrn, in unsere Zeit hineinleuchten, so können wir nicht ganz an vier Gestalten vorübergehen. Es sind M. Maria Theresia von den Engeln, hl. Elisabeth von der hlst. Dreifaltigkeit, Sr. Denyse von Jesus und Sr. Maria Johanna Angela vom Kinde Jesu. Vergessen wir aber nicht, daß neben ihnen eine unübersehbare Schar «ungenannt» gebliebener Mönche und Nonnen steht, die ganz im verborgenen dem Inkarnationsgeheimnis gelebt haben und die mächtig von seinen Wirkungen erfaßt, ihre Sendung nur Gott allein ersichtlich erfüllten. Es sind alle jene, die den «kleinen Weg» eingeschlagen haben und auf ihm das Ziel erreichen konnten. Unerschöpfliches wäre von ihnen zu berichten, wenn wir das Buch ihres Lebens kennen würden. Da es uns verwehrt bleibt, können wir uns nur Vermutungen hingeben, die dem umwandelnden Reichtum der Gnade des Jesuskindes keine Grenzen zu stellen vermögen. Eines ist aber sicher: Alle diese ungenannten «heiligen» Männer und Frauen des Karmels sind als vom göttlichen Kind «Erwählte» zu begrüßen.
In den «Erinnerungen» M. Maria Theresias
von den Engeln lesen wir am Weihnachtsfest
1898: «Ich will versuchen, das wiederzugeben,
was unaussprechlich ist. In einer Atmosphäre
des Schweigens hat mir das Jesuskind gesagt,
ich würde seine Braut von Bethlehem und noch
mehr von Nazareth sein. Es hat sich mir als
Meister, Bräutigam und Kind gezeigt. Nichts
vermag zum Ausdruck zu bringen, was dieses Kind
ist: ein absoluter Meister und zur gleichen
Zeit so klein und ohnmächtig. Es hat sich mit
mir im Gehorsam und in der Liebe vereint, ganz
einfach und in tiefem Frieden. Es kam einem
Ausgießen meines Herzens gleich, das zum Kind
geworden in sein Kinderherz in einfacher Union
einging. Das Jesuskind ist in meiner Seele,
um alles im Geiste seiner Kindheit und Einfachheit
zu leiten. Ich bin seine Hostie, die für Es
in Bethlehem hingeopfert wurde. Ich habe die
Vollkommenheit seines Lebens in Nazareth gesehen...»
Im geistigen Nazareth vollendete sie ihr irdisches
Dasein in unermüdlicher Dienstbereitschaft,
in Leid und Entbehrungen, und nicht selten traf
ein Widerschein göttlichen Lichtes ihr Inneres,
wo sich ihr in unvorstellbarer Schönheit das
göttliche Kind mit Maria und Josef enthüllte.
Von einem ganz zarten Hauch sind jene Karmelitinnen
umweht, die vom Jesuskind zur mystischen Vermählung
gerufen wurden. «Das göttliche Kind hat meiner
Seele ein unendliches Glück vorbehalten», schrieb
die Elisabeth von der hlst. Dreifaltigkeit
am 25. Dez. 1902.
«An diesem schönen Weihnachtsfest hat Es mir
gesagt, daß Es als mein Bräutigam kommen
würde, und am Sonntag von Epiphanie (Dreikönig)
wird Es mich durch das Band der Ordensgelübde
zu seiner Königin erwählen.» Si ist inzwischen
heiliggesprochen.
«Ich bete Jesus im Schoß der hl. Jungfrau
an», gab Sr. Denyse von Jesus zur
Antwort, als man sie fragte, wie sie sich auf
Weihnachten vorbereite. «Ich vereinige mich
mit Ihm in diesem großen Geheimnis der Menschwerdung,
das Er mir erschließen wird. Wenn ich die Worte
ausspreche: Et Verbum caro factum est, fühle
ich, wie meine Seele ganz davon erfaßt wird.»
In Erinnerung an das erste Weihnachtsfest, das
sie im Karmel erlebte, rief sie aus:
«Wenn wir die Geburt Jesus feiern, dann erfüllen
sich unsere Herzen mit Freude!... Wir gehen
oft zur Krippe, um die Tugenden Jesu zu erlernen,
vor allem seinen Gehorsam, seine Demut und seine
unendliche Liebe. Ach, möge Er uns doch sein
Herz schenken, um Ihn zu lieben!" Und mit den
Worten:
‘Göttlicher Erlöser durch die Hände deiner Mutter,
was soll ich Dir an diesen neuen Weihnachten
opfern? Nimm mich um auf Erden Cyrenenäer zu
sein, o mein Emmanuel...’
begann sie sechs Jahre später ein Weihnachtsgedicht,
in dem die Hilfsbereitschaft und
Liebe ihres Herzens überströmen.
Zur gleichen Zeit etwa, kaum nach Beendigung des ersten Weltkriegs, ging Sr. Maria Johanna Angela vom Kinde Jesu im Hl. Land, auf dem Berg Karmel, ihren Kreuzweg von der Krippe nach Kalvaria. Im Noviziat fand sie ein reizendes Jesulein, zu dessen Ehre sie jeden Tag ein selbstverfaßtes Gebet sprach: «Ich grüße Dich, mein göttliches Jesukind, als das schönste aller Menschenkinder. Du bist der Urheber der göttlichen Gnade, der anbetungswürdige Sohn des ewigen Vaters und der gesegnete Sohn der unbefleckten Jungfrau. O heiliges Jesuskind! Sei Du der König meines Herzens; ich nahe mich in Ehrerbietung den Geheimnissen Deiner heiligsten Kindheit. Ich bitte Dich inständig, mir alle Gnaden und Tugenden Deiner Kindheit zuzuwenden, damit ich zur Zahl jener glücklichen Kinder gehöre, denen Du das Königreich des Himmels versprochen hast.»
Und es gereichte ihr zur größten Freude, dieses
Jesuskind in ihrer Zelle aufbewahren
zu dürfen, um Es mit aller Liebe und Sorgfalt
zu umgeben, gerade so, als ob Es wirklich und
lebendig gegenwärtig wäre.
Wenn man daher auch nur einen flüchtigen Blick auf den französischen Karmel des 19. Jahrhunderts wirft, so hat man den Eindruck, daß wahrhaft das göttliche Kind an seine Pforte getreten ist: «Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an» (Offb. 3, 20). Der französische Karmel hatte Ihm die Tür geöffnet und Es in sein innerstes Heiligtum eingelassen. Dort nahm Es wunderbar Besitz, und von dort wirkt Es bis heute in unzähligen Seelen, umgestaltend, heiligend und beglückend.
Im Leben und in der Erfahrung eines großen belgischen Karmeliten der Gegenwart, P. Gabriel von der hl. Maria Magdalena, wird man deutlich ein progressives Ergriffenwerden vom Inkarnationsgeheimnis und vom Gedanken der evangelischen Kindheit und des Kind-seins vor Gott feststellen können. Immer wieder klingt in seinen Schriften und Briefen als dominierende Note das gleiche Motiv auf: Das Leben des Christen bedeutet im Grunde genommen nichts anderes als das sein zu wollen, was Jesu seiner Natur nach ist: ein Kind Gottes. Hatten P. Gabriel nicht schon die Ordenskirchen seiner Heimaterde, die so echt das religiöse Empfinden des niederländischen Karmeliten wiederspiegeln, mit ihren bildlichen Darstellungen des göttlichen Kindes zu einem tiefen Durchdrungenwerden vom Geheimnis der Kindheit Jesu geholfen und ihm die Augen für das unsagbar Große dieses Mysteriums geöffnet?...
Auf Bitten der ehrw. M. Anna von Jesus waren 1610 P. Thomas von Jesus, einer der bedeutendsten Theologen des Ordens, und einige andere Patres nach Brüssel gekommen. Von dort hatte sich die Reform auffallend rasch verbreitet. Nach seiner Rückkehr nach Rom (1623) ist es nicht zuletzt dem unermüdlichen Wirken P. Gratians vom Kreuz (^ 1654) zu verdanken, daß eine Stiftung nach der anderen entstand und man bereits 1665 die belgische Provinz in eine flandro-belgische und eine gallo-belgische Provinz aufteilen mußte, deren Territorien durch die Sprachgrenze festgelegt wurden. 1761 wurde dann Brabant mit Brüssel, Antwerpen, Mecheln, Löwen und Nethen als eigene Provinz von der flandrisch-belgischen Provinz abgetrennt, während bereits 1681 aus den zur gallo-belgischen Provinz gehörenden Klöstern in Lüttich, Huy, Jemeppe sur Meuse und Visa eine eigene wallonisch-belgische Provinz gebildet worden war. Gleichzeitig mit der Ausbreitung der Unbeschuhten Karmeliten vermehrten sich auch die Klöster der Schwestern, die sich mit Vorliebe dort niederließen, wo sie einen Konvent der Patres in der Nähe wußten.
Das religiös lebendige Wirken der Karmeliten wird durch eine aufschlußreiche Ikonographie in den einzelnen Provinzen bezeugt. Wenn man die Themenzyklen der Kirchen und Oratorien verfolgt, trifft man häufig auf bildliche Darstellungen des göttlichen Kindes, sei es in Einzel- oder vorwiegend in Gruppenbildern, in denen Ihm aber stets eine Vorzugsstellung zukommt, so daß man den Eindruck gewinnt, daß das Jesuskind eine unerschöpfliche Quelle für das künstlerische Schaffen gewesen ist.
Wie ist diese Erscheinung zu erklären? Kann man von seiten des Ordens mit einer bewußten Verbreitung dieses Themas und seiner religiös-geistigen Vertiefung rechnen? Es ist schwer, auf dieses Problem eine Antwort zu geben. Chroniken und Berichte aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind zum großen Teil in der Revolutionszeit zerstört worden oder verschwunden. Die uns erhalten gebliebenen Werke wie z. B. die Vinea Carmeli oder das Speculum Carmelitanum P. Daniels von der Jungfrau Maria oder der Lust-Hof der Karmeliten von Br. Oliverius vom hl. Anastasius geben uns keinerlei Aufschluß, und auch das Werk De Stralen der zonne P. Jakobs von der Passion weiß nicht viel über niederländische Karmeliten oder Karmelitinnen zu erzählen, die sich durch eine besondere Andacht zum Jesuskind auszeichneten.
Wohl wurde bereits 1704 die Bruderschaft vom
Prager Jesulein in der Karmelitenkirche
von Gent eingeführt, und man kann annehmen,
daß damit auch die Andacht zum kleinen König
von Prag wuchs, die durch die Verbreitung des
Lebens P. Franziskus vom Kinde Jesu im gewissen
Sinn vorbereitet worden war. Dieses Werk P.
Quirogas war 1628 in Köln in lateinischer Übersetzung
erschienen. 1647 wurde es in Paris in französischer
Sprache gedruckt und gleichzeitig fand eine
Übersetzung ins Deutsche statt, die um die Mitte
des 17. Jahrhunderts in Deutschland und Österreich
weit verbreitet war, wie ein altes Andachtsbuch
aus Köln bezeugt. Außerdem wurde im Auftrag
und Imprimatur vom 6. Dez. 1728 des Fürstbischofs
von Köln ein deutsches Offizium zu Ehren des
Kindes Jesu herausgegeben. Zwar liegt dem Text
ein Bild des Salzburger Jesulein zugrunde,
aber das dürfte kein Hindernis gewesen sein,
daß dieses Offiziumbüchlein eventuell auch im
Karmel der flandrischen Provinz benutzt werden
konnte, jedenfalls so weit es die Sprachgrenze
ermöglichte. (In Salzburg gibt es bei den Kapuzinerinnen
in der Paris-Lodron-Strasse ein kleines, sehr
verehrtes Loretokindl.)
Da uns das Schrifttum keine befriedigende Antwort geben kann, wollen wir uns den «bildlichen» Zeugen der Vergangenheit zuwenden. Es ist sehr richtig festgestellt worden, daß die bildliche Kunst in den Karmelitenkirchen der Niederlande den Geist und das Ideal des Ordens wieder spiegelt, oder besser wiedergespiegelt hat, denn nicht alles, was das 17. und 18. Jahrhundert an Kunstwerken herstellte, ist erhalten geblieben, und nur ein sehr kleiner Teil davon befindet sich heute an seinem ursprünglichen Platz.
Es ist bekannt, daß bereits seit Ende des Mittelalters in den Kunstwerkstätten von Brüssel und Mecheln Statuen des Jesulein mit der Weltkugel in der einen Hand und die andere zur Segensgeste erhoben aus Holz geschnitzt wurden, die sich durch seltene Lieblichkeit auszeichneten. Als daher die Karmeliten Maler und Bildhauer mit der Anfertigung von Bildern oder Statuen des göttlichen Kindes betrauten, bedeutete dies für sie nichts anderes, als ein bewußtes Aufnehmen ihrer ureigensten Tradition, was sicher wesentlich zu der charakteristischen Konzeption der Jesuskind-Darstellungen in den Niederlanden beitrug. Es waren zumeist Gruppendarstellungen der Hl. Familie und der Kindheitsgeheimnisse. Aber auch Bilder oder Holz- und Kupferstiche entstanden, die einen Heiligen des Karmels vor Maria mit dem Jesuskind kniend abbildeten, und gerade diese Darstellungen bewiesen, daß für den Maler das Jesuskind die Hauptperson war. So wird z. B. auf einem Bild Diepenbeekes die hl. Maria Magdalena de Pazzi in dem Augenblick gezeigt, wo sie von Maria das Jesuskind empfängt und dieses zärtlich in ihre Arme schließt. Darunter stehen folgende Worte in lateinischer, französischer und holländischer Sprache: Jesulum, in forma qua natus est, a Beatissima Virgine Maria recipit, et alloquitur.
Hieronymus Wierix zeigt uns eine Christus- und Muttergotteserscheinung des hl. Johannes vom Kreuz, die er durch eine, in keinem geschichtlichen Dokument bestätigten Einzelheit bereichert. Er zeigt nämlich das Jesuskind, das sich aus den Armen seiner heiligsten Mutter zu lösen scheint, um zu den Heiligen herabzusteigen. Dabei legt es liebevoll sein Händchen auf das Haupt des knienden Johannes und senkt seine halbgeschlossenen Augen in unendlicher Zärtlichkeit in die zu Ihm hinaufschauenden Augen des Karmelreformatoren. Eine derartige künstlerische Konzeption ist nur denkbar, wenn man annimmt, daß Wierix eine Kenntnis von der innigen Liebe des Heiligen zum göttlichen Kind besaß. Und wo anders, als bei den Karmeliten selbst, hätte er sich diese erwerben können?
Altarblätter mit Darstellungen des Jesuskindes
gab es in fast allen Karmelitenkirchen des
17. und 18. Jahrhunderts. Wir brauchen nur an
die Hl. Familie zu denken, die Abraham Janssens
für da Patres in Brüssel anfertigte oder an
die Werke der Maler Lukas Franchois, Van der
Mandel und der Schüler Poussins für Mecheln,
Gent und Mons. Nicht weniger charakteristisch
sind die Geheimnisse der Kindheit Jesu, die
Quellin der Jüngere für die Unbeschuhten Karmeliten
von Antwerpen malte. Es handelt sich um die
Anbetung der Engel, eine Anbetung der HI. Drei
Könige, die Beschneidung des Herrn und die Flucht
nach Ägypten. Noch heute kann man in der alten
Kirche des hl. Andreas ein Bild des Malers Van
Oost des Jüngeren" sehen, das die Karmeliten
von Lille bestellten, wo das Jesuskind inmitten
Marias und Josefs so dargestellt wird, daß das
Blickfeld von dem kleinen Erlöser der Welt beherrscht
zu sein scheint. Das Gleiche wiederholt sich
auf einem alten Gemälde in Gent, «Le Maitre
de la Religion carmelitaine» genannt, wo man
eine Reihe von Karmeliten in weißen Mänteln
sieht, die dem von Maria an der Hand geführten
Jesusknaben folgen". Obwohl der kleine Jesus
nicht im Zentrum des Bildes steht, so konzentriert
sich dennoch die Szene um seine lichterfüllte
Gestalt, die den inhaltlichen Mittelpunkt bildet.
Ohne Zweifel ist es die Absicht des Künstlers
gewesen, das göttliche Kind in seiner Kleinheit
und Demut als den Meister des innerlichen Lebens
des Karmeliten darzustellen. Ihm, diesem hl.
Kind, folgen die «Söhne der Jungfrau». Vor Ihm
neigten sie sich und bringen Ihm das Gebäude
ihrer Kirche und ihres Klosters dar. Nur aus
einer ganz tiefen, gläubigen Verehrung und Liebe
zur Kindheit Jesu konnte ein solches Gemälde
entstehen. Sollte es lediglich der Phantasie
des Künstlers entsprungen sein? Wir glauben
eher, daß seine Komposition der genauen Angabe
eines Karmeliten zu verdanken ist, dessen Name
uns die Geschichte verschweigt.
Nicht uninteressant ist es, daß auch in holzgeschnitzten Medaillons, wie an der Kommunionbank der Pfarrkirche von Aartselaar, die höchstwahrscheinlich aus der Karmelitenkirche von Antwerpen stammt, oder an den hölzernen Wandbekleidungen (Lambren) der Genter Kirche Christus als Kind wiedergegeben wird", was sicher ein Hinweis auf die dort bestehende Verehrung der Kindheit Jesu ist.
Aber nicht nur in Einzelbildern spiegelte sich das Geheimnis der Kindheit Jesu wieder. Eine ikonographische Analyse der Karmelitenkirchen in den Niederlanden hat zu dem Ergebnis geführt, daß dort in der Reihe ihres ikonographischen Programms durchaus nicht das Thema der Kindheit des Herrn fehlte, wie es in Brügge und in Lüttich der Fall gewesen ist". In der alten Kirche der Unbeschuhten Karmeliten zu Brügge konnte man, abgesehen vom Hauptaltarblatt, das zum Zeichen der Dankbarkeit während der Pest gestiftet wurde, also einem äußeren Anlaß zufolge in die Kirche gelangte, einen vollständigen Zyklus der Geheimnisse der Kindheit Jesu finden: Geburt, Anbetung der Engel, Anbetung der HI. Drei Könige, Beschneidung, Darbringung im Tempel, Flucht nach Ägypten, die Hl. Familie und den hl. Josef, der das auf einer Erdkugel stehende Jesuskind trug".
Die Karmeliten von Lüttich baten den Maler Walther Damery, für ihre Kirche einen vierbildrigen Zyklus zu malen, der ebenfalls die Kindheitsgeheimnisse zum Thema hatte: Geburt, Anbetung der HI. Drei Könige, Flucht nach Ägypten und der zwölfjährige Jesus im Tempel. Diese Gemälde, die heute in der Pfarrkirche des hl. Bartholomäus hängen, bildeten mit der HI. Familie des monumentalen Hochaltars ein harmonisches Ganzes.
Aus all diesem ergibt sich, daß die Karmeliten des 17. und 18. Jahrhunderts in den Niederlanden Wert darauf legten, daß neben elianischen und marianischen Zyklen auch das Thema der Kindheit Jesu in ihren Kirchen vertreten war. Und man darf wohl annehmen, daß sie es als zur typisch karmelitischen Spiritualität gehörend betrachteten und als solches verbreiten wollten.
Neben dem Kunstwerk fehlte nicht die schlichte Jesuleinstatue. Wohl ist es wahr, daß gerade in den Niederlanden das Prager Jesulein als das Jesuskind des Karmels verehrt wurde und dort seit Anfang des 18. Jahrhunderts Prager-Jesulein-Bruderschaften bestanden. Doch daneben gab es auch die eigene Jesuleinstatue, die aus dem Meißel des niederländischen Bildhauers geformt worden war.
Wie uns bereits bekannt ist, hatte Anna vom
hl. Bartholomäus bald nach ihrer Gründung
in Antwerpen einen dortigen Bildschnitzer beauftragt,
für ihr Heimatkloster, St. Josef in Avila, eine
Hl. Familie herzustellen. Während Maria und
Josef auch tatsächlich die Reise in das ferne
Spanien antraten und glücklich ans Ziel gelangten
- (noch heute zeigt man die Statue des hl. Josef
im gleichgenannten Karmelitinnenkloster zu Avila),
blieb das Jesulein auf Bitten einer kleinen
Laienschwester im Kapitelsaal von Antwerpen,
wo es seit 400 Jahren nicht aufgehört hat, zu
tanzen und zu lächeln. Im Kloster der Unbeschuhten
Karmelitinnen zu Brüssel thront noch heute dasselbe
Jesulein, das Anna von Jesus aus Spanien mitgebracht
hatte. Bald wurden von Ihm Kopien in freier
Nachbildung hergestellt. Die am besten erhaltene
dürfte wohl das Jesuskind vom Karmel in Löwen
sein. Es handelt sich um eine Statue aus bemaltem
Holz, 22,5 cm hoch, die auf einem 7 cm hohen
Sockel steht. Der Typus ist derselbe des kleinen
Königs von Brüssel. Wahrscheinlich stammt die
Statue aus dem 17. Jahrhundert, oder spätestens
aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts. Sie wurde
bei der Stiftung aus Kortrijk mitgebracht, wo
noch heute zwei kleinere «Brüderlein» desselben
Jesuskindes vorhanden sind, über deren Ursprung
man aber nichts sicheres weiß, da die Karmelchronik
in der Revolutionszeit verloren ging. Die Überlieferung
will jedoch, daß die erste dieser Statuen bereits
vor 350 Jahren von Doornik, von wo aus der Karmel
in Kortrijk gestiftet worden war, mitgebracht
wurde.
Die Geschichte des Löwener Jesulein ist an eine reizende Begebenheit gebunden. Als die unter Joseph II. vertriebenen Karmelitinnen 1840 nach Löwen zurückkehrten, wollten sie sich auf ihrer Reise den Segen des Kardinal-Erzbischofs von Mecheln erbitten. Als dieser die Nonnen fragte, ob sie wohl einen Stifter hätten, der für sie bürgen würde, mußten sie sich eingestehen, daß sie niemand hatten. Doch einer plötzlichen Eingebung folgend legte die Mutter Priorin ihre Hand auf die Statue des Jesulein, die sich im Reisegepäck befand, und gab mit ruhiger Sicherheit zur Antwort: «Eminenz, wir haben einen sehr guten Stifter». Und seine Eminenz zeigte sich damit vollauf befriedigt. Seither hat man im Karmel das Jesulein «Notre Petit Fondateur» genannt, und bei vielen Gelegenheiten konnten die Schwestern seinen besonderen Schutz spüren.
Im Karmel Doornik (Tournai-Kain) befindet sich eine Jesuleinstatue, die der Sorge des Noviziats anvertraut ist. Vor der Revolution wurde sie in großen Ehren gehalten. Hie und da liehen sie die Nonnen zu Profeßfeierlichkeiten einem großen Internat der Stadt, wie die Annalen erzählen. So führte der kleine König des Karmels den Vorsitz bei der Selbsthingabe vieler geistlicher Schwestern. Aus den gleichen Annalen geht hervor, daß gerade in Doornik seit Jahrhunderten eine lebendige Jesuleinverehrung herrschte. Wohl wird dort vorwiegend von der Andacht zum Prager Jesulein gesprochen. Aber es kommt auch die Rede auf ein Jesuskind, das zusammen mit einem Korb von frischen Äpfeln aus dem Klostergarten der Königin Maria Theresia geschenkt wurde, die sich damals, zur Zeit des Krieges unter Ludwig XIV., in Doornik aufhielt. War es ein Prager Jesulein oder eine andere Jesuleinstatue? Die Chroniken wissen es nicht zu sagen, und die Geschichte hat diesen unbedeutenden Zwischenfall vergessen. Eines ist aber sicher, daß in Doornik stets eine heilige Liebe zum Jesuskind bestanden hat. Eine Priorin ließ in allen «Ämtern» des Klosters kleine Jesuleinstatuen aufstellen und zu Weihnachten Wachsjesulein für alle anfertigen.
Von den übrigen Karmelitinnenklöstern sind uns
keine Einzelheiten überliefert. Doch dürfen
wir annehmen, daß es in ihnen nicht an einer
innigen Liebe zum Jesuskind gefehlt hat. Noch
weniger wissen wir über Karmeliten oder Karmelitinnen.
Von der letzten Novizin der ehrw. Anna vom hl.
Bartholomäus und mystisch begnadigten M. Maria
Margarete von den Engeln wird zwar berichtet,
daß sie als junge Schwester während ihres Noviziatsjahrs
ein Kleidchen für das Antwerpner Jesulein stickte.
Aber aus ihrem späteren Leben werden uns keine
Episoden überliefert, die auf eine besondere
Verehrung des göttlichen Kindes schließen lassen.
Erst am Anfang des 19. Jahrhunderts begegnen
wir in Gent einem Karmeliten, der von Gott zu
einem Apostel des Prager Jesulein vorbestimmt
worden war: P. Amatus von der hl. Familie.
Am 30. Mai 1704 war in der Kirche der Unbeschuhten Karmeliten in Gent die Bruderschaft vom Prager Jesulein eingeführt worden. Trotz rationalistischer Kritik und politischer Stürme hatte sich dort immer die Verehrung des göttlichen Kindes durchsetzen können. Zwar verlangte die Revolution 1796 die Aufhebung des Klosters. Doch schon 1802 kehrten die Patres zurück." Man darf sicher annehmen, daß P. Amatus im Genter Karmel eine besondere innere Beziehung zum Kindheitsmysterium gefunden hat. Die Chronik berichtet, daß er sowie seine Nachfolger kleine Bildchen des Jesulein verschenkten und wohl auch für seine Verehrung sorgten, denn allenthalben sprach man von Gnaden, die durch die Fürsprache des Prager Jesulein gewährt wurden.
Eines dieser Bilder sollte ausschlaggebend für die Gründung des Karmels in Brüssel werden. In der Chronik lesen wir, daß den Patres «der Gedanke kam, das liebe Jesuskind für die Gründung als Vermittler zu benützen. Es wurde also unser Bildchen an das ehrw. Provinzkapitel geschickt, das im Mai 1855 unter dem Vorsitz Seiner Exzellenz des apostolischen Nuntius Msgr. Genella, dem damaligen Oberen der Unbeschuhten Karmeliten in Belgien, in Gent versammelt war. Unser ehrw. General seligen Andenkens, P. Natalis von der hl. Anna, der in jener Zeit in unserem Land weilte, war auch beim Kapitel.
Tatsächlich erlebte gegen Ende des 19. Jahrhunderts der PragerJesulein-Kult in Belgien einen ungeheuren Aufschwung. In Brüssel fand das göttliche Kind eine eigene Kapelle mit einem schönen Altar, auf dem die hl. Messe gefeiert werden konnte. Die Karmelitinnen in Audenaerde zeichneten sich als erste für seine öffentliche Verehrung aus. Drei Jahre später, 1889, wurde der neugegründete Karmel in Luxemburg dem «wunderbaren, heiligen Jesuskind von Prag» geweiht. Gleichzeitig sorgten allerhand Publikationen für die Verbreitung und Förderung seiner Verehrung.
Es würde uns in unserem Zusammenhang zu weit
vom Thema wegführen, wenn wir die
weitere Geschichte des Prager Jesulein in den
Niederlanden verfolgen würden, bis zu seinem
letzten Heiligtum im Karmel von Beek. Wir möchten
nur darauf hinweisen, daß in einigen holländischen
Karmelklöstern auch die Verehrung des Jesulein
von Beaune bekannt war. Alles dies beweist uns,
daß der Karmel in den «nordischen» Ländern Europas
nicht weniger für den Kindheitsgedanken und
die Verehrung des Menschgewordenen in Kindesgestalt
aufgeschlossen war, als die Brüder und Schwestern
in den südlichen oder mitteleuropäischen Ländern.
Wer sich auch nur ein wenig mit der Geschichte der Orden der hl. Kirche beschäftigt hat, dem ist es sicher nicht entgangen, daß einem jeden Orden eine eigentümliche geistliche Färbung anhaftet, die überall dort sichtbar wird, wo seine Mitglieder längere Zeit gewirkt haben. Auch im Karmeliterorden läßt sich etwas aufzeigen, das ihn von anderen religiösen Gemeinschaften abhebt und ihm sein eigenes Gepräge verleiht. Dieses Unterschiedliche ist der Geist von Bethlehem. An diesem Geist erkennt man unter Tausenden von Ordenspersonen den Karmeliten, den «Bruder der allerseligsten Jungfrau vom Berg Karmel» und den treuen Verehrer ihres göttlichen Kindes.
Schon rein äußerlich gesehen versucht der Karmel ein wahres Bethlehem zu sein. Alles soll einfach und arm aussehen. «Dem neugeborenen Gotteskind ist ja die Vielheit irdischen luxuriösen Lebens gänzlich fremd», schreibt P. Paulinus a S. Ther. in den Analecta der bayr. Provinz (1953). «Primitiv könnte man diesen Anfang und Beginn der Erlösung nennen. Es war alles so einfach und unauffällig abgelaufen, daß es der lauten Welt unbekannt blieb. Die einfachen Personen im Stall, die das göttliche Kind umgeben, die schlichten Hirten, die zur Anbetung kamen, runden noch das Bild der Einfachheit beim Wunder von Bethlehem ab, das in seiner letzten Auswirkung wie die vielfachen Strahlen der Sonne sich in Gnade und Segen allerwärts über die ganze Erde ergoß.»
Diese Einfachheit kommt im Leben des Karmeliten zum Ausdruck. Seine kleine Zelle birgt nur drei bis vier Möbelstücke aus weichen Brettern, die ganz einfach zusammengefügt sind und niemals gestrichen werden. Ein glänzendes, gut poliertes Möbelstück würde durchaus nicht in eine Karmelzelle passen, wo alles vom Geist der Armut getragen ist! Bei der Geburt des Herrn in Bethlehem fehlte es nicht nur an Luxus, sondern «es war dort bittere, entbehrende Armut», fährt P. Paulinus fort. «Es fehlten selbst die Dinge, die zum menschenwürdigen Leben gehören. Und doch: welche Fülle großen, herrlichen Reichtums, der mit der Geburt des Gotteskindes über die Erde ausgeschüttet wurde!»
Der Karmelit fühlt diesen Reichtum, wenn er
sich in seiner kleinen Zelle der Betrachtung
des Gesetzes des Herrn hingibt. Aber er spürt
auch die Armut. Nichts schützt ihn vor Kälte
und Hitze, und sein oft von harter Arbeit ermüdeter
Körper kennt nur sehr wenige Stunden Ruhe auf
einem Strohsack, der ihn an das Stroh in der
Krippe von Bethlehem erinnert, das dem neugeborenen
Kind als erstes Lager diente. An der Zellenwand
hängt gewissermaßen als Symbol der Armut und
des Entsagens ein großes schwarzes Kreuz ohne
das Bild des Gekreuzigten, das sich scharf von
der weißgetünchten Mauer und dem übrigen Kolorit
der Zelle abhebt. «Dieses Kreuz hat seine geheimnisvolle
Bestimmung», lesen wir im «Skapulier» zu Weihnachten
1932. «Der Geist von Bethlehem - so kündet es
- muß in Nazareth, im trauten Verkehr mit dem
Heiland und seiner jungfräulichen Mutter, sich
zum Geist von Golgatha auswachsen. Dort wird
dann nicht mehr der Heiland gekreuzigt, sondern
der Karmelit selber nagelt sich geistigerweise
ans Kreuz. Darum ist der Platz darauf noch leer.
Wie traut und wohnlich macht Bethlehem solch
eine Klosterzelle! Nur wer Bethlehem nicht mehr
versteht, erschrickt vor ihrer Nüchternheit
und Armut!»
Und wie verwirklicht man im Karmel den Geist von Bethlehem? Indem man sich den einfachen, schlichten, demütigen, aber gottfrohen Sinn zu eigen macht, der von der kleinen hl. Theresia vom Kinde Jesu ausstrahlt. «Bei ihr können alle Ruhelosen und Gehetzten, alle Nervösen und Überarbeiteten Genesung finden, um dann in Ruhe an der Selbstheiligung zu arbeiten», betont ein Karmelitenpater (Skapulier, 1933). «Alles Fadsüße, alles Verzuckerte war dem Karmel jederzeit fremd und deshalb auch fremd sowohl der großen wie der kleinen hl. Theresia und einem hl. Johannes vom Kreuz, weil ganz und gar unvereinbar mit dem Geiste von Bethlehem. Dort wurde Opfersinn und Selbstverleugnung von allerhöchster Stelle gutgeheißen. Noch mehr: als Heilsbedingung aufgestellt. Da versagt alle Gefühlsduselei und muffige Frömmigkeit... Alle jene, die gewohnt sind, sich ihre Kost aus der Konditorei zu holen, müssen entweder umlernen, oder sie werden nie in den Geist des Karmels, der Bethlehems Geist ist, eindringen. Der göttliche Heiland selbst weiß auch mit solchen Seelen nichts anzufangen. Wie werden sie Ihm das Kreuz nachtragen?»
«Wie ist nun die Liebe, die Bethlehem uns
lehrt, die unsere hl. Mutter Theresia von
uns verlangt, geartet?» «Sie ist jene reine,
unbefangene Liebe, wie sie nur aus ganz gesunden
Seelen, aus bedingungslos edlem Gemüt kommt.
Jene Liebe, die nichts sucht und nichts begehrt,
als nützen zu können. Jene Liebe, die da mit
froher Zuversicht sich hinschenkt, wo sie mit
Anerkennung und Verständnis nicht rechnen darf.
Diese Liebe ist jenes aufrichtige Wohlwollen,
das nur aus vollständig gutem Herzen hervorquillt,
aus einem Herzen, das nicht schmerzlich zusammenzuckt,
das sich nicht krampfhaft schließt, weil aus
den Niederungen menschlichen Innenlebens rohe
Gemeinheit ihr Haupt erhoben hat. Jene Liebe
zeigt uns das göttliche Kind von Bethlehem.
Jene Liebe fordert Theresia von uns, die das
Gute im
Menschen freudig bejaht, jede Spur guten Willens
anerkennt und jedes noch so schwache
Flämmchen Eifer zu mächtigem Brande anzufachen
sucht.»
Der Karmel lebt in dieser Liebe, die ihm etwas
ganz Natürliches geworden ist, da er sie im
Umgang mit dem göttlichen Kind in Bethlehem
erlernt hat. Sie erfüllt ihn Tag und Nacht,
begleitet ihn auf allen seinen Wegen und leuchtet
aus einem jeden seiner Worte, die in die Welt
dringen. Besonders aber zur Weihnachtszeit,
wenn in seinem Herzen das Verlangen stärker
brennt, sich mit allen seinen Fähigkeiten in
das «geistige Bethlehem» zu versenken, will
er sein inneres Empfinden auch äußerlich durch
eigene Zeremonien kundtun. So entstand im Lauf
der Jahrhunderte ein reiches Brauchtum, in dem
karmelitische Liebe zum Jesuskind, oft kindlich
und naiv, ein freudiges Echo gefunden hat. Doch
darf man dabei nicht vergessen:
«Daß dieses fromme Tun allein von dem gefühlsmäßigen
Überschwang, den solch heilige Festtage mit
sich bringen, getragen ist, kann man bei der
tiefen religiösen Grundhaltung der Männer und
Frauen unseres Ordens nicht annehmen», bemerkt
P. Paulinus in den bereits erwähnten Analecta
(1952).
«Es muß vielmehr bei diesen Andachts- und Gebetsformen auch an einen inneren Zusammenhang vom Geist unseres Ordens mit dieser frommen Eigenart gedacht werden. Die Innigkeit und Beschaulichkeit des Jugendlebens Jesu in der Idylle des Hauses Nazareth oder schon gleich in der Krippe von Bethlehem, müssen doch wohl auch das in harter Gebetsübung gereifte Herz des wahren Karmeliten und der Karmelitin rühren und die Affekte reichlicher und wärmer werden lassen. Nach manch trockener Gebetsperiode, einer leeren, öden Sandwüste gleich, wird die geistige Beschäftigung mit dem Jesukind oder dem Jugendleben Jesu wie eine liebliche, friedliche Oase mit erfrischendem Wasser empfunden werden.»
«Das Haus Nazareth in seiner Stille, seiner Einsamkeit, seiner Arbeit, seiner Gottinnigkeit und Beschaulichkeit, mit dem steten Mittelpunkt des göttlichen Kindes kann doch wohl ein wirkliches Vorbild echt karmelitischen Lebens in seiner beschaulich-tätigen Weise geben und muß schon deshalb in seinem Mittelpunkt, dem Jesuskind, jedem wahren Karmeliten verehrungswürdig bleiben.»
«Und kommt der Karmelit mit der Verehrung des Jesuskindes nicht auch seiner Herrin und Patronin Maria besonders nahe? Im göttlichen Kind und seinen Schicksalen umweht ihn geradezu fühlbar und spürbar die Liebe und Fürsorge der himmlischen Mutter, und ihre weiche Mütterlichkeit gibt jeder Jesuskindverehrung eine eigene liebliche Note. Wer die Mutter liebt und verehrt, kann an ihrem göttlichen Kind nicht vorübergehen.»
So lebt er in inniger Beziehung zur Heiligen Familie. Aber in ihrer Mitte steht immer das göttliche Kindlein, das ihn unentwegt ans Kleinwerden, an die Demut und den Gehorsam ermahnt. Aus dieser inneren Haltung des Karmels ist es zu verstehen, daß die Andacht zum menschgewordenen Gott in Kindesgestalt ein Wesenselement seiner Spiritualität werden mußte. Ohne eine solche betonte Verehrung des Jesuskindes, würde dem Karmel ein Stück seines Herzens fehlen, und seine Botschaft hätte sich wohl kaum die Welt erobert, wenn sie nicht im letzten aus dieser schlichten Liebe zum menschgewordenen Gott erblüht wäre.
Mit seiner Aufforderung zur Andacht zum Jesuskind will der Karmel etwas von der Freude, von dem überströmenden und beseligendem Glück mitteilen, das jene kosten, die sein Kleid in irgendeiner Weise tragen. Das hl. Kindlein ist ihr unversiegbarer Born, aus dem erquickende Labung fließt, und seine göttliche Liebe ist die Quelle, die sich in ihre durstenden Herzen verströmen will. Sie kann aber nur dann als wirkliche Freude Gottes in das Innerste dringen, wenn sie im Leben des einzelnen zur Wahrheit wird. «Wenn ihr das wißt, dann seid ihr selig» (Joh. 13,17), darum «geht den Weg, den ich euch weise, dann geht's euch gut» (Jer. 7,23).
Der Karmel fordert daher zu einer engen Lebensverbundenheit mit dem menschgewordenen Gott auf. Aber er verbirgt es niemanden, daß das göttliche Kind nicht nur schenkt, sondern auch ein Joch aufbürdet. Zwar ist dieses Joch «süß» für den, der es mit Liebe trägt. Aber es bleibt doch immer ein Joch, das auf den Schultern liegt.
Der Rosenkranz besteht aus 15 Perlen, drei am
Anfang und dann zwölf.
Man betet dreimal: Und das Wort ist Fleisch
geworden und je ein Vaterunser.
Einmal: Und das Wort ist Fleisch geworden und
hat unter uns gewohnt.
Zwölfmal: Ave Maria -
Gegrüßt seist Du, Maria,
Einmal: Ehre sei dem Vater.
Die drei Vater Unser sind zu Ehren der drei
Personen der Hl. Familie.
Die zwölf Ave Maria sollen an die zwölf Jahre
der Kindheit Jesu erinnern.
Die sel. Karmelitin Margarete vom Allerheiligsten
Sakrament empfahl bei den zwölf Ave
Maria folgende Geheimnisse der Kindheit Jesu
zu betrachten:
Die Menschwerdung
Die neun Monate im Schoß der hl. Mutter
Die Geburt Christi
Die Anbetung der Engel und Hirten
Beschneidung des Herrn
Die Anbetung der Könige
Die Darstellung im Tempel
Die Flucht nach Ägypten
Seine Rückkehr aus Ägypten
Das verborgene Leben in Nazareth
Die Wallfahrten mit Maria und Josef
Sein Aufenthalt im Tempel mitten unter den Schriftgelehrten.
Liebes Jesuskind, wie früh, in wie jungen Jahren
hast Du schon so manche Mühe, manches
Kreuz erfahren. Kommt’s für uns in spätern Tagen,
o so lehre uns es tragen I: treu Dir nachzufolgen.
:I
So viel Himmelssegen hast Du gebracht der Erde;
O daß unser Herz erfaßt Von dem Heile werde,
Daß auch wir im frommen Lieben Unser Leben lang
uns üben I: und Dich nie betrüben.
:I
Öffne Deine Segenshand Auch für jene Kleinen
Die im fernen Heidenland So verlassen weinen.
Segen die Gebet’ und Spenden, Die wir gläubig
ihnen senden; I: Laß Dein Heil sie finden. :I
O Du süßes Jesuskind, höre unser Flehen! Laß die Kinder, die hier sind, in den Himmel gehen, daß sie mit den Engeln droben Dich und Deine Mutter loben, I: Jesus und Maria!:I
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König
der Gnade |
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Das Jesuskind |

Das Münchner Augustiner Kindl
in der Bürgersaalkirche
(hinter dem Grab des sel. P. Rupert Mayer)
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